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DEBATTE: SEITENWECHSEL


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arte Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 21.03.2019

GESCHICHTE Worin liegen die Herausforderungen bei der Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit?


Artikelbild für den Artikel "DEBATTE: SEITENWECHSEL" aus der Ausgabe 4/2019 von arte Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: arte Magazin, Ausgabe 4/2019


»Wir müssen eine angemessene Sprache für unsere koloniale Geschichte entwickeln«


Zur Person
DR. STEFANIE MICHELS,
Afrikahistorikerin

2019 erschien das von ihr und Albert Gouaffo herausgegebene Buch „Koloniale Verbindungen – transkulturelle Erinnerungstopografien. Das Rheinland in Deutschland und das Grasland in Kamerun“. Weitere Ergebnisse ihrer Forschung sind auf einer mehrsprachigen Webseite verfügbar:deutschlandpostkolonial. de

Koloniale Geschichte ist geteilte Geschichte: sowohl trennend als auch ...

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... verbindend. In Deutschland wird darüber seit jeher in moralischen Kategorien gestritten. Im Jahr 1905 bezeichnete August Bebel im ReichstaBebel Reichstag Lothar von Trotha, damals Oberbefehlshaber im Kampf gegen Herero und Nama, als „Metzgerknecht“. Bis heute werden in Bezug auf deutsche Kolonialkriege Schlachthof- Metaphern verwendet. Eine kategorische Einteilung in Täter und Opfer zeugt von einseitig geprägtem Vokabular. Solange wir in Deutschland jedoch an diesem festhalten, wird es uns nicht gelingen, eine angemessene Sprache für unsere gemeinsame Geschichte zu entwickeln.

In vielen Ländern Afrikas werden Menschen in den Vordergrund gestellt, die in Kriegen getötet, hingerichtet oder verbannt wurden oder wichtige Stützen der deutschen Verwaltung waren, manchmal beides in einer Person. Der Kameruner Rudolf Duala Manga Bell (1873–1914) beispielsweise besuchte eine deutsche Schule. 1902 reiste er mit einer Delegation nach Berlin, um die Missstände im Verhalten der Kolonialverwaltung in Kamerun darzulegen. Später leistete er politischen Widerstand gegen die Enteignungspläne der Kolonialregierung, die Duala zu einer rassisch getrennten Stadt machen sollten. In dieser Sache fand er Unterstützer im deutschen Reichstag. Deutsche Behörden in Kamerun wiederum reagierten auf den Kampf gegen die Enteignung und verurteilten ihn nach einem Scheinverfahren zum Tod. Er wurde hingerichtet, dabei hatte Manga Bell immer an das deutsche Rechtssystem und den Grundsatz der Gleichheit geglaubt. Seine Biografie erscheint in der afrikanischen Perspektive nicht widersprüchlich.

Den afrikanischen und den deutschen Deutungsrahmen zusammenzuführen, ist eine Herausforderung. Wir müssen damit beginnen, einerseits Unrecht und Gewalt zu benennen und andererseits die Rationalität und Handlungsmacht der Menschen aus den kolonialen Gebieten anzuerkennen.


»Die koloniale Geschichte holt die deutsche Gesellschaft endgültig ein«


Zur Person
DR. JÜRGEN ZIMMERER,
Professor für
Globalgeschichte
(Schwerpunkt Afrika)

Leiter derForschungsstelle „Hamburgs (post-) koloniales Erbe“ an der Universität Hamburg. Zu seinen wichtigsten Publikationen gehört „Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust“ (2011).

„Unter Herrenmenschen“: Der deutsche Kolonialismus in NamibiaGeschichtsdoku


Die deutschen Völkerkundemuseen sind voll von Raubobjekten aus kolonialen Kontexten und im demnächst öffnenden Berliner Humboldt Forum sollen die 1897 durch Großbritannien geplünderten Benin-Bronzen zum Blickfang des ehrgeizigsten deutschen Museumsprojekts seit 1945 werden. 2016 erkannte der Deutsche Bundestag zwar den Völkermord des Osmanischen Reichs an den Armeniern an, ignorierte aber den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts, verübt von deutschen Kolonialtruppen in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia; ein Versäumnis, das bis heute nicht korrigiert wurde.

100 Jahre nach dem Ende des deutschen Kolonialreichs in Togo, Kamerun, Namibia, Tansania, Ruanda, Burundi, Tsingtao und in der Südsee holt die Kolonialgeschichte die deutsche Gesellschaft endgültig ein. Erste sterbliche Überreste, nach Deutschland zur rassenanthropologischen Forschung gebracht, wurden nach Namibia repatriiertgebracht, repatriiert, ebenso wie Bibel und Peitsche des namibischen Nationalhelden Hendrik Witbooi (1830–1905). In den Museen werden Zehntausende Objekte einer Herkunftsanalyse unterzogen, eine Rückgabe ist nicht mehr ausgeschlossen. Und in New York stehen sich vor Gericht die Nachkommen der Opfer des ersten deutschen Genozids, Herero und Nama, sowie die – juristischen und diplomatischen – Vertreter der einstigen Täter gegenüber.

Die lange herrschende koloniale Amnesie schwindet allmählich und gibt den Blick frei auf ein Kapitel der deutschen Geschichte, das lange Zeit – verständlicherweise – im Schatten des Dritten Reichs stand. Es vermag aber wichtige Impulse zum Verständnis der deutschen Diktatur, des Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion, aber auch der Geschichte des deutschen Rassismus zu geben. Erste Erfahrungen mit „Rassenstaat“, „Mischehenverbot“ und „Völkermord“ machten Deutsche bereits in Deutsch-Südwestafrika. Der kritische Umgang mit der Kolonialgeschichte ist deshalb wichtige Voraussetzung für den kritischen Umgang mit der deutschen Geschichte insgesamt.


ILLUSTRATION Zeloot PORTRÄTS Uli Knörzer