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Den Dingen eine zweite Chance geben


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Atrium - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 11.03.2022

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Robert Adamek hat in einem Nachkriegsprovisorium einen Ort für kreatives Arbeiten und Wohnen gefunden.

Selten geworden sind sie in Deutschland: jene gebauten Dokumente eines aus dem Mangel geborenen Upcyclings. In einem solchen, von Improvisation gezeichneten Haus aus den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich Robert Adamek in Dortmund niedergelassen. Seit mehr als 15 Jahren dient dieses ehemals als Steinmetz-Werkstatt genutzte Gebäude dem Architekten, Fotomodel und bekanntesten Bartträger der Stadt als Lebensmittelpunkt. Sein besonderes Gespür für Interieurs sowie die charakteristische Erscheinung des Hausherrn haben diesen Ort zu einer begehrten Location für Fotoshootings und Cross-Over-Projekte werden lassen.

Ein Neuanfang als Provisorium

Ganz in der Nähe des riesigen Hauptfriedhofs und seiner monumentalen Eingangshallen liegt das langgestreckte Haus heute etwas versteckt hinter Büschen und hochgewachsenen Alleebäumen. 1948 liess sich hier ein Steinmetzbetrieb nieder und begann, sich ...

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... eine neue Existenz aufzubauen. Schliesslich war der Gottesacker lediglich von Freiflächen umgeben; nur die nahe Siedlung der britischen Rheinarmee begrenzte das Areal. Da Baumaterial knapp und kostenintensiv war, wurde aus den Schuttresten zerbombter Häuser, Fliesenresten und Holz ein Tiny-Haus mit einem angrenzenden Aussenraum für die Arbeit am Stein zusammengezimmert. Aus diesem Grunde geriet auch jedes Fenster zu einem Einzelstück. An den Balken der Dachabdeckung ist noch die Herkunft durch AEG-Stempel ablesbar. Bis 1954 wurden weitere Räume aneinandergereiht, als die Differenzierung der Arbeitsvorgänge durch das Wachstum des Betriebs notwendig wurde.

Auch das Gebiet um den Hauptfriedhof wurde in den folgenden Jahrzehnten vollständig bebaut und um die provisorisch errichtete Grabmal-Werkstatt Unger siedelten sich weitere Steinmetz-und Gärtnereibetriebe an, Einfamilienhäuser füllen seither die Baulücken. Auf der Suche nach einem Übergangsraum für sein Architekturbüro und Lager seiner umfangreichen Sammlung an Designobjekten, Kunst, Kitsch und Vintage-Kleidung fand Robert Adamek dieses vergessene Relikt aus den ersten Jahren der BRD. Obgleich der Bau keine Heizung hatte und die Kälte durch die Wände drang, zog er nach einiger Zeit schliesslich selbst ein. Denn der Reiz «off the grid» zu sein, d. h. durch geringe Kosten für Unterkunft und Energieversorgung den Wunsch nach Unabhängigkeit zu verwirklichen – noch dazu am Rande der Dortmunder Innenstadt und in unmittelbarer Nähe zur eindrucksvollen, von hohen Alleen und üppigem Bewuchs bestimmten Friedhofsanlage – war so reizvoll, dass er den Versuch wagte.

Käpt’n Nemo im Urlaub

Beim Betreten des Grundstücks, auf dem das Werkstatt-Provisorium steht, blickt der/die Besucher*in zunächst auf dessen Schmalseite. Vom grossen, über Rustika-Mauerwerk eingesetzten Fenster winken ihm hölzerne Modellpuppen zu, und im Sommer laden die vor dem Eingang unter einem weissen Sonnensegel aufgestellten Bänke, Lagerstätten und ein rustikaler Tisch ein, sich zu einem Plausch mit dem Hausherrn niederzulassen.

Der von einem flachen Satteldach mit Bitumenpappe überfangene Bau, dessen geradezu rau wirkende Einfachheit auch von Robert Adamek nicht angetastet wurde, spricht vor allem im Innenbereich von einer opulenten Lust am Dekor und Spass an dem Gedanken zum Aufbruch ins Abenteuer: Ein bisschen so, als würde Jules Vernes Käpt’n Nemo in einer sibirischen Hütte Urlaub machen. Schon die unmittelbar hinter dem durch gelbe Zechenlampen markierten Entree liegende, einer italienischen Bar nicht unähnliche Küche macht eines sofort klar: In diesem Haus wohnt ein Transformer der Dinge; jemand, der seine innere und äussere Hülle durch Gegenstände aus der Vergangenheit kreativ und spielerisch in die Gegenwart hinein wandelt.

Ein von grossen Fenstern erhellter, weiss gestrichener Raum mit Werkbänken, Friseurstuhl, Rollstuhl und einer Fabrikuhr ist das Kreativlabor; daran angrenzend bewahrt Robert Adamek seine seit Schultagen zusammengetragene Sammlung von Vintage-Uniformjacken und Mänteln, Lederkleidung und Accessoires auf. Mit diesem umfangreichen Fundus von Secondhand-Körperhüllen modifiziert er seine eigene Physis zu einer in den Raum integrierten Kunstfigur.

In den weiteren, gegenüberliegenden Räumen zieht das dunkel-metallene Rund eines Bullerjan-Holzofens die Blicke auf sich. Hüttenflair verbreitetet sich hier – zumal man vom Bett aus durch ein Oberlicht in den Himmel und durch das Wandfenster ins Grüne schauen kann. Schweizer Armeedecken bedecken das Bett oder werden als Vorhang genutzt. Sie geben dem Haus eine herbe und gleichzeitig warme, Geborgenheit ausstrahlende Ästhetik. Der den Büroräumen vorbehaltene Teil des Hauses bewahrt eine reduzierte Optik – wie eine stille, geordnete Enklave der Konzentration, die von den im Stil der Moderne designten Mauser-Schreibtisch und durch eine nahezu penible Ordnung verstärkt wird.

In jedem Zimmer, auf jeder Fläche und in Nischen sind altarähnliche Arrangements von Kunst, Kitsch, klassischem Design, Militaria und Naturalia zu entdecken. Diese sind es, die die Casa Adamek nicht zuletzt zu einem Ort werden lassen, der einer Kunstinstallation nahesteht. Man ist versucht, beim Betrachten all dieser Elemente den Zusammenhang und Sinngehalt der Objekte zu entschlüsseln, die eine feste Ordnung, einen definierten Platz haben und über die Robert Adamek viel erzählen kann. Aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang genommen – und zuweilen auch konterkariert –, werden aus den gesammelten Gegenständen auch mit neuen Funktionen belegte Designobjekte: Fabrikschilder – aus den ehemaligen Zechen des Ruhrgebietes gerettet – werden zu Tischplatten, Helme zu Schalen für Orangen oder Bilder von Panzern zu einer warm leuchtenden Stehlampe. Schwarz-Weiss-Fotografien seiner Vorfahren, Militaria und maritime Motive – «Das Meer bietet mehr Weite und Horizont als die Berge», sagt er dazu – verweisen auf die private Familienhistorie, die für sein Selbstverständnis von wesentlicher Bedeutung ist.

Interieur als Selbstvergewisserung

Dies alles wird zusätzlich ergänzt durch Porträts von Robert Adameks eleganter Erscheinung mit dem eindrucksvollen Gesicht. Wie eine ständige Selbstvergewisserung seiner unterschiedlichen Aspekte werden die glatten Oberflächen der Schränke im Schlafzimmer ebenso wie die des Kühlschranks zu Passepartouts für Fotografien von Mode-Shootings und Kunstprojekten und verweisen auf ihn, das freundliche Herzstück dieser Rauminszenierungen.

Wer ist der Mann, der an diesem Provisorium so viel Gefallen findet, dass er in den vergangenen 15 Jahren dort heimisch werden konnte und dessen fotogenes Charisma mir in jedem Zimmer begegnet? In den 1960erund 1970er-Jahren in der nahen Ruhrgebietsstadt Marl aufgewachsen, hat er den idealistischen Aufbruch der BRD durch eine zukunftsoptimistische Architektur erfahren. Diese nicht eingelösten Träume und der Verlust von Originalsubstanz und Authentizität prägen bis heute diese Stadt und haben auch das Denken Robert Adameks geprägt. Seit seinem Architekturstudium in Dortmund und seiner Tätigkeit in Arbeitsgemeinschaften oder als selbstständiger Architekt ist es ihm immer ein Anliegen gewesen, mit einfachsten Mitteln Rücksicht zu nehmen auf die Erhaltung von Originalsubstanz bei grösst-möglicher Bedarfsorientierung an der Gegenwart und den Bedürfnissen der Bewohner*innen. Beispielhaft dafür ist das Konversionsprojekt des unter Denkmalschutz stehenden Lokschuppens der Zeche Waltrop (unmittelbar neben dem Hauptsitz von Manufactum) ebenso wie seine Modernisierungsprojekte von Genossenschafts­Wohnungen.

Eng verwoben ist er zudem mit der Kreativszene, die sich immer wieder von seinem markanten Äusseren inspirieren lässt und in der er seine eigenen Schmuckdesign­Kreationen präsentiert. Seit einer zufälligen Begegnung mit der Mode­ und Interieur­Fotografin Claudia Diaz Marquez, die ein erstes Fotoshooting für ihn arrangierte, begann vor einigen Jahren Robert Adameks zweite Karriere als Charakter­Fotomodel. Bei Werbekampagnen von Citroën ist er seither ebenso gefragt wie beim Trachtenlabel«Wiesnkönig» und der Pariser Fashion Week. Auch in Imagefilmen, z. B. für den Fachbereich Design der FH Düsseldorf, in Musikvideos und einer Reportage von ARTE Metropolis über das Ruhrgebiet, macht Robert Adamek eine gute Figur. Wie Peter Marino, New Yorker Architekt und Interiordesigner von Luxuslabels, unterstreicht er seine Männlichkeit: Sein symmetrisches, von den Winden der Jahre durch feine Linien überzogenes Gesicht umrahmt ein üppiger Bart, die hohe, schlanke, immer exzellent gekleidete Figur wird durch Uniform und Lederjacken betont, ebenso durch das Tragen seines eigenen Schmuckdesigns aus Patronenhülsen und maritimen Motiven oder Erbstücken aus den 1970er­Jahren.

Eine Hülle nach Mass

Authentizität leben, sich seiner Wurzeln bewusst sein und dies konsequent in das Berufswie Privatleben integrieren, um daraus wieder Neues zu generieren: In der ehemaligen Grabmal­Werkstatt ist es Robert Adamek gelungen, dafür einen Ort zu schaffen. Daher ist dieses Provisorium Ausdruck seines Lebensmottos. Bis zum heutigen Tage hat er den Entschluss nicht bereut, sich auf den provisorischen Charakter des Hauses einzulassen. Denn dieser passt – überraschend ist es eigentlich nicht mehr – zu seinem Bewohner wie eine massgeschneiderte Hülle. Zumal der Architekt, seine Passion für Gebrauchtes erklärend, sagt: «Dinge, die mindestens so alt sind wie ich, dürfen nicht sterben, sie haben eine zweite Chance verdient.» ——