Lesezeit ca. 16 Min.
arrow_back

DAS ZEUGNIS EINER STRASSE


Logo von National Geographic Deutschland
National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 23.09.2022
Artikelbild für den Artikel "DAS ZEUGNIS EINER STRASSE" aus der Ausgabe 10/2022 von National Geographic Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: National Geographic Deutschland, Ausgabe 10/2022

In Sangi Sar in der Provinz Kandahar, wo Mullah Mohammad Omar in den Neunzigern die Taliban-Bewegung gründete, sitzen Männer mit Turban mittags im Schatten. Treue Anhänger kommen aus dem ganzen Land hierher, um in der Moschee zu beten, die Maulawi Hayatullah (2. v. r.) heute leitet.

ENDLICH HABEN WIR DAS MORGENDLICHE Verkehrschaos in Kabul hinter uns gelassen. Die Karten-App auf meinem Handy schätzt, dass wir für die 500 Kilometer nach Kandahar auf dem National Highway 1, der teuersten und wichtigsten Straße in Afghanistan, neun Stunden brauchen werden. Die Vereinigten Staaten pumpten Hunderte Millionen US-Dollar in diese Asphaltpiste, die Teil der 2200 Kilometer langen Ring Road ist. Sie soll das Reisen beschleunigen und den Handel zwischen der Hauptstadt und der zweitgrößten Stadt des Landes ankurbeln. Doch entgegen der Schätzung der Handy-App wäre es wohl töricht, einen Tisch fürs Abendessen in Kandahar zu reservieren.

Die Straße wurde in den Fünfziger- und Sechzigerjahren von der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten gebaut, die damals als Rivalen im Kalten Krieg um den Einfluss in Kabul buhlten. Jahrzehntelang befand sie sich durch Krieg und Vernachlässigung in ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von National Geographic Deutschland. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 10/2022 von Liebe Leserin, lieber Leser!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe Leserin, lieber Leser!
Titelbild der Ausgabe 10/2022 von Stonehenge und der Buchdruck. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Stonehenge und der Buchdruck
Titelbild der Ausgabe 10/2022 von GESCHÖPFE DER NACHT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GESCHÖPFE DER NACHT
Titelbild der Ausgabe 10/2022 von LUFTMALEREI. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LUFTMALEREI
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Die Gefühle der Tiere
Vorheriger Artikel
Die Gefühle der Tiere
WENN DER ZAUBER SCHMILZT
Nächster Artikel
WENN DER ZAUBER SCHMILZT
Mehr Lesetipps

... ruinösem Zustand. 2001 waren nur noch etwa 50 asphaltierte Kilometer übrig. Als der Abschnitt von Kabul nach Kandahar repariert und 2003 wiedereröffnet wurde, verkündete der amerikanische Botschafter Zalmay Khalilzad: „Wir stehen – buchstäblich – auf der Straße, die in Afghanistans Zukunft führt … Es ist eine Zukunft des Wohlstands. Es ist eine Zukunft des Friedens.“ 19 Jahre später liefert die ramponierte Straße ein Zeugnis von grassierender Gewalt und Korruption, die statt des Friedens kamen.

Nicht einmal eine Stunde südlich von Kabul in der Provinz Wardak beginnt der Straßenbelag aufzubrechen. Querrillen im billigen Asphalt und Krater von Sprengsätzen der Taliban zwingen mich immer wieder auszuweichen oder voll auf die Bremse zu steigen, um Unfälle zu vermeiden. Nur selten schalte ich höher als in den dritten Gang. Da es keine Straßenbautrupps gibt, schaufeln Kinder wie Ehsanullah, 15, und sein Bruder Rafiullah, 10, von morgens bis abends Erde in Risse und Spalten. An einem guten Tag kommen sie auf zwei Dollar Trinkgeld.

Doch die Fahrt ist nicht so stressig wie mein letzter Trip durch diese Hochburg der Taliban. Im August 2020 hatte ich mich auf dieser Straße befunden, als militante Taliban afghanische Militärkolonnen angriffen. Wie aus dem Nichts brachen Feuergefechte aus. Nur wenige Zivilisten fuhren hier auf eigene Gefahr, während waffentechnisch unterlegene Regierungstruppen unter Beschuss gerieten und sich in kugelsicheren Wachposten verschanzten.

Der Polizeiwachposten, in dem ich damals die Nacht verbrachte, ist heute ein Trümmerhaufen. Die Reste der Barrieren aus festgestampfter Erde sprenkeln die Hügel wie eine Gruppe uralter Ruinen. Wracks von Panzern, die während der sowjetischen Besatzung zwischen 1979 und 1989 zerstört wurden, liegen in Sichtweite demolierter US-Armeefahrzeuge aus jüngerer Zeit.

Die Taliban kamen 1996 erstmals an die Macht und wurden 2001 von den USA gestürzt, weil sie nach den Anschlägen vom 11. September Osama bin Laden Unterschlupf gewährt hatten. Ein Jahr ist es her, seit die sunnitischen Hardliner erneut die Macht übernahmen und die Vereinigten Staaten nach 20 Jahren ihre Streitkräfte abzogen.

In staubigen Städten wie auch in maroden Dörfern finden wir nur wenige Spuren des zwei Jahrzehnte dauernden Modernisierungsprojekts.

Der Fotograf Balazs Gardi und ich haben einen Toyota Land Cruiser gemietet, um auf dem National Highway 1, meist Ring Road genannt, durchs Land zu fahren. Der kreisförmige Highway verbindet vier große Städte im Osten, Süden, Westen und Norden. In den zwei Jahrzehnten, in denen wir aus Afghanistan berichteten, war es zu gefährlich, die gesamte Strecke zu befahren. Doch jetzt bietet die nachlassende Gewalt eine seltene Gelegenheit. Zwei Wochen, 18 Provinzen und 3354 Kilometer – wir begegnen hart- gesottenen Kämpfern, Wanderarbeitern, Frauen, die unter drakonischen Einschränkungen leiden, und Kindern, die zur Unterstützung ihrer Familien arbeiten müssen. Sie alle eint die Erleichterung, dass der lange Krieg, dem mehr als 150 000 Afghanen zum Opfer fielen, endlich vorbei und so etwas wie Ordnung wiederhergestellt ist. Doch zunehmend macht sich auch Verzweiflung darüber breit, dass das neue Taliban-Regime keineswegs milder ist als das Original.

Obwohl die Taliban eine Amnestie für ehemalige Feinde und die Achtung von Minderheitenund Frauenrechten zugesichert hatten, führten sie standrechtliche Hinrichtungen von Regierungstruppen durch, die sich ergeben hatten. Es gelang ihnen nicht, sektiererische Gewalt zu verhindern, und sie machten jegliche Ansätze der Gleichstellung von Frauen brutal zunichte. Seit der Machtübernahme der Taliban schrumpfte die von ausländischer Hilfe abhängige Wirtschaft. Laut Welternährungsprogramm hungern 95 Prozent der Bevölkerung.

In staubigen Städten wie auch in maroden Dörfern finden wir nur wenige Spuren des zwei Jahrzehnte dauernden Modernisierungsprojekts der Vereinigten Staaten. Mit jedem gefahrenen Kilometer tauchen mehr unheilvolle Erinnerungen an Afghanistans dunkle und abgeschottete Vergangenheit auf. Sie verstärken den Eindruck, dass das Land den Rückwärtsgang eingelegt hat.

IN SCHAICHABAD biegen wir von der Ringstraße auf einen Schotterweg ab, um die Ärztin und ehemalige Abgeordnete Roschanak Wardak zu besuchen. Sie ist eine Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Doch bei unserem Treffen fehlen Wardak, die ihr Haar mit einem schwarzen Schal bedeckt hat, buchstäblich die Worte. Es ist der erste Schultag im ganzen Land, und die Taliban haben soeben verkündet, dass Mädchen nur noch bis zur sechsten Klasse in die Schule gehen dürfen. Sie zeigt uns ein Video auf ihrem Handy, in dem ein Mädchen flehentlich bittet, zum Unterricht kommen zu dürfen. „Das bedeutet die Zerstörung ihrer Zukunft. Ein Mensch ohne Bildung ist nichts“, sagt Wardak.

Kurz vor der Machtübernahme der Taliban hatte sie 1996 eine Klinik für Frauen eröffnet. Die Sterblichkeitsrate afghanischer Frauen während oder nach der Geburt eines Kindes war furchterregend, und Roschanak setzte sich über die konservativen Behörden hinweg, indem sie medizinische Versorgung anbot und ihr Gesicht nicht verhüllte. Nach dem Sturz der Taliban gehörte sie zu den ersten Frauen, die ins Parlament gewählt wurden.

Auf der Ringstraße

Zwei Wochen lang war unser Team 3354 Kilometer auf Afghanistans Ring Road und ihren Nebenstraßen unterwegs. Nach Baubeginn in den Fünfzigern wurde sie mehrfach beschädigt und instand gesetzt. Zuletzt wurde sie bei Kämpfen gegen die US-Besatzung erneut zerstört.

Seit 2010 arbeitet sie wieder in Vollzeit als Ärztin, um Verletzte zu behandeln, die sich gegen ausländische Streitkräfte erhoben hatten. Sie wollte ein Ende des Blutvergießens, und den Taliban traute sie am ehesten zu, das US-Militär aus dem Land zu vertreiben. Sie glaubte auch, dass sie einen mäßigenden Einfluss auf die Taliban in ihrer Gemeinschaft ausüben könnte, da sie die meisten Männer schon als Jungen kannte. Doch das vergangene Jahr hat ihre Hoffnung zunichte gemacht. Erneut erließen die Taliban Verordnungen, nach denen Frauen nicht ohne einen männlichen Verwandten reisen, nicht am selben Tag wie Männer in Parks gehen und ihr Gesicht nicht öffentlich zeigen dürfen. „Das hat nichts mit dem Islam zu tun“, beklagt sich

Roschanak. „Meine positive Meinung von ihnen hat sich geändert. Die Welt bewegt sich vorwärts, wir gehen zurück.“

Wir folgen Wardak zum Bezirkskrankenhaus, wo sie manchmal arbeitet. Es ist eine spartanische Einrichtung, abhängig von Spenden aus dem Ausland. Eingestellte Entwicklungshilfe, Sanktionen und eingefrorene Vermögenswerte treffen die ländlichen Regionen besonders hart. Dazu kommen geringe Ernten und harte Winter. Krankenhausdirektor Abdolhakim sieht jeden Monat 50 bis 100 Menschen, die an Mangelernährung leiden. Er erwartet steigende Zahlen. Als die Taliban zurückkehrten, flohen viele ausgebildete medizinische Kräfte. „Jetzt haben wir nicht genügend Ärzte und Mittel, um die Menschen zu behandeln“, so Hakim.

Erstaunlicherweise ist die Unfallstation fast leer. Während des Krieges hätten Leichen von Regierungssoldaten und militanten Taliban wie „Holzstapel“ in der Eingangshalle gelegen, erinnert sich Roschanak Wardak.

Ein paar Kilometer weiter treffen wir einen schlaksigen Fünfzigjährigen, der sich Chan nennt. Er brüstet sich damit, dass er hinter den meisten Anschlägen auf den National Highway 1 im Distrikt Sayyedabad gesteckt habe. Heute ist Chan Wachmann beim Bauministerium in Kabul – die Ironie entgeht auch ihm nicht. Wie alle Taliban, denen wir begegnen, sagt er, dass er im Dschihad gekämpft habe, weil Ausländer die traditionelle Lebensweise der Afghanen zerstörten. Jetzt macht seine Feindseligkeit gegenüber Außenstehenden einer gewissen Neugier Platz; er lädt uns zum Abendessen ein.

Auf dem Weg zu seinem Haus rumpeln wir in der Dämmerung durch eine Flussebene und kommen an Autowracks vorbei, in denen zerfledderte Taliban-Fahnen stecken – zum Gedenken an Kameraden, die von US-Drohnen getötet wurden. Holzrauch steigt hinter der hohen Grundstücksmauer aus Lehmziegeln auf. Es gibt geschmorte Okraschoten und Fladenbrot, zubereitet von Chans Frau und Tochter, die wir beide nie zu Gesicht bekommen. Ein früherer Kamerad namens Elham, ein stämmiger Mann mit Tarnjacke, setzt sich zu uns. Beim Tee werden die beiden nostalgisch. „Damals haben wir gelitten, aber wir waren glücklich“, sagt Elham, der inzwischen in einer Passbehörde der Provinz arbeitet. „Jetzt ist mir langweilig, und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich vermisse den Krieg.“

DIE ZERKLÜFTETEN BERGKÄMME von Wardak gehen in der Provinz Ghasni in ausgewaschene Ebenen über. Das letzte Mal war ich hier mit einem gepanzerten US-Militärkonvoi unterwegs. Unsere Fahrt fand damals ein jähes Ende, als ein selbst gebauter Sprengkörper zwei afghanische Polizisten an der Spitze des Konvois tötete. Dieses Mal untersuchen Taliban unseren Kofferraum nach Waffen, entschuldigen sich für die Unannehmlichkeiten und winken uns durch.

Es wird schon dunkel, als wir Kandahar erreichen, die Geburtsstätte der Taliban. Im letzten Jahr habe sich die Sicherheitslage verbessert und „niemand stiehlt auch nur einen einzigen Afghani“, erzählt uns Golalai, ein Eisverkäufer im Hauptbasar. „Wir sind froh, dass sie wieder da sind.“ Ein paar Stände weiter entgegnet Stoffverkäufer Sabor Sabori, Gesetz und Ordnung hätten sich zwar verbessert, aber es gebe auch Abstriche: Die Leute könnten nicht mehr offen ihre Meinung sagen. „Egal ob man zufrieden ist oder traurig“, so Sabori, „man sagt, dass man zufrieden ist.“

Eine sechs Kilometer lange Schlange von kunstvoll bemalten und verzierten Lastwagen mit leeren Ladeflächen wartet bei Spin Boldak auf die Rückkehr nach Pakistan. Die am Boden liegende afghanische Wirtschaft ist von Importen abhängig. Fast 12 500 Kilogramm Handelsware passieren täglich diese Grenze, dazu kommen Konvois mit Hilfsgütern für entlegene Provinzen.

Die Machtübernahme der Taliban löste einen Exodus nach Pakistan und in den Iran aus. Verwaltungsbeamte, Ärzte, Ingenieure und andere Menschen, die entscheidend für das Funktionieren eines Staates sind, verließen das Land. Um die Abwanderung qualifizierter Kräfte einzudämmen, verfügten die Taliban im Februar, dass Afghanen ohne Reisedokumente das Land ohne besondere Erlaubnis nicht verlassen dürfen.

KEINE ZWEI KILOMETER außerhalb der Stadtgrenzen von Kandahar tauchen entlang der Straße Schlafmohnfelder auf. Überall locken die Blüten verführerisch in Schneeweiß, Blasslila und

Lippenstiftrot. In ihren letzten beiden Jahren hatte die erste Taliban-Regierung den Anbau von Schlafmohn verboten. In den Regionen, die sie während der amerikanischen Besatzung unter Kontrolle hatten, besteuerten die Taliban später den Verkauf von Opium und Heroin. Laut Vereinten Nationen war Afghanistan im vergangenen Jahr der weltgrößte Opiumproduzent mit 6800 Tonnen im Wert von bis zu 2,7 Milliarden US-Dollar, etwa zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Bei ihrem verzweifelten Versuch, die Wirtschaftskrise abzumildern, standen die Taliban dieses Jahr vor der Wahl: Sie konnten entweder hart durchgreifen und so der armen Landbevölkerung ihre lukrativste Einkommensquelle nehmen – oder beide Augen zudrücken.

„Mullah Omar, Gründer der Taliban-Bewegung, sagte über die USA: ‚Ihr seid das mächtigste Land der Welt, aber in 20 Jahren werdet ihr das schwächste sein.‘“

—ABDUL MADSCHID

Ich stapfe in ein Feld und atme den zuckersüßen Duft des Mohnsafts ein. Ali Dschan, 36, ritzt die Kapseln mit einem speziellen Werkzeug ein, wie er es schon seit Teenagerzeiten macht. Pro Tag verdient er etwa fünf Dollar. „Wenn es andere Arbeit gäbe, würden wir das Opiumgeschäft aufgeben“, sagt er. Unter der Vorgängerregierung hätten sie den lokalen Behörden Schmiergelder zahlen müssen, sagt er. Bis jetzt mischten sich die Taliban zwar nicht ein, aber es gebe Gerüchte, dass sie nach der Ernte ein Verbot erlassen würden. So könnten sie jetzt erst mal Steuern kassieren und sich später bei den westlichen Ländern einschmeicheln, die den Heroinfluss drosseln wollen.

Entlang des Schotterwegs nach Sangi Sar gibt es immer mehr Mohnfelder. Das kleine Bauerndorf wäre nicht weiter bemerkenswert, hätte Mullah Mohammad Omar, der einäugige Veteran des Mudschahedin-Kampfes gegen die sowjetische Besatzung, nicht hier in den Neunzigerjahren die Taliban-Bewegung gegründet. Der Bürgerkrieg, der nach dem Abzug der Sowjets 1989 ausbrach, brachte Morde und Plünderungen. Omar baute unterdessen eine Anhängerschaft von fundamentalistischen Religionsstudenten auf, den sogenannten Talibs, die 1996 das Land bis auf wenige Gebiete einnahmen. Nach der Invasion der USA floh Omar nach Pakistan, wo er 2013 krank wurde und starb. Einer seiner alten Kameraden, Abdul Majid, erzählt mir, Omar habe „fest daran geglaubt, dass das islamische Emirat eines Tages siegen wird. Über die USA sagte er: ‚Ihr seid das mächtigste Land der Welt, aber in 20 Jahren werdet ihr das schwächste sein.‘“

IN LASCHKAR GAH, der Hauptstadt der Provinz Helmand, treffen wir einen Talib namens Rosi Billal, den ich Monate zuvor bei einer Sportveranstaltung in Kabul kennengelernt habe. Aufgrund seiner heiteren Art und seiner Begeisterung für soziale Medien nahm ich an, er sei irgendwie fortschrittlich. Ich irrte mich.

Auf einer holprigen Straße entlang des Flusses Helmand erzählt uns Rosi, 28, er habe sich ursprünglich als Selbstmordattentäter verpflichten wollen, denn er sei wegen der amerikanischen Luftschläge und Überfälle vollkommen außer sich gewesen. Doch Offiziere der Taliban hätten ihn für zu intelligent befunden und ihm stattdessen die Aufgabe übertragen, Attentäter zu schulen. Ganze zwölf Jahre lang führte er ein Doppelleben als militanter Kämpfer und Teilzeit-Student. Die Koedukation trug kaum dazu bei, seine konservativen Wertvorstellungen zu mäßigen. Jetzt arbeitet er als Lehrer und besteht auf Geschlechtertrennung. „Frauen lenken nur ab“, sagt er.

Nach einer ermüdenden Fahrt durch harsches, ödes Land machen uns die glitzernden Lichter von Herat wieder wach. Afghanistans drittgrößte Stadt mit mehr als einer Million Einwohnern ist ein altes Handelszentrum mit kulturellen Verbindungen zum Iran, dessen Grenze nur 120 Kilometer Richtung Westen entfernt ist. Auch heute erhält die Stadt eine Fassade des Wohlstands aufrecht.

In den Distrikten nördlich von Herat herrscht dagegen bittere Armut. Es gibt weitverbreitete Berichte über Eltern, die ihre jungen Töchter aus Not und Hunger in die Ehe verkaufen. Der Handel mit Nieren zur Transplantation ist ein wachsendes Geschäft. In Daswari, einem Dorf in der Hochebene nahe der turkmenischen Grenze, sind die Bewohner auf Hilfsgelder und Lebensmittellieferungen der Uno angewiesen, seit anhaltende Dürre die Weizenernte um mehr als die Hälfte reduziert und die Schafherden dezimiert hat. Eines von drei Kindern sei unterernährt, sagt Gemeindevorsteher Arbab Nader. „Die Taliban-Regierung tut nichts für uns.“

In ihrer kleinen Behausung aus Lehmziegeln webt Ma Bibi sieben Tage die Woche Teppiche, um ihre fünf Kinder zu ernähren. Für zwei Monate Arbeit bekommt sie 25 Dollar. Ihre zehnjährige Tochter Scharifa arbeitet bereits mit. „Ich wollte Lehrerin werden, aber das geht jetzt nicht mehr“, sagt das Mädchen resigniert.

AN EINEM CHECKPOINT im Dorf Dara-ye Bum schaut ein Taliban-Wachmann irritiert, als ich ihm erzähle, wir seien auf dem Weg nach Maimana in der Provinz Faryab, der nächsten größeren Stadt, die 235 Kilometer Richtung Nordosten liegt. Am Beginn einer steilen Bergstrecke kommt ein Junge angerannt und lotst uns in ein Flussbett. Meine Handy-App bestätigt: Das Flussbett ist die Straße.

Mehrmals steige ich aus und räume Steine aus dem Weg. Im Schnitt schaffen wir drei Kilometer pro Stunde, kein anderes Fahrzeug ist in Sicht. In der Dunkelheit erreichen wir Bala Murgab, ein Dorf voller abgebrannter Ruinen am Ende der Welt. Wir halten an einem schmuddeligen Teehaus und kauen schweigend auf zähem Kebab herum. Ein Dorfbewohner lässt uns auf dem Boden seines Ladens übernachten, aber wir finden kaum Ruhe.

Der Weg nach Maimana verläuft querfeldein, und so folgen wir noch vor der Morgendämmerung einem Taxi, um uns nicht zu verfahren. Wir zwängen uns an steilen Schluchten entlang, nur einen Steinschlag entfernt vom Sturz in den Abgrund. Wir haben keine Wahl. Wir jagen weiter den Rücklichtern des Taxis hinterher. Als wir fünf Stunden später endlich wieder Asphalt unter den Rädern haben, kommt es uns vor, als erwachten wir aus einem Fiebertraum. „Die Ringstraße ist ein Mythos“, sage ich laut. Es ist eines von vielen hochgelobten Nation-Building-Projekten, das unvollendet geblieben ist.

DIE SANFTE, VERSCHLAFENE Straße nach Scheberghan, die Hauptstadt der Provinz Dschuzdschan, ist eine willkommene Erleichterung. Doch die sonnenversengte Wüste, die wir durchqueren, birgt eine grausame Ver- gangenheit. Wir kommen an der Abzweigung nach Dascht-e Laili vorbei, wo Ende 2001 Schätzungen zufolge 2000 Taliban-Kämpfer von dem Milizenführer Abdorrashid Dostum gefangen, in Schiffscontainern erstickt und in Massengräbern verscharrt wurden. Dostum wurde erster Vizepräsident und dann Stabschef der afghanischen Streitkräfte. Zugleich regierte der Anführer der usbekischen Minderheit in Afghanistan in den letzten beiden Jahrzehnten mit absoluter Macht in Dschuzdschan und führte im In- und Ausland ein ausschweifendes Leben in luxuriösen Villen. Ein energischer Taliban-Pressesprecher namens Hilal Balchi erklärt uns, dass wir an einem kürzlich entdeckten Massengrab vorbeigefahren seien. Balchi sagt einen Termin ab, um uns die Stelle zu zeigen. Er kniet sich hin und beginnt mit den Händen zu graben, legt Kieferund Oberschenkelknochen und Stofffetzen frei. Er schwört, unter dem neuen Regime werde es Gerechtigkeit geben.

Die berühmte Ringstraße bleibt ein Mythos, eines der vielen Nation-Building-Projekte, die unvollendet geblieben sind.

Im zerbombten Provinzgericht tragen Menschen ihre Fälle vor Geistlichen mit Turban vor. Ahmad Dschaweed, 39, ein glattrasierter IT-Experte in Lederjacke, behauptet, Dostums Kumpane hätten ihm sein Land weggenommen. Unter der letzten Regierung hätten sie „alles machen“ können, sagt er. „Sie haben mich verprügelt und mir die linke Hand gebrochen. Ich bin sehr froh, dass wir jetzt das Emirat haben. Jetzt gilt das Gesetz Allahs, nicht das Recht des Stärkeren.“

UNTER DER ERSTEN Taliban-Regierung war die Rechtsprechung einfach und brutal: öffentliche Hinrichtungen durch den Strang für Mord und Vergewaltigung, Amputationen für Diebstahl. Mufti Sahed, oberster Richter von Dschuzdschan, bestätigt, dass man die Todesstrafe vollstrecken und Amputationen durchführen lassen werde. Bis jetzt habe er das noch nicht praktiziert.

An jenem Tag verkünden die Taliban ein Opiumverbot, das Anbau, Konsum und Verkauf umfasst. Da Regierungsvermögen eingefroren ist und es kaum diplomatische Anerkennung gibt, müssen die Taliban der internationalen Gemeinschaft scheinbar Konzessionen machen.

Maulawi Gol Mohammad Salin, Vizegouverneur von Dschuzdschan, räumt ein, es habe während des letzten Taliban-Regimes „Probleme gegeben“. Aber seit den Neunzigerjahren seien die Führer der Bewegung viel gereist. Sie wollten mit der Welt ins Gespräch kommen und das Land nicht so abschotten wie zuvor. Amerikanische Geologen schätzen, dass Afghanistan über unerschlossene Bodenschätze im Wert von mehreren Billionen US-Dollar verfügt – genug, um Millionen Menschen aus der Armut zu befreien, wenn Ausländer in die nötige Infrastruktur investieren würden.

Die letzte Etappe unserer Reise ist der 2,7 Kilometer lange Salang-Tunnel, der auf 3400 Meter Höhe den Hindukusch durchschneidet, das Gebirge, das Kabul vom Norden trennt. Dieses kühne Unterfangen sowjetischer Ingenieurskunst war für die Durchfahrt von tausend Fahrzeugen pro Tag ausgelegt, als es 1964 eröffnet wurde. Heute passieren nicht weniger als 9000 Fahrzeuge täglich die schlammige, von Smog verseuchte und mit Schlaglöchern übersäte Röhre.

AUS DER TUNNELÖFFNUNG quellen Abgase, als wir hineinfahren. Die Sicht sinkt auf null. Nach einer gefühlten Ewigkeit entkommen wir dem Tunnel und halten erst mal am Straßenrand, um frische Luft zu schnappen, bevor wir uns auf die Serpentinen hinunter nach Kabul begeben. Noch einen letzten Umweg gilt es zu bewältigen.

Wir fahren in das Pandschir-Tal, die legendäre Bastion des Widerstands, die weder die sowjetische Armee noch die erste Taliban-Regierung je einnehmen konnten. Auch im Sommer 2021 hielt Pandschir erneut stand, als alle anderen Provinzen in schneller Folge fielen. Doch schließlich entzauberten die Taliban-Kämpfer den Mythos der Unbesiegbarkeit.

Die Stimmung ist düster in diesem Widerstandsnest. „Von hundert Familien sind vielleicht noch fünf hier – nur jene, die es sich nicht leisten konnten wegzugehen“, sagt Habibullah, Besitzer einer Bäckerei im Dorf Onaba. Alle anderen Läden sind verbarrikadiert. „Dunkelheit“, sagt er, „ist überall.“ Der verbleibende Widerstand in Pandschir hat sich in die Berge zurückgezogen. Es wird gekämpft, doch zurzeit ist der Widerstand meist symbolisch.

Als wir Kabul erreichen, weht eine gewaltige neue Taliban-Fahne über dem Wasir-Akbar-Chan-Hügel in der Innenstadt. Dort im Park findet gerade eine Versammlung statt, die den Eindruck eines ausgelassenen Familientreffens vermittelt – allerdings ohne Frauen. Kämpfer aus dem ganzen Land lachen und machen Fotos.

Doch der Übergang der Taliban von einer Guerillabewegung zur Regierung strapaziert die Geduld der Afghanen. Neue Erlasse beschneiden persönliche Freiheiten und die der Medien. Zudem ist das Land weitgehend von Handel und Hilfe abgeschnitten, was die Wirtschaft im freien Fall stürzen lässt. „Wir haben unser ganzes Leben im Krieg verbracht, ich kann also die Zukunft vorhersehen“, sagt Abdolchaleq, ein 50-jähriger Arbeiter, der die sowjetische Invasion erlebt hat, den Bürgerkrieg und die amerikanische Offensive. „Dieses Land wird auch in 50 Jahren nicht wiederaufgebaut sein.“

An unserem letzten Tag fahren wir zurück nach Schaichabad, um die Ärztin Roschana Wardak noch einmal zu treffen. Ihr Fatalismus ist einer trotzigen Haltung gewichen. Sie verteilt Hefte und Stifte an Mädchenschulen. Auf einem Privatgrundstück in einem kleinen Dorf, kilometerweit entfernt von asphaltierten Straßen, sitzen Mädchen dicht gedrängt auf dem Boden eines kleinen Raums und sagen Fakten über den Blutkreislauf her. Wardak klagt, die Qualität des Unterrichts sei nicht gut, es gebe keine Tests und wenige Bücher, aber wenigstens lernten die Mädchen.

Zurück bei sich zu Hause möchte Roschana uns noch etwas zeigen. Wir gehen vorbei an einem Aprikosenhain und Rosenbüschen und kommen zu einem versteckten Steinhaus mit einer leeren Terrasse. „Wenn die Taliban den Mädchen nicht erlauben, wieder zur Schule zu gehen, werde ich hier eine bauen“, verkündet sie. „Ich habe beschlossen, hier zu bleiben und Widerstand zu leisten, so gut ich kann – das ist meine Pflicht als gebildete Frau. Wenn Sie das nächste Mal kommen, wird dieser Ort voll von wunderschönen Stimmen sein.“

Aus dem Englischen von Dr. Karin Rausch

Jason Motlagh berichtete im Septemberheft 2021 über das gespaltene Afghanistan im Vorfeld des Rückzugs der US-Truppen. Der Fotograf Balazs Gardi besuchte Afghanistan 2021 zum ersten Mal.