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Dekonstruktive Perspektiven auf Geschlecht und ihre Bedeutung für die Mädchen*arbeit


Betrifft Mädchen - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 14.01.2020

Thema „Wie wir das sehen!“ Perspektiven der Redaktion auf Mädchen*arbeit

Mit dem Wissen dekonstruktiver Ansätze der Genderforschung lassen sich symbolische Ordnungen und Normen, nach denen alltägliche Geschlechterkonstruktionen erfolgen, erklären, aufdecken und in Frage stellen. Das dekonstruktive Genderwissen ist für die Mädchen*arbeit bedeutsam, weil damit erkennbar wird, wie Subjekte durch normative Anforderungen und Erwartungen begrenzt, diszipliniert und ausgeschlossen werden. In dem folgenden Beitrag sollen vor allem normative Orientierungen fokussiert werden, die sich auf den ‚Körper’ beziehen. So ...

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... soll exemplarisch aufgezeigt werden, wie wirkmächtig Körpernormen für die Einordnung der Subjekte im heteronormativen System der Zweigeschlechtlichkeit sein können und welche Auswirkungen eine Nicht-Erfüllung dieser Körpernormen mit sich bringen kann. Dazu werden erstens ausgewählte Annahmen dekonstruktiver Gendertheorien skizziert. Zweitens wird mit Bezug auf ein Leitfadeninterview1 herausgearbeitet, dass und wie Normen die Identitätskonstruktionen von Mädchen* und jungen Frauen* begrenzen können. Vor diesem Hintergrund geht es drittens darum, die Relevanz dekonstruktiver Perspektiven für die Mädchen* arbeit aufzuzeigen.

Perspektiven dekonstruktiver Gendertheorien

Dekonstruktive Geschlechtertheorien basieren auf der Annahme, dass Subjekte von sprachlichen Ordnungen und Diskursen abhängig sind bzw. durch diese hervorgebracht werden. So arbeitet Judith Butler (1997, 2009, 2014) als eine der zentralen Vertreter*innen einer dekonstruktiven Geschlechterforschung heraus, wie durch sprachliche Anrufungen anerkennbare Identitätspositionen, aber immer auch nicht-anerkennbare Positionen und Ausschlüsse produziert werden. Butler folgt dabei dem französischen Philosophen Michel Foucault (1981), der davon ausgeht, dass Subjekte durch Sprache und Diskurse nicht repräsentiert, sondern durch diese erst hervorgebracht werden. Für Foucault sind Diskurse „Praktiken […], die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen“ (74). Er versteht unter Diskursen eine „Menge von Aussagen, die einem gleichen Formationssystem zugehören“ (156) und denen eine machtvolle Produktivität zukommt. So kann beispielsweise erst die dem medizinischen Diskurs entspringende Unterscheidung in Hetero-und Homosexualität ‚homosexuelle’ oder ‚heterosexuelle’ Subjektpositionen produzieren.
Butler bezieht sich im Rahmen ihrer Gendertheorie auf den Foucault’schen Begriff ‚produktiver Macht’. Für sie ist die Sprache eine dem Subjekt vorgängige, symbolische Ordnung, die Subjekte erst produktiv als Mädchen* und Jungen* hervorbringt. Mit Bezug auf den Althusser’schen Begriff der Anrufung entsteht für Butler das geschlechtliche Subjekt, in dem es z. B. als Mädchen* oder Junge* wiederholt angerufen wird. Dass die geschlechtliche Anrufung so wirkungsvoll ist und Subjekte hervorbringt, die sich selber als Jungen* oder Mädchen* verstehen, liegt Butler zufolge daran, dass mit dieser Anrufung vorgängige Bilder, Be-deutungen und Normen aus Alltagshandlungen, wissenschaftlichen Diskursen, Institutionen und Medien aufgerufen werden. Butler (2009) verweist deshalb auf „die Macht der Geschlechternormen“ für die Subjektbildung, und sie zeigt auf, inwiefern entlang dieser wirkmächtigen Normen Einschluss und damit Anerkennung, aber auch der Ausschluss von Subjektpositionen reguliert werden.

Eine solche Macht der (Nicht-)Anerkennung, des Ein-oder Ausschlusses lässt sich auch in Normen wiederfinden, die den Körper betreffen. So werden in einer neoliberalen Gesellschaftsordnung Subjekte nicht nur zum „unternehmerischen Selbst“ (Lessenich 2009, 163), sondern auch ihre Körper werden nach bestimmten Kriterien wie beispielsweise Aktivität, Beweglichkeit, Mobilität, Leistungsfähigkeit und Schönheit normiert (vgl. Bröckling 2007; Lessenich 2009; Steinwachs 2015; Villa 2006). Diese Normierungen von Körpern bewirken einerseits diskriminierende Ausschlüsse, andererseits aber auch Einschlüsse derer, die in den vorgegebenen Kategorien aufgehen und soziale Anerkennung erlangen.2 Körper werden zu hegemonial umkämpften „Ort[en] der Herrschaft“ (Steinwachs 2015: 11) und entscheiden über gesellschaftliche Teilbzw. Nichtteilhabe und über (verwehrte) Anerkennung. Der Begriff ‚lookism’ fokussiert deshalb diskursiv vermittelte Körpernormen, Verkörperungen und Körperdisziplinierungen (vgl. Diamond/ Pflaster/Schmid 2017, 8 ff.).

Dekonstruktive Forschungsperspektive

Vor dem Hintergrund der Annahme dekonstruktiver Geschlechtertheorien, dass Identitätsentwürfe „von Normen konstituiert werde[n]“ (Butler 2009, 31), gilt es aus einer dekonstruktiven Forschungsperspektive heraus zu untersuchen, „wie diese Konstituierung erfolgt“ (ebd.), das heißt, welche Normen für Subjekte bedeutsam werden und wie diese bearbeitet werden, ob diese bestätigt, angenommen, reproduziert oder auch zurückgewiesen oder transformiert werden (vgl. Reh/Rabenstein 2012). Der Gewinn einer dekonstruktiven Perspektive soll im Folgenden an einem Ausschnitt aus einem Leitfadeninterview skizziert werden.

„Creme hab ich jedes Jahr zum Geburtstag gekriegt, Handcreme“

In der folgenden Interviewsequenz berichtet die 21jährige Studentin Katharina von ihren Erfahrungen im Rahmen ihrer Ausbildung zur Industriemechanikerin. Ihren Entschluss, im Anschluss an die Ausbildung ein Studium aufzunehmen, begründet sie mit Veränderungen ihres Körpers.

Katharina: Ja, und dann muss, hab ich auch, also dann hab ich mich WIRKLICH fürs Studium entschieden, weil (…) ähm, in der Lehre hab ich wirklich en breites Kreuz gekriegt. Ich bin unglaublich BREIT geworden, unglaublich MASSIG, Muckis ((lacht)), alles, ne. Und, ähm, so schön der Beruf auch für mich ist, aber ich kann den NICHT 47 Jahre machen und ich muss ja gucken, wann krieg ich Rente, das sind 47 Jahre da gewesen. Das hält mein Körper einfach nicht aus, ich, hm
Interviewerin: Hmhm.

Katharina: […] muss irgendwie DOCH, als Frau sollt ich vielleicht was anderes machen. Also, aber in die Richtung halt SCHON, weil´s, das kann ich halt einfach, [das] […]
Interviewerin [Hmhm.]
Katharina: […] das liegt mir ((lacht)).

In dieser Sequenz beschreibt Katharina, die sich zum Zeitpunkt des Interviews im ersten Fachsemester in einem technisch ausgerichteten Studiengang befindet, wie sich ihr Körper mit Beginn der Ausbildung zur Industriemechanikerin verändert habe. So sei sie „unglaublich (BREIT)“, „unglaublich MASSIG“ geworden und habe „Muckis“ bekommen. Gerade durch die Verwendung des Adjektivs „unglaublich“ wird die Besonderheit und Nicht-Normalität ihres durch die beruflichen Tätigkeiten veränderten Körpers unterstrichen. Zugleich wird diese „unglaubliche“ Veränderung des Körpers herangezogen, um den Ausstieg aus dem Beruf zu begründen. Unterschieden wird in dieser Begründung zwischen einem „Selbst“, dem der Beruf gefällt, für das der Beruf „schön“ ist, und einer Sorge des Selbst um den Körper, der die mit dem Beruf an ihn gestellten Anforderungen langfristig nicht aushalten kann. Obgleich zuvor der Schutz der allgemeinen körperlichen Integrität als Begründung für berufliche Umorientierung genannt wird, erfährt das Geschlecht im weiteren Argumentationsverlauf eine Relevanz, indem sie betont, dass sie „als Frau […] vielleicht was anderes machen“ sollte und Weiblichkeit mit Körperlichkeit und Alter als eng miteinander verwoben fokussiert wird.
Ambivalente Reaktionen auf die durch die berufliche Tätigkeit bedingten körperlichen Veränderungen erfährt die junge Frau in ihrer Familie, wie auch in ihrem Freundeskreis.

Katharina: […] im Freundeskreis. Ich bin da die Einzige und die finden das alle total cool, aber sagen halt auch immer: Ist das nicht scheiße, so als Mädchen, weil Fingernägel sind natürlich tabu, also geht GAR nicht, bricht alles sofort ab, Nagelhautentzündung, ALLES ((lacht)). Äh, oder dass ich immer erst nach der Arbeit, äh, duschen muss, ne, weil ich, äh, riech ja wie so en kleiner Werkzeugwagen [((lacht)). Ganz schlimm ((lacht)).] Ah, die kommen, äh, die schminken sich morgens, gehen zur Arbeit und laufen dann den ganzen Tag geschminkt rum. Ich muss erst nach Hause, ne, duschen, mich wieder neu schminken und los. Also zur Arbeit bin ich dann ungeschminkt gegangen, aber die meinten halt auch immer, ist das nicht doof und guck dir deine Hände an. Und nur mit Jungs und das ist doch voll der Männerberuf und (…) ey, ich find das voll cool, dass du das machst und du KANNST das auch einfach. Ja, ich kann das halt. Weil die sagen auch, also sie finden´s KOMISCH, dass ich das mache, aber sie ham das halt, finden das ja total gut, weil ich das mit Spaß mache und das halt total gerne mache und scheinbar auch gut da drin bin, ne.
Interviewerin: [Hmhm.]
[ … ]
Katharina: … Also die ham halt einfach nur gesagt, oh, dein Nagel ist schon wieder abgebrochen, ne. Ja [((lacht)).] Hier, nimm mal den Ha-, Nagelhärterstift, also ich hab dann wirklich Freundinnen, die dann sagen, ja, guck Katharina, deine Hände sehen jetzt schon en bisschen komisch aus hier, [nimm mal das und das] […] Creme hab ich jedes Jahr zum Geburtstag gekriegt, Handcreme ((lacht)).
Katharina erzählt, dass sie auf der einen Seite Bewunderung für ihre besondere Stellung erfährt („ich bin da die einzige“), auf der anderen Seite zweifeln die Freundinnen an der Entscheidung der Interviewpartnerin, weil das Berufsfeld die für die Freundinnen selbstverständlichen und kollektiv geteilten weiblichen Körperpraxen wie Schminken, gut riechen oder Nagelpflege nicht ermöglicht. Katharinas Arbeitsfeld wird von ihren Freundinnen als „scheiße“, „doof“ oder „KOMISCH“ gedeutet, weil sie meinen, dass es der Interviewten „als Mädchen“ nicht möglich sei, den für junge Frauen angemessenen körperlichen Darstellungen nachzukommen. Der Beruf der*des Industriemechaniker*in wird explizit von den Freundinnen – so Katharina – als Männerberuf herausgestellt, und zwar nicht, weil er vermeintlich „männlich“ codierte Fähigkeiten voraussetzt, sondern weil in diesem die körperliche Darstellung von Weiblichkeit bedroht zu sein scheint.

Katharinas Berufswahl wird als Gefährdung des von ihr erwarteten „Schönheitshandeln“ (Degele 2004, 246) verstanden. Schönheitshandeln ist nach Degele „ein Medium der Kommunikation, das der Inszenierung der eigenen Außenwirkung zum Zweck der Erlangung von Aufmerksamkeit und Sicherung der eigenen Identität dient. Schönheitshandeln ist ein sozialer Prozess, in dem Menschen versuchen, soziale (An-erkennungs-)Effekte zu erzielen“ (ebd., 246). Durch die Wahl des Berufs der Industriemechanikerin scheinen nun solche Schönheitshandlungen bedroht zu sein, die eine Anerkennung des Subjekts als ‚weiblich’ gewährleisten. In dem von den Freundinnen geäußerten Zweifel an der Richtigkeit des Berufsfeldes aufgrund der damit einhergehenden Einschränkungen von weiblich codiertem Schönheitshandeln schwingt deshalb zugleich eine Sorge um die Interviewte mit, die sich besonders in einer Sorge um die Hände der Freundin ausdrückt. So beschreibt Katharina, dass sie jedes Jahr zum Geburtstag „Creme“, „Handcreme“ bekommen habe – ein Geschenk, das den körperlichen Mangel zu beseitigen sucht, dabei aber auch die junge Frau immer wieder neu auf eine Diskrepanz zwischen männlich codiertem Beruf und erwarteter weiblicher Körperdarstellung hinweist.
In der Interviewsequenz wird von Katharina eine klare Differenz zwischen ihrer eigenen Subjektposition und ihrem nahen Umfeld beschrieben. So wird etwa auf die Freundinnen als weibliches Kollektiv –„die“ – verwiesen, während die Interviewte ihre eigene Position als sowohl besonders wie auch als anders und nicht ‚normal’ herausstellt. Der Grund für ihre andere Position wird dabei in ihrem ‚anderen’, normative Vorstellungen über weibliches Schönheitshandeln in Frage stellenden Körper gesehen. Durch die mit dem Beruf einhergehenden Anforderungen verändert sich ihr Körper und verliert die in der heteronormativen Ordnung geforderte und erwartete Eindeutigkeit.
Gleichzeitig zeigen sich aber auch in dem Interview mit Katharina Möglichkeiten zur Infragestellung und zum Aufbrechen normativer Anforderungen an Weiblichkeit. So wird die Wahl des männlich codierten Berufs auch als Ausdrucksmöglichkeit für eine individuell getroffene Entscheidung gesehen. Katharina beschreibt sich als Person, die ihren Beruf „mit Spaß“ und „halt total gerne“ macht und in dem Beruf überdies noch „gut“ ist. Und obwohl ihre Freundinnen die Wahl „komisch“ finden und als Bedrohung von Katharinas Weiblichkeitsdarstellungen werten, erkennen sie ihre Leistungen und gerade auch ihr Interesse und ihre Freude an dem Beruf an. Spaß zu haben fungiert hier zwar auch als Merkmal subjektivierter und individualisierter Arbeitsverständnisse, zugleich lassen sich mit der Behauptung von Spaß, Interesse und individuellem Können aber auch normative Begrenzungen von Berufswahlen, zumindest für eine Zeit lang, aufbrechen und lässt sich in Katharinas Erzählung auch eine Lust an der Irritation von Geschlechterund Körpernormen und der mit ihnen einhergehenden Begrenzungen feststellen (vgl. Micus-Loos et al. 2016).

Relevanz einer dekonstruktiven Perspektive für Mädchen*arbeit

Auf der Grundlage des empirischen Materials konnte nachgezeichnet werden, wie in den Entwürfen des zukünftigen Selbst Anforderungen eingelassen sind, die entlang einer normativen Differenz zwischen ‚wünschenswert’, ‚anerkennbar’ auf der einen Seite und ‚nicht-wün-schenswert’, ‚nicht-anerkennbar’ auf der anderen Seite charakterisiert und verhandelt werden (vgl. Fritzsche 2012, 197). So zeigt die dekonstruktive Lektüre des Interviews, wie die Anerkennbarkeit von Katharina durch Geschlechter-und Körpernormen begrenzt und gefährdet wird. Eine dekonstruktive Perspektive für Mädchen*arbeit impliziert ein „,Gegen-den Strich-Lesen’: sich nicht mit einfachem Sinnverstehen zufrieden zu geben, Selbstverständlichkeiten infrage [zu] stellen, an Ambiguitäten und Widersprüchen an[zu]setzen“ (Busche et al. 2010, 13). Voraussetzung dafür ist immer auch ein selbstkritischer und selbstreflektierter Umgang mit eigenen Vorannahmen und (normativen) Bildern (beispielsweise: Welche Körper finden in meiner Wahrnehmung Anerkennung?). Eine Relevanz für die Mädchen*arbeit zeigt sich damit erstens in dem Wissen um auf den Körper bezogene Normen, die machtvoll auf Identitätskonstruktionen wirken und Einfluss auf zukünftige Handlungspraxen heranwachsender Frauen* haben. Eine dekonstruktive Perspektive sensibilisiert dabei für die Ein-und Ausgrenzungen der Subjekte durch diskursiv vermittelte (Körper-) Normen und sie zeigt, wie Subjekte „durch normative Erwartungen und Ideale belastet sind“ (Schrader 2014, 66; vgl. Micus-Loos et al. 2016).

Neben strukturellen Ungleichheiten und der unterschiedlichen Verfügbarkeit über Teilhabemöglichkeiten und Ressourcen sind es gerade auch symbolische Normen zu Weiblichkeit, Schönheit und Körper, entlang derer die Produktion von anerkennbaren und nicht-anerkennbaren Identitäten reguliert wird (vgl. Butler 1997: 310 ff.; Winker/Degele 2010).
Dieses Wissen um die Wirkmacht von Normen ist zweitens für die Mädchen*arbeit relevant, um den Adressat*innen nicht mit einer „Individualitätslogik“ (Schwiter 2015, 68; vgl. Micus-Loos et al. 2016; Winker/Degele 2010), einer individualisierten Verantwortungsübernah me, zu begegnen. In der Mädchen*arbeit gilt es vielmehr, „Individualisierungen entgegen zu arbeiten“ (Kagerbauer/Lormes 2014, 204) und damit auch Entlastungen zu ermöglichen. So zeigt die dekonstruktive Perspektive auf die Erfahrungen, Deutungsweisen und Strategien von Katharina auch, dass diese nicht auf eine „individuelle Entscheidung“ (Butler 2002, 313) zurückzuführen sind, sondern in diesen Normen „als impliziter Standard der Normalisierung“ (Butler 2009, 73) wirken.
Mädchen*arbeit ist also drittens ein Ort, an dem normative Anforderungen nicht nur als kollektive Erfahrungen thematisiert, sondern auch bearbeitet, hinterfragt und verschoben werden können. Mädchen*arbeit ist ein Möglichkeitsraum, in dem Subjekte sich nicht nur mit Normen und ihren Widersprüchen wie „Verdeckungen“ (Bitzan 2007, 11) auseinandersetzen, sondern auch unterstützt und befähigt werden, alternative Erzählungen von sich aufzubauen. Mädchen* sollten Ressourcen und Räume für Erzählungen eröffnet werden, in denen hegemoniale Deutungen nicht einfach bestätigt, sondern in Frage gestellt und erweitert werden können. „Um handlungsfähig zu sein, stellen wir Autoritäten und Normen (auch unsere eigenen) infrage, um sie zu dekonstruieren und so Bedingungen der Unmöglichkeit in Bedingung der Möglichkeit umzuwandeln“ (Busche/Wesemüller 2010, 319 f.).

Anmerkungen

1 Das Interview wurde im Rahmen des Forschungsprojekts „AN[N]O 2015 – Aktuelle normative Orientierungen, Geschlechteridentitäten und Berufswahlentscheidungen junger Frauen“ erhoben. In dem Projekt wurden Gruppendiskussionen mit Schüler*innen im Alter zwischen 14 und 19 Jahren sowie Leitfadeninterviews mit Studentinnen im ersten Fachsemester, die sich für ein MINT-Studienfach entschieden haben, durchgeführt. Gefördert wurde das Projekt aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und aus dem Europäischen Sozialfonds der Europäischen Union.

2 Die Diskriminierung entlang gesellschaftlich gesetzter Körpernormen ist eng mit anderen Kategorien sozialer Ungleichheit wie Klasse, race, Sexualität, Geschlecht und (dis)ability verschränkt (vgl. Diamond/Pflaster/Schmid 2017, 13).

Literatur

Bitzan, Maria 2007: Mädchen befragen – eine gute Idee?! In: LAG Mädchenarbeit NRW e.V. (Hg.) Rundbrief 9: Frischer Wind und Guter Grund – Grundlagen und Perspektiven von Mädchenarbeit. Wuppertal, 10-19.

Bröckling, Ulrich 2007: Das unternehmerische Selbst. Frankfurt a. Main.

Busche, Mart/Maikowski, Laura/Pohlkamp, Ines/Wesemüller, Ellen 2010: Feministische Mädchenarbeit weiterdenken. Eine Einleitung. In: Dies (Hg.): Feministische Mädchenarbeit weiterdenken. Zur Aktualität einer bildungspolitischen Praxis. Bielefeld, 7-20.

Busche, Mart/Wesemüller, Ellen 2010: Mit Widersprüchen zu neuen Wirklichkeiten. In: Busche, Mart/Maikowski, Laura/Pohlkamp, Ines/Wesemüller, Ellen (Hg.): Feministische Mädchenarbeit weiterdenken. Zur Aktualität einer bildungspolitischen Praxis. Bielefeld, 309-324.

Butler, Judith 1997: Körper von Gewicht. Frankfurt a. Main.

Butler, Judith 2002: Performative Akte und Geschlechterkonstitution. Phänomenologie und feministische Theorie. In: Wirth, Uwe (Hg.): Performanz. Zwischen Sprachphilosophie und Kulturwissenschaft. Frankfurt a. Main, 301-320.

Butler, Judith 2009: Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen. Frankfurt a. Main.

Butler, Judith 2014: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt a. Main.

Degele, Nina 2004: Bodification and Beautification. Zur Verkörperung von Schönheitshandeln. In: Sport und Gesellschaft 1, 244-268.

Diamond, Darla/Pflaster, Petra/Schmid, Lea 2017: Lookismus. Normierte Körper. Diskriminierende Mechanismen. (Self-)Empowerment. Münster.

Foucault, Michel 1981: Archäologie des Wissens. Frankfurt a. Main.

Fritzsche, Bettina 2012: Subjektivationsprozesse in Domänen des Sagens und Zeigens. Butlers Theorie als Inspiration für qualitative Untersuchungen des Heranwachsens von Kindern und Jugendlichen. In: Ricken, Norbert/ Balzer, Nicole (Hg.): Judith Butler: Pädagogische Lektüren. Wiesbaden, 181-201.

Kagerbauer, Linda/Lormes, Nicole 2014: Relevanzen intersektionaler, feministischer konfliktorientierter Mädchenarbeit und Mädchenpolitik. Spannungsfelder, Anschlussstellen und Verdeckungen intersektionaler Differenz-kategorien im Kontext neoliberaler Diskursstrategien. In: von Langsdorff, Nicole (Hg.): Intersektionalität und Jugendhilfe. Opladen, 184-211.

Lessenich, Stephan 2009: Mobilität und Kontrolle. Zur Dialektik der Aktivgesellschaft. In: Dörre, Klaus/Lessenich, Stephan/Rosa, Hartmut (Hg.): Soziologie – Kapitalismus – Kritik. Eine Debatte. Frankfurt a. Main, 126-177.

Micus-Loos, Christiane/Plößer, Melanie/Geipel, Karen/Schmeck, Marike 2016: Normative Orientierungen in Berufs-und Lebensentwürfen junger Frauen. Wiesbaden.

Reh, Sabine/Rabenstein, Kerstin 2012: Normen der Anerkennbarkeit in pädagogischen Ordnungen. Empirische Explorationen zur Norm der Selbständigkeit. In: Ricken, Norbert/ Balzer, Nicole (Hg.): Judith Butler: Pädagogische Lektüre. Wiesbaden, 225-246.

Schrader, Kathrin 2014: Gender und Intersektionalität im Theoriediskurs der Sozialen Arbeit. In: von Langsdorff, Nicole (Hg.): Jugendhilfe und Intersektionalität. Opladen, 57-73.

Schwiter, Karin 2015: Auf dem Weg in den Arbeitsmarkt. Junge Erwachsene im Spannungsfeld zwischen Individualität und Geschlechternormen. In: Micus-Loos, Christiane/ Plößer, Melanie (Hg.): Des eigenen Glückes Schmied_in. Geschlechterreflektierende Perspektiven auf berufliche Orientierungen und Lebensplanungen von Jugendlichen. Wiesbaden, 61-75.

Steinwachs, Britta 2015: Zwischen Pommesbude und Muskelbank. Die mediale Inszenierung der „Unterschicht“. Münster.

Villa, Paula-Irene 2006: Sexy Bodies. Eine soziologische Reise durch den Geschlechtskörper. Wiesbaden.

Walgenbach, Katharina/Dietze, Gabriele/Hornscheid, Antje/Palm, Kerstin 2007: Gender als interdependente Kategorie. Neue Perspektiven auf Intersektionalität, Diversität und Heterogenität. Opladen.

Winker, Gabriele/Degele, Nina 2010: Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten. Bielefeld.

Christiane Micus-Loos ist Professorin am Institut für Pädagogik, Abteilung Sozialpädagogik, der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Diversitätsbewusste Sozialpädagogik, Differenzen und Soziale Ungleichheit, Gender-und Queer Studies und Theorien und Konzepte Sozialer Arbeit.
Melanie Plößer ist Professorin am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Bielefeld. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Differenzverhältnisse und Soziale Arbeit, Gender-und Queer Studies, Theorien der Sozialen Arbeit.