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Dem Verbrechen auf der Spur


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Westfalium - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 13.11.2021

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Bildquelle: Westfalium, Ausgabe 4/2021

Wolfgang Goethe blickt über einen aufgeräumten, blitzsauberen Schreibtisch hinweg. Der einzige ins Auge springende Wandschmuck in dem Arbeitszimmer ist das Plakat der Goethe-Stadt Weimar, selbstredend mit einem künstlerischen Konterfei des Dichterfürsten. Wenn das kein gutes Omen für eine Schriftstellerin ist?! Ansonsten erinnert die Schreibstube der erfolgreichen Autorin Gisa Pauly in Münsters Nobelvorort Angelmodde mehr an ein Fitness-Studio denn an eine Kreativwerkstatt, in der gewissermaßen am Fließband fesselnde Geschichten entstehen.

Zwei der insgesamt drei Arbeitsplätze in dem kleinen Raum sind mit Fitnessgeräten aufgerüstet. So kann die Schriftstellerin über den Tag ihre Position wechseln. Vor einem stylischen Stehpult, an dem Gisa Pauly an einem Laptop arbeitet, wartet ein Stepper auf flinke Schritte nach der Devise „Wer rastet, der rostet.“ Kaum zwei Meter weiter steht ein modernes ...

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... Trimmrad, das ebenfalls mit der Arbeitsfläche für ein Laptop ausgestattet ist. Hier lässt sie ihre zehn Finger über die Tastatur huschen, während sie parallel in die Pedale tritt. So kann sich die Autorin wie nebenbei beim Schreiben körperlich betätigen und fit halten. Wie praktisch, denn Gisa Pauly ist eine fleißige Autorin, die einem strengen Tagesablauf folgt.

Ihr Erfolg als Schriftstellerin ist nicht vom Himmel gefallen, sondern er ist das Ergebnis harter und unermüdlicher Arbeit. „Ich schreibe jeden Tag“, räumt die Autorin ein. „Ich muss immer am Ball bleiben. Gottseidank muss ich mich niemals zur Arbeit zwingen. Schreiben macht mir Spaß.“

Die Frühaufsteherin Gisa Pauly sitzt regelmäßig mit einem Becher Kaffee beim Frühstück vor den Ergüssen des vorherigen Tages, um sie kritisch durchzusehen und zu korrigieren. Zeile für Zeile geht sie die Ausdrucke durch und verbessert ihren Text mit einem Bleistift in blitzschneller Steno-Schrift. „Des Öfteren bin ich morgens schon um fünf Uhr auf den Beinen und beginne mit dem Schreiben“, berichtet die Schriftstellerin. Danach geht es ans Tagewerk, das – wie könnte es auch anders sein – vor allem aus Schreiben besteht. Als erstes überträgt sie ihre handgeschriebenen Korrekturen penibel ins digitale Manuskript. Dann folgt sie dem Lauf der Geschichte und tippt die nächsten Abenteuer von Mamma Carlotta oder ihre Gedanken zu einem anderen Werk in ihren Computer.

Der Schreibtisch von Gisa Pauly ist nüchtern. Persönliche Erinnerungsstücke und Fotos ihrer Familie kann man an einer Hand abzählen. Hier könnten auch eine Mathematikerin oder eine Datenanalystin ihrer Arbeit nachgehen. In ihrem Homeoffice stehen keine meterhohen Stapel von Büchern, aufgeschichtete Berge von Briefen und Manuskripten. Zeichen des Verbrechens, Tatwerkzeuge oder Aufnahmen von tatsächlichen oder potentiellen Tatorten sucht man darüber hinaus vergebens. Auf einem winzigen Bücherboard stehen nur die eigenen Werke und die ersten Leseexemplare ihres brandneuen Schmökers. Andere Werke, Bücher, Krimis gar von Autorenkollegen? Fehlanzeige! Mamma Carlotta wäre vermutlich sehr enttäuscht, wenn sie sich bei ihren Ermittlungen in diesem Arbeitszimmer umschauen müsste. Denn sie würde keinerlei Indizien oder Fingerzeige entdecken können.

Tatsächlich sind alle Fälle, denen sich Mamma Carlotta seit nunmehr 15 Jahren widmet, um ihrem Schwiegersohn Erik Wolf, seines Zeichens Hauptkommissar auf der Insel, unter die Arme zu greifen, frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen kann man in den inzwischen 15 Sylt-Krimis nicht entdecken. Die unterhaltsamen Geschichten sind ein Produkt der Fantasie und der Vorstellungskraft der Autorin. Nur die in den Romanen beschriebenen Orte und Wege, Mauern und Hecken, sind real und existieren tatsächlich. Selbst Geschäfte und Lokale. Nicht aber die Spelunke „Käptens Kajüte“, wo es üblen Kaffee, aber guten Rotwein gibt. Sie ist reine Erfindung.

„Ich lasse mich also beim Schreiben nicht einfach treiben“, berichtet die Autorin. „Den Plot, also den Fall, habe ich mir vorher ausgedacht und die einzelnen Szenen genau skizziert. Ich weiß also im Vorhinein wie sich die Ungereimtheiten aufklären und wie meine Geschichte am Ende ausgehen wird.“

Bevor es ans Schreiben und Ausgestalten der Geschichte geht, reicht sie ein mehrseitiges Exposé und die Charaktere der neu hinzukommenden Figuren zur Prüfung beim Verlag ein. Erst wenn dieser seine Freigabe erteilt, geht sie daran die Geschichte auszuformulieren. „Tatsächlich entstehen dann ‚unterwegs‘ auch Nebengeschichten und es tauchen plötzlich neue Figuren auf “, weiß die Schriftstellerin. Sogar beim Ende kommt es zu überraschenden Wendungen. „Tatsächlich hören die allermeisten Geschichten ganz anders auf als ich sie in meinem Exposé beschrieben habe“, gesteht die Autorin und lacht laut auf. „Aber das ist ja das Spannende beim Schreiben.“

Gisa Pauly lässt ihre Fälle in einem realistischen Setting spielen, sodass Urlauber ihre Insel an vielen Stellen wiederentdecken und mitunter gar auf Spurensuche gehen können. Damit die Beschreibungen von Orten auch haargenau sind, prüft die Autorin regelmäßig ihre Beschreibungen vor Ort minutiös nach. Kurz vor der Fertigstellung eines Romans ist Gisa Pauly noch einmal zwei Wochen auf Sylt. „Es ist den Lesern schon sehr wichtig, dass meine Beschreibungen bis ins kleinste Detail stimmen“, weiß sie aus Begegnungen mit ihren Lesern, und sie zollt der Neugier der Fans ihren Tribut. Der Charme der Geschichten gehört zu ihrem Image und füttert bei jeder Neuerscheinung die Neugier der Syltfans. Ihre Romane sind längst zu einem Teil der Syltverklärung und des Inselmarketings geworden.

Es ist gut fünfzehn Jahren her, da schickte Gisa Pauly ihre Hauptfigur Mamma Carlotta zum ersten Mal nach Sylt. Bei Lesungen wird sie oft danach gefragt, ob es ein Vorbild für die Hauptfigur Mamma Carlotta gibt oder wie sie auf die Figur gestoßen ist. Tatsächlich kann sie sich heute kaum mehr daran erinnern. „Ich glaube, sie war irgendwann einfach da!“ Und anstatt sich, auf der Insel angekommen, lediglich um die Enkel zu kümmern und nach dem Rechten zu sehen, begann die patente Italienerin schnell, ihren Schwiegersohn Erik, von Beruf Hauptkommissar, bei seinen Ermittlungen zu unterstützen. Die Kunstfigur begann ihr Eigenleben zu führen. Mal konnte sie tatsächlich hilfreiche Infos liefern, mal trieb sie den Kommissar mit ihrer Einmischung eher in den Wahnsinn. Doch am Ende war der Täter stets gefasst, da ist Verlass auf Mamma Carlotta!

Gisa Pauly lässt regelmäßig das Temperament von Mamma Carlotta mit der eher stoischen Mentalität der Inselbewohner zusammenprallen. Das garantiert den größten Unterhaltungswert. Liebevoll satirische Untertöne sind bewusst gewählt, bieten sie doch Anlass zu zahllosen heiteren Szenen. Einen besonderen Stellenwert nimmt in allen Geschichten – wie könnte es auch anders sein – das Essen und die gemeinsamen Mahlzeiten ein. Mamma Carlotta ist eine passionierte Köchin und umsorgt ihre Liebsten mit feinsten Kreationen der italienischen Küche.

Tatsächlich tauchen in den Romanen so viele Kochrezepte und Essenseinladungen auf, dass es nur eine Frage der Zeit war, dass ein eigenes Kochbuch von Mamma Carlotta auftauchen würde. 2016 war es so weit. Unter dem Titel: „Dio Mio! Mamma Carlottas himmlische Rezepte“ veröffentlichte Gisa Pauly eine Rezeptsammlung. Von Amarettinikuchen bis Zuppa veloce – nur die feinsten Gerichte kommen bei der resoluten Italienerin auf den Tisch. In diesem Buch verrät Mamma Carlotta ihre geheimsten Familienrezepte, gespickt mit den schönsten Anekdoten.

Was hat die Hauptperson Mamma Carlotta mit ihrer Schöpferin gemeinsam, wollen wir wissen? Ist Mamma Carlotta das Alter Ego der Autorin? „Als mir das erste Mal diese Frage gestellt wurde, habe ich eine Ähnlichkeit rigoros bestritten“, lacht Gisa Pauly auf. „Mein Mann war damals anwesend, hat sich aber rausgehalten und später, als wir allein waren, behauptet, er sei anderer Meinung. Das mörderische Tempo, in dem Mamma Carlotta alles erledigt und das ihren Schwiegersohn schrecklich nervt, ginge ihm bei mir genauso auf die Nerven. Auch er hätte ständig Angst, dass mit dem Küchenmesser ein Unglück geschieht, so wie Erik. Und angeblich hielte die ganze Familie den Atem an, wenn ich die Treppe herunterkam, und schnaufte erleichtert auf, wenn ich mal wieder ohne Unfall unten angekommen war. Wahrscheinlich eine himmelschreiende Übertreibung.“

Mamma Carlotta ist gemeinsam mit ihrer Schöpferin Jährchen für Jährchen auch älter geworden. Gisa Pauly begleitet ihre Heldin ja inzwischen seit fast 15 Jahren. Einiges hat sich in dieser Zeit seit dem Erstling „Die Tote am Watt“ verändert, insofern geht die Autorin bei aller Fiktion mit ihrer Hauptperson ganz lebensnah und realistisch um. „Für mich hat sich in den Jahren eigentlich gar nicht so viel verändert“, erklärt Pauly. „Natürlich sind die Kinder größer geworden, Erik hat sich ein paar Mal verliebt. Aber sonst? Allerdings höre ich von Freunden gelegentlich, dass sich meine Schreibe durchaus im Laufe dieser fünfzehn Jahre verändert hat. Zum Glück sind alle der Meinung, dass die Veränderung positiver Art ist.“

Auf die Frage, ob die Autorin ihre Heldin Mamma Carlotta irgendwann abschreiben könne, weil sie nicht mehr kann, sagt Gisa Pauly entschieden und trotzig: „Solang ich denken und schreiben kann, werde ich sie begleiten. Wer sagt denn, dass sie mit über 70 Jahren nicht weiter erfolgreich ermitteln kann?“, lacht Gisa Pauly verschmitzt und dabei blitzen ihre munteren und fröhlichen Augen hinter der markanten, stylischen Brille hervor, die zu einer Art Erkennungszeichen der Autorin geworden ist.

Gisa Pauly wurde 1947 in Gronau geboren, seit 1949 wohnt sie in Münster. Sie arbeitete zunächst ab 1973 als Lehrerin an einer Berufsschule, ehe sie 1993 nach knapp 20 Jahren ihren Job an den Nagel hängte. Ihren Ausstieg aus dem Schuldienst hat sie sorgfältig vorbereitet, dennoch war der tatsächliche Schritt ein Sprung ins kalte Wasser.

Fachsimpeln unter Krimi-Fans: Gisa Pauly im Gespräch mit Westfalium-Redakteur Jörg Bockow

„Geschrieben habe ich schon als Kind sehr gerne“, erinnert sich Gisa Pauly. „Dabei habe ich immer nur für mich geschrieben und noch gar nicht daran gedacht, meine Geschichten einmal zu veröffentlichen.“ Als erstes Buch veröffentlichte sie 1994 den Titel „Mir langt‘s – eine Lehrerin steigt aus“ und wurde damit völlig überraschend zu einer Art Medienstar. Aussteigen lag damals offenbar als ein Thema in der Luft. Mehrere Auftritte in Talk-Shows brachten ihr die Aufmerksamkeit, die sie für ihre weiteren Schritte in die Selbstständigkeit gut gebrauchen konnte. In der Folge hat Gisa Pauly bis heute insgesamt 40 Bücher veröffentlicht. Sie ist zu einer der bekanntesten Autorinnen in Deutschland geworden. Die Sylt-Krimis sind ihre erfolgreichsten Bücher und die Mamma Carlotta-Romane ihre umfangreichste Serie. Die Auflagen summieren sich aktuell auf insgesamt etwa 1,8 Millionen verkaufte Bücher. Das ist durchaus rekordverdächtig.

Pauly zählte vor einigen Jahren zu den ständigen Autorinnen der Telenovela „Sturm der Liebe“, die die Bavaria für die ARD bis heute als einen Dauerbrenner für das Vorabendprogramm produziert. „Das war eine gute Schule“, bekennt Gisa Pauly. Außerdem konnte sie als gut beschäftigte Drehbuchschreiberin auch ihren Lebensunterhalt mit dem Schreiben bestreiten. Kein Wunder: Der Bedarf an Geschichten fürs Fernsehen ist riesengroß. In jeder Woche werden von einer Serie wie „Sturm der Liebe“ gleich mehrere Folgen abgedreht. Für jede Folge ist ein Drehbuchschreiber verantwortlich. Gisa Pauly hat 60 Drehbücher für „Sturm der Liebe“ beigesteuert.

Neben ihren Büchern und Buchreihen verfasste Gisa Pauly außerdem noch zahllose Kurzgeschichten, auch für Kinder, Anthologien und Hörfunkbeiträge. Als freie Journalistin arbeitete sie für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, sogar eine Zeitlang für unser Magazin Westfalium. Was fehlt noch? Dass die Geschichten um Mamma Carlotta endlich als Krimiserie ins Fernsehen kommen. Gisa Pauly winkt bei diesem Thema ab. Die Filmrechte waren tatsächlich von einer der großen Fernsehanstalten vertraglich gesichert, aber die Option lief aus, ohne dass es zu einer Verfilmung gekommen war. Niemand wagt sich an die Geschichten. „Vielleicht ist das auch ganz gut so“, sinniert Gisa Pauly. „Tatsächlich wüsste ich keine Schauspielerin in Deutschland, die die Rolle der Mamma Carlotta wirklich glaubhaft verkörpern könnte.“

Jörg Bockow