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Den Bären auf der Spur


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Ein Herz für Tiere - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 08.07.2022
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Bildquelle: Ein Herz für Tiere, Ausgabe 8/2022

WILD UND FREI In Schweden leben derzeit rund 2800 Braunbären, scheu und meist unbemerkt von den Menschen

Die Bärin Bergsloga war schon einmal hier – ganz in der Nähe. Wenige Kilometer entfernt von der Feld-station in Kvarnberg hat sie im vorletzten Winter ihr Nest gebaut, um Winterschlaf zu halten und zwei Junge zu gebären. Im vergangenen Herbst ist die Bärin mit ihren Jungen in dieses Gebiet zurückgekommen. Der Winterbau befindet sich unter einer großen Wurzel. Drinnen geschützt vor den eisigen Temperaturen in Schwedens Winter, ausgepolstert mit Moosen und Beerensträuchern, hat die zehnjährige Bärin diesen Ort zu einem gemütlichen Schlafplatz für sich selbst und ihre einjährigen Jungen gemacht.

So eingekuschelt, haben sie die dunklen, kalten Monate ungestört verbracht.

„Bergsloga“ ist eine von mittlerweile wieder rund 2800 Braunbären, die in Schweden leben.

Doch Anfang des 20. Jahrhunderts waren Braunbären in dem skandinavischen Land zwischen Norwegen und Finnland nahezu ausgerottet.

Der „Björn“, wie ...

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... der Bär auf Schwedisch heißt, hatte kaum eine Chance – stand er doch ganz oben auf der Abschussliste des Menschen. Und so war die Anzahl der scheuen Tiere auf 130 Individuen gesunken. Doch eine Entscheidung des schwedischen Königs Gustav Adolf verhinderte 1927 ihre vollständige Ausrottung, als er bekannt gab, dass diese Tiere zu Schweden gehören und geschützt werden müssen. Seitdem steigt ihre Zahl wieder stetig an – 2013 waren es sogar über 3000 Tiere. Um die Population jedoch zu bremsen, wird seit 1943 jedes Jahr eine bestimmte Anzahl von Braunbären zum Abschuss freigegeben.

Die Bären und Bärinnen durchstreifen tagtäglich – meist scheu und unbeachtet von den Menschen – die Wälder Mittelschwedens. Doch wo halten sie sich auf? Wovon ernähren sie sich?

Wie weit wandern sie? Wodurch werden sie gestört? In welchen Höhlen sind die Jungen am besten geschützt? Diesen und anderen Fragen geht Andrea Friebe vom „Skandinavischen Braunbär-Forschungs-Projekt“ und „Björn & Vildmark“ auf den Grund. Sie leitet die Feldarbeit und verwaltet die Datenbank des Forschungsprojekts und erforscht seit nunmehr 25 Jahren in der Provinz Dalarna im Herzen Schwedens das Verhalten von Meister Petz.

„Bären sind faszinierende Lebewesen, von denen wir Menschen immer noch viel zu wenig wissen“, sagt die Biologin. Aber das, was bereits bekannt ist, ist wirklich beeindruckend: Nicht nur, dass Bären monatelang in Winterschlaf gehen, sondern vor allem, dass die Weibchen während dieser Zeit, „also quasi im Schlaf“ ihre Jungen zur Welt bringen und diese mehrere Monate lang säugen, ohne dabei Nahrung oder Wasser zu sich zu nehmen.

GPS-Halsband und Biologger

Im Winterschlaf sinkt bei den Bären die Herzrate auf vier bis zehn Schläge pro Minute, doch die Körpertemperatur bleibt nur wenige Grad unter der sonst üblichen. „Außergewöhnlich ist, dass sie sich trotz der langen Zeit nicht wundliegen, kaum Muskelmasse abbauen und auch keine Thrombose und Osteoporose erleiden. All diese Besonderheiten machen diese Tiere einzigartig.

Und diese besonderen Bäreneigenschaften sind auch von größtem Interesse für die Human-medizin und -wissenschaft“, erklärt Friebe. Die Erforschung der Überlebensstrategien während des Bärenwinterschlafes könnte nicht nur Kranken und Alten helfen, die lange liegen müssen, sondern auch Astronauten, die ins All fliegen und dort normalerweise extrem viel Muskelmasse abbauen.

Andrea Friebe und ihr Team möchten außerdem mehr über die Länge des Winterschlafs, Reproduktionszahlen, Paarungsstrategien und die Todesursachen erfahren. Welche Winterhöhlen und Nester bauen die Bären? Stellen die Bären eine Gefahr für die Menschen dar? Und vor allem: Welchen Einfluss hat der Klimawandel auf das Verhalten und die Überlebenschancen von Meister Petz?

"Die Natur steht unter Druck"

Dafür statten sie eine bestimmte Anzahl von Bären jedes Jahr mit GPS-Halsbändern aus, um sie zu erforschen und zu wissen, wo sie sich aufhalten. „Seit Projektbeginn im Jahr 1984 wurde in unserem Projektgebiet in Dalarna das Verhalten von 578 Bären untersucht, mehr als 1000 Winterhöhlen oder -nester vermessen und protokolliert und Tausende von Kotproben gesammelt und untersucht“, sagt die Biologin. In diesem Jahr sind es insgesamt 59 Tiere, die das Bärenteam mit einem GPS-Halsband ausgestattet hat. Jede Stunde sendet der Sender eine Position des Bären, im Winterschlaf ein Mal pro Tag. Das sind rund 1,3 Millionen Positionen pro Jahr. So weiß

Andrea Friebe immer, wo „ihre“ Bären sich gerade aufhalten. Außerdem erhalten einige Bären Biologger, die kontinuierlich den Herzschlag und die Körpertemperatur erfassen, um die Physiologie der Bären erforschen zu können.

Wie „Urlaubsforscher“ helfen

Hilfe bei der Sammlung der wichtigen Daten erhält Andrea Friebe außerdem von der Naturschutzorganisation „Biosphere Expeditions“, die seit 1999 gemeinnützige und ethische Expeditionsreisen im Naturschutz organisiert und seit 2019 mit dem Bärenprojekt zusammenarbeitet.

Matthias Hammer, Gründer und Geschäftsführer der Organisation, erklärt: „Unser Planet steckt in der Krise. Noch nie stand die Natur so unter Druck. Auf unseren gemeinnützigen Expeditionsreisen befähigen wir Menschen, dies zu ändern – durch Bürgerwissenschaft, ethisches Volunteering und angewandten Naturschutz.“ Evelyn Frey-Royston aus München und Neil Goodall aus Eng-land sind zwei der engagierten „Urlaubsforscher“ und seit einer halben Stunde unterwegs zu einer Winterhöhle von Bärenweibchen Klackmyra. Die Koordinaten für die Höhle haben sie von Andrea Friebe erhalten. Die Bärin wird erst seit einem Jahr beobachtet und hat an diesen Koordinaten monatelang im Winterschlaf verbracht, bevor sie aus unbekannten Gründen gestört wurde und ihr Winterquartier wechselte. „Etwa 20 Prozent der Bären hier in Schweden wechseln im Winter ihre Winterhöhle. Das kann möglicherweise durch Jäger mit ihren Hunden gewesen sein, die im Winter auf Elchjagd unterwegs waren“, erklärt die Biologin den beiden engagierten Helfern. „Hat sie sich zu sehr gestört gefühlt, wird sie an einen anderen Winterschlafplatz umgezogen sein“, fügt sie hinzu.

Der Weg zur Winterhöhle ist beschwerlich. Es geht querfeldein durch schwieriges Terrain. Der Boden ist weich wie ein Teppich – voller Moose und Büschen von Krähenbeeren. Zwischendurch sumpfig feucht, umschwirren die beiden freiwilligen Helfer zahlreiche Moskitos. Die Wanderschuhe sinken ein und erzeugen schmatzende Geräusche beim nächsten Schritt. „Kein Wunder, dass wir nie einen der Bären zu Gesicht kriegen“, sagt Evelyn. „Uns hört man kilometerweit.“ Die Koordinaten, die Andrea Friebe ihnen gegeben hat, passen: Quasi am Nullpunkt befindet sich die Bärenhöhle. Klackmyra hatte es sich im Winter unter einem Baumstumpf gemütlich gemacht, die Höhle mit Moosen und kleinen Ästen ausgepolstert. „Richtig gemütlich ist es hier unten“, sagt Evelyn, die im „richtigen Leben“ als Dolmetscherin tätig ist.

Durch Holzwirtschaft geprägt

Die nächste Höhle, die die beiden Bürgerwissenschaftler Karin und Ulli Klinger unter die Lupe nehmen und vermessen, ist von Bärin Näckila in einem alten Ameisenhaufen gebaut worden. „Selbst gegrabene Höhlen und vor allem alte ausgestorbene Ameisenhügel sind für Bären besonders gut geeignet. Diese sind wesentlich besser isoliert als Winterquartiere unter Steinen oder Baumwurzeln“, erklärt die Biologin den beiden. „Wir haben herausgefunden, dass die Jungen größer und widerstandsfähiger sind, wenn sie in gut isolierten Höhlen alter Ameisenhügel ihre ersten Lebensmonate verbringen“, erklärt die 51-Jährige. Doch diese gäbe es immer seltener, denn sie würden durch die Forstwirtschaft zerstört, wenn die riesigen Harvester die Bäume für die Holzproduktion ernten.

Dennoch, die Provinz Dalarna ist dünn besiedelt und bietet einen guten Lebensraum für die Bären. Das Wort „Dalarna“ bedeutet „Täler“, was sich auf die waldreiche, hügelige Landschaft beziehen lässt. Doch die Provinz ist auch stark durch die Holzindustrie geprägt. Das fällt auch Evelyn und Neil auf, als sie im Gebiet unterwegs sind, um eine Winterhöhle des Bärenmännchens Kyrk zu vermessen. Das Gebiet ist komplett zerstört und gleicht einer Kriegslandschaft. Dort hat der Bär ein Winternest an das emporstehende Wurzelgeflecht eines umgestürzten Baumes gebaut. „In ganz Schweden gibt es nur noch etwa 3 Prozent unberührten Wald. Alles andere dient der Holzproduktion“, erklärt die Biologin. So würden nur Kiefern und Fichten angepflanzt und die von selbst wachsenden Birken entnommen. Und alle 80 oder 90 Jahre werde eine große Fläche abgeholzt. Biodiversität bei den Bäumen ist in der Holzindustrie leider oft unerwünscht. „So habe ich das Land noch nie betrachtet“, sagt Evelyn. „Der Wald galt für mich immer als wunder-schön. Hier war für mich die Natur noch intakt, natürlich gewachsen. Doch das stimmt nicht.

Deshalb bestehen die Wälder hauptsächlich aus Monokulturen. Es ist sehr erschreckend, dass es kaum ein Fleckchen gibt, wo die Natur in Ruhe gelassen wird und einfach wachsen kann“, fügt Evelyn hinzu.

Um Bären besser zu schützen und Verständnis für die braunen, scheuen Waldbewohner aufzubauen, steht Andrea Friebe auch in regelmäßigem Austausch mit den schwedischen Behörden, der Forstwirtschaft und den Jägern. „Es werden pro Jahr etwa zehn Prozent der Population zum Abschuss freigegeben“, sagt sie. „Wir haben zu vielen Jägern einen guten Kontakt. Hier und da passiert es jedoch, dass ein Bär mit einem GPS-Halsband geschossen wird, unter anderem, da man von der Ferne nicht immer sehen kann, dass ein Bär ein GPS-Halsband trägt. Indem ich mit ihnen in Kontakt stehe, können wir uns gegenseitig unterstützen. Das gilt auch für die Forstindustrie.

"Ich hoffe, dass unsere Arbeit zu größerer Akzeptanz für die Bären führt"

Wenn die Mitarbeiter dort wissen, wie wichtig alte Ameisenhügel für die Reproduktion der Bären sind, können sie vermeiden, mit ihren schweren Fällmaschinen darüber zu fahren“, fügt sie hinzu. Um den Menschen das Leben des Ursus arctos näherzubringen, veranstaltet Andrea Friebe auch immer wieder Projekttage für Schulklassen und interessierte Gruppen. „Es ist wichtig zu erklären, dass der Braunbär vor ihrer Haustür nicht gefährlich ist, sondern Menschen lieber aus dem Weg geht“, sagt die Bärenwissenschaftlerin. „Hier ist die Akzeptanz für Bären im Allgemeinen sehr hoch – anders als im benachbarten Norwegen, wo es viel mehr Konflikte mit Schafsbesitzern gibt. Die Menschen in Schweden leben mit Elchen, Wölfen, Füchsen und eben auch mit Bären in der unmittelbaren Nachbarschaft und viele freuen sich sogar, wenn sie den scheuen Waldbewohner auch mal zu Gesicht bekommen. Er gehört hierher und es ist normal, dass er hier irgendwo herumstreift, auch wenn man ihn nur höchst selten sieht.“ Die Bürgerwissenschafler von Biosphere Expeditions nehmen auch viele wichtige Erkenntnisse mit nach Hause: „Das Projekt hier hilft ungemein, mehr Verständnis und mehr Respekt für Bären aufzubringen“, sagt Ulrich Klinger. „So konzentriert für eine Spezies so viel zu erreichen – die Chance hat man nicht oft.“

Und Evelyn fügt hinzu: „Ich hoffe, dass unsere Datensammlung auch zu größerer Akzeptanz für diese besonderen Tiere führt. Wenn wir mit der Forschung zeigen können, welche Bedürfnisse die Bären an ihren Lebensraum haben und welche große Rolle der Naturschutz dabei spielt, dann können wir die Menschen und die Behörden auffordern, ihr Verhalten zu verändern“, sagt Evelyn. „Und vielleicht gibt es in Schweden auch bald mehr unberührte Natur. Dem Land und seinen tierischen und pflanzlichen Bewohnern würde das extrem guttun und Schweden bereichern“, fügt sie abschließend hinzu.

Unsere Reise-Tipps

Expeditionen Wer seine Urlaubszeit sinnvoll gestalten möchte, kann Teilnehmer der nächsten Natur- und Artenschutzexpeditionen sein und Naturschutz hautnah erleben und unterstützen. Infos unter: www.biosphere-expeditions.org

Infos zum Bärenprojekt unter www.bjorn-vildmark.com