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DEM VERBRECHEN AUF DER SPUR


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HÖRZU Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 19.05.2022

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Bildquelle: HÖRZU Wissen, Ausgabe 3/2022

DNA-ANALYSE

Kleinste Teile von Gewebe oder Sekreten wie etwa Sperma oder Speichel reichen aus, um das charakteristische und einzigartige genetische Muster eines Menschen nachzuweisen. Möglich macht das die Struktur unserer Erbsubstanz, die Desoxyribonukleinsäure, abgekürzt DNS oder DNA (das A steht für englisch „Acid=Säure“). Oft werden solche Spuren auch als der genetische Fingerabdruck bezeichnet. Die Aufgabe der forensischen Analytiker ist es, diese Spuren sichtbar zu machen.

Es ist ein ungemütlicher, feucht-kalter Winterabend, Schneeregen fällt. Am 3. Februar 1984 herrscht in Henstedt-Ulzburg vor den Toren Hamburgs typisches norddeutsches Schmuddelwetter, bei dem niemand gern vor die Tür geht.

Doch nach einer anstrengenden Arbeitswoche möchte die Schwesternschülerin Gabriele S. an diesem Freitag unbedingt in die Disco. Jeder mag die lebenslustige, hübsche 18-Jährige. Weil die ...

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... Freundin, mit der sie eigentlich zum Tanzen gehen wollte, sich zu müde fühlt, macht sich Gabriele S. allein auf den Weg. Eine verhängnisvolle Entscheidung.

Busse fahren hier nur selten. Daher will die junge Frau wie schon so oft per Anhalter zur Diskothek „Zur Kutsche“ ins nur wenige Kilometer entfernte Alveslohe fahren. Aber dort wird sie nie ankommen. Um 23.15 Uhr wird sie das letzte Mal lebend gesehen. Gut eine Woche später entdecken zwei Jugendliche ihre Leiche in einem Wald rund 25 Kilometer von ihrem Heimatort entfernt. Rechtsmediziner stellen fest, dass sie vergewaltigt und erdrosselt wurde, vor ihrem Tod muss sie sich verzweifelt gewehrt haben.

DURCHBRUCH NACH 27 JAHREN

Vom Mörder fehlt jede Spur. 27 Jahre lang. Die Angehörigen von Gabriele S. glauben irgendwann nicht mehr daran, dass der Täter jemals gefasst wird. Doch die Ermittler des Kieler Landeskriminalamts und der Polizeidirektion Bad Segeberg geben nie auf. 2007 lassen sie die seinerzeit am Tatort gefundenen Beweismittel mit neuen Methoden noch einmal untersuchen. „Im Bereich der Minimalspuren gehen die Fortschritte der Technik immer weiter“, erklärt der damalige Leiter der Kieler Mordkommission Stefan Winkler später. Brauchte man früher mindestens einen Milliliter Blut, um eine DNA-Analyse durchführen zu können, reichen mittlerweile schon wenige Zellen oder ein einziges Haar.

SERIENMÖRDER Vom Ende der 1960er-Jahre bis 1984 tötet Hans-Jürgen S. im Hamburger Umland fünf junge Frauent

Tatsächlich werden an einem Kleidungsstück von Gabriele S. neue DNA-Spuren sichergestellt, die jedoch niemandem zugeordnet werden können. 2010 bittet die Polizei daher 150 Männer aus dem Umfeld des Opfers, darunter Nachbarn, Zeugen und Discobesucher aus der Tatnacht, um freiwillige Speichelproben. Die werden mit einem neuartigen Verfahren analysiert. Auch hier gibt es keinen Treffer – aber bei einem Mann ist die genetische Übereinstimmung mit der gefundenen DNA-Spur so groß, dass klar ist: Er muss ein enger Verwandter sein. Wie sich herausstellen wird, ist er der Bruder des Täters.

2011 erfährt Gabrieles Mutter von der Polizei, dass es einen Tatverdächtigen gibt. Sie kennt ihn, er wohnt ganz in der Nähe. Hans-Jürgen S., bei seiner Verhaftung 64 Jahre alt, lebt bei seiner über 90-jährigen Mutter in einer Reihenhaussiedlung, hat zwei erwachsene Töchter und Enkelkinder. Nachbarn bezeichnen ihn als freundlich. Was niemand ahnt:

Der gelernte Maurer ist ein Serientäter, Gabriele S. nicht sein einziges Opfer. Als die Polizei ihn verhört, will er „reinen Tisch machen“, wie er sagt – und gesteht vier weitere Morde.

Den ersten begeht er bereits 1969. Er ist damals Anfang 20, spielt in seiner Freizeit Fußball und ist glühender HSV-Fan. Seine Sportkameraden beschreiben ihn als zurückhaltend und Frauen gegenüber als extrem schüchtern. Doch er hat Gewaltfantasien, die er irgendwann nicht mehr beherrschen kann.

Seinem ersten Opfer lauert er an einer Bushaltestelle in Norderstedt auf. Ein Nachbar findet die Leiche der vergewaltigten und erwürgten 22-Jährigen morgens in seinem Garten. Vier Monate später tötet er ein 16-jähriges Mädchen, im Sommer 1970 dann eine junge Frau, 1972 eine 15-Jährige.

Seine Opfer wählt er zufällig und spontan aus. Später berichten die Ermittler, er habe die Frauen von seinem Auto aus beobachtet und dann überfallartig angegriffen, erdrosselt oder erwürgt und in den ersten vier Fällen erst nach ihrem Tod sexuell missbraucht.

Als er heiratet und Vater wird, gelingt es ihm, seinen Trieb zwölf Jahre lang zu unterdrücken, bis er 1984 Gabriele S. ermordet. Sie vergewaltigt er erst und tötet sie dann, weil er fürchtet, entdeckt zu werden. Danach hört er auf zu morden, hat nach seiner Scheidung Beziehungen, bleibt weiter unauffällig. Fünf Frauen hat er das Leben genommen. Dafür wird er 2012 zu lebenslanger Haft verurteilt.

EINE SONDEREINHEIT FÜR COLD CASES

Die verfeinerte DNA-analytische Untersuchung von biologischem Spurenmaterial, die den entscheidenden Anstoß im Fall von Hans-Jürgen S. gab, halten Experten für die wichtigste kriminaltechnische Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte. Sie hat sich in vielen Fällen als unverzichtbares Hilfsmittel bei der Ermittlung von Straftätern erwiesen.

TREFFER 18 Jahre nach dem Mord an Karen Oehme konnte der vorbestrafte Täter mithilfe einer Speichelprobe überführt werden

Weil es durch diese und weitere neue Methoden der Forensik und Kriminalermittlung möglich geworden ist, auch Jahre oder sogar Jahrzehnte zurückliegende Verbrechen aufzuklären, werden heute ungelöste Fälle neu aufgerollt. Dabei nutzen die Ermittler Techniken, die es zur Zeit der Taten noch nicht gab.

Für diese Cold Cases – so der aus dem Englischen übernommene Fachbegriff für „kalte“ Fälle, in denen es keine heiße Spur gibt – werden Sondereinheiten gebildet. In Nordrhein-Westfalen etwa nahm im vergangenen Herbst ein Team mit 28 Mitarbeitern die Arbeit auf. „Sie alle haben jahrzehntelange Erfahrung“, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) in einem offiziellen Statement.

Seit 2017 baut das LKA zudem eine Datenbank für alle ungeklärten Tötungsdelikte aus den vergangenen 50 Jahren auf, die einmal sämtliche Informationen der Ermittlungen enthalten soll. Herbert Reul: „Vielleicht gibt es neue Erkenntnisse oder neue Techniken, vielleicht auch neue Rechtsgrundlagen, weshalb es sich lohnt, einen Fall wiederaufzurollen.

Schließlich haben die Angehörigen ein Recht darauf, dass diese Fälle aufgeklärt werden, wenn es eine neue Spur gibt.“

HARTNÄCKIGKEIT FÜHRT ZUM ERFOLG

Genau das ist in einem spektakulären Fall aus dem Jahr 1983 geschehen. Die Ermordung der Tierärztin Karen Oehme in der Nähe von Dülmen sorgt seinerzeit auch deswegen für viel Aufsehen, weil das Opfer die Tochter des damaligen Esso-Chefs Wolfgang Oehme ist. Die 25-Jährige wird auf einem Maisfeld gefunden, vergewaltigt und erwürgt, der Täter hat ihre nackte Leiche auffällig in Szene gesetzt. Der Anblick habe sich ihm „eingebrannt ins Gehirn“, sagt der zuständige Rechtsmediziner Bernd Brinkmann. Seiner Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass Karen Oehmes Mörder nach fast zwei Jahrzehnten endlich gefasst wird. Zwar gibt es von Anfang an reichlich Spuren: einen Handabdruck, Sperma, Jeansfasern, Haare – nur können die 18 Jahre lang niemandem zugeordnet werden. Brinkmann bewahrt das Material vom Tatort so lange auf, bis es technisch und auch rechtlich möglich ist, den Täter zu überführen.

Laut Gesetz darf seit 1998 von verurteilten Sexualstraftätern ein genetischer Fingerabdruck genommen und in einer Datenbank gespeichert werden. Das wird dem Mörder von Karen Oehme zum Verhängnis. Als der Karen Oehme 1983 kennenlernt, angeblich in einem Schwimmbad, ist Ulrich M. schon einmal wegen Vergewaltigung verurteilt worden. Nach dem Mord an Oehme, in dem er zunächst kein Verdächtiger ist, missbraucht er zwei weitere Frauen und wird erneut verurteilt. Doch er entzieht sich der Haftstrafe, indem er 1986 nach London f lieht. Dort baut er sich mit seiner englischen Verlobten eine neue Existenz auf. Der Zufall bringt den Stein ins Rollen: Bei einer Verkehrskontrolle bemerken Polizisten 1993, dass sein Reisepass abgelaufen ist und er in Deutschland gesucht wird. Nach seiner Auslieferung kommt er ins Gefängnis.

Als er seine Strafe abgesessen hat, beginnt er ein weiteres Mal ein unauffälliges Leben, lernt eine Frau kennen, heiratet, wird zweifacher Vater, bezieht eine Doppelhaushälfte. Die Familienidylle eines Vergewaltigers und Mörders.

Doch als verurteilter Sexualstraftäter muss Ulrich M. 2001 eine Speichelprobe abgeben. 18 Jahre nach dem grausamen Verbrechen an Karen Oehme zahlt sich die Beharrlichkeit von Rechtsmediziner Brinkmann endlich aus. Als er die damals gefundenen DNA-Spuren mit der Datenbank abgleicht, gibt es endlich einen Treffer. 2002 wird Ulrich M. zu lebenslanger Haft verurteilt.

OHNE LEICHE KEIN MORD

Eine andere Methode, die an Bedeutung gewinnt, ist die Bodenforensik. Dabei untersuchen Wissenschaftler die Erde im Umfeld eines Verbrechens. „Eine Handvoll Erde enthält mehr Organismen, als es Menschen auf der Erde gibt“, sagt Lorna Dawson, Leiterin der Abteilung für Bodenforensik am James Hutton Institute im schottischen Dundee. Die interdisziplinäre Forschungseinrichtung beheimatet das weltgrößte Archiv für Bodenproben. Anhand winziger Erdspuren lässt sich nachweisen, wo sich Täter oder Opfer zum Zeitpunkt einer Tat aufgehalten hat.

Im Mordfall Emma Faulds führt ein wenig Dreck unter den Sohlen eines Verdächtigen schließlich zu seiner Überführung. Keine Leiche, kein Mord. So lautet eine gängige Regel der Kriminalistik. Die 39-jährige Emma Faulds verschwindet Ende April 2019 nach einer Party spurlos. Als ihr Arbeitgeber Emmas Eltern anruft, weil sie unentschuldigt fehlt, befürchtet ihre Mutter sofort, sie könne Opfer eines Verbrechens geworden sein. „Das war überhaupt nicht ihre Art“, sagt sie später der Presse.

Der letzte Mensch, mit dem Emma offenbar Kontakt hat, ist ihr langjähriger Bekannter Ross Willox, ein Ex-Kollege. Die beiden führen seit Jahren eine platonische Freundschaft. Er hat sie nach der Party noch auf einen Drink eingeladen. Um 20 Uhr schreibt sie einer Freundin in einer Nachricht, sie wolle zu ihm fahren. Willox bestreitet nicht, dass Emma ihn besucht hat, behauptet aber, sie sei um 23 Uhr wieder aufgebrochen und nach Hause gefahren.

Bodenforensik

Geo-Forensiker wie Lorna Dawson untersuchen Mikroorganismen in Erdproben, um DNA-Profile für Böden in ganz Europa zu erstellen. Die werden als Vergleichsproben in einer Datenbank im James Hutton Institute in Schottland gespeichert. In der Forschungseinrichtung lagern rund 4,8 Millionen Tonnen Erde. Mithilfe der Daten lässt sich beim Abgleich von Spuren an Schuhen oder Kleidung herausfinden, wo sich Verbrechen zugetragen und ob sich ein Mensch am Tatort aufgehalten hat.

DER BESTE FREUND UNTER VERDACHT

Als Emma auch nach Wochen nicht wieder auftaucht, geht die Polizei von einem Verbrechen aus. Willox gerät unter Verdacht. Mehr noch: Die Polizei ist sogar sicher, dass er der Täter ist, und beschattet ihn. Zeugen haben ihn in der Nacht von Emmas Verschwinden beobachtet, als er mit ihrem Auto wegfuhr, das vor seinem Haus stand. Auffällig ist auch, dass er sich nicht an den Suchaktionen von Eltern und von Freunden beteiligt.

AUFKLÄRUNG Im Fall Emma Faulds gibt es 2019 zwar einen Verdächtigen. Aber es fehlt die Leiche, um ihn zu überführen

Palynologie –Pollenflug

Blütenstaub ist verräterisch:Pollen hinterlassen überall ihre unsichtbaren Spuren, die durch Wind und Insekten weit verteilt werden und Jahrmillionen überdauern können.Pollen finden sich an Körpern, beispielsweise in der Nase, aber auch an Schuhen oder Textilien. Durch die Analyse lassen sich sowohl der Ort als auch der Zeitpunkt eines Verbrechens bestimmen.

Zudem gibt es Bilder von Überwachungskameras, die ihn beim Kauf von mehreren Flaschen Bleich-und Desinfektionsmittel und Gummihandschuhen zeigen. Die Ermittler vermuten, dass er damit Spuren verwischen wollte. Aber wie sollen sie ihm die Tat nachweisen?

Sie bitten Lorna Dawson um Hilfe. Die Bodenforensikerin untersucht Willox’

Stiefel und analysiert die Erdreste, die daran kleben. Deren Zusammensetzung verweist auf den abgelegenen Galloway Forest Park. Tatsächlich findet die Polizei in dem Wald sechs Wochen nach Faulds’ Verschwinden ihre verweste Leiche, „in einem Gebiet, durch das normalerweise niemand gehen würde“, wie der Richter später bei der Verhandlung gegen Willox sagt. Willox hat die Frau, mit der er Jahre befreundet war, getötet und im Boden verscharrt. Der Richter attestiert ihm besondere Bösartigkeit: „Sie haben gehofft, dass sie nie gefunden wird. Ihre Familie hätte den Rest ihres Lebens mit der Ungewissheit leben müssen, ob Emma tot ist oder noch lebt.“

Es waren die Untersuchungsergebnisse von Lorna Dawson, die die Polizei auf die richtige Spur führten. Ansonsten aber mischt sie sich nicht in den Fall ein. „Das ist nicht unsere Aufgabe, wir geben keine persönliche Stellungnahme. Als Wissenschaftler liefern wir Fakten, die für sich allein stehen“, sagt sie. Wichtig für den Erfolg seien das interdisziplinäre Denken und das vernetzte Arbeiten.

WAS POLLEN ÜBER TATORTE VERRATEN

Eine mit der Bodenforensik verwandte Disziplin ist die Palynologie, eine Wissenschaft, die Geologie und Biologie verbindet. Martina Weber ist Palynologin in Wien und untersucht die Spuren von Blütenpollen. Die werden vom Wind und von Insekten transportiert, hinterlassen überall Spuren und können Jahrmillionen überdauern. Die Palynologie kann für Ermittler besonders dann hilfreich sein, wenn Tatort und Fundort einer Leiche nicht identisch sind.

„Neue forensische Methoden machen das Unsichtbare sichtbar“, sagt Martina Weber in der Arte-Dokumentation „Spurensuche“. Immer wieder wird sie von der Wiener Polizei zu Rate gezogen. In Österreich ist ihr Fachgebiet recht etabliert, schließlich spielt sich hier 1959 einer der ersten belegten Fälle ab, bei dem die Palynologie erfolgreich zum Einsatz kommt. Damals hat die Polizei nach dem Verschwinden eines Mannes zwar einen Tatverdächtigen mit einem Mordmotiv, aber keine Leiche. Im Zuge der Ermittlungen erhält der Geologe Wilhelm Klaus die schlammverschmierten Stiefel des Verdächtigen zur Untersuchung und entdeckt darin Fichten-, Weiden-, Erlenund Hickory-Pollen. Das spezifische

„Pollen hinterlassen überall Spuren – über Jahrmillionen.“

Martina Weber, Palynologin

Mischungsverhältnis der Pollenkörner ermöglicht vor mehr als 60 Jahren die präzise Zuordnung zu einem einzigen Gebiet in Österreich. Der Verdächtige gesteht die Tat, die sich tatsächlich an der berechneten Stelle ereignet hat.

Trotz solcher Erfolge wird das Verfahren bisher noch relativ selten genutzt.

Durch die Cold-Case-Welle bekommt es aber mehr Zuspruch, weil sich die Pollenspuren auch nach Jahren noch nachweisen lassen. Und so hat Martina Weber bereits an etlichen Fällen mitgewirkt und zu ihrer Aufklärung beigetragen.

ABLÄUFE WERDEN IM RECHNER SIMULIERT

Die Digitalisierung verändert auch die Arbeit der Polizei grundlegend. Die bereits erwähnte Datenbank in Nordrhein-Westfalen funktioniert mit modernster Software und stellt sämtliche Informationen über einen Tatvorgang digital zur Verfügung. Experten unterschiedlichster Fachrichtungen wie zum Beispiel Profiler, Rechtsmediziner und forensische Psychiater können so darauf zugreifen und zusammenarbeiten. Zu den Methoden, die zum Einsatz kommen, gehören unter anderem die Ballistik, Blutspurenanalysen und virtuelle Tatortrekonstruktion. Die Ballistik klärt, wie ein tödlicher Schuss abgefeuert wurde, aus welcher Entfernung, ob der Treffer zufällig oder gezielt war. Anhand von Blutspritzern können Fachleute erkennen, wie und wo ein tödlicher Schlag ausgeführt wurde.

Doch trotz technischer Fortschritte steckt vieles noch in den Kinderschuhen.

Ein relativ neuer Bereich ist die digitale Forensik oder IT-Forensik. Ein Vorreiter ist Dirk Labudde, Professor für Digitale Forensik an der Hochschule Mittweida. „Forensik ist eine Querschnittswissenschaft, und genau das macht sie so spannend für mich: Medizin, Biologie, Physik, Chemie, Psychologie greifen ineinander, und mittlerweile gehört eben auch die Informatik dazu“, erklärt er in seinem Buch „Digitale Forensik“ (siehe Tipp, Seite 23).

Blutspuren-Analyse

DIE VERTEILUNG von Blutspritzern gibt Aufschluss über die Art der Einwirkung, zum Beispiel eines Schlags. Form, Größe, Menge und Verteilung der Blutspritzer verraten zudem, wie heftig und ob einoder mehrmals von einem oder mehreren Tätern zugeschlagen wurde. Chemische Mittel machen Blutspuren sichtbar, auch wenn Täter sie abwischen. Vor der eigentlichen Analyse werden am Tatort Fotos gemacht. Genutzt werden dabei auch moderne 3-D-Bilderfassungssysteme.

Neben seiner wissenschaftlichen Lehrtätigkeit arbeitet Labudde auch als Sachverständiger mit Ermittlern zusammen. Er analysiert Tatorte und Tatabläufe mithilfe von Computersimulation. „Digitale Methoden können helfen, die Spurenlage analoger Tatorte besser zu systematisieren. Sie lassen sich als getreue 3-D-Modelle am Computer rekonstruieren, Spuren können in diese Modelle übertragen und überprüft, Tatabläufe darin simuliert werden. Fotos und Videos lassen sich mit digitalen Werkzeugen verbessern und genauer auswerten“, schreibt Labudde.

Wie die Methode in der Praxis angewendet werden kann, zeigt der Mordfall der zehnjährigen Stephanie in Weimar. 1991 wird das Mädchen entführt und dann tot unter der Teufelstalbrücke zwischen Hermsdorf und Jena aufgefunden. Vom Täter fehlt jede Spur. 15 Jahre später nimmt sich eine Sonderkommission erneut des Falls an. Aktenberge werden digitalisiert und noch einmal ausgewertet. Dabei ergibt sich eine Spur zu einem Lkw-Fahrer.

Digitale Forensik Computer + KI

Virtuelle Rekonstruktionen von Tatorten als 3-D-Modell sind am Computer möglich. IT-Spezialisten können auch Tathergänge digital simulieren sowie digitale Doubles von Opfern und Tätern erstellen.Wichtig ist dabei die Beachtung der Gesetze zum Datenschutz. Ein weiterer IT-Einsatzbereich dient Trainingszwecken und der praktischen Schulung: Die Polizei simuliert mit Computerprogrammen hochriskante Spezialeinsätze, etwa bei Terrorangriffen oder Amokläufen.

REKONSTRUKTION EINES VERBRECHENS

Der Verdächtige hat zwei weitere Kinder missbraucht und gesteht, er habe Stephanie damals vom Spielplatz entführt.

Aber er bestreitet, sie getötet zu haben.

Das Kind sei bei einem Zwischenstopp auf der A4 von der Brücke abgestürzt.

Glaubwürdig ist das nicht, aber wie sollen die Ermittler die Behauptung widerlegen? Am Tatort lassen sich nach so vielen Jahren ohnehin keine Beweise mehr sichern, zudem gibt es die alte Teufelstalbrücke nicht mehr, das Bauwerk ist inzwischen modernisiert worden.

An dieser Stelle kommt Labudde ins Spiel. Auf Basis der Originalbaupläne rekonstruiert sein Team in einer Computeranimation die alte Teufelstalbrücke von 1991. Verschiedene Tatabläufe werden im Rechner simuliert. Das Ergebnis:

Stephanie muss von der Brücke geworfen worden sein. Der Täter gesteht und wird zu lebenslanger Haft verurteilt.

Ein großer Erfolg. Aber die digitale Forensik kann noch mehr: „Inzwischen können wir sogar Menschen allein anhand ihrer Anatomie in Überwachungsvideos identifizieren“, so Labudde. „Und ein Schädel reicht, um mit digitalen Methoden Gesichter unbekannter Toter in 3-D-Modellen zu rekonstruieren.“

Alle technischen Möglichkeiten ausschöpfen möchte auch Klaus Püschel, langjähriger Leiter der Hamburger Rechtsmedizin und ehemaliger Student von Bernd Brinkmann. Er hat eine Vision: „Die Obduktion ohne Skalpell und ohne Schnitt. Der akribische Blick in den Körper wird durch technische Geräte, elektronische Datenverarbeitung und künstliche Intelligenz gewährleistet.“

„Tatorte lassen sich als getreue 3-D-Modelle am Computer digital rekonstruieren.“

Dirk Labudde, IT-Forensiker

„Kein Tötungsdelikt bliebe in Zukunft unentdeckt.“

Klaus Püschel, Rechtsmediziner

Virtuelle Autopsie: Virtopsie

Auch ohne Körper zu öffnen, können Rechtsmediziner Obduktionen vornehmen. Tote werden mit Bildgebungsverfahren wie der Computertomografie, MRT und Endoskopie durchleuchtet. Sämtliche Verletzungen und Fremdkörper in der Leiche sind so zu erkennen. Die Ergebnisse werden im 3-D-Format dokumentiert. Die Vorteile der Virtopsie: Sie ist schneller und genauer als herkömmliche Autopsien, Ergebnisse werden dauerhaft dokumentiert.

Die Rede ist von der Virtuellen Autopsie oder kurz: von der Virtopsie.

LEICHEN WERDEN DURCHLEUCHTET

„Alles, worüber die Haut sonst wie ein Deckmantel liegt, würde transparent“, sagt Klaus Püschel, der zahlreiche Bücher über seine Arbeit geschrieben hat („Die Toten können uns retten“, Quadriga, 20 Euro). Seit Jahren beklagt er, dass zu viele Tötungsdelikte übersehen werden. Deshalb fordert er, der Todesursache in jedem einzelnen Fall auf den Grund zu gehen: „Und genau das kann die Virtopsie leisten. Kein Tötungsdelikt bliebe unentdeckt.“

Das Beispiel des kleinen Kevin aus Bremen verdeutlicht, wie notwendig diese Technik ist. 2006 erschlägt der Stiefvater den Zweijährigen und versteckt die Leiche in einer Kühltruhe. Als das tote Kind gefunden wird, behauptet er, der Junge sei durch einen Unfall gestorben.

Rechtsmediziner stellen zunächst vier Frakturen bei dem toten Kevin fest. Bei der Untersuchung in der Hamburger Rechtsmedizin entdeckt das Püschel-Team mithilfe von Bildgebungsverfahren 25 Brüche. Ein Unfall kann somit ausgeschlossen werden.

Doch obwohl die technischen Voraussetzungen dafür längst gegeben sind, wird es wohl noch lange dauern, bis die Virtopsie standardmäßig bei jedem Todesfall vorgenommen wird. Der Grund:Es fehlen die nötigen Gelder und die Unterstützung aus der Politik.

Auch Dirk Labudde sieht in seinem Bereich noch viel Luft nach oben: „Viel zu oft wird das Potenzial von Forensikern nicht ausreichend genutzt.“ Dafür müssten Polizisten im IT-Bereich besser ausgebildet und ausgestattet werden. Und: „Um neue digitale Ermittlungsmethoden zu entwickeln, die in der Praxis wirklich weiterhelfen, ist zudem ein besserer Austausch zwischen Praktikern und Wissenschaftlern notwendig.“

Es bleibt also noch einiges zu tun.

Wissenschaftler betonen immer wieder, dass eine ständige Weiterentwicklung und die breite Vernetzung untereinander unverzichtbar seien. Doch es bleibt auch festzuhalten: Dank neuer Techniken und wissenschaftlicher Methoden wird es für Mörder immer schwerer, ihre Taten zu vertuschen.

THOMAS KUNZE