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DEM KLIMAWANDEL TROTZEN


TASPO GARTEN-DESIGN - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 18.01.2019

Der ehemals unattraktive und weitgehend versiegelte Platz schützt heute mit seiner Speicherfunktion bei Starkregen vor Überflutung und ist gleichzeitig sozialer Treffpunkt. Foto: GHB Landskabsarkitekter/Steven Achiam, Plan: Lagiya Ayoub Khatib

Artikelbild für den Artikel "DEM KLIMAWANDEL TROTZEN" aus der Ausgabe 1/2019 von TASPO GARTEN-DESIGN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

DAS ÖFFENTLICHE PROJEKT

Im Viertel St. Kjeld im Norden von Kopenhagen befindet sich der Tåsinge Plads. Mitten in einem dichtbewohnten Quartier gelegen, umgeben von mehrgeschossigen Mietshäusern aus den 1930er Jahren ist er der erste klimaangepasste Platz der Stadt. Er kombiniert die technische Notwendigkeit der Hochwasservorsorge mit dem Wunsch der Anwohner nach ...

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... einer grünen Oase und einem sozialen Treffpunkt.

BAUDATEN

Fläche: 7.000 m², davon 50 % Grünfläche
Bauzeit: 2013 – 2014
Kosten: circa 1,5 Millionen €
Bauherr: Stadt Kopenhagen, Dänemark
Landschaftsarchitekturbüro: GHB Landschaftsarchitekten,
DK-Valby,www.ghb-landskab.dk
Ausführung: Malmos a/s, DK-Roskilde,
Umweltberatung: Orbicon, DK-Taastrup

Ausgangslage

Im Stadtgebiet von Kopenhagen kam es in den vergangenen Jahren wiederholt zu Überflutungen wegen Starkregens. So gingen allein am 2. Juli 2011 innerhalb von drei Stunden 120 Millimeter Regen pro Quadratmeter nieder. Normalerweise fallen in Dänemark in den Sommermonaten Juni, Juli, August 235 Millimeter Niederschlag gleichmäßig verteilt auf 45 bis 50 Tage. Dieser Starkregen verursachte Schäden in Millionenhöhe. Als Konsequenz erstellte die Stadtverwaltung von Kopenhagen einen Klimaanpassungsplan. Infolgedessen werden über zehn Jahre insgesamt 1,5 Milliarden Euro für überwiegend grüne Projekte bereitgestellt.

Im Rahmen dieses Klimaanpassungsplans wurde 2013 ein Wettbewerb zur Umgestaltung des Tåsinge Plads ausgelobt. Der Platz war größtenteils mit Asphalt versiegelt und diente als Parkplatz. Zur Versickerung von Regenwasser stand nur eine kleine Rasenfläche zur Verfügung. Bei Starkregen liefen die Untergeschosse der umliegenden Gebäude regelmäßig voll Wasser. Der Wettbewerb hatte das Ziel, das Überflutungsrisiko in diesem Quartier zu reduzieren und es gleichzeitig durch die Umwandlung des Platzes in eine grüne Oase aufzuwerten.

Der Entwurf

Den ersten Preis gewann der Entwurf von GHB Landschaftsarchitekten, dabei ließen sich die Planer von der Idee des Regenwaldes inspirieren. Das Versickerungsbecken am tiefsten Punkt ist mit Pflanzen bestückt, die unterschiedliche Wasserstände vertragen. Die üppige mehrstufige Vegetation bietet Lebensraum für Insekten und Vögel und steht mit seiner naturhaften Anmutung im Kontrast zum städtischen Umfeld.

Im Retentionsbecken erfolgte die Pflanzung in Blöcken. Ausgewählt wurden Pflanzen, die unterschiedliche Wasserstände tolerieren. Fotos (3): GHB Landskabarkitekter


Der Tåsinge Plads in Form eines Dreiecks war ursprünglich von Straßen umgeben. Im Zuge der Umgestaltung wurde die Straßenführung geändert und etwa 1.000 Quadratmeter Asphalt einer der Straßen abgetragen und der Platzfläche zugeschlagen. Gleichzeitig wurden etwa 7.500 Quadratmeter Straßenverkehrsfläche von der Kanalisation abgekoppelt.

Der Platz fällt von West nach Ost deutlich ab und ist in verschiedene Feuchtigkeitszonen unterteilt: von trocken über trocken/ frisch, frisch bis feucht. Im Westen erhebt sich über einem ehemaligen Bunker ein kleiner Hügel. Der nach Süden exponierte Grashang lädt zum Entspannen, Sonnen und Spielen ein. An diesem vorwiegend trockenen Standort wachsen Gräser und Bäume wie beispielsweise Eberesche, Feldahorn und Kiefer. Eine Treppe im Nordosten führt auf den Hügel hinauf. Die Eingänge zu diesem und einem weiteren Bunker auf dem Gelände wurden neu gestaltet und dienen als Sitznischen. Die Bunker selbst werden von Musikern als Proberäume genutzt.

Im Zentrum des Tåsinge Plads liegt die gepflasterte Plaza. Sie ist sozialer Treffpunkt und bietet Raum für Feste und Feiern. Das Element Wasser wird hier durch verschiedene Skulpturen thematisch aufgegriffen. Große Regenschirme aus Metall fangen das Regenwasser auf und leiten es in den Boden weiter. Gleichzeitig bieten sie aber auch Schutz vor Regen. Überdimensionale silberne Wassertropfen reflektieren den Himmel und die Umgebung. Sie laden zum Spielen und Klettern ein. Von den umliegenden Dachflächen wird das Regenwasser über Abflussrohre in unterirdischen Reservoirs unterhalb der Wassertropfen gesammelt. Dabei durchläuft es zwei Reinigungsstufen. Mit Handpumpen, die wie ein Spielgerät gestaltet sind, kann das Wasser hochgepumpt werden und läuft über die Plaza zum „Regenwald“, wo es langsam versickert. Bei starkem Regen, wenn die Tanks (zehn und fünf Kubikmeter) voll sind, läuft das Wasser auf natürlichem Wege zum Rückhaltebecken. Nach Norden rahmen Stauden und Gehölze die Plaza ein und schirmen sie etwas vom angrenzenden Verkehr ab.

Im Osten an der tiefsten Stelle liegt das Retentionsbecken mit dem Regenwald, zu dem breite Stufen hinunterführen. Die Bepflanzung ist dicht und üppig. Ausgewählt wurden Pflanzen, die wechselnde Wasserstände tolerieren, unter anderem Alnus glutinosa und A. x spaethii, Sorbus latifolia, Salix, Luzula, Alchemilla und Lythrum. Ein Radweg verläuft über eine Brücke durch den Regenwald.

Ein Radweg verläuft über eine Brücke durch den sogenannten Regenwald.


Von den höher gelegenen Flächen läuft das Regenwasser zeitverzögert bis zum tiefsten Beet.


Das Regenwasser von den Straßenflächen wird über bepflanzte Versickerungsmulden in die Kanalisation geleitet. Die Aufnahmen entstanden im August 2017 und im Februar 2018.


Das Retentionsbecken ist für Niederschläge von 100 Millimetern in 24 Stunden dimensioniert. Es ist im Jahr etwa zu zehn Prozent gefüllt. Bei Regenereignissen, die alle 25 Jahre auftreten, ist es zu 30 Prozent gefüllt, bei einem hundertjährigen Hochwasserereignis bis zu 40 Prozent.

Auf dem Platz und entlang der Straßen kamen Prunus avium und Quercus robur zum Einsatz. Unterpflanzt wurden sie mit Geranium und Zwiebelblumen.

Das Regenwasser von den Straßen kann wegen möglicher Kontaminationen durch Salz und Öl nicht über den Platz versickert werden. Es wird über Mulden in die Kanalisation abgeführt. Das Versickerungssubstrat enthält einen hohen Sandanteil und nur einen geringen organischen Anteil (ein bis drei Prozent). Es ist geplant, bei entsprechender Verunreinigung das Substrat auszutauschen. Bepflanzt wurden die Mulden mit salztoleranten Stauden wie Nepeta x faassenii ‘Walker‘s Low’, Veronicastrum virginicum ‘Lavendelturm’ und Panicum virgatum ‘Shenandoah’, ergänzt durch kurzlebige Arten (gesät) wie Achillea millefolium, Silene dioica, S. vulgaris, Cichorium intybus, Lotus corniculatus und Festuca ovina.

Fazit

Ein Jahr nach der Fertigstellung konnte der Tåsinge Plads seine Funktionstüchtigkeit in Sachen Regenwassermanagement unter Beweis stellen. 2015 kam es in Kopenhagen erneut zu einem kurzen, aber intensiven Starkregen. Die Untergeschosse der angrenzenden Gebäude blieben trocken.

Seit 2017 untersucht Professor Anders Dam von der Universität Kopenhagen mit Studierenden den Boden und die Pflanzen vor Ort. Wie Dam erläutert, hat der Regenwald in den letzten Jahren einen robusten dreischichtigen Aufbau entwickelt. Einige Stauden werden allerdings mit zunehmendem Kronendurchmesser der Bäume verschwinden.


„Wir pflanzen immer noch mehr auf der Basis von Vermutungen als auf der Basis von Wissen.“
Anders Dam


Dam plädiert dafür, dass Pflanzkonzepte für Versickerungsanlagen verschiedenartig sein müssen, weil die Anlagen sehr unterschiedlich sind. Das gelte insbesondere in Bezug auf die Feuchtigkeitsverhältnisse. Die Wuchsbedingungen seien schwierig vorherzusehen – und umfassen sowohl extreme Trockenheit als auch extreme Feuchte.

Nach seiner Erfahrung erschwert das dänische Versickerungssubstrat in den straßenbegleitenden Mulden auf Grund seiner schlechten Bodenstruktur und des geringen Humusinhalts eine schnelle Etablierung von Pflanzungen. Sich nur auf drei Arten zu reduzieren hält er für riskant, für Wuchs und Üppigkeit sei es besser, acht bis zehn Arten zu verwenden.

Allerdings fehle eine systematische Erfahrungsauswertung. „Wir pflanzen immer noch mehr auf der Basis von Vermutungen als auf der Basis von Wissen“, erläutert Dam und wünscht sich erprobte Pflanzenzusammensetzungen. „Die Lö sungen sind artenreiche, wüchsige und vor allem dynamische Pflanzungen – sehr gern mit Pflanzen mit kräftigem, tief gehendem Wurzelwachstum.“ Diese Art von Pflanzkonzepten passe auch zu heutigen Forderungen nach extensiver Pflege, Stadtnatur und biologischer Vielfalt, betont er.

Quellen:

Anders Dam: Raingarden und Pflanzkonzepte für Regenwasserversickerungsanlagen, Vortrag gehalten auf den BDLA-Pflanzplanertagen am 3. März 2018 Klimakvarter: Tåsinge Plads, 2016 ()

PFLANZENLISTE

Trockener/frischer Boden

Acer campestre ‘Queen Elisabeth’
Sorbus aucuparia
Aronia melanocarpa ‘Aron’
Alchemilla mollis
Chelone obliqua
Fragaria vesca ‘Rügen’
Geranium ‘Ingwersen’s Variety’
Geranium ‘Biokovo’
Mentha piperita
Veronica virginica ‘Lavendelturm’

Frischer Boden

Alnus x spaethii
Prunus avium
Quercus robur
Amelanchier laevis
Ligustrum ovalifolium
Ribes alpinum
Alchemilla mollis 38%
Anemone hup. ‘Praecox’ 9%
Calamagrostis acu. ‘Overdam’ 9%
Carex morowii ‘Ice Dance’ 6%
Centranthus ruber ‘Albus’ 5%
Deschampsia ces. ‘Tardiflora’ 4%
Eupatorium ‘Atropurpureum’ 9%
Luzula nivea 8%
Luzula sylvatica 3%
Lythrum vir. ‘Rosequeen’ 4%
Miscanthus ‘Dronning Ingrid’ 4%
Thermopsis lanceolata 1%

Frischer/feuchter Boden

Alnus glutinosa
Alnus x spaethii
Prunus avium ‘Plena’
Sorbus latifolia ‘Atro’
Salix alba ‘Saba’
Ligustrum ovalifolium
Ribes alpinum
Salix repens var. rosmarinifolia
Alchemilla mollis 18%
Carex morowii ‘Ice Dance’ 4%
Deschampsia ces. ‘Tardiflora’ 7%
Eupatorium ‘Atropurpureum’ 9%
Luzula nivea 9%
Luzula sylvatica 8%
Lysimachia punctata 10%
Lythrum vir. ‘Rosequeen’ 14%
Miscanthus ‘Dronning Ingrid’ 9%
Thermopsis lanceolata 12%

Quelle: Anders Dam


Foto: GHB Landskabarkitekter

Fotos (2): Anders Dam