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Dem Teufel näher als den Heiligen


Kunst und Auktionen - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 22.02.2019

Nagel offeriert Pierre Rollers faszinierende Sammlung mit Steinmetzkunst vom Mittelalter bis zum Barock


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Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 3/2019

TAXE 2000 € Gotisches Steinrelief mit dem Heiligen Michael, 15. / 16. Jh., 38 x 35 x 17 cm


Schon die Biografie des Sammlers Pierre Roller (1935 – 2010) lässt seine vielfältigen Talente und schöngeistigen Neigungen erahnen; und da er in jungen Jahren Kunstgeschichte und Archäologie studiert hat, wird er seine Kollektion mittelalterlicher und renaissance-bis barockzeitlicher Steinskulpturen mit aller Kennerschaft zusammengetragen haben. Diese zweifellos ungewöhnliche und faszinierende Sammlung kommt im Stuttgarter Auktionshaus Nagel zum Aufruf. Erwarten könnte man angesichts der Epochen ihrer Entstehung insbesondere Heiligenfiguren, wie man sie etwa von den Tympana oder Gewänden der Kirchenportale kennt. Pierre Roller aber hat sein Augenmerk auf Skulpturen gelenkt, die dem Teufel näher sind als den Heiligen.

Doch in einem Sonderfall kommt es zu einer Begegnung. Das ins 15. oder 16. Jahrhundert datierte und als gotisch annoncierte Steinrelief zeigt den „Heiligen Michael mit Beelzebub“ (Abb.). Der ist nach Matthäus 12, 24 „der Teufel Oberste“, also die Inkarnation des Bösen. Der jugendlich anmutende Erzengel hebt an, den unter ihm am Boden hockenden Teufel, dargestellt als abscheuerregendes Mischwesen mit Tierohren und Krallen, zu bezwingen. Michael holt weit mit dem Schwert aus, während er das Ungeheuer am kantigen Kopf packt. Er lässt es nicht entkommen. Beide sind geflügelt: Michael trägt weit ausgebreitete Engelsflügel, das Ungeheuer kurze Drachenflügel, denen von Fledermäusen vergleichbar. Der Engel ist antikisch gewandet; über seinen Schultern liegt die Chlamys, ein kurzer Kriegermantel, der zu seinem knappen Lendenschurz passt. Hohe Stiefel schützen seine Beine. Offenbar hat der Steinmetz auf den Kontrast zwischen dem hübschen Jüngling, der siegenden Lichtgestalt, und dem hässlichen Teufel, Symbol des Bösen, gesetzt – so wie er auch mit dem mehrfach deutlich hinterschnittenen Hochrelief seine Kunstfertigkeit bewiesen hat. Für das Relief werden mindestens 2000 Euro erwartet.

Auf einen eher linearen Stil hat sich der Künstler konzentriert, der den um 1200 datierten, dem Übergang der Romanik zur Gotik zugeordneten „Eckstein“ (Abb. S. 5) gemeißelt hat. Allerdings ist er weniger stilistischen Vorgaben seiner Epoche als vielmehr seiner eigenen Fantasie gefolgt. Denn aus diesem Eckstein, der auf 3000 Euro taxiert ist, hat er eine schaurige Fratze herausgeschlagen, die ihresgleichen sucht. Einen stirnlosen Kahlkopf hat er mit großen, tierischen Ohrmuscheln und mit schielenden – man muss schon sagen – Glotzaugen ausgestattet. Immerhin sollten sie vom Kranzgesims nach den zwei Seiten einer (Wohn-) Hausecke herabblicken können. Aus dem breiten Mund ragt die herausgestreckte spitze Zunge; und spitze Zungen sind böse.


Den dämonischen Fratzen traute man einen geheimen Abwehrzauber zu


Warum zierte man einst sein Haus mit solch abartigen, grauenvollen Kreaturen, wo sich Engel und Heilige auch gut gemacht hätten? Ja, die gab es dort auch. Aber diesen dämonischen Fratzen traute man einen geheimen Abwehrzauber zu. Sie waren so furchterregend, dass das Böse sich gar nicht erst in ihre Nähe – und damit in die der Bewohner – trauen würde. Solche menschen-und auch tierköpfige Skulpturen haben eine in die Antike zurückreichende Tradition. Als bekanntestes Beispiel eines so genannten „Apotropeion“ lässt sich das „Gorgoneion“ nennen, das Schlangenhaupt, das die Göttin Athena auf ihrer Rüstung trägt und das auch seinen Weg in die Architektur genommen hat. Seit der Romanik tauchen Apotropaia, bald unter dem Begriff der „Neidköpfe“, an verschiedenen profanen und sakralen Stellen auf, selbst im Innenraum, etwa unter dem Chorgestühl.

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Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 3/2019

TAXE 5000 € Renaissance-Wasserspeier oder -Brunnenmaskaron, Stein, 16. / 17. Jh., 80 x 54 x 40 cm


Über diese abschreckende Wirkung hinaus sollten der „Renaissance-Groteskenkopf“ und die „Frühbarocke Steingroteske“, die bei Nagel mit 4000 und 5000 Euro Taxe in die Auktion starten, nun gewiss auch de-korative Funktion einnehmen. Denn die Groteske hatte sich inzwischen zu einer eigenständigen Gattung herausgebildet. Die Künstler griffen ganz bewusst auf Motive von Antike und Mittelalter zurück. „Hämisch grinsender Dämon mit tief gefurchten Gesichtszügen, Hakennase, tief liegenden Augen und Lockenfrisur, die Zähne gebleckt“ – so treffend charakterisiert das Auktionshaus den Renaissance-Kopf, der, wie es dann heißt, „konsolartig gearbeitet“ ist. Demnach hätte er einst eine – nun verlorene – Last zu tragen.

Seinen stechenden, den sprichwörtlichen „bösen Blick“ teilt er mit der frühbarocken Steingroteske, die ihre animalische Erscheinung einer wulstigen Stirn und einer wilden Löwenmähne verdankt. Unter einer breit gedrückten Nase reißt das Mischwesen sein Maul mit gebleckten Zähnen auf, um seine Zunge herauszustrecken und Abscheu zu erregen. Dem heutigen Betrachter aber wird das im doppelten Wortsinn groteske Kunstwerk imponieren. Die geografische Herkunft dieser drastischen Steingroteske ist offenbar nicht bekannt. Das geriefelte, gleichsam „gekämmte“ Haar lässt – mit aller Vorsicht – an sehr viel ältere französische Steinmetzkunst denken.

Auch der „Renaissance-Wasserspeier oder -Brunnenmaskaron“ (Abb. S. 4) verdankt seine Ikonografie der antiken Kunst, die – materiell sowie in der Vasen-und Wandmalerei überliefert – den Renaissance-Künstlern vertraut war, wobei sich die Merkmale von Satyrn und Gott Pan nicht immer klar unterscheiden. Die neuzeitlichen Bildhauer setzten den Maskaron, das in jedem Fall – ob Satyr oder Pan – dionysische Fratzengesicht, in der Architektur ein, zuweilen mit der Funktion des Wasserspeiers. Das aktuelle, auf 5000 Euro geschätzte Exemplar zeigt im aufgerissenen Maul Reste des ehemals metallenen Röhrenausgusses. Aus der platt gedrückten Nasenwurzel dieses Maskarons wachsen eingerollte Hörner heraus, die sich weniger den Satyrn als dem bocksbeinigen Gott Pan zuordnen lassen. Der Steinmetz hat es verstanden, alle Teile symmetrisch und fast ornamental um die platte Stülpnase zu ordnen.

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TAXE 3000 € Romanischer / Gotischer Eckstein, 12. / 13. Jh., 16 x 31 x 30 cm


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TAXE 6000 € Gotischer Wasserspeier als „Rufer“, Stein, 14. / 15. Jh., H. 91 cm


Künstlerische Hochzeit der steinernen Wasserspeier war zweifellos die Gotik


Gewiss liegt es in dem beträchtlichen Alter und der nicht immer schonenden Entfernung der Steinobjekte aus ihrem originalen Kontext begründet, dass sie Nutzungsund Witterungsschäden oder gar Bestoßungen aufweisen. Dies gilt auch für den löwenförmigen „Romanischen / Gotischen Wasserspeier“ – auch nach „gargle“ (gurgeln) lautmalerisch „Gargoyle“ genannt –, für den eine englische Provenienz aus dem 11. oder 12. Jahrhundert angenommen wird. Dem Löwen fehlt das ehemals aufgerissene Maul als Ausguss des am Mauerwerk angesammelten Wassers. Wie die Maskarons ist er als Relief (im speziellen Fall von nur wenigen Zentimetern Tiefe) auf symmetrische Frontansicht gearbeitet, in der das dichte Fell und die doppelte Krallenreihe an den Vorderpranken auffallen. Für mindestens 3000 Euro soll das wilde Tier den Besitzer wechseln.

Künstlerische Hochzeit der steinernen Wasserspeier war zweifellos die Gotik, als der Fantasie der Künstler keine Grenzen gesetzt waren. Sie meißelten Menschenund Tiergestalten, Teufel und Fabelwesen, die – oft auch in apotropäischer Bedeutung – hoch oben an den Dachtraufen von Kirchen und Kathedralen angebracht wurden. Rechtwinklig ragen sie aus dem Dachgesims. Wer sie sehen will, muss den Kopf in den Nacken legen.

Nagel offeriert einen solchen, aus dem 14. oder 15. Jahrhundert überkommenen „Gotischen Wasserspeier“ zum Schätzpreis von 6000 Euro. Aus recht porösem, wohl vom Regenwasser ausgelaugtem Stein verkörpert er einen mittelalterlichen „Rufer“ (Abb.links), den Verkünder öffentlicher Botschaften. Der Rufer ist in ein faltenreiches, bis über den Kopf gezogenes Manteltuch gehüllt, als müsse er sein Amt in winterlicher Kälte ausüben. Mit der rechten Hand hält er das Tuch über der Brust zusammen, die linke reicht an seinen Mund, der zu einer weiten Öffnung ausgebrochen ist. Das Gnomengesicht ist wegen der notwendigen Untersicht zwischen Stirn und Mund zusammengestaucht. Liebhaber alter, zudem (kunst-)historisch bedeutender Steinmetzkunst werden am 27. und 28. Februar angesichts der Sammlung Pierre Roller die Qual der Wahl erleben.

NAGEL Stuttgart, Auktion 27. / 28. Februar, Besichtigung 22. – 25. Februar


Abb.: Im Kinsky, Wien; Nagel, Stuttgart

Abb.: Nagel, Stuttgart

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