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Date mit Tahini


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L-MAG - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 24.08.2022
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Mit großen Schritten geht Lena König durch den Flur des Umweltzentrums in Berlin, wo sie ihre neue Stelle als ausbildende Köchin innehat. An ihrem Arbeitsplatz angekommen, räumt sie erst einmal ein paar Akten vom Tisch und legt dann los: „Der Kochberuf ist ein Knochenjob.“ Seit mehr als 20 Jahren ist sie bereits in der Branche. „Du stehst nur unter Stress, hast viel Verantwortung, musst manchmal mehr putzen als kochen und aus dem Stegreif mal 30 Kilogramm Waren verräumen“, berichtet die gebürtige Österreicherin, unterdrückt ein Gähnen, aber muss dann doch auch lachen: „Diesen Blödsinn tun sich einfach viele Frauen nicht an.“

Statistiken aus den letzten Jahren unterstreichen diese Aussage. Nur ein Viertel der Koch-Azubis sind Frauen. Das mag auch am Gender-Pay-Gap liegen. Laut der Online- Plattform Statista lag im Jahr 2014 das Gehalt von Köchinnen 17 Prozentpunkte unter dem von Köchen. ...

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... Küchengewerbe ist und bleibt eine Männerdomäne, besonders in Spitzenpositionen. „Als Frau musst du doppelt so hart arbeiten, um dir denselben Respekt zu verdienen und brauchst ein extradickes Fell in der Küche“, sagt Lena.

Neben dieser „gläsernen Decke“ erlebte sie auf ihrem Karriereweg aber auch Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Identität. Die Herausforderung fing für sie schon im Alter von 15 Jahren in der Lehre an. „Wegen meiner kurzen Haare, ,burschikosen‘ Kleidung und meiner sexuellen Orientierung wurde ich beleidigt“, erinnert sie sich. Ihr wurden Beschimpfungen nachgerufen wie „Halblesbe“ oder „Du musst doch nur mal richtig …“

„Ich habe oft ans Aufgeben gedacht!“, erzählt Lena, während sie mit einem roten Gummiband spielt. Aber durch die Bestärkung seitens ihrer Mentor:innen in der Ausbildung, ihrer Familie und Freund:innen hat sie zum Glück nie die Schürze an den Haken gehängt. Heute weiß sie, wie sie sich in ihrer Branche durchsetzen kann. „Es braucht keine sexistischen Witze und keinen rauen Ton, um sich Respekt zu verschaffen. Und wer mich wegen meiner Identität beleidigt, für so einen möchte ich doch gar nicht arbeiten.“ Lena lernte, sich nichts bieten zu lassen und weiterzuziehen, wenn der Ofen aus war.

So sammelte sie in zahlreichen Stationen wie in Graz oder auf der Kanalinsel Jersey viele Erfahrungen als Junior und Souschefin, Poissonnierin (Fischköchin) und Caterin. In diesen gut zwei Jahrzehnten durchlief Lena nicht nur alle Bereiche des Kochhandwerks meisterinnenhaft, sondern lernte auch Unerwartetes über die Gastronomie: dass die englische Küche genauso gut ist wie die französischen Cuisine zum Beispiel.

Vor drei Jahren landete Lena mit ihrer jetzigen Freundin und deren zwei Kindern in Berlin. Und obwohl Lena ihrer Partnerin zum ersten Date Blumenkohl mit schwarzem und weißem Tahini servierte und diese Lena bestätigte, dass „Liebe durch den Magen geht“, ist bei ihnen Zuhause Lenas Liebste la Chef de Cuisine. „Ich freue mich sehr, wenn ich nach der Arbeit nicht mehr kochen muss“, beichtet Lena.

Catering für Metallica

Mittlerweile kann sie auf sechzehn Arbeitsstellen zurückschauen und caterte sogar schon für Metallica und Robbie Williams. In diesen Stargefilden wurde sie dann auch auf den Wettbewerb „Koch des Jahres“ aufmerksam. Nach einem langen Bewerbungsverfahren – bei dem sie den Entwurf für ein Drei-Gänge-Menü mit Rezepten, Fotos, Philosophie und Kalkulation ihrer Kreation einreichen musste – wurde Lena im Mai diesen Jahres zum zweiten Mal gemeinsam mit fünfzehn weiteren Kandidat:innen ins Vorfinale eingeladen. Alle durften ihre Trilogie im Rahmen einer Dinnerparty der Jury und dem Publikum kredenzen. Diesjähriges Thema: Gemüsegarten. Lena ließ sich von ihrem Garten im Umweltzentrum inspirieren und zauberte einen veganen Karottentartar mit Kohlrabi, Möhren, Radieschen und Miso, alles regional, nachhaltig und bio.

Wenn Lena von dem Wettbewerb spricht, kommt die sonst eher bodenständig scheinende Köchin ins Schwärmen und erklärt unter anderem, wie man aus Kohlrabi noch mehr rausholen kann. „Einfach etwas Zitronenöl auf das noch warme, gedämpfte Gemüse. Das nimmt den etwas ,pupsigen‘ oder strengen Geschmack.“ Dank ihres Knowhows schaffte sie es mit noch drei anderen Frauen in die nächste Runde. Ins Finale wählte die rein männliche Jury, selbst alle Spitzenköche, jedoch dann nur sechs männliche Kollegen. Frustrierend, oder? „Ja“, findet Lena. „Aber es ist auch ein Ansporn, sich noch einmal zu bewerben und weiterzumachen.“ Man dürfe nicht vergessen, wie es um die Branche bestellt sei und dass der Großteil der Star- und Küchenchefs eben nach wie vor männlich sei.

Warum bleibt Lena dann so hartnäckig in ihrem Beruf? Die Antwortet lautet eigentlich: Affika. Genau, Af-fi-ka. Das war nämlich Lenas erstes Wort und heißt auf Kinderkauderwelsch „(grüne) Paprika“. Die aß Lena schon mit zwei Jahren gerne, meist auf der Küchenanrichte neben ihrer Mutter sitzend. Die Affika fällt nicht weit vom Stamm. „In den 80erund 90er-Jahren gab es noch eine andere Art zu kochen. Meine Mutter hatte zum Beispiel ein Mikrowellenkochbuch. Aber manche Sachen daraus waren nicht schlecht“, sagt Lena. „Meine Mutter kochte außerdem immer sehr viel frisch und mit regionalen Zutaten.“ Ausgehend von dieser großen Essleidenschaft kam es schnell zu Lenas ersten eigenen kulinarischen Schritten: mit Ketchup garnierter Kakao zum Beispiel, oder Müslieis, das leider im Tiefkühlfach auslief. Und nach Jahren des Pilzesammelns und -bratens mit dem Vater auf der Alm oder beim Aalkaufen (und -ausnehmen) mit der Oma auf dem Lübecker Fischmarkt wurde Lenas Umfeld und ihr selbst allmählich klar wie Kloßbrühe, dass in ihr eine kleine Starköchin schlummerte. Ihr erstes erfolgreich selbstgekochtes Gericht? Schweinelendchen in Senfsahnesauce, mit 13 Jahren. „Man konnte es runterkriegen“, sagt Lena heute und lacht bescheiden. Sie ist froh, im Umweltzentrum gelandet zu sein. Unterm Strich liebt sie ihren Job und besonders den Zusammenhalt im Team. Und dank ihrer neuen Arbeitsstelle muss sie nicht mehr täglich im Durchschnitt 16 Stunden Kochschichten runterreißen (Lenas Rekord liegt bei zweiundzwanzig Stunden), sondern hat geregelte Arbeitszeiten, die nicht nur das Kochen, sondern auch Ausbildung und Administration umfassen. Jetzt hat sie mehr Zeit, mit ihrer eigenen Familie am gemeinsamen Esstisch zu sitzen.

Zugleich bereitet sich Lena jetzt schon darauf vor, 2023 wieder zum „Koch des Jahres“-Wettbewerb anzutreten. „Es ist ein Türöffner. Und es geht mir um Sichtbarkeit, dass auch andere queere Frauen sehen, dass sie in dieser knochenharten Männerdomäne eine Chance haben können. Für mich ist jede Köchin eine Königin.“ Und vielleicht wird, dank des unermüdlichen Engagements von Spitzenköchinnen wie Lena, der Wettbewerb in Zukunft auch endlich in „Koch/Köchin des Jahres“ umbenannt …

// Florian Bade