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DEIN FREUND UND HELFER: IM EINSATZ


Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 70/2018 vom 15.06.2018

Pferde bei der Polizei haben einejahrhundertelange Tradition. In den vergangenen Jahren wurden viele deutsche Reiterstaffeln verkleinert – oder gar ganz abgeschafft. Dabei leisten sie bei zahlreichen Großveranstaltungen wichtige Arbeit. Wie das Training und dieAusbildung der Polizeipferde abläuft, hat uns Polizeihauptkommissarin Melanie Lipp gezeigt


Artikelbild für den Artikel "DEIN FREUND UND HELFER: IM EINSATZ" aus der Ausgabe 70/2018 von Mein Pferd. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 70/2018

Polizeipferde müssen nicht nur gute Nerven haben, sondern auch fein an den Hilfen stehen


Vereinzelt fliegen Dosen und andere Gegenstände in Richtung der Polizeipferde. Bengalos rauchen, eine Mülltonne brennt, immer wieder sind Schreie zu hören, ...

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... lautstarke Parolen erklingen und eine große Anzahl von Menschen versucht die Hundertschaft und die Reiterstaffel der Polizei abzudrängen – nahezu normale Zustände bei vielen Demonstrationen. Die Polizeipferde lassen sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen und reagieren auf jede feine Hilfe ihrer Reiter, sodass die Demonstranten mithilfe weiterer Polizeieinheiten schnell unter Kontrolle gebracht werden können. Sowohl bei Demonstrationen als auch bei Fußballspielen werden die Reiter und Pferde der Landesreiterstaffel Nordrhein-Westfalen oft zur Unterstützung angefordert. Trotz modernster Technik und einer großen Fahrzeugflotte bleiben die Polizeipferde ein wichtiger Teil bei verschiedenen Großveranstaltungen. „Der Einsatz von Pferden hat verschiedene Vorteile: Zum einen haben die meisten Menschen Respekt vor den großen Tieren und weichen daher automatisch zurück, während sie einem Polizisten auf Augenhöhe möglicherweise mehr Ärger machen würden. Zum anderen haben die Polizisten aufgrund ihrer erhöhten Position im Sattel einen besseren Überblick über die Geschehnisse. Bei einer Demonstration oder im Rahmen eines Fußballspiels können sie so Tumulte in der Menschenmenge oder möglicherweise aggressive Gruppierungen frühzeitig erkennen“, erklärt Melanie Lipp, Polizeihauptkommissarin und Leiterin der Landesreiterstaffel NRW in Willich. Außerdem kann die Reiterstaffel bei nahezu allen Geländegegebenheiten flexibel eingesetzt werden: ob bei der Suche in einem Waldstück oder vor den Eingängen eines Stadions.

Gute Vorbereitung ist entscheidend

Polizeipferde müssen im Dienst viele Anforderungen erfüllen und erbringen Höchstleistungen. Hierfür ist ein hohes Trainingsmaß in verschiedenen Bereichen notwendig.

Wir waren bei der Landesreiterstaffel NRW in Willich zu Besuch und haben uns ein Training angeschaut. Unser Fazit vorweg: Der Umgang mit den Pferden und das Herzblut, das alle Polizistinnen und Polizisten in ihre Arbeit stecken, hat uns sehr beeindruckt.

Generell ist die Beziehung zwischen Pferd und Reiter sehr eng, schließlich verbringen sie nahezu täglich viel Zeit miteinander und haben bereits anstrengende, teilweise gefährliche, sowie schöne und aufregende Einsatzmomente gemeinsam erlebt. Diese Bindung ist gewollt und wird stetig vertieft. Daher hat jeder berittene Polizist sozusagen ein Stammpferd, welches er meistens im täglichen Training und in den Einsätzen reitet. Da die Einteilung der Pferde jedoch unter anderem von den Einsatzplänen abhängt, muss jeder Polizist jedes Pferd reiten können und jedes Pferd muss sich problemlos von jedem Reiter kontrollieren lassen.

Selbstbewusste Ausstrahlung

Ein Polizeipferd muss in Sekundenbruchteilen auf die Signale seines Reiters reagieren und zusätzlich ein gewisses Selbstbewusstsein und eine gewisse Eigeninitiative mit sich bringen. Außerdem darf es nicht in sich gekehrt seinen Dienst verrichten, sondern muss in allen Situationen nervenstark und besonnen reagieren. Um ein solches Pferd zu erhalten, ist zunächst eine gute und solide Grundausbildung unterm Sattel wichtig, wobei das Pferd den Spaß an der Arbeit nicht verlieren darf. Die Landesreiterstaffel NRW kauft generell nur (mindestens) angerittene Pferde im Alter zwischen fünf und sieben Jahren. Unter einem erfahrenen Ausbilder wird auf dem Platz und in der Halle zunehmend an allen Punkten der Ausbildungsskala der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) – Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung und Versammlung – gearbeitet. Selbstverständlich muss ein Polizeipferd keine hohen Dressurlektionen wie Galopp-Pirouetten oder Piaffen beherrschen, dennoch muss es fein an den Hilfen stehen. „Eine gute Grundausbildung ist unumgänglich, schließlich muss das Pferd in jeder Situation beherrschbar bleiben“, resümiert Melanie Lipp. Außerdem dient die regelmäßige Gymnastizierung der Gesunderhaltung der Pferde, da nicht nur die Polizisten sondern auch die Polizeipferde viele Stunden im Einsatz ableisten müssen: Bei einem Risikospiel in einer der Fußball Ligen muss die Reiterstaffel schon mehrere Stunden vor Spielbeginn am Stadion sein, um die anreisenden Fans zu kontrollieren und Krawalle zu verhindern. Daher benötigen Polizeipferde eine gute Kondition.

Nervenstärke gefragt

In der Ausbildung und im Training werden neben der gymnastizierenden Dressurarbeit weitere Bereiche abgedeckt, um die notwendige Nervenstärke und Erfahrung zu trainieren. Da ein Hauptkriterium für Polizeipferde die Unerschrockenheit ist, selbst in Extremsituationen wie inmitten einer Demonstration, liegt der Fokus auf der Gewöhnung an unterschiedlichste Umweltreize – Gegenstände, Geräusche und Situationen. Zu diesem Zweck veranstaltet die Landesreiterstaffel NRW einmal wöchentlich ein sogenanntes Gewöhnungstraining, bei dem verschiedene Dinge eingesetzt werden: quietschbunte Gymnastikbälle, flatternde Fahnen, klappernde Dosensäcke und rauchende Fackeln. Jedes Pferd lernt schrittweise die furchteinflößenden Gegenstände und vermeintliche-Gefahren kennen. „Wird ein Pferd mit einem unbekannten Gegenstand konfrontiert, darf es auch mal zurückweichen – solange es dabei nicht panisch und unkontrollierbar wird. Jedoch sollte es bei erneuter Konfrontation neugierig und interessiert sein“, erklärt die Ausbilderin. Jedes Pferd hat einen individuellen Charakter. Während das eine zunächst mehr Probleme mit akustischen Reizen hat, müssen andere Pferde vor allem bei optischen Reizen trainiert werden. Besonders für Demonstrationen werden die Pferde auch mit Feuer und Rauch konfrontiert, damit diese sich davon nicht aus der Ruhe bringen lassen. Ein weiterer wichtiger Ausbildungspunkt sind Menschenansammlungen: Polizeipferde dürfen sich von Menschen nicht Abdrängen lassen, jedoch auch nicht aggressiv reagieren. „Viele unserer Polizeipferde ziehen geradewegs zu lauten Geräuschen und Tumulten bei Demonstrationen, da sie wissen, dass dies ihr Einsatzgebiet ist“, erklärt Melanie Lipp. Diese Pferde haben die Übungen aus dem Training verinnerlicht und kennen ihre Aufgabe.

Sowohl bei Demonstrationen (Bild oben) als auch bei Fußballspielen (Bild unten) zeigen sich die Polizeipferde von ihrer besten Seite und bestehen alle Anforderungen – unter anderem brennende Bengalos, Fahnen und Menschenansammlungen – mit Bravour


Die Dressur und die Gymnastizierung nimmt einen großen Teil des Trainings ein


Im Einsatz wird meist in Zweierreihen nebeneinander geritten, dies wird bereits im Vorfeld trainiert


Neben diesen beiden Trainingsbereichen werden auch taktische Elemente für den Einsatz geübt. Bestimmte Formationen zum Beispiel: zu zweit nebeneinander reiten, hintereinander oder auch das Zusammenspiel mit den Hundertschaften der Polizei. Sehr häufig gehen die Mitglieder der Reiterstaffel auch auf Streife – dies sind Ritte von bis zu vier Stunden in das Gelände der näheren Umgebung oder in eine Stadt. Auf diesen Ritten wird das Pferd, ähnlich wie jedes Freizeitpferd, an verschiedene Umweltreize gewöhnt: an bellende Hunde, die Müllabfuhr, auf dem Boden liegende Gegenstände oder Fahrbahnmarkierungen.

Vom Jungspund bis in den wohlverdienten Ruhestand

Bevor ein Pferd zum Polizeidienst zugelassen wird, muss es verschiedene Kriterien erfüllen, erklärt Melanie Lipp: „Damit sich ein Pferd für den Polizeidienst eignet, muss das Geschlecht, die Größe und natürlich der Charakter stimmen.“ Nicht nur Polizisten sondern auch Polizeipferde müssen eine Mindestgröße erfüllen, die bei einem Stockmaß von 1,68 Meter liegt. Außerdem werden nur Wallache oder Hengste zum Auswahlverfahren zugelassen. Dies hat den einfachen Grund, dass bereits eine rossige Stute die anderen Wallache und Hengste zu sehr durcheinander bringen würde. Erfüllt ein Pferd die Grundvoraussetzungen und hat es den Ausbilder beim ersten Probereiten über-zeugt, darf es für eine 60-tägige Probezeit auf dem Gelände der Reiterstaffel einziehen. Hier wird es von einer der vier Trainer C-Reitlehrerinnen ausgebildet und läuft bei den verschiedenen Trainingseinheiten, innerhalb und außerhalb der Liegenschaft, mit. Besteht es diese Probezeit, sowie eine Ankaufsuntersuchung und ein externes Gutachten, wird es in den Polizeidienst aufgenommen. Vor dem ersten Einsatz muss jedes Pferd eine Zertifizierungs-Prüfung absolvieren, bestehend aus einer Dressuraufgabe, sowie einer Prüfung mit taktischen Elementen und verschiedenen optischen und akustischen Reizen – Rauchbomben, Schüsse und Fahnen. Jeder Ausbildungsschritt sowie die Anforderungen bei den ersten Einsätzen wird schrittweise gesteigert: Von einem ruhigen Fußballspiel bis hin zu einer Demonstration mit potenziell aggressiven Teilnehmern.

Auch Polizeipferde werden leider älter, sodass sie irgendwann in den Ruhestand geschickt werden müssen. Da sie in den meisten Fällen jedoch noch gesund sind und nur die Anforderungen des Polizeidienstes nicht mehr leisten können, haben sie noch eine zweite Karriere vor sich: Als sicheres und gut ausgebildetes Freizeitpferd. Ein neuer Besitzer für ein ehemaliges Polizeipferd wird im Rahmen eines Auswahlverfahrens gesucht, hierfür können sich sowohl der ehemalige Reiter als auch Privatpersonen bewerben. Nach einer Platzkontrolle wird schlussendlich im Sinne des Pferdes das bestmögliche Zuhause gesucht. Ein un erschrockener und motivierter Partner, wie ein ehemaliges Polizeipferd es ist, macht sicherlich jedem Freizeitreiter viel Freude.

Das Verladen gehört für die Polizeipferde quasi zum Berufsalltag.


Ein gelassener Partner

„Ich wünsche mir ein Pferd, zu dem ich eine gute Beziehung habe und mit dem ich durchs Feuer gehen kann“ – dies ist häufig der Wunsch vieler Freizeitreiter. Zwar muss das Pferd nicht im wörtlichen Sinne durchs Feuer gehen, soll allerdings mutig und entspannt verschiedene Anforderungen erfüllen. Damit dies beim eigenen Pferd gelingt, gibt die Leiterin der Landesreiterstaffel ein paar Tipps: „Neben dem richtigen Training ist auch der richtige Umgang und die Haltung ausschlaggebend. Wichtig ist, dass die Pferde artgerecht mit ausreichend Bewegung und Sozialkontakten gehalten werden. Außerdem sollte das Pferd mit möglichst vielen Reizen konfrontiert werden, sodass diese das Pferd nicht mehr ängstigen. Wird ein Pferd ständig in Watte gepackt und von allen potenziell gefährlichen Gegenständen und Geräuschen abgeschirmt, so muss sich der Reiter nicht wundern, wenn sich das Pferd bei jedem bewegenden Grashalm erschreckt.“ Je mehr ein Pferd erlebt und zu sehen bekommt, desto gelassener wird es. Außerdem arbeitet die Ausbilderin mit positiver Verstärkung, teilweise in Form von Futter: „Diese Belohnung motiviert die Pferde und es zeigen sich schnell Fortschritte. Und schließlich möchten wir auch einen ehrlichen Partner, den man nicht durch Bestrafungen erreicht.“

UNSERE EXPERTIN

MELANIE LIPP ist Polizeihauptkommissarin. Die 45-Jährige begann 1994 bei der Polizei und trat 2006 zunächst als Polizeireiterin, später als Berittführerin in die Landesreiterstaffel Rheinland (LRSt) ein. Im Jahr 2014 absolvierte sie die Ausbildung zum Trainer C und leitet seit 2015 die LRSt Rheinland in Düsseldorf.
https://polizei.nrw/landesreiterstaffel

AUSBILDUNG FÜR DEN POLIZISTEN

Um Mitglied der Landesreiterstaffel (LRSt) zu werden, muss der Polizist oder die Polizistin die dreijährige Ausbildung zum Polizeibeamten/-in absolviert haben und vier Jahre Diensterfahrung im Wach- und Wechseldienst, Kriminalkommissariat oder in einer Bereitschaftspolizeihundertschaft mitbringen. Außerdem sind fundierte Reitkenntnisse auf E-/A-Niveau vonnöten. Nach der Bewerbung auf eine ausgeschriebene Stelle der LRSt nimmt der Bewerber am Auswahlverfahren teil. Bei positivem Bescheid beginnt die „Ausbildung zum Polizeireiter/-in“ mit abschließender Prüfung. www.polizei-nrw-bewerbung.de


Fotos: Daniel Elke (9), Getty Images (1), pa/ Markus Scholz (1)