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Das Zentrum


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Clausewitz Spezial - epaper ⋅ Ausgabe 38/2022 vom 01.08.2022

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Bildquelle: Clausewitz Spezial, Ausgabe 38/2022

GROSSER BAHNHOF: Die Wolfsschanze war das mit Abstand bedeutendste FHQ ? und noch weitaus mehr als eine Kommandozentrale. Das Bild entstand im August 1941, kurz vor einem Besuch Mussolinis

Die Fanfaren, die den Sieg über Frankreich verkündeten, waren kaum verklungen, als Hitler bereits das nächste Ziel ins Auge fasste: die Sowjetunion. Damit aber rückte auch die Frage eines Hauptquartiers für den „Führer“ auf die Agenda. Während der Diktator den Polenfeldzug noch mit seinem Führersonderzug „Amerika“ begleitet hatte, legte die Organisation Todt (OT) im Rahmen des Westfeldzugs erstmals ortsfeste Hauptquartiere in der Eifel an, aus denen Hitler die Operationen leiten und verfolgen konnte. Dieses Vorgehen war nun auch für den Feldzug im Osten vorgesehen, der für Hitler schließlich den gesamten Sinn des Krieges ausmachte: Die Realisierung seiner Träume vom „Lebensraum im Osten“ wollte er folglich in Frontnähe beobachten können.

Am 14. November 1940 – der Besuch des sowjetischen Außenministers Wjatscheslaw Molotow in Berlin war soeben beendet – erteilte Adolf Hitler den ...

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... Befehl, geeignete Plätze für insgesamt drei Hauptquartiere zu suchen. Die künftige Ostfront sollte nämlich von der Memel bis nach Bessarabien reichen, was die Planer unbedingt berücksichtigen mussten.

Die Suche nach geeigneten Plätzen übernahmen in der Folge drei Männer: Fritz Todt, der Reichsminister für Bewaffnung und Munition, sowie Chef der OT Rudolf Schmundt, Chefadjutant der Wehrmacht bei Hitler, und Gerhard Engel, Adjutant des Heeres beim Diktator. Ihnen zur Seite standen Bau-Sachverständige und weitere Stabsangehörige. Sie alle sprachen sich rasch für einen Ort auf dem Reichsgebiet aus: Das kommende Füh- rerhauptquartier für den Ostfeldzug sollte acht Kilometer östlich vom ostpreußischen Ort Rastenburg entstehen. Neben der landschaftlichen Schönheit – ausgedehnte Kiefernwälder wechselten sich mit zahlreichen Seen und Wiesen ab – sprach auch die Bahnverbindung Rastenburg-Angerburg für diese Lokalität. Die ausgedehnten Wälder sorgten zudem für einen Schutz gegen Luftangriffe, entzogen sich die geplanten Bauwerke doch auf diese Weise dem Blick aus der Luft. Die sumpfige Landschaft Masurens musste zudem feindliche Angriffe auf den Standort erschweren. Als Ausweichquartiere bestimmten Todt, Schmundt und Engel Tomaszow im Warthegau (Anlage Mitte) und Krosno in Galizien (Anlage Süd), beides Orte auf dem ehemaligen Staatsgebiet Polens. Diese wollte man indes lediglich als Provisorien errichten, während der Schwerpunkt eindeutig auf der Anlage Nord (Rastenburg) lag.

„Bombensichere Anlage”

Aufgrund des positiven Berichts seiner Auswahlkommission erteilte Hitler am 19. Dezember 1940 den Befehl, nahe Rastenburg sein Hauptquartier zu errichten, wobei die Arbeiten bereits bis April 1941 abgeschlossen sein sollten. Um die höchste Geheimhaltung zu gewährleisten, liefen die Bauarbeiten unter dem Decknahmen „Askania Nord“, da die Chemischen Werke Askania, eine bestens in die deutsche Kriegswirtschaft integrierte Firma, hier offiziell eine „bombensichere Rüstungsanlage“ errichteten. Die Bauleitung des Projekts übernahm mit Bau-Assessor Friedrich Classen ein erfahrenes OT-Mitglied, das bereits mit dem Bau der Führerhauptquartiere im Westen seine Eignung unter Beweis gestellt hatte.

Der ehrgeizige Zeitplan war indes nur einzuhalten, wenn die Arbeiter auch nachts ranklotzten. Die OT stellte zu diesem Zweck leistungsstarke Scheinwerfer bereit. Die gute Infrastruktur sorgte zudem dafür, dass Baugeräte und -materialien zeitnah vor Ort eintrafen und Verzögerungen ausblieben. Neben der Bahnlinie gab es auch eine Straße, über die man die „Wolfsschanze“ aufsuchen konnte. Etwa fünf Kilometer südlich der Anlage befand sich zudem ein Feldflugplatz bei Wilhelmsdorf, auf dem am 20. Juli 1944 auch der Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg landete.

Auf der Baustelle durften ausschließlich Reichsdeutsche arbeiten. Zu groß war die Gefahr, dass ausländische Beschäftigte die Existenz der hochgeheimen Anlage an gegnerische Geheimdienste verrieten. Die OT konnte Bunker und Baracken im Sommer 1941 fertigstellen, doch baute sie diese bis November 1944 kontinuierlich aus. Bis zuletzt arbeiteten mehr als 2000 Menschen an neuen Unterkünfte. Auf dem Höhepunkt der Bautätigkeiten, Anfang 1941, waren bis zu 4.600 Arbeiter auf der Baustelle beschäftigt. Die Baukosten betrugen bis 1941 mehr als 36 Millionen Reichsmark, die Kosten für den weiteren Ausbau sind indes nicht mehr feststellbar.

Das OKH wird ausgelagert

Das Führerhauptquartier „Askania Nord“, das später den Namen Wolfsschanze erhielt, bestand indes nicht allein aus dem Areal, das die OT nahe Rastenburg ausbaute. Während dieses für Hitler selbst sowie das Oberkommando der Wehrmacht und den Wehrmacht-Führungsstab gedacht war, richtete die OT für das Oberkommando des Heeres, das schließlich die Hauptlast des Russlandfeldzugs tragen musste, eine eigene Bunkeranlage im Steinorter Forst an. Die auf den Namen „Mauerwald“ getaufte Anlage war etwa 18 Kilometer von der Wolfsschanze entfernt und mit dieser durch eine Bahnstrecke verbunden, die für den Zivilverkehr gesperrt war. Der Chef des Generalstabes des Feldheeres pendelte im Verlauf des Feldzugs täglich zwischen beiden Standorten, um in der Wolfsschanze an der militärischen Lagebesprechung teilzunehmen. Die Bunkeranlage Mauerwald war unterteilt in das Lager „Fritz“, das die operativen Dienststellen des Generalstabs des Heeres umfasste, und das Lager „Quelle“, das den Generalquartiermeister mit seinen Verwaltungs- und Logistikdienststellen beherbergte. Etwa 1500 Stabsangehörige führten von hier aus den Feldzug gegen die Sowjetunion.

Gute Geheimhaltung

Neben der Wolfsschanze und Mauerwald waren noch andere Dienststellen in einem Umkreis von bis zu 70 Kilometer um Hitlers Machtzentrale untergebracht, um das Führerhauptquartier zu komplettieren. Etwa 20 Kilometer nordöstlich der Wolfsschanze befand sich das Hauptquartier des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, dem dieser den Namen „Hochwald“ gab. Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop schlug seine Befehlsstelle im Schloss Steinort am Mauersee auf und entsandte Walter Hewel als seinen Verbindungsmann zu Hitler, während der Chef der Reichskanzlei, Hans Heinrich Lammers, seinen Sitz in Rosengarten hatte. Allein die Luftwaffe und ihr Chef Hermann Göring wollten sich räumlich nicht vollkommen binden: Während der Führungsstab der Luftwaffe in Niedersee und Goldap sein Quartier bezog, reiste Göring in der Regel mit seinem mobilen Hauptquartier, dem Sonderzug „Robinson“. Das Oberkommando der Marine verblieb hingegen bis 1943 in Berlin, ehe es seine Befehlsstelle nach Bernau nordöstlich der Reichshauptstadt verlegte. Allerdings entsandte es einen ständigen Vertreter ins Führerhauptquartier.

Die Geheimhaltung funktionierte in den ersten Jahren hervorragend. Obwohl die Flugzeuge der sowjetischen Fluglinie „Aeroflot“ bis zum Beginn des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion direkt über die Wolfsschanze nach Berlin flogen, blieb dem sowjetischen Geheimdienst der Zweck der Bauarbeiten unbekannt. Deutscherseits gab man sich größte Mühe, die Anlage zu tarnen. So hatte man so wenig Bäume wie möglich gerodet, während die Arbeiter die wenigen Baumlücken durch künstliche Bäume, Tarnnetze und -anstriche schlossen. Regelmäßig fertigten deutsche Flugzeuge Luftbilder vom Areal an, um die Tarnmaßnahmen zu überprüfen. Dennoch war den Alliierten spätestens 1944 der Standort des Führerhauptquartiers klar. Zudem gab es ein amerikanisches Geheimdienstdossier, das alle notwendigen Informationen über die Wolfsschanze enthielt. Trotzdem wurde diese bis zum Kriegsende nicht ein einziges Mal von feindlichen Fliegern angegriffen.

„Das Führerhauptquartier war eine Mischung zwischen einem Kloster und einem Konzentrationslager.“

Aussage von Generaloberst Alfred Jodl vor dem Nürnberger Militärgerichtshof zum Charakter der Wolfsschanze

Insgesamt erstreckte sich das Führerhauptquartier auf einer über 800 Hektar großen Fläche, wobei der Kernbereich mit Bunkeranlagen und Baracken etwa 250 Hektar maß. Auf die Wolfsschanze entfielen dabei 40 Hektar, auf die OKH-Anlage Mauerwald etwa 80. Lediglich 5400 Quadratmeter (= 0,54 Hektar) waren verbunkert, die restlichen Gebäude waren lediglich Holzbaracken, die zum Teil mit Backsteinwänden verstärkt waren. Dennoch wirkt heute vor allem das Bild der gigantischen Bunkeranlagen nach, die in den ostpreußischen Wäldern aufragten. Tatsächlich verbaute die OT mehr als 173.000 Kubikmeter Beton, wovon der Löwenanteil, nämlich 69 Prozent, auf Hitlers Anlage fiel.

Permanente Bauarbeiten

Am 22. Juni 1941, einen Tag nach Beginn des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion, traf das „Führer-Begleit-Bataillon“ in Ostpreußen ein. Hitler selbst folgte mit seinem engeren Gefolge am 24. Juni. Bis 1944 beherbergte die Wolfsschanze phasenweise mehr als 20 Generäle, 160 Offiziere, 1.200 Unteroffiziere und 6.300 Mannschaften. Trotzdem baute man die Wolfsschanze bis Ende 1944 kontinuierlich weiter aus. Der Historiker Peter Hoffmann teilt die einzelnen Bauarbeiten in drei Phasen ein: Während in der ersten Phase (1940/41) nur die notwendigsten Baracken und Bunker errichtet wurden, folgten in der zweiten Phase (1942/43) weitere Holzhäuser, um dringend benötigten Büroraum zu schaffen. Da Hitler beständig um seine Sicherheit besorgt war und wiederholt mit feindlichen Fallschirmjägern oder alliierten Luftangriffen rechnete, verstärkte die OT in der letzten Bauphase (1944) einige der bestehenden Bunker erheblich und überwölbte diese mit Betonkuppeln, während einige weitere Bunkeranlagen neu hinzukamen. Der letzte Bauabschnitt sollte auch Auswirkungen auf Stauffenbergs Attentatsversuch haben.

Das gesamte Hauptquartier war durch spartanische Einfachheit charakterisiert, da Hitler Wert darauf legte, nicht wesentlich luxuriöser als die Soldaten an der Front zu leben. Eingeteilt war die „Wolfsschanze“ in zwei Sperrkreise. Sperrkreis I lag im Inneren des Sperrkreises II. Letzterer war mit einem 50 Meter breiten Minengürtel umgeben, um das Führerhauptquartier gegen Bodenangriffe zu sichern. Für den Schutz gegen Luftangriffe war das Flakregiment 604 zuständig, während das Führer-Begleit-Bataillon (später aufgewertet zunächst zum Regiment und dann zu einer Brigade) den Schutz des Diktators rerspektive der Anlage am Boden übernahm. 1944 bestand der Verband schließlich aus mehr als 1.500 Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften. Die Schlafbunker für die hochrangigsten NS-Granden (Hitler, Göring sowie Parteisekretär Martin Bormann) lagen in Sperrkreis I. Sie wurden elektrisch beheizt, waren durch die Ausbaumaßnahmen des Jahres 1944 bombensicher und ließen sich auch bei Giftgasangriffen abriegeln. Die Ventilatoren machten indes derart starken Lärm, das viele der Bunkerinsassen – beispielsweise Hitlers Sekretärinnen – es vorzogen, in Baracken zu nächtigen.

„Die ganze Nacht läuft der Ventilator und umspielt dauernd den Kopf, sodass mir jedes einzelne Haar wehtat“, schrieb Hitlers Sekretärin Christa Schröder an eine Freundin. Im Sperrkreis II richtete sich hingegen der Wehrmacht-Führungsstab ein. 1943 entstand auf Anordnung Hitlers innerhalb des Sperrkreises I nochmals ein separater Sperrkreis („A“), um die Sicherheit zu erhöhen. 

Tee und endlose Monologe

Über die Kriegslage wurde Hitler mehrmals täglich unterrichtet: Vor dem Frühstück bekam er einen kurzen Lagebericht im Kartenraum. In der sogenannten Mittagslage um 13:00 Uhr war der Chef des Generalstabs des Feldheeres (Franz Halder, Kurt Zeitzler) oder sein Vertreter (am 20. Juli 1944 beispielsweise Adolf Heusinger) sowie der Chef des Wehrmacht-Führungsstabes Alfred Jodl anwesend. Sie dauerte oft mehrere Stunden. Anschließend folgte das Mittagessen, das Hitler im Kasinobunker zusammen mit seinen militärischen Mitarbeitern einnahm. In der Abendlage besprach sich der Diktator allein mit dem Wehrmacht-Führungsstab. In der Zwischenzeit ging Hitler im Wald spazieren, empfing hochrangige Gäste oder trank mit seinen Sekretärinnen Tee. Gegen 19:00 Uhr versammelte der Diktator seine Entourage zum Abendessen um sich, wobei dieses zumeist in stundenlange Monologe des „Führers“ ausartete. Folglich ging Hitler in der Regel erst weit nach Mitternacht zu Bett und schlief dementsprechend am nächsten Tag lange.

Ungeachtet der landschaftlichen Schönheit, der Stille und der Abgeschiedenheit wurden alle Mitglieder des Führerhauptquartiers im Sommer von einer großen Mückenplage belästigt. Chemische Abwehrmittel nutzten wenig, sodass vor allem die Wachposten mit einem Mückenschleier ihre Aufgaben verrichten mussten. Auch Hitler war verärgert und warf seinem Stab vor, das sumpfigste, mückenreichste und klimatisch ungünstigste Gebiet für sein Hauptquartier ausgesucht zu haben. Dennoch hielt sich der „Führer“ an keinem Ort während des Zweiten Weltkriegs länger auf als in der Wolfsschanze – insgesamt 786 Tage, wie der Autor des gewaltigen Hitler-Itinerars Harald Sandner ausgerechnet hat.

Hitler teilt Russland auf

Angesichts des langen Aufenthalts wundert es nicht, dass Hitler in der Wolfsschanze einige weitreichende militärische und politische Entscheidungen traf oder dass er etliche Besuche von befreundeten ausländischen Staatschefs und Politikern empfing. Bereits am 16. Juli 1941, der Überfall auf die Sowjetunion war gerade drei Wochen her, traf sich der Diktator mit Göring, dem Chef des OKW Wilhelm Keitel, dem NS-Chefideologen Alfred Rosenberg, Lammers und Bormann, um die künftige Aufteilung der UdSSR zu besprechen. Hitler betonte, es gehe in erster Linie darum, „den riesenhaften Kuchen handgerecht zu zerlegen, damit wir ihn erstens beherrschen, zweitens verwalten und drittens ausbeuten“ können. In der Folge entstand das „Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete“, das die beschlossene Agenda in die Tat umsetzen sollte.

HINTERGRUND

Der Führersonderzug „Amerika“

Hitler verbrachte nur ein Drittel der Zeit zwischen 1933 und 1945 in Berlin, die anderen zwei Drittel verbrachte er auf Reisen. Zu diesem Zweck konnte der „Führer“ auf seine „Führersonderzüge“ zurückgreifen, die Hitler selbst scherzhaft „Hotel rasender Reichskanzler“ nannte. Ab 1937 setzte sich der Führersonderzug „Amerika“ aus zehn bis zwölf Waggons zusammen und war im Anhalter Bahnhof abgestellt.

„In der Regel bestand der Sonderzug aus zwei Lokomotiven, meist Dampfloks der Baureihe BR S05, im Krieg stets zwei Flakwagen, einem Gepäckwagen, einem Technikwagen und einem Wagen für das Begleitkommando“, zählt der Journalist Sven Felix Kellerhoff auf. „Hinzu kamen natürlich die eigentlich für die Reichsspitze vorgeseAdolf henen Waggons: Hitlers Wohnwagen, der Salonwagen, ein weiterer Speisewagen mit Küche, der Befehlswagen mit Lagetisch, ein Wagen für die Wehrmachtsspitze, meist Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel samt Adjutanten, und ein Wagen für die Sekretärinnen.

Hinzu kamen je nach Bedarf noch Schlafwagen erster Klasse.“ Hitlers Zug diente während des Angriffs auf Polen im September 1939 als Führerhauptquartier, da noch keine ortsfeste Anlage existierte und der „Führer“ auf diese Weise nicht örtlich gebunden war.

Auch während des Balkanfeldzugs verfolgte Hitler die Operationen in seinem Zug. In den Jahren 1941 bis 1945 reiste der Diktator mit dem Zug von einem ortsfesten Hauptquartier zum nächsten oder traf sich auf halber Strecke mit verbündeten Politikern, beispielsweise mit Benito Mussolini. Schon 1940 hatte er auf diese Weise eine Reise an die spanisch-französische Grenze unternommen, um den spanischen Diktator Francisco Franco zum Kriegseintritt zu bewegen. Nach dem Krieg wurden etliche Sonderwaggons des „Führers“ nicht zerstört, sondern zunächst von der britischen Armee benutzt, ehe sie den Weg zurück in deutsche Bestände fanden und sogar noch Bundeskanzler Willy Brandt bei seinen Reisen dienten.

Göring bläst zur Jagd

Einer der Gäste, die Hitler mehrfach in seinem neuen Führerhauptquartier empfing, war Achsenpartner Benito Mussolini, der bereits am 25. August 1941 in Ostpreußen eintraf. In den meisten Fällen lag ein militärisches oder politisches Ereignis diesen Besuchen zugrunde, so auch hier: Hitler und der italienische „Duce“ wollten sich abstimmen, wie sie auf den britisch-amerikanischen Schulterschluss im Rahmen der „Atlantik-Charta“ reagieren sollten. Mussolini besuchte noch das OKH in Mauerwald und ging anschließend in der Rominter Heide mit Göring jagen. Diese hatte bereits den Hohenzollern-Herrschern als Jagdgebiet gedient.

Dem italienischen folgten alsbald andere Diktatoren. Ungarns Reichsverweser Miklos Horthy und der slowakische Staatschef Jozef Tiso wurden von Hitler umgarnt, da der „Führer“ hoffte, beide Länder zu einem größeren Engagement an der Ostfront zu bewegen. Als ersten ausländischen Gast überhaupt begrüßte Hitler Mitte Juli 1941 den japanischen Botschafter Oshima Hiroshi, dem er einen gemeinsamen „Vernichtungskrieg“ gegen die Sowjetunion vorschlug.

Während an der Ostfront der erste Schnee fiel und die militärischen Erfolge der Wehrmacht spärlicher wurden, verkündete Reichspressechef Otto Dietrich in Absprache mit Hitler am 9. Oktober 1941 in der Wolfsschanze, die „Entscheidung im Ostfeldzug“ sei praktisch gefallen. Dementsprechend liefen auch die Zukunftsplanungen auf Hochtouren. Zwei Wochen später traf sich Himmler mit Reinhard Heydrich, dem Chef des SS-Sicherheitsdienstes, in der Wolfsschanze, um auch die „Judenfrage“ zu besprechen. Göring hatte Heydrich bereits im Sommer 1941 den Auftrag erteilt, diese „endgültig“ zu lösen. Eine Folge dieser Absprachen war die sogenannte Wannseekonferenz im Januar 1942, deren Teilnehmer unter Vorsitz Heydrichs den Völkermord an den Juden planten und beschlossen.

Die militärischen Rückschläge des Winters hinterließen auch Spuren innerhalb der obersten militärischen Führung. Hitler entließ am 19. Dezember 1941 den Oberbefehlshaber des Heeres Walther von Brauchitsch und übernahm nun selbst den Oberbefehl. Für den Sommer 1942 plante er eine neue Offensive, die den Weg nach Stalingrad und zu den Ölquellen des Kaukasus’ ebnen sollte.

Um näher an der maßgeblichen Front zu sein, verlegte Hitler sein Hauptquartier in den ukrainischen Ort Winniza, kehrte aber schon am 31. Oktober 1942 in die Wolfsschanze zurück, da sich die militärische Lage nicht so wie erhofft entwickelte. Nachdem die Sowjets die deutsche 6. Armee in Stalingrad eingekesselt hatten, besuchte der italienische Außenminister Galeazzo Ciano das Führerhauptquartier, um Hitler von einem Waffenstillstand zu überzeugen. Schließlich standen die italienischen Truppen an der Ostfront kurz vor dem Zusammenbruch. Der deutsche Diktator lehnte indes jede Verhandlungslösung ab, auch gegenüber dem rumänischen Conducător Ion Antonescu, der kurz darauf in der Wolfsschanze eintraf und das Hauptquartier insgesamt sieben Mal besuchte.

Hitler schart Generäle um sich

Im März 1943 unternahm Hitler eine Reise ins Hauptquartier der Heeresgruppe Süd, um den Soldaten neuen Kampfesmut zuzusprechen und eine neue Offensive ins Auge zu fassen. Sämtliche Oberbefehlshaber der Ostfront wurden daraufhin am 1. Juli 1943 in die Wolfsschanze bestellt, wobei Hitler den Generalen eröffnete, dass das Unternehmen „Zitadelle“, der Angriff auf den Frontbogen bei Kursk, nun zu beginnen habe: „Der Schlag muß die letzte Schlacht für den Sieg der deutschen Waffen sein.“ Doch die Offensive endete mit einer Niederlage, die Initiative ging endgültig an die Rote Armee über. Auch an den anderen Fronten bröckelte der deutsche Machtbereich.

Als die Alliierten auf Sizilien landeten, wurde Mussolini gestürzt und festgesetzt, kurze Zeit später jedoch von einem deutschen Kommandounternehmen befreit. Der Coup beunruhigte auch die für die Sicherheit zuständigen Personen im Führerhauptquartier. Noch einmal verschärfte man die Abwehrmaßnahmen gegen feindliche Kommandos massiv.

Angesichts der sich dramatisch verschlechternden militärischen Lage sah sich Hitler im Januar 1944 noch einmal dazu genötigt, alle Oberbefehlshaber der Ostfront in die Wolfsschanze zu bestellen, um ein Treuebekenntnis einzufordern. Zudem verlangte er von seiner Generalität, dass diese das Heer weitaus stärker nationalsozialistisch erziehen müsse. Im Anschluss an das Treffen begannen die umfangreichen Bauarbeiten in der Wolfsschanze, welche die vorhandenen Bunker noch sicherer gegen Bombardements aus der Luft machen sollten. Hitler schlug sein Hauptquartier daher in den folgenden Monaten auf dem Berghof auf. Erst am 15. Juli 1944, die Bauarbeiten waren noch im vollen Gange, kehrte der Diktator nach Ostpreußen zurück und nächtigte zunächst im Gästebunker. Fünf Tage später verübte Stauffenberg während einer Lagebesprechung ein Attentat auf den „Führer“, das Hitler aber nahezu unverletzt überlebte. Noch am gleichen Tag war er in der Lage, Benito Mussolini in der Wolfsschanze zu empfangen und ihm die zerstörte Lagebaracke vorzuführen. Einen Tag später reisten auch etliche Reichsminister an, um Hitler zum Überleben zu gratulieren.

Plüschtiere und Handgranaten

Während die Städte des Deutschen Reichs in Schutt und Asche zerbombt wurden, blieb die Wolfsschanze unbehelligt von alliierten Fliegern. Doch die Ostfront näherte sich unaufhaltsam. Am 20. November 1944 verließ Hitler sein Führerhauptquartier für immer und fuhr nach Berlin, wo er – mit Ausnahme eines kurzen Aufenthaltes im Führerhauptquartier „Adlerhorst“ an der Westfront – im Bunker der Reichskanzlei auf das Ende wartete. Schon einen Monat zuvor hatte Himmler sein Hauptquartier „Hochwald“ aufgegeben, während Görings „Reichsjägerhof“ ein Opfer der Flammen wurde.

Die Rote Armee vor Rastenburg

Zwei Tage nach Hitlers Abreise nach Berlin begannen die Verantwortlichen in der Wolfsschanze damit, das Unternehmen „Inselsprung“ vorzubereiten, die planmäßige Sprengung der Bunker. Zunächst jedoch wollte man das Hauptquartier noch betriebsbereit halten. Erst am 23. Januar 1945 jagte man die Bunker hoch, was aber nur teilweise gelang, da deren Bauweise zu massiv war. Vier Tage später erreichten Einheiten der Roten Armee Rastenburg und die zerstörten Anlagen der Wolfsschanze. Weitgehend intakt blieben indes die Bunkeranlagen der OKH-Zentrale Mauerwald, da man diese nicht gesprengt hatte.

„Die Räume waren recht klein. Man fühlte sich in ihnen immer irgendwie beengt. Die feuchten Ausstrahlungen der Betonmassen, das dauernde künstliche Licht und das ständige Sausen der Belüftungsanlagen erhöhten die Unwirklichkeit dieses Milieus, in dem ein bleicher und aufgedunsener werdender Hitler seine ausländischen Besucher empfing. Das Ganze wirkte wie der Schlupfwinkel eines sagenhaften, bösen Geistes.“

Hitlers Chefdolmetscher Paul Schmidt über die düstere Atmosphäre der Bunkerwelt in der Wolfsschanze.

Fragwürdiger Umgang

Seit den 1960er-Jahren wird das ehemalige Führerhauptquartier von Polen touristisch aufbereitet, Mauerwald folgte im Jahr 2003. Seit 1992 erinnert eine Bronzetafel auf Deutsch und Polnisch an das missglückte Attentat Stauffenbergs. Jährlich kommen mehrere Zehntausend Besucher nach Ostpreußen, um auf den Spuren des Diktators zu wandeln. Würdige Erinnerungspolitik (wie die Bronzetafel für Stauffenberg) wechselt sich dabei aber mit äußerst skurrilen Begebenheiten. So erinnern in einer Baracke einige fragwürdige Ausstellungsstücke an den Warschauer Aufstand, den die Deutschen brutal niederschlugen. Für Polen hat dieses Ereignis sicherlich eine große erinnerungspolitische Bedeutung. Mit der Wolfsschanze jedoch hat es nichts direkt zu tun. Noch unpassender ist indes ein Souvenirshop, in dem Besucher nicht nur Bücher und Reiseführer zum Thema erwerben können, sondern auch Plüschtiere, Militaria-Gegenstände, Handgranaten-Imitate oder Spielzeugpanzer.

Obwohl der Ort (aus deutscher Sicht) im wahrsten Sinne des Wortes eine entscheidende Bedeutung während des Zweiten Weltkriegs besaß, steckt die erinnerungspolitische Aufbereitung somit noch in den Kinderschuhen.