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Dehler stürmt auf die Regattabahnen


Segler-Zeitung - epaper ⋅ Ausgabe 20/2020 vom 13.01.2020

Die neue Dehler 30 OD ist eine spannende und schnelle Segelyacht. Viel hängt jetzt davon ab, ob es der Werft tatsächlich gelingt, eine neue Einheitsklasse zu etablieren


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Die Dehler 30 OD segelt sich sehr agil, jede Welle kann und sollte ausgesteuert werden.


Fotos: Jan Maas

Wenn man an einem regnerischen, kalten Wintertag zum Bootstest nach Warnemünde lädt, zeugt das von viel Selbstbewusstsein. Zumal vor dem Segelerlebnis auf offener Ostsee bei Warnemünde ein fast fünf Meilen langer Motor-Trip vom Rostocker Stadthafen ausreichend Zeit lässt, damit die Stimmung beim Tester von freudiger Erwartung in ...
Querab vom Yachthafen Hohe Düne kommt Leben in die Dehler 30 OD. Der Wind setzt pünktlich ein, schickt eine hübsche auflandige Welle und die schwarzen Quantum-Tücher entwickeln ihre Kraft. Fußgestell ausgeklappt, per Trimm-Klemme entsprechend der Krängung fixiert, Pinnenausleger umfasst, Großschot Feineinstellung gezogen, Traveller etwas nach Luv, Blick nach vorne gerichtet: los geht’s. ...

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Wenn man an einem regnerischen, kalten Wintertag zum Bootstest nach Warnemünde lädt, zeugt das von viel Selbstbewusstsein. Zumal vor dem Segelerlebnis auf offener Ostsee bei Warnemünde ein fast fünf Meilen langer Motor-Trip vom Rostocker Stadthafen ausreichend Zeit lässt, damit die Stimmung beim Tester von freudiger Erwartung in fröstelnde Miesepetrigkeit umschlagen könnte. Schließlich sagt der Wetterbericht nicht einmal segelbaren Wind vorher.
Querab vom Yachthafen Hohe Düne kommt Leben in die Dehler 30 OD. Der Wind setzt pünktlich ein, schickt eine hübsche auflandige Welle und die schwarzen Quantum-Tücher entwickeln ihre Kraft. Fußgestell ausgeklappt, per Trimm-Klemme entsprechend der Krängung fixiert, Pinnenausleger umfasst, Großschot Feineinstellung gezogen, Traveller etwas nach Luv, Blick nach vorne gerichtet: los geht’s.
Was sagt einem dieses Boot? Spricht es zum Steuermann? Übersetzt es seine Bewegung auf die Pinne? Kommt das Gefühl in den Fingern an? Reagiert es auf Anweisungen? Kann man noch mit der Welle spielen, oder muss man sie klaglos hinnehmen? Das sind wichtige Faktoren für die Definition von Segelspaß.
Bei einer 30 Fuß Kielyacht, auf der geschlafen wird, muss man in dieser Hinsicht normalerweise Abstriche machen. Wer beim Segeln sein Schneckenhaus dabeihaben will, schleppt eben mehr Gewicht mit. Aber diese Dehler 30 ist anders. Sie wiegt mit 2,8 Tonnen mehr als eine Tonne weniger als Cruiser-Yachten der gleichen Länge.
Das merkt man - im wahrsten Sinne des Wortes. Beim Amwind-Steuern beginnt der Oberkörper hin und her zu pendeln. Er nimmt den Rhythmus des Schiffes auf, den Takt des Seegangs. Die Sicht nach vorne ist frei. Jede Welle kann angepeilt, umfahren oder zerteilt werden. Mit dem zweiten Boot auf Parallelkurs wird klar, wie sensibel diese Dehler ist. Bloß nicht zu hoch steuern, nicht zu hart trimmen, und prompt fährt sie im Vergleich ein Stück voraus. Eine ansprechende Herausforderung, ihre Schokoladenseiten zu erschließen. Noch mehr mit dem 95 Quadratmeter Gennaker im Topp. Spitz oder tief steuern, wie rutscht man am schnellsten die Wasser-Rampen herunter? Ein großer Spaß!


Wer diesen Aspekt des Segelns mag - das Tüfteln und Ausprobieren bei der Suche nach dem schnellsten Trimm, dem Zehntel Speed - empfindet das Schiff als tolle Spielwiese. Er freut sich über die vielen Trimm-Optionen. Der Blick wandert den 14,30 Meter hohen Mast empor und checkt, ob die Aramid-Tücher mit etwas mehr Backstag-Zug ein noch schöneres Profil haben könnten.
Wem das egal ist, den dürfte das unaufgeräumte Cockpit stören. Überall liegen Leinen und Strecker herum. Hohe Lasten erfordern viele Umlenkungen und lange Wege. Die Zweihand-Crews müssen vernünftige Systeme erdenken, um Ordnung halten zu können - und einfach viel aufräumen
So ist es eben auf einer Regattayacht. Oliver Schmidt-Rybandt, der bei Dehler nur als „Berater offshore“ geführt wird, aber dieses Projekt mit Know How, seiner Firma Speedsailing und viel Herzblut maßgeblich vorantreibt, seit Initiator Karl Dehler ihm den Staffelstab übergab, wird in diesem Punkt sehr deutlich. Selbst die Pogo 30, die wie kaum eine andere Yacht den Weg für schnelles Hochseesegeln mit kleiner Crew bereitet hat, ist deutlich gemäßigter in Bezug auf die wettkampforientierte Zielgruppe unterwegs. Wer dieser ganzen Trimmerei ablehnend gegenüber steht, wer die vielen verstellbaren Variablen nicht schätzt, sollte sie auch nicht kritisieren. Die Dehler 30 OD ist dann einfach nicht sein Boot.
Für Racer aber könnte es zum Traumschiff werden. Dann nämlich, wenn sich tatsächlich eine Einheitsklasse etabliert, wenn man sich nicht dem Äpfel-mit-Birnen-Vergleich beim meist unfairen Handicap-Segeln nach ORC- oder IRC-Formel unterwerfen muss. Sollte das gelingen, steht allerdings ganz besonders die Dehler-Produktion unter Druck. Größere Differenzen beim Endprodukt werden von One-Design-Regattaseglern schnell entdeckt und nicht akzeptiert.

Viel Komfort wird wohl niemand an Bord erwarten, dennoch wird ein Mindestmaß erreicht.


Das Cockpit macht deutlich, dass es zu einer Rennyacht gehört. Schutz für die Crew durch Sprayhood oder Sülls sucht man vergeblich. Dafür sind die Sicht auf die Segel und voraus sowie der Weg auf das Seitendeck absolut frei. Auch die Seitendecks selbst sind weitgehend frei. Anstelle von Schienen kommen für die Genauschotführung 3-D-Holepunkte zum Einsatz. Die Püttinge sitzen außen am Rumpf. So bleibt der Durchgang aufs Vorschiff sicher.
Der Traveller verläuft hinter den Duchten quer über die ganze Breite, d.h. er kommt der Crew nicht in die Quere. Die Trimmleinen für den Traveller sowie Grob- und Feintrimm der Großschot kommen mittig auf dem Boden an und sind jederzeit gut für die Crew erreichbar. Die Duchten sind leicht angeschrägt für einen bequemen Sitz.
Die Netzbespannung verhindert, dass jemand durchtritt und die Fußraste so zur Stolperfalle wird. Eine Eigenheit, auf die Werft und Entwickler besonders stolz sind, ist der strömungsgünstig versenkte Motor - Dehler Stealth Drive. Die Welle verfügt über ein Kardangelenk und kann in einen Rezess im Rumpf gezogen werden, der durch einen Deckel glatt verschlossen ist. Wird der Motor gebraucht, wird der Hebel gelöst und die Welle abgesenkt. Da der Propeller mit im Rezess verschwindet, kommt ein effektiver Festpropeller zum Einsatz.

Quantum-Tücher, viele Fallen und Strecker und das breite Heck lassen es bereits erahnen: Die Dehler 30 OD ist auf Regattasegeln ausgelegt.


Unter Deck wirkt die Dehler 30 OD spartanisch und etwas duster. Zwei Aufbaufenster und der Niedergang selbst verschaffen am Einstieg ein wenig Licht, aber weiter vorne gibt es nur noch ein Luk am Mast. Der Raum ist im Wesentlichen offen. An Steuerbord befindet sich eine kleine Pantry, dahinter der Durchgang zur einen Achterkajüte. An Backbord liegt das WC mit dem Durchgang zur anderen Achterkajüte. Der Salon geht nahtlos in das Vorschiff über, das als Segellast oder Doppelkoje dienen kann.
Zwischen Niedergang und Salontisch herrscht eine Stehhöhe von 1,83 Meter. Die Pantry ist rudimentär mit einem einflammigen Gaskocher und einer Spüle ausgestattet. Ums Kochen geht es hier nicht, eher ums Aufwärmen und um heiße Getränke. Der Stauraum ist entsprechend knapp, aber ausreichend bemessen: Eine Ablage hinter dem Kocher und ein Fach darunter mit Platz für Klappkisten oder Taschen. Auf einem kleinen Podest ist Raum für eine mobile Kühlkiste. Einen Navigationstisch gibt es nicht. Am Schott zum WC an Backbord hängen das Schalterpanel und das Funkgerät, sodass dessen Kabel bis zum Niedergang reicht. Dort sind auch USB-Steckdosen vorhanden, die entsprechenden Geräte können zum Laden in einer Tasche darunter deponiert werden. Die Dehler 30 OD ist auf elektronische Navigation ausgelegt, die in erster Linie im Cockpit stattfindet. Für Papierkarten ist - wenn überhaupt - auf dem Salontisch Platz. Um in den Salon zu gelangen, steigt die Crew über eine fette Bodenwrange, die Teil der Innenschale ist, die den Rumpf verstärkt. Darin befinden sich zwei Staufächer, von denen eins für eine Batterie vorgesehen ist. Die Salonbänke sind aus formverleimtem Sperrholz, somit gut abzuwischen und praktisch unter dem Gesichtspunkt, dass unter Deck mit nassen Segelsäcken oder ähnlichem hantiert werden wird. Die Rückenlehnen dienen als Polster, wenn die Bänke mit Leesegeln zu Seekojen umgebaut werden.
Die Doppelkoje im Vorschiff ist kriechend zu erreichen. In der Regel wird sie wohl als Segellast verwendet werden, der Zugang ist hier einfach am besten. Der Stauraum unter der geteilten Doppelkoje ist ergonomisch gut gelungen. Anstatt eines Lattenrostes sind hier zwei GFK-Klappen mit Luftschlitzen per Scharnier jeweils seitlich befestigt. Polster weg, Klappe hoch, Stauraum offen. Keine Matratze muss festgehalten werden, es fliegen auch keine Sperrholzdeckel rum, und der Zugang reicht über die volle Länge. Zum Schlafen dienen - wenn das Vorschiff Segellast wird - die beiden Achterkabinen. Mit einer maximalen Breite von etwas über 90 Zentimeter sind das Einzelkojen. Von beiden Achterkabinen ist der Technikraum offen zugänglich, die Bewohner können sich direkt die Hand geben. Im Prinzip kann der Zugang aber mit Textilien verkleidet werden. Stauraum für Taschen gibt es in seitlichen Ablagen neben den Tanks für den Wasserballast.

Alles in allem kann man also vier Leute zum Schlafen unterbringen, wenn man möchte. Ausgelegt ist das Boot aber eher passend zum Konzept für zwei Personen. Die kleine Nasszelle an Backbord bietet mit der einzigen Tür an Bord auf dem WC etwas Privatsphäre. Auf ein zweites Waschbecken an dieser Stelle hat man verzichtet, dafür gibt es hier noch etwas Stauraum.

Fazit

Hanse bewirbt die Dehler 30 OD als Performance-Boot, das sich gleichzeitig zum Tourensegeln eignet. Das klingt nach Performance-Cruiser. Aber wenn man ehrlich sein will: Da ist nicht viel mit Cruiser. Man braucht zum Vergleich nur einen Blick ins Cockpit beispielsweise einer Pogo 30 zu werfen.

Dehler Stealth Drive: Über diesen Hebel kann die Wellenanlage aus und in den Rumpf geschoben werden.


Offener Technikraum: In der Bildmitte sieht man die Installation für den Wasserballast. Angetrieben wird die Dehler von einem 9,9 PS Nanni Diesel.


Dort Klarheit und Minimalismus, hier Leinen, Klemmen und noch mehr Leinen. Auf der Dehler 30 OD geht es in erster Linie ums Regattasegeln und in zweiter Linie um die Etablierung einer neuen Einheitsklasse. Auch die historischen Analogien deuten in diese Richtung. Die Werft stellt das Projekt in eine Reihe mit der Sprinta Sport und der DB 1.
Natürlich kann man mit der Dehler 30 OD auch einen Sommertörn segeln. Und man kann auch abends im Cockpit sein Bier trinken. Trotzdem dürften sich von dieser Art des Urlaubs in erster Linie die Freundinnen und Freunde des schnellen Segelns angezogen fühlen: keine Dusche, keine Schränke, keine Privatsphäre.
Das ist aber beim Urlaub im Campingbus nicht anders. Es dürfte also genug Leute geben, die genau darauf Lust haben. Und diese werden dann - so das Projekt Einheitsklasse abhebt - zum Beispiel über Himmelfahrt in ihrer eigenen Gruppe Baltic 500 segeln und danach in der dänischen Südsee ausspannen können. Keine ganz schlechten Aussichten. Carsten Kemmling + Jan Maas