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Deal or No Deal?


Kunst und Auktionen - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 22.02.2019

Ende März verlässt Großbritannien die EU – mit oder ohne Abkommen. Wie reagiert die Kunstwelt?


Artikelbild für den Artikel "Deal or No Deal?" aus der Ausgabe 3/2019 von Kunst und Auktionen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 3/2019

Das passende Souvenir für alle Brexit-Gegner: Der britischer Künstler Jeremy Deller (*1966) entwarf dieses T-Shirt als Edition für den Londoner Non-Profit-Kunstraum Studio Voltaire. Für 40 £ kann man seine Solidarität mit den Remainern stolz auf der Brust tragen

Nur noch fünf Wochen bis zum Brexit. Doch noch immer gibt es keine Lösung für einen geordneten Austritt Großbritanniens aus der EU, für den am 23. Juni 2016 bei einem Referendum 51,89 Prozent aller Wahlberechtigten des Landes stimmten.

Derweil stellt die britische Regierung die Logistik auf den Prüfstand. Allein in Dover, muss man wissen, kommen täglich 10 000 LKW an. Und sollte sich aufgrund der Neuregelungen künftig der Abfertigungsprozess von derzeit zwei Minuten pro Fahrzeug auch nur verdoppeln, gäbe es auf britischer wie kontinentaler Seite einen knapp 30 Kilometer langen Dauerstau. In den Cargo-Bereichen der Flughäfen droht ein ähnliches Chaos.

Davon betroffen sind natürlich auch zahlreiche Galeristen: die britischen, die darauf angewiesen sind, ihre Stände auf Kunstmessen weltweit termingerecht zu beliefern, um Business zu machen; aber auch die kontinentaleuropäischen, deren Ware bisher ungehindert das Nadelöhr auf die Insel passieren konnte.

Bereits jetzt zeichnen sich erste Auswirkungen auf den Kunstbetrieb ab. Während 2017 in London noch ein Fünftel des weltweiten Umsatzes erwirtschaftet wurde, zeigen die Zahlen des vergangenen Jahres für den Standort bereits nach unten. Für die Zeit nach dem Brexit attestieren verschiedene Branchenverbände dem Vereinigten Königreich ohnehin einen deutlichen Rückgang des Handels mit der EU.

Wie steht es also um die Zukunft des einstmals so starken Königreichs im Kunstbetrieb? Bereits im vergangenen Jahr konnten die Blockbuster-Auktionshäuser Christie’s und Sotheby’s in London nur noch eingeschränkt Akquisitionen im High-End-Sektor tätigen. Viele der großen Verkäufe wurden in New York abgewickelt. Denn trotz der unberechenbaren Trump-Politik wird bei Geschäften im Kunstbereich der Dollar dem Britischen Pfund vorgezogen, das seit dem Referendum unter Druck geraten ist. Analysten erwarten zudem eine weitere Schwächung der britischen Währung.


Britische Kunst dürfte nach dem Brexit eine neue Blüte erleben


Aber was bedeutet das fürs Geschäft? „Wir rechnen damit, dass Investoren den Pfundkurs nutzen werden“, meint der Galerist Aeneas Bastian. „Er wird mehr Geschäft mit US-amerikanischen und asiatischen Sammlern generieren. Die Beziehungen zu diesen Ländern werden sich weiter ausbauen.“ In der Tat haben sich in der britischen Hauptstadt bisher vor allem amerikanische und asiatische Sammler engagiert, zudem Sammler aus dem Mittleren und Nahen Osten, Indien und Australien.

Die britische Regierung lässt nichts unversucht, um sich bereits jetzt von der EU-Politik abzugrenzen. In Zukunft dürfte die Steuergesetzgebung zu ihrem wichtigsten Instrument werden. Wie könnte es auch anders sein, in Anbetracht einer am Tropf von Drittländern hängenden Industrie, einem sich zerlegenden Finanzsektor und einem einstürzenden Immobilienmarkt? Um die Infrastruktur in Gang zu halten und neue Impulse zu setzen, bleibt Großbritannien letztlich nur der Weg ins „Steuerparadies“.

Hier scheint auch eine Perspektive für die Kunst zu liegen. Bereits jüngst wurde die Unternehmenssteuer auf 19 Prozent herabgesetzt – weitere Senkungen sind angekündigt. Bei Kunstverkäufen scheint zudem die Folgerechtsabgabe wegzufallen. Ohnehin ist die britische Einfuhrumsatzsteuer auf Kunst mit 5 Prozent bereits heute die niedrigste im EU-Raum. Auch hier ist damit zu rechnen, dass dieser Satz – wie das auch China (aktuell 3 Prozent) und die USA (aktuell 0 Prozent) gemacht haben – stufenweise weiter reduziert wird, um Investoren zu locken.

Und was machen die traditionellen Sammler Großbritanniens – eine wichtige Käuferschicht im Land –, deren Familien oft über Generationen Kunstkollektionen aufgebaut haben? Bei ihnen ist davon auszugehen, dass sie im Zuge der nationalen Landesbestrebungen wieder vermehrt britische Kunst kaufen werden, sodass die Preise – wie zuletzt bei David Hockney, Allen Jones, Peter Blake oder Peter Phillips zu beobachten – in die Höhe schießen. Britische Kunst dürfte also eine nie dagewesene Blüte erleben.

Die Sammler in Deutschland hingegen hadern nach wie vor – zu Recht – mit dem Kulturgutschutzgesetz. Und so wurden große Sammlungen der Klassischen Moderne und der Nachkriegskunst, weiß Bastian zu berichten, bereits diskret nach London verlegt. Denn wenn der Brexit erst vollzogen ist, unterliegt die dort eingelagerte Kunst nicht mehr dem EU-Recht.


Abb.: Courtesy of Jeremy Deller and Studio Voltaire, Credit: Greaham Pearson

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