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DEICHKIND: ”Durch die Evolution wird alles noch geiler und beschissener werden “


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 12.09.2019

Deichkind ahnen alles als Allererste: Textüberschriften, Trends und die Zukunft des Fidget Spinners. Im Gespräch und auf seinem neuen Album verarbeitet das Hamburger Trio, das eigentlich eine vielköpfige Pop-Factory ist, die großen Themen der Zeit zu mal genialen, mal haarsträubenden, aber immer hinter- und wahnsinnigen Punchlines. Deichkind haben tausend Antworten – nur keine auf die Mutter aller Gegenwartsfragen: WER SAGT DENN DAS?


(„Das wird jetzt sicher die Headline dieses Interviews!“)

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Bildquelle: musikexpress, Ausgabe 10/2019

TEXT: LAURA EWERT

Es war eine lange Voyage. Seit 22 oder 20 Jahren machen Deichkind jetzt „so’ne Musik“. Vielleicht ...

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Es war eine lange Voyage. Seit 22 oder 20 Jahren machen Deichkind jetzt „so’ne Musik“. Vielleicht sogar schon 23, sagen die drei Herren um die 40 – Henning „DJ La Perla“ Besser, MC Sebastian „Porky“ Dürre und Philipp „MC Kryptik Joe“ Grütering – bei ihrem Interview zum Album WER SAGT DENN DAS?. Ihre neue Platte ist ein Meisterwerk der Divergenz, ein Abbild der Indifferenz der Gesellschaft, ein weiterer Beweis: Es gibt wenige Texter, die näher dran sind am Zeitgeist. Grund genug, das weise Deichkind-Orakel zu beschwören und ihm die großen Orientierungsfragen dieser Zeit zu stellen, weil: Wer will schon über Musik reden? Ist ja eh nur Hintergrundrauschen zu Textzeilen, die – wie so oft bei Deichkind – zu Redewendungen werden könnten. „Richtig geiles Zeug“ug“ ? Leider geil! Aber dann artet das Gespräch völlig aus. Wie eine Liveshow von Deichkind.
Ist Greta Thunberg der einzige Popstar unserer Zeit?
Porky: Wahrscheinlich. Ich bin 100 Prozent pro Greta. Scheiß auf das ganze Gehate. Die macht was, weiter so! Die segelt sogar nach Amerika! Das Thema muss noch größer werden. Es ist doch so: 60 oder 70 Prozent der Wähler sind alte Menschen. Da sollte es ein Ausschlussverfahren geben. Alte und Junge sollten zahlenmäßig zu gleichen Anteilen wählen dürfen, dem Rest wird das Wahlrecht aberkannt. Den runzeligen Weißhaarigen, die die Zukunft ihrer Enkel in ihren Scheiß-Reihenhäusern weggrillen, muss etwas entgegengesetzt werden.
Macht ihr alles richtig?
Porky: Wer sagt denn das?
Gealterte Musikjournalisten.
Kryptik Joe: Wir wurden mal gefragt, ob wir nicht Coachings anbieten wollen.
So wie Kollegah?
Kryptik Joe: Beim Thema Coaching sind wir ambivalent.
La Perla: Wir machen aber Interviewtraining für Rammstein.
Kryptik Joe: Und wir waren mal an einer Schule und haben den jun- gen Leuten was gezeigt. Ist doch nice, zumindest wenn die Bock haben.
Porky: Kinder schreiben ja auch gute Texte, von denen kann man auch lernen. „Guck mal Papa, da ist die Freizeitstatue.“
Kryptik Joe: Oder „Königsberger Kekse“ statt Prinzenrolle.
Porky: „Ich hab so ausgesahnt an Weihnachten!“ Oder: „Ich hätte gerne eine Kugel Schwarzer Teller.“
Ein bisschen witzig waren Deichkind schon immer. Hamburger Humorschule. Die Jahrgangsstufen mit guten Noten und„Remmidemmi“ durchschritten. Und: Deichkind haben die Neuerfindung quasi neu erfunden. Ihre Transformation: Von der Hamburger HipHop- Gruppe zur Spaß-Tech-Kombo zwischen Impro-Theater und Musical, gekleidet in Müllsäcke und in wechselnder Besetzung. Immer was los – obwohl Arbeit nervt.
Habt ihr gerade Vogelgezwitscher abgespielt?
Kryptik Joe: Das war mein Wecker.
La Perla: Das ist eine gute Idee, schreibt das auf. Ab dem nächsten Interview spielen wir Vogelgezwitscher im Hintergrund.
Wie schon beim letzten Album NIVEAU WESHALB WARUM hat die Band vor dem Gespräch Karten verteilt, um den Interviewern ein paar Themenvorschläge an die Hand zu geben. Aus Angst vor langweiligen Musikjournalistenfragen, heißt es. Mode-Interview? Kulinarisches Interview? Lustiges Interview? An den Wänden hängen Zettel: „Lass’ mal über den besten Song reden“ steht da drauf oder „Frag’ doch mal eine Antwort“. Und damit wirklich nichts schiefgehen kann, bestechen sie die Journalisten auch noch. Letztes Mal gab es Fruchtgummi-Ware, diesmal „Merci“-Pralinen. Zusätzlich liegen auf dem Tisch sehr viele Bücher: „The Story of The Streets“, Rüdiger Nehbergs „Die Kunst zu überleben“, irgendwas vom Spirituellen-Autor Eckhart Tolle. Rainald Goetzs „Rave“ natürlich. Deichkind sind wirklich auf alle Themen vorbereitet. Also weiter.
Was tun gegen Lehrermangel? Ist YouTube da eine Lösung?
Kryptik Joe: Auf jeden Fall. Ganz schlechtes Thema.
Wie gründe ich ein Start-up?
La Perla: Gar nicht.
Porky: Man macht Cappuccino, mietet sich eine Location und dann – keine Ahnung, ich glaube, man macht ein paar Partys und klaut Leuten ihre Ideen. La Perla: „The Manual“ von KLF lesen. Je weniger Ahnung du von irgendwas hast, desto besser bist du geeignet.
Porky legt die Beine auf den Tisch, benutzt Hand-Desinfektionsgel (macht er, wenn er U-Bahn fährt, sagt er) und setzt sich seine Sonnenbrille auf – wird sie aber, als das Gespräch bei den neuen Rechten ankommt, wieder abnehmen. Porky habe einen eigenen Witzemuskel, heißt es über den Texter, Gitarristen und MC. Kryptik Joe trägt eine „Body Count“-Cap, vor dem Rapper liegt ein Teenage Engineering OP-1; sein Arbeitsgerät, ein Synthesizer und Controller. Und der Liveshow-Regisseur und Denker La Perla trägt sein Hemd in der Hose, Bücher griffbereit und trinkt Wasser ohne Kohlensäure. Da kann man ja jetzt mal über Essen sprechen.
Welches ist das beste Rezept auf Chefkoch.de?
Kryptik Joe: Die Seite ist doch aus der Zeit gefallen, das ist so wie Ebay. War mal der krasseste Scheiß, und heute gibt es das gar nicht mehr so richtig. Porky: Ich kauf’ bei Ebay zwar Gitarrensaiten oder Schrauben, aber benutze zum Kochen eher Pinterest.
Wo sind die ganzen Fidget Spinner heute?
Kryptik Joe: Auf Flohmärkten in Schleswig-Holstein und Brandenburg.
Porky: In Schubladen, zusammen mit Batterien und Gummibändern.
La Perla: Ich hab’ alle gekauft, die es auf dem freien Markt gibt, und habe sie bei mir im Keller nach Farbe, Motiv und Preis sortiert. Ich wollte eigentlich ein Fidget- Museum aufmachen, aber dann bin ich davon abgekommen, wegen des neuen Albums.
Wo sind die E-Scooter in fünf Jahren?
La Perla: Hoffentlich weg! Weg! Weg! Weg! Weg!
Porky: In Namibia.
Sind die E-Scooter nicht vielleicht aus alten Fidget Spinnern gebaut?
La Perla: Das wüsste ich, dann würden bei mir im Museum welche fehlen. Heute Morgen waren aber noch alle da, ich habe nachgezählt.
Kann man Alexa und Siri belügen?
La Perla: Diese Firmen und ihr Geschäftsmodell des Datensammelns sehe ich sehr kritisch. Und nein, wir können sie nicht belügen. Wir müssen deswegen auch endlich über die Algorithmen- Ethik sprechen. Nach welchen Kriterien sollten Algorithmen funktionieren? Im Moment werden sie hauptsächlich von weißen Männern programmiert, da sind Diversity, Rassismus, Gleichberechtigung eher weniger Thema. Porky: Die belügen uns! Ich benutze das gar nicht. Lauschen die eigentlich die ganze Zeit?
La Perla: Ja, permanent. Ich kenne jemanden, der bei einem sozialen Netzwerk arbeitet und der sagte mir, seine Firma würde nicht so viel aufzeichnen wie andere, aber er hat mir verraten, welche Daten bei denen mitgeschnitten werden. Da fällst du um. Die können sich zum Beispiel anzeigen lassen, wie wahrscheinlich es ist, dass die Nutzer ihren Job wechseln wollen.
Was ist eigentlich aus dem Typ geworden, dessen Job gekündigt wurde, weil er euren Song „Bück dich hoch“ gepostet hat?
La Perla: Der arbeitet jetzt bei uns. In der Kostümabteilung. Der hat erst eine Schneiderlehre gemacht und ist dann eingestiegen. Ich hoffe, dass er noch lange bleibt, denn er ist sehr talentiert. Aber ich fürchte, dass wir ihn bald an die wirkliche Modeindustrie verlieren. Die buhlen schon.
„Dinge ersetzen Menschen“ singt ihr. Welche Dinge werden euch ersetzen?
Kryptik Joe: Dass eine Künstliche Intelligenz alle Songs von den Beatles einspeist und eigenständig einen Song komponiert, haben wir ja bereits erlebt.
Porky: Diese Entwicklungen müssen natürlich kritisch betrachtet werden, aber ich finde, man darf sich auch freuen. Es entstehen Chancen. Es ist alles geil und alles scheiße. Durch die Evolution wird alles immer noch geiler und noch beschissener werden.

La Perla: Das wird jetzt vermutlich die Headline dieses Interviews.
Porky: Alles geil, alles scheiße! Ich stand letztens an einem Feld, da fuhr so der Mähdrescher drüber, und am Rand standen Jäger und haben drauf gewartet, dass die Wildschweine rausgejagt kommen und sie die Viecher umnieten können. Da hat mir einer erzählt, es gibt jetzt Munition, die beim Eindringen in den Körper eine kleine Explosion auslöst, damit das Tier schneller stirbt und die Galle nicht verletzt wird. So wird das Fleisch nicht bitter. Das ist so martialisch, aber eigentlich ist es doch gut, dass das Tier schneller stirbt und noch gegessen werden kann. Ich bin schon lange Veganer. Aber es ist doch alles gut und alles schlecht heutzutage.
Wie viele Stunden Fernsehen am Tag sind okay?
Porky: So viel wie möglich! Kinder auch alle immer direkt vor den Fernseher setzen mit Cola und Süßigkeiten. Alles immer rein, damit sie früh die Schnauze voll haben.
Kryptik Joe: Und man zusätzlich noch seine Ruhe hat. Ist eine Win-win-Situation.
Porky: Ist ’ne Nimm-nimm-Situation. Nächste Frage!
Kann man mit Rechten reden?
Porky: Sollte man probieren. Aber es funktioniert oft nicht.
Kryptik Joe: Also, unser Konzept …
Porky: Darf ich mal ausreden? Der Krieg im Mittleren Osten, der Terror im Iran und Irak, das ist alles ein sich ständig wiederholender Vergeltungsschlag. Ich würde gerne mit meiner Mucke die Möglichkeit geben, wieder auf die helle Seite zu wechseln und zu sagen: „Hey, Diggie, du hast dich verlaufen, vielleicht vergisst du mal deine Gehirnwäsche.“ Ich glaube an die Menschen. Wenn ich durch die Zeit reisen könnte, würde ich den kleinen Adolf nicht erschießen, sondern versuchen, dieses kranke Kind zu isolieren und ihm eine Chance zu geben, es besser zu machen. Niemand wird als Nazi geboren.
Kryptik Joe: Wir haben in der Band eine Strategie festgelegt, nämlich die des Trojanischen Pferdes. Wir wollten zum Beispiel eigentlich keinen Song mehr übers Saufen machen, aber dann kam Porky mit dem geilen Titel „1000 Jahre Bier“ um die Ecke. Henning hatte Zweifel: Etwas zu monothematisch, zu martialisch, voll Rammstein. Porky: Gut, dann musste eben Till Lindemann her.
Der Rammstein- Sänger ist einer der Gäste der neuen Platte. Den Refrain von „1000 Jahre Bier“ , so erzählt man sich an Berlins Tresen, hat er von der Rammstein- Tour aus eingesungen. Passt gut, denn so wie Rammstein sind auch Deichkind eine Eventband, deren Musik vor allem live funktioniert. Weitere Gäste sind Olli Schulz, Felix Brummer von Kraftklub und Bela B., als Mittexter waren etwa Maurice Summen und Das Bo beteiligt. In ihrem Umfeld haben Deichkind eine Art Factory: Die Filmemacher von Auge Altona kümmern sich um die Videos, zuletzt das zum Song„Richtig gutes Zeug“ , in de„Richtitig gugutes Zeug“ , in dem Schauspiel-DJ Lars Eidinger mit Pulpo im Maul zu bestaunen ist. Produzent ist Roland „Roy“ Knauf, der auch mit Marteria und Peter Fox arbeitet. Ein weiteres Mastermind im Deichkind-Kosmos: Gereon Klug, Gründer des Hamburger Plattenladens Hanseplatte, Autor, DJ, Manager, Texter. Er sitzt auch bei diesem Interview dabei und passt gut auf.
Kryptik Joe: Deichkind ist eine Projektionsfläche, da kann jeder reinmalen, was er will. Und, da komme ich jetzt wieder zu unserer Strategie des Trojanischen Pferdes, „1000 Jahre Bier“ könnte Menschen jeder Couleur auf ein Deichkind-Konzert ziehen. Dann müssen sie es aber auch aushalten. Auch die Regenbogenfahnen und die „Refugees Welcome“- Sweater. Wir würden gerne alle mitnehmen und ihnen zeigen: Zusammen, das ist schöner.
La Perla: Ich möchte auch noch darauf hinweisen, dass es nicht nur um das Thema Nazis geht, sondern auch generell um das Thema Gewalt. Wir haben ein spontanes Konzert gespielt, an einem Montag in Dresden, anstelle der Pegida- Demonstration. Was wir da bei der Ankündigung im Netz an Hasskommentaren bekommen haben, und zwar nicht nur von rechts, das hat mich echt erschreckt. Ein zentrales Problem in der Gesellschaft ist der Umgang miteinander und die Gewalt in der Sprache. Das führt zu nichts. Das ist nur ein Sich-selbst-Überhöhen durch Abgrenzung von anderen. Wir müssen erkennen, dass hinter vielen Handlungen seelische Nöte stecken. Wir müssen an die Ursachen der Ängste kommen. Die Angst davor, in einer sich globalisierenden und digitalisierenden Welt zum Verlierer zu werden, oder der Angst vor Fremden. Diese Ängste rechtfertigen Rassismus nicht, aber es ist auch blöd, so zu tun, als ob sie nicht existieren. Der Moderator Yared Dibaba hat etwas Schlaues gesagt: Die Menschen, die hierher geflüchtet sind, sollten eine Inspiration sein, weil sie über Grenzen gegangen sind. Davon können wir auch vieles lernen.
Porky: Ich kann die Wutbürger und ihre Ohnmachtsgefühle verstehen. Die fühlen sich abgehängt. Das Problem ist aber, dass sie in die falsche Richtung treten, nämlich nach unten.
Kryptik Joe: Sorry, das sehe ich ganz anders. Ich kann einfach nicht nachvollziehen, wie man die AFD wählen kann.
Porky: Das habe ich nicht gesagt! Ich kann nur den Frust nachempfinden.
La Perla: Da würde ich gerne den österreichischen Psychologen Niels Birbaumer zitieren, der in einem Interview gesagt hat: „Die rechten Populisten nutzen schon immer den Trick, dass sie Möglichkeiten anbieten, um die Anstrengung des Durchdenkens zu umgehen.“ Es ist also nicht nur Angst vor dem Fremden, sondern auch die Denkfaulheit, sich mit Themen zu beschäftigen. Deswegen, glaube ich, ist es umso mehr Aufgabe einer Gesellschaft, mit den Abgehängten ins Gespräch zu kommen. „Fuck Nazis“ heißt auch, es sich zu einfach zu machen.
Vielleicht mal mit Rammstein auf Tour gehen? Manche Leute glauben, ihr habt eine ähnliche Strategie.
Porky: Wir können ja mal Vorgruppe für die machen.
Ja, oder die für euch.
Porky: Auch geil. Ich war letztens bei einer Jam-Session, da stand so auf einem Schild „Wir shufflen das“.
Wir sollten jetzt euer Image als witzige Band ein bisschen retten und zu leichteren Themen kommen.
Kryptik Joe: Das hat Gereon Klug auch schon gesagt: „Ihr müsst witziger werden.“
La Perla: Es sind doch spezielle gesellschaftliche Zeiten. Unser Stilmittel ist Humor, aber auch für uns ist es wichtig, mal zu sagen: „Spaß beiseite.“
Porky: Jetzt hab ich mal eine Frage: Was hat Boris Becker eigentlich so ruiniert?
Alkohol und Drogen?
Porky: Medikamente, ne? Der hat auch so ’ne richtige Weißweinfresse.
Kryptik Joe: Und der Erfolgsdruck.
La Perla: Ich kann mal eben einen Satz von Glenn Gould zitieren, weil ich den so geil finde. „Kinder sehen alles im Nichts, Erwachsene dagegen nichts in allem.“
Porky: Nächste Frage!
Immobilienbesitzer enteignen?
La Perla: Ja.
Porky: Watt?
Kryptik Joe: Unbedingt.
Was wird der ganz große Trend für 2020?
La Perla: Sich der Verwertungslogik komplett zu entziehen. Ich bin jetzt 40. Ich will niemandem mehr etwas verkaufen. Ich hab’ keinen Bock drauf, jemanden zu überzeugen, dass das, was ich mache, irgendwie geil ist. Das sind alles nur Angebote.
Porky: Du meinst, authentisch
sein ist der Trend für 2020?
La Perla: Den Begriff „Authentizität“ hinterfrage ich, denn wie kann ich nicht ich selber sein? Aber: Ich sehe die Abkehr von der Verwertungslogik. Das Like- Prinzip und das Resonanz-Prinzip – also alles, was Likes bringt, spült sich nach oben – hat seinen Zenit überschritten.
Porky: Der Trend 2020 für mich: Die Alten mit ihrer Scheiße konfrontieren.
Kryptik Joe: Ja, diese Rentner habe ich auch voll auf dem Kieker!

AlbumkritikS.92


FOTOS: BEN JAKON