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DAS Wunder WALD: TEIL 1 Bestandsaufnahme: Wie geht es dir, deutscher WALD?


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 13/2019 vom 22.03.2019

Seit Jahrzehnten wird er beobachtet, bewertet, behandelt. Dennoch sind die Experten uneins darüber, in welcher Verfassung die Forste sind. EineBESTANDSAUFNAHME


Waldtraut steht im Stadtwald von Freiburg, wächst jedes Jahr 30 bis 33 Zentimeter und erreicht inzwischen fast 67 Meter Höhe. Damit ist sie Deutschlands höchster Baum. Eine Douglasie. Ein Nadelbaum. Aber ausgerechnet kein heimischer, sondern ein Gast, dessen natürlicher Standort Nordamerika ist. Vor über 100 Jahren wurden bei uns erste Douglasien gepflanzt, da sie schneller wachsen als andere Baumarten, trockenresistenter und robuster sein ...

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... sollen.

Grün ist Leben – und Leben ist Wandel. Doch der passiert nicht unbedingt auf natürliche Art. „Die Forstwirtschaft hat im großen Stil Baumarten eingeführt, die den Weg zu uns allein nicht gefunden hätten“, sagt Peter Wohlleben, Deutschlands bekanntester Förster und Bestsellerautor („Das geheime Leben der Bäume“). „Fichten und Kiefern, ursprünglich aus Lappland und aus höheren Gebirgslagen, wachsen dort, wo von Natur aus Eichen- und Buchenmischwälder stehen müssten.“

Laien bemerken das oft nicht. Sie haben ein romantisiertes Bild vom Wald. Dieses Idyll. Diese Ruhe. Diese unverfälschte Natur. „Doch unberührt ist bei uns mittlerweile gar nichts mehr“, so Wohlleben. „Was wie Wald aussieht, ist meistens keiner. Wir haben vor allem Plantagen, in denen Reihe an Reihe Bäume eines Alters stehen. 60 bis 80 Jahre alt, gerade gewachsen, kaum Verästelungen, der schnellen Ernte dienlich.“ Folge: „Die Qualität des Waldes sinkt. Bäume werden zu Höchstleistungen genötigt. Das ist ungesundes Wachstum – und auch die Holzgüte leidet.“

ZU WENIG ALTE BÄUME

„Eine besorgniserregende Verarmung der Waldökosysteme“, melden auch Forscher von der Naturwald Akademie in Lübeck und Berlin. Ihre Analyse ergab: In Deutschland fehlen dicke, alte Bäume, in deren Höhlen seltene Tierarten wohnen können. Auf lediglich 4,5 Prozent der naturnahen Waldflächen wachsen Bäume, die älter als 140 Jahre sind. Und nur 0,2 Prozent dieser ökologisch wertvollen Waldgebiete stehen unter besonderem Schutz. Dr. Torsten Welle, Geograf und wissenschaftlicher Leiter der Naturwald Akademie, warnt:

DIE QUALITÄT


des Waldes sinkt. Bäume werden zu Höchstleistungen genötigt. Das ist ein ungesundes Wachstum – und auch die Holzgüte leidet.“
PETER WOHLLEBEN, Forstwirt und Bestsellerautor


MORGENLICHT Im Thüringer Wald dringen die ersten Sonnenstrahlen des Tages durch die alten Bäume


„Heimische Waldtypen befinden sich kurz vor dem Aussterben – und mit ihnen Flora und Fauna, die von diesen Waldgemeinschaften abhängig sind.“

Alljährlich begutachten Forscher des Thünen-Instituts Baumkronen im gesamten Bundesgebiet und bewerten Laub- und Nadelverluste. Zusätzlich erhebt die Bundeswaldinventur alle zehn Jahre weitere Daten, aus denen Waldfläche, Baumartenvielfalt, Altersaufbau der Wälder, Holzvorrat und Holznutzung berechnet werden. Eingeführt wurden diese Zustandserhebungen, nachdem Umweltschützer in den 1980er-Jahren als Folge des sauren Regens ein großes Waldsterben prophezeiten.

Die Katastrophe trat zum Glück nicht ein. Der Wald dehnte sich sogar aus. Es wächst zunehmend Holz nach. Pro Jahr werden laut Bundesministerium für Landwirtschaft rund 76 Millionen Kubikmeter Holz geerntet. Doch der Wald sei, wie Dr. Welle betont, „mehr als die Summe seiner Bäume“. Auch der Forscher nutzt die Daten des Thünen-Instituts und des Bundesamts für Naturschutz, bewertet sie aber anders. Sein Fazit: Viele Wälder seien artenarm, teils nicht naturgemäß bewirtschaftet.


76 Baumarten wachsen in deutschen Wäldern. Doch Experten warnen: Es gibt zu wenig alte Bäume, die das Ökosystem vor den Folgen des Klimawandels schützen können


IDYLL Sonnenuntergang am Elbsandsteingebirge. Fast 60 Prozent der Sächsischen Schweiz sind bewaldet


REKORD Mit fast 67 Metern Deutschlands höchster Baum: die Douglasie „Waldtraut“ in Freiburg


UNSERE GRÜNE LUNGE

Der Wald liefert Bau- und Brennholz, Papier und Biomasse für die Energiegewinnung. Er bietet Lebensräume für über 6700 Tier- und 4300 Pflanzenarten. Gewährt uns einen hohen Erholungswert. Speichert Wasser oberirdisch und unterirdisch. Filtert die Luft und produziert Sauerstoff, jährlich 25 bis 38 Millionen Tonnen.

Und er gilt zugleich als neuer Hoffnungsträger für die ganze Welt. Denn: „Der Wald kann die Folgen des Klimawandels deutlich abschwächen“, stellt Dr. Welle klar. „Er kühlt die Umgebung ab und wird zu einem wachsenden Speicher für das klimaschädliche Kohlendioxid.“ Rund 32 Millionen Tonnen CO2 nimmt er jedes Jahr auf.

Dass die veränderten klimatischen Bedingungen für den Wald ebenfalls Gefahren darstellen, hat das vergangene Jahr gezeigt. Stürme, Trockenheit, Brände, Schädlinge, die von heißen Sommern profitieren – das hat deutliche Spuren hinterlassen. Julia Klöckner, Bundesministerin für Landwirtschaft, erklärt: „Die Sturmschäden im Winterhalbjahr 2017/2018, im Sommer dann die lang anhaltende Dürre, zudem der Borkenkäferbefall – die Schäden in unseren Wäldern sind dramatisch.“ Der Verband der Waldeigentümer spricht sogar von einer „Jahrhundertkatastrophe“.

Doch es gibt auch andere Stimmen. „Erhebliche Schäden verzeichnen hauptsächlich künstliche Forste aus Fichten und Kiefern“, sagt Wohlleben. Das sei ungünstig bei Stürmen: „Fichten und Kiefern stehen oft auf geschädigten, mit Maschinen verdichteten, somit kaum durchwurzelbaren Böden, können sich also nicht richtig festhalten.“ Auch bei Dürre seien sie anfälliger: Der Borkenkäfer habe vor allem Fichten zugesetzt. „Das massenhafte Vorhandensein einer einzigen Baumart kann zur Massenvermehrung von Insekten führen, die an den Bäumen fressen.“ Bei intakten Laubmisch- und Naturwäldern sei das anders: „Einzelne Trockenjahre werden von ihren Arten relativ gut überwunden“, weiß Wohlleben. „Buchen etwa, die unter der Dürre richtig gelitten haben, merken sich das und drosseln grundsätzlich ihren Wasserverbrauch. Einfach sicherheitshalber.“ Bäume, die weniger Wasser verbrauchen, wachsen aber auch langsamer. Wohlleben prophezeit also: „Es wird in unseren Wäldern für die nächsten Jahrzehnte deutlich weniger Holz nachwachsen.“

Wie kann der Wald sich den vielfältigen Bedrohungen anpassen und gleichzeitig noch produktiver werden? „Die Lösung ist: viele Arten sollen natürlich nachwachsen dürfen“, schlägt Wissenschaftler Welle vor. „Generell müssen die verschiedenen Waldtypen mit den heimischen Baumarten bewachsen sein.“ Naturnahe, artenreiche Bestände seien stabiler und letztlich auch produktiver als naturferne Reinbestände. „Ein weiteres Ziel müssen mehr alte, dicke Bäume in den Wäldern sein“, so Welle. Der Wald solle kaum merken, dass ihm Holz entwendet werde. Also: „Man überlässt der Natur so viel wie möglich, damit der Wald stabil bleibt. Und entnimmt dann vorsichtig die Bäume, die man braucht.“

Mehr Wildnis! Das fordert auch die Bundesregierung. Eigentlich. So schrieb sie bereits vor über zehn Jahren in der „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ fest, dass bis 2020 fünf Prozent der Wälder Deutschlands sich selbst überlassen sein sollten, also frei von jeglicher Nutzung.

Keine Prognose über die grüne Zukunft, aber ein klares Statement gibt Wohlleben ab: „Der Wald braucht unsere Hilfe, weil wir den Wald brauchen.“

HALT Im Hümmeler Forst in der Eifel greift eine Buche mit ihren mächtigen Wurzeln ins Erdreich


NATIONALPARK Wild, natürlich und artenreich ist der Bayerische Wald an der Kleinen Ohe unterhalb des Lusen


JULIA KLÖCKNER,
Landwirtschaftsministerin


DIE STÜRME im Winter 2017/2018, im Sommer dann die lang anhaltende Dürre, zudem der Borkenkäferbefall – die Schäden in unseren Wäldern sind dramatisch.“

Mehr zum Thema In der aktuellen Ausgabe vonHÖRZU WISSEN lesen Sie mehr über den Waldzustand. Außerdem: „So leben wir in 100 Jahren“.Jetzt am Kiosk!