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Dehnen, aber richtig!


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Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 40/2022 vom 11.03.2022

PFERDEGERECHT REITEN

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Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 40/2022

Gutes Reiten schützt das Pferd. Doch auch das Reiten in einer korrekten Dehnungshaltung braucht Übung und entwickelt sich durch entsprechendes Training

Vor rund 55 Millionen Jahren zogen kleine, laubfressende Urpferdchen durch die Wälder. Mit dem Wandel des Klimas änderte sich auch die Vegetation und damit das Nahrungsangebot. Pferde wurden zu Grasfressern. Das Futter war in Bodennähe zu finden. Auch unsere heutigen Pferde sind von Natur aus Dauerfresser, die sich eigentlich viele Stunden am Tag mit tiefem Kopf und Hals vorwärts bewegen. So verbringen freilebende Pferde rund die Hälfte bis zu drei Viertel ihrer Lebenszeit damit, mit dem Kopf in der Fresshaltung dicht über dem Boden zu grasen. Evolutionär bedingt, hat sich der Organismus optimal an diese Lebensweise angepasst. Von den Zähnen und Verdauungsorganen über die Anatomie des Bewegungsapparates bis hin zur Psyche. Wenn wir physiologisch reiten wollen, also die natürliche, gesunde Bewegungsweise unserer Vierbeiner so wenig wie möglich durch unsere Einwirkung stören ...

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... wollen, müssen wir die Natur des Pferdes kennen und berücksichtigen. Das heißt auch, „das Pferd gemäß seiner natürlichen Anlagen zu trainieren und es trotz der Reitnutzung eben nur auf eine Weise zu belasten, die ihm entspricht“, sagen Katharina Möller und Claudia Weingand, die sich eingehend mit dem Thema Dehnungshaltung auseinandergesetzt haben. Hingegen führten unphysiologische Belastungen durch unnatürliche Bewegungsweisen zu Stress und Verschleiß.

Weideschritt und Zwanglosigkeit

„All diese Vorteile des ‚Weideschrittes‘ finden sich wieder im reiterlichen Fachbegriff der Zwanglosigkeit“, so unsere Expertinnen. Diese zeige sich beim Reiten mit hingegebenem Zügel: Der Reiter fasst die Zügel an der Schnalle, lässt sie also maximal lang, dadurch ist das Pferd in seiner Kopf-Hals-Haltung völlig frei. „Der Reiter lässt sich einfach passiv tragen und steuert das Pferd möglichst ausschließlich über Gewichtsund gegebenenfalls impulsartige Schenkelhilfen, ohne es in seiner Haltung zu beeinflussen“, erläutern Katharina Möller und Claudia Weingand. „Ein zwangloses Pferd darf den Hals auch gänzlich hängen lassen, also gegebenenfalls mit der Nase am Boden gehen, wird jedoch auch immer mal wieder beiläufig in der Gegend umherschauen und zeigt im Schritt die natürliche Nick-und Pendelbewegung des Halses.“ In dieser Haltung bewegt sich das Pferd ohne besonderen Ausdruck in den Bewegungen. Unabhängig von der Halshöhe handelt es sich noch nicht um eine sinnvolle Dehnungshaltung, jedoch ist die Zwanglosigkeit eine wichtige Voraussetzung, um sie zu erreichen. In freier Wildbahn springt in der Regel kein Reiter für eine Stunde täglich auf den Rücken des Pferdes, und die Vierbeiner stehen auch nicht in Boxen. Pferde sind nicht zum Gerittenwerden geboren. Daher ist es Aufgabe des Reiters, für die Gesunderhaltung seines Partners zu sorgen.

GUT ZU WISSEN

Lässt das Pferd an der Longe ohne Probleme und freiwillig den Hals fallen, aber will sich unter dem Reiter nicht wirklich oder nur nach langer Lösungsphase dehnen, dann kann gegebenenfalls der Sattel schuld sein. Ein Pferd fühlt sich nur wohl, wenn dieser sowohl passt als auch richtig platziert ist. Außerdem muss der Reiter ausbalanciert und geschmeidig mitschwingend sitzen können, damit der Vierbeiner auch wirklich loslassen kann.

UNSERE EXPERTINNEN

CLAUDIA WEINGAND und KATHARINA MÖLLER betreiben das OsteoDressage Ausbildungszentrum im historischen Wildpark Duttenstein in Dischingen. Die beiden erfolgreichen Fachbuchautorinnen bieten Aus-und Weiterbildung für Reiter, Pferde, Trainer und Therapeuten sowie zahlreiche Onlinekurse für Pferdemenschen an. www.osteo-dressage.com

Am besten in leichter Dehnung

Das Pferd braucht nicht nur eine gewisse Stabilität, sondern auch Mobilität. „Das Reiten in korrekter Dehnungshaltung vereint einerseits Muskeltraining, damit der Brustkorb nebst Reitergewicht in die trainierten Rumpfträger hineinschwingt, anstatt die Extremitäten zu verschleißen“, erklären Katharina Möller und Claudia Weingand. Andererseits trainiere es die ventrale Kette, welche die Wirbelsäule von unten stütze und damit unter anderem den Übergang zwischen Hals-und Brustwirbelsäule (Cervicothorakaler Übergang – CTÜ) entlaste. Damit das Pferd dabei die Oberlinie entspannen und über den Rücken schwingen kann, ist ein gewisses Maß an Zwang- losigkeit nötig. In leichter Dehnung arbeitet Muskulatur am besten. „Vereinfacht gesagt, kommt es dabei zu einer schrittweisen Verkürzung der Muskelfasern“, so unsere Expertinnen.

VORWÄRTS-ABWÄRTS

„Was tatsächlich vorwärts-abwärts zeigen soll, ist zunächst einmal einfach die Stirn-Nasen-Linie des Pferdes, und zwar grundsätzlich, unabhängig von der Halshöhe“, erklären Katharina Möller und Claudia Weingand. Diese Anweisung finde sich in der Reitvorschrift der H.Dv., also dem Ursprung der deutschen Reitlehre. Manche reiten die Nase eher rückwärts-abwärts, was falsch ist. „Je tiefer der Hals des Pferdes ist, desto mehr muss sich der Genickwinkel öffnen, damit die Stirn-Nasen-Linie immer noch nach vorwärts-abwärts zeigt“, erklären unsere Expertinnen. Das passe wunderbar mit den Grundsätzen des physiologischen Bewegens zusammen, von daher sei dieser Merkspruch nach wie vor zeitgemäß und absolut berechtigt. Vorwärts-abwärts gibt auch die Richtung an, in die ein Pferd den Rahmen erweitert. Natürlich auch hier nur, wenn es klassisch und physiologisch geritten wird. „Beim Verlängern der Zügel sowie beim Verlängern der Schritte oder Tritte öffnet es seinen Genickwinkel und drückt die Nase ein wenig mehr vorwärts, während der Hals sich ein klein wenig abwärts senkt“, so Katharina Möller und Claudia Weingand. Weicht das Pferd jedoch beim Zügel-aus-der-Hand-kauen-Lassen stattdessen Richtung abwärts-rückwärts aus, dann wird es tief und eng. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass entweder in diesem Moment keine Losgelassenheit vorliegt oder die Grundausbildung nicht korrekt war.

ZÜGEL-AUS-DER-HAND-KAUEN-LASSEN

Mit dieser Lektion können Losgelassenheit und Dehnungsbereitschaft des Pferdes an die Hand nicht nur geschult, sondern auch überprüft werden. Das Zügel-aus-der-Handkauen-Lassen zählt zu den lösenden Übungen. „Für gesunderhaltendes klassisches Reiten ist sie unabdingbar und in der Praxis tatsächlich die Lektion, die man wirklich in jeder einzelnen Reiteinheit wiederholt einbauen sollte und entsprechenden Wert darauf gelegt werden muss, dass der Reiter sie korrekt erlernt“, betonen Katharina Möller und Claudia Weingand. Und so geht’s im Trab:

Die Zügel sind aufgenommen, und Ihr Pferd geht mit Anlehnung in Gebrauchshaltung oder je nach Ausbildungsstand und vorhergehender Lektion eventuell schon in Dressurhaltung, also mehr oder minder aufgerichtet.

Sie tragen Ihre Zügelfäuste in korrekter Position vor sich. Nur wenn der Grundsitz einschließlich der Hand-und Armhaltung stimmt, kann das Zügel-aus-der-Handkauen-Lassen gelingen. Dabei hängen die Oberarme locker am Oberkörper herab. Die Daumen zeigen nach oben, die Handgelenke sind in Mittelstellung, und die Hände befinden sich in der Nähe des Widerristes.

Von oben auf die Hände geschaut, bilden beide Unterarme vom Ellbogengelenk über den Daumen bis zum Pferdemaul jeweils eine Gerade. Sollte diese Linie Unteram-Pferdemaul gebrochen sein, muss die Breite der Hände angepasst und dabei gegebenenfalls auch die Zügellänge korrigiert werden, bis eine Gerade entsteht. Der Daumen fixiert den Zügel auf der jeweiligen Länge, daher muss er dachförmig auf dem Zügel aufliegen.

Ein gewisses Maß an Anlehnung ist zur Vorbereitung des Herauskauenlassens wichtig. Über die Schubkraft können Sie die Stärke der Anlehnung variieren. Bei einem losgelassenen, korrekt gearbeiteten Pferd sorgt das etwas vermehrte Treiben mit der flachen Wade in richtiger Position dafür, dass das Pferd seinen Hals ein klein wenig verlängern möchte. Bleibt Ihre Hand dabei passiv konstant und weich federnd mit geschlossenen Fingern, ist eine Zunahme der Anlehnung zu spüren. Ihr Pferd zieht sozusagen in die Hand hinein. Genau diesen Zug lassen Sie nun mit einer kleinen Zeitverzögerung heraus. Das geschieht, indem Sie ihn zunächst für einige Trabtritte aushalten und dann die Finger, insbesondere den Daumen lockern. Damit ermöglichen Sie Ihrem Pferd, den Hals zu verlängern und „die Zügel aus der Hand zu kauen“.

Idealerweise kommt es während des Moments der aushaltenden Hand zum sogenannten „Abstoßen am Gebiss“. Ihr Pferd löst seinen Unterkiefer und damit verbunden sein Genick. Während es den Hals verlängert, kaut es. Gegebenenfalls kann es nötig sein, während des Herauskauenlassens weiter nachzutreiben. Treiben Sie an die Hand heran, öffnen Sie dann die Finger und entlasten Sie leicht, um dann während des Verlängerns des Halses noch mal zu treiben.

FRAGEN? – WIR ANTWORTEN

Mein Pferd kaut den Zügel nicht weiter heraus. Schließen Sie Ihre Daumen wieder und treiben Sie in dieser Position noch einmal an die Hand heran, bis Sie den vermehrten Zug an die Hand, also die vermehrte Anlehnung, spüren. Dann öffnen Sie Ihre Finger und lassen Ihr Pferd ein weiteres Stückchen mehr herauskauen.

Was ist das Ziel der Übung? Das etappenweise Herauskauenlassen gelingt irgendwann bis in die Tiefe – natürlich immer in Abhängigkeit von Ausbildungsstand und Exterieur des Pferdes und ohne den Kontakt zwischen Reiterhand und Pferdemaul, also ohne die Anlehnung aufzugeben.

Und wenn mein Pferd auf dem Weg in die Tiefe irgendwann die Anlehnung verliert? Wenn Ihr Pferd seinen Hals mit durchhängenden Zügeln einfach hängen lässt, handelt es sich nicht mehr um eine korrekte Dehnungshaltung. Allerdings ist das Fallenlassen des Halses ja ein Zeichen für Zwanglosigkeit und zeigt somit, dass Ihr Pferd grundsätzlich korrekt gearbeitet wurde. „Erlauben Sie Ihrem Pferd also unbedingt trotzdem immer wieder, die Zügel ganz herauszukauen, auch wenn das noch nicht vollständig korrekt in Anlehnung und ‚durchs Genick‘ gelingt, denn solange das Pferd den Hals freiwillig verlängert, ist das grundsätzlich die richtige Richtung!“, sagen Katharina Möller und Claudia Weingand. Nach einigen Metern können Sie die Zügel ruhig wieder aufnehmen.

Was muss ich beim Wiederaufnehmen der Zügel beachten? „In den meisten Fällen muss der Reiter beim Aufnehmen treiben, um den Rhythmus konstant zu behalten“, erklären unsere Expertinnen. „Bewegt sich das Pferd mit egal welcher Zügellänge wie ein Uhrwerk im Takt, ist das Zusammenspiel der treibenden und verhaltenden Hilfen des Reiters perfekt.“ Das gelingt nicht von heute auf morgen, sondern bedarf jahrelanger Übung und einer feinen, gefühlvollen Einwirkung. Beim Verkürzen richten Sie sich langsam millimeterweise mit auf. Ihr Oberkörper nähert sich so wieder der Senkrechten. Ist das Genick Ihres Pferdes der höchste Punkt, sollten Sie senkrecht sitzen, andernfalls ist ein leicht entlastendes Sitzen knapp vor der Senkrechten korrekt.

Ist ein Muskel jedoch bereits verkürzt, weil sich Ansatz und Ursprung angenähert haben, dann ist keine oder kaum eine weitere Verkürzung möglich, und der Muskel wird sozusagen insuffizient. Das passiert mit dem vorderen Teil des sogenannten Musculus serratus ventralis, der zur Schultergürtelmuskulatur gehört, wenn das Pferd Hals und Kopf hebt. Auch ein überdehnter Muskel ist insuffizient.

„Das passiert, wenn das Pferd den Kopf sehr tief, etwa in Grasehaltung, trägt“, sagen Katharina Möller und Claudia Weingand. Optimal arbeitet der Musculus serratus ventralis in Dehnungshaltung, wenn sich das Maul des Pferdes auf Buggelenkshöhe oder auch etwas tiefer befindet, sowie in Gebrauchshaltung, wobei das Maul leicht oberhalb des Buggelenks ist.

Dehnungs-und Gebrauchshaltung

Schauen wir uns nun ein losgelassen arbeitendes Pferd an: Kopf und Hals kommen etwas höher, auch wenn die Nase vorher beim zwanglosen Bummeln fast am Boden hing. Damit das Pferd sie etwa auf Höhe des Buggelenkes anhebt, ist es wichtig, korrekt zu reiten und zu sitzen. Dann passiert es einfach nebenbei. „Nach der Phase des Langhals-Kurztritt-Lösetrabs reitet man zu diesem Zweck Tempounterschiede innerhalb des Trabes“, beschreiben Katharina Möller und Claudia Weingand. Durch ein sanftes Tritteverlängern verkürzt sich die Oberlinie durch die etwas erhöhte Aktivität des

Sympathikus, also des „Leistungsnerves“. Durch die treibenden Hilfen wird das Pferd dazu animiert, größere Tritte zu machen. Physiologischerweise kann das Vorderbein nur dorthin treten, wohin die Nase zeigt. Daher kommt diese auch etwas mehr nach oben und muss zudem mehr nach vorne zeigen, um den Raumgriff zuzulassen. „Dabei kann das Pferd aber nur so sehr im Tempo zulegen, wie es in der Oberlinie noch entspannt und im selben Takt bleiben kann“, geben unsere Expertinnen zu bedenken.

„Egal auf welcher Halshöhe wir es bewegen, die Oberhalslinie von den Ohren bis zum Widerrist muss doppelt so lang erscheinen wie die Unterhalslinie von der Kehle bis zum Bug.“ Doch welches Maß in Bezug auf das Tritteverlängern ist passend? Orientieren Sie sich am Takt: Er muss genauso ruhig bleiben, wie in der Zwanglosigkeit. Das heißt der Bewegungsablauf darf nicht eiliger, sondern nur raumgreifender werden. Reiten Sie viele kleine Tempovarianten und wirken Sie gefühlvoll, dosiert ein.

Form follows function

Ein weiterer Baustein sind die Hufschlagfiguren. Hier ist es wichtig, exakt zu reiten. Wenn die Linien kleiner werden, beginnt das Pferd, sich vermehrt zu biegen. Wenn es nicht durch die Einwirkung des Reiters oder Hilfszügel in eine Form gepresst wird, nimmt es von Natur aus eine Haltung ein, die seinem Exterieur, seinem Ausbildungsstand und der gerade geforderten Bewegung angemessen ist. „Form follows function“ die Form folgt also der Funkti on. Während sich der Vierbeiner in einem gemächlichem Langhals-Kurztritt-Lösetrab ganze Bahn mit hingegebenem Zügel noch regelrecht hängen lassen kann, muss er auf der Linie einer Volte in Biegung gehen. Wird daraus ein Tritte verlängern gefordert, gelingt das nur, wenn sich das Pferd ein bisschen mehr aufrichtet. Die sogenannte Dehnungsbereitschaft ist ein wichtiges Kennzeichen der Losgelassenheit: Das Pferd sucht die Reiterhand, und auf diese Weise entsteht Anlehnung. Dabei handelt es sich laut Definition der deutschen Reitlehre um eine stete, weich federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul. Einfach gesagt, geht es um einen gleichmäßigen Kontakt, und das Pferd soll an beide Zügel herantreten. Dazu werden diese aufgenommen und nicht mehr hingegeben wie in der Zwanglosigkeit.

Durch korrekt gerittene lösende Lektionen auf Grundlage der Zwanglosigkeit kann ein konstanter werdender Kontakt erreicht werden, der dann auch auf verschiedenen Kopf-Hals-Höhen erhalten bleibt. „Oft stellt sich die weich federnde Anlehnung erst in kurzen Momenten ein, bevor man sie wieder verliert, dann werden die guten Momente immer öfter und letztlich immer länger, bis sie wirklich konstant erhalten bleibt“, ermutigen uns unsere beiden Expertinnen.

HILFE – MEIN PFERD WIRD UN­ ABSICHTLICH ZU ENG IM GENICK!

Die Ursachen für ein Zu-eng-Werden im Genick können vielfältig sein. Danach richten sich auch die jeweiligen Lösungswege:

Ein kurzfristiger Einwirkungsfehler: Sie haben womöglich doch einmal etwas zu stark mit der Hand eingewirkt. Meist genügt es, wenn Sie wieder nachgeben und die Tritte ein wenig verlängern. Durch die entstehende Schubkraft wird die Nase nach vorne gedrückt. Anschließend lassen Sie die Züge aus der Hand kauen und nehmen sie dann wieder neu auf. Danach dürfte ein bisher korrekt ausgebildetes Pferd nicht mehr zu eng im Genick sein und Sie können die Reiteinheit ganz normal weiterführen.

Das kurzfristig zu enge Genick: Es ist kein Drama, wenn das Pferd mal für ein paar Trabtritte zu eng im Genick wird. Dennoch ist es natürlich kein Ausbildungsziel. Überprüfen und verbessern Sie die eigene Handeinwirkung sowie das Zusammenspiel der Hilfen.

Das Pferd beugt sein Genick zu stark und rollt den Hals ein: Ein falscher Knick bei dem das Genick nicht mehr der höchste Punkt ist, ist grundsätzlich ein Ausbildungsfehler. Hinzu kommt dass dieses Bewegungsmuster zu einem massiven Verschleiß führt. Das Ganze darf nicht als normal hingenommen werden – hier ist unbedingt eine professionelle Korrektur nötig.

Ausweichen bei Gebisskontakt: Hat ein Pferd gelernt, bei jeglichem Gebisskontakt nach rückwärts auszuweichen, sucht es keine Anlehnung an das Gebiss. Wenn der Reiter den Zügel anfasst, kommt es sofort hinter die Hand. Das Pferd muss lernen, dass es sich keine nachgebenden Hilfen vom Reiter holen kann, indem es sich eng macht und den Genickwinkel schließt. Dazu muss der Reiter beziehungsweise Bereiter das Pferd gegebenenfalls energisch dazu auffordern, an die absolut passive Hand heranzutreten und dann im genau richtigen Moment nachzugeben. Die nachgebende Hilfe erfolgt also genau dann, wenn das Pferd den Genickwinkel öffnet. Timing ist dabei sehr wichtig.

DER FALSCHE KNICK

Ein zu starkes Beugen des Genicks und ein Einrollen des Halses muss korrigiert werden. Dabei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle:

Osteopathie: Katharina Möller und Claudia Weingand empfehlen als erste Maßnahme eine osteopathische Behandlung, da bei einem falschen Knick in aller Regel Genickbefunde vorliegen. Außerdem sei unbedingt zu vermeiden, dass das Pferd sich in dieser Haltung weiterbewege.

Bewegung und Reiten: „Wenn der Reiter nicht so versiert ist, dass er das Problem selbst lösen kann, ist er mit dem Longieren am Kappzaum sowie dem zwanglosen Reiten mit hingegebenem Zügel erst einmal auf der sicheren Seite“, so unsere Expertinnen. Lässt das Pferd seinen Hals zwanglos aus dem Widerrist fallen, wird der fälschlich geknickte Bereich entlastet. Hinzu kommt der Trainingseffekt auf die entsprechenden Strukturen – eine gute Voraussetzung dafür, dass die Zügel später aufgenommen werden können, ohne dass es zu einem falschen Knick kommt.

Reiterliche Korrektur: Durch korrekte Biegearbeit kombiniert mit einem feinfühligen Zügel-aus-der-Hand-kauen-Lassen. Dabei müssen die treibenden und nachgebenden Hilfen perfekt abgestimmt sein. Kann der Reiter die Aufgabe selbst nicht lösen, sollte er sich Hilfe von einem Profi holen, um den Prozess nicht zu gefährden.