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DEN KRALL’ ICH MIR


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Cosmopolitan - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 12.10.2022
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EINER GEHT NOCH Während Männer ihre Partnerin auch nach Jahrzehnten noch anziehend finden können, haben Frauen in der Regel nach 24 bis 36 Monaten keine Lust mehr auf ihren aktuellen Partner, hätten gern einen neuen

7 Min. Lesedauer

DR. MEIKE STOVEROCK

ist eine deutsche Biologin und Sachbuchautorin. Mit ihrem Buch „Female Choice“ (Tropen, 14 €) stellt sie das Zusammenleben von Frauen und Männern in ein neues Licht: Wann und wo nahm die Ungleichheit der Geschlechter ihren Anfang?

„Manchmal wünschte ich, ich wäre eine Frau – was das Dating angeht zumindest“, offenbarte mir kürzlich mein Freund P. „Gefühlt muss ich bei Tinder unzählige Male nach rechts swipen, um ein Match zu bekommen. Während Frauen wie aus einem Katalog unter Hunderten von Anwärtern um ihre Gunst auswählen können.“ Fucking ungerecht, da sind wir uns beide einig. Und P. ist nicht der einzige Hetero-Mann, dem es so geht. Nicht nur kommt für Männer bei 115 Swipes nach rechts durchschnittlich ein einziges popeliges Match zustande, sie finden laut Datenlage auch Fotos von Frauen durchweg attraktiver als Frauen die Fotos von Männern. Außerdem sind sie ...

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... bereit, enorme Abstriche bei der Optik ihrer (potenziellen) Partnerin zu machen, nur um endlich mal an eine ranzukommen. Böse Zungen würden das „wahllos“ nennen. Dr. Meike Stoverock nennt das Biologie.

LANGE FREMDBESTIMMT

Für ihr Buch „Female Choice“ hat sie sieben Jahre lang zur sexuellen Macht der Frau recherchiert, und bevor Sie jetzt genau wie ich unter hysterischem Lachen „Zur Hölle, welche Macht?“ fragen, schauen wir uns unser Balzverhalten kurz aus evolutionsbiologischer Sicht an: Im Tierreich ist es das Weibchen, das sich den besten Partner für die Kopulation aussucht und damit den männlichen Zugang zu Sex kontrolliert, bei den frühen Menschen war es nicht anders – die Frau wählte aus; was dazu führte, dass sich im Vergleich zu Frauen nur wenige Männer in der Menschheitsgeschichte fortpflanzen konnten. Erst mit der Sesshaftwerdung und der Entstehung des Patriarchats schlug die Geburtsstunde der Monogynie, also der Eine-Frau-Ehe. Hat sich die Frau ursprünglich den Typen also noch selbst gekrallt und vermutlich auch wieder verlassen, sobald der Nachwuchs selbstständiger wurde, war sie nun abhängig, da sie kein eigenes Geld verdienen durfte. Und Väter nahmen deren Glück in die eigenen Hände, oder anders gesagt: sorgten mit arrangierten Ehen meist im präpubertären Alter für institutionalisierte Vergewaltigungen ihrer Töchter. Und das vor allem mit: no way out. Lebenslänglich.

Heute liegen die Dinge, Frauenbewegung sei Dank, schon ein klein wenig anders. Frauen entscheiden selbst, wer sie bespringen darf (oder wen sie bespringen wollen), und wenn sie die Schnauze voll von einem Kerl haben, gehen sie ihrer Wege. Trotzdem wird ihnen nach wie vor vermittelt, dass sie froh sein können, überhaupt jemanden abbekommen zu haben. Und sind sie jenseits der 30 noch Single, folgt Mitleid auf dem Fuß. Doch damit ist zum Glück bald Schluss, denn der Spieß ist gerade dabei, sich umzudrehen.

WIR HABEN DIE WAHL

„Je gleichberechtigter die Frauen werden, desto mehr kehren sie zu ihren natürlichen sexuellen Präferenzen zurück“, erklärt Meike Stoverock bei einem grünen Smoothie in der Berliner Herbstsonne. Besonders deutlich wird das in Norwegen, wo kein nennenswerter Gender-Pay-Gap mehr existiert und flächendeckende Kinderbetreuung selbstverständlich ist. Dort stieg die Zahl der kinderlosen Männer in den letzten Jahrzehnten eklatant an, während die Zahl der kinderlosen Frauen sich kaum verändert. „Eine Art ‚Väterrecycling‘ ist ganz normal“, sagt Meike Stoverock. Diese Tendenz werde in Zukunft auch noch zunehmen. Wer weiß, vielleicht landen wir eines Tages sogar bei einer Zweitverwertungsbörse für gute Familienväter und Partner? Mehr sogar: „Überhaupt werden sich viele Männer damit abfinden müssen, keine Partnerin mehr zu finden, weil die Frauen deutlich wählerischer werden“, so die Expertin.

Aber wie sehen die ur-weiblichen Präferenzen überhaupt aus? Groß, haarig, gut gebaut? Meike Stoverock sagt lachend: „Körpergröße ist auf jeden Fall ein Thema! Das sieht man schon daran, dass die Menschen im Laufe der Geschichte immer größer wurden. Und tatsächlich spielt Durchsetzungsvermögen eine große Rolle, gewisse Macher- Qualitäten.“ Klingt ein bisschen so, als wäre die emanzipierte Frau immer noch auf einen steinzeitlichen Beschützer aus, der aber selbstverständlich-feministisch dieselbe Care-Arbeit zu Hause übernimmt. Ganz schön hohe Ansprüche, denen viele Männer nicht gerecht werden. Einige bleiben bei der Damenwahl dann komplett auf der Strecke. Die Biologin erklärt: „Diese Männer nennt man Incels, kurz für ‚Involuntary Celibates‘, also ‚unfreiwillig im Zölibat Lebende‘. Es gab sie schon immer, Kinder- und sogar Sexlosigkeit sind für die meisten Männer aus biologischer Sicht Standard. Unsere Aufgabe als Gesellschaft wird sein, das zu normalisieren. Wenn wir das nicht schaffen, haben wir ein riesiges Problem.“

IM TIERREICH IST ES DAS WEIBCHEN, DAS SICH DEN BESTEN PARTNER AUSSUCHT – DAS WAR BEI MENSCHEN NICHT ANDERS.

DIE ABGEHÄNGTEN

Um zu verstehen, was sie damit meint, müssen wir in die Zeit zurückreisen, in der die Menschen sesshaft wurden und anfingen, eine gesellschaftliche Ordnung zu etablieren. Für die auf keimende Zivilisation entwickelten sich die vielen sexlosen Zeitgenossen nämlich als echte Gefahr. Und weil sexuelle Frustration extrem zerstörerische Kräfte freisetzen kann, entschied man sich, möglichst jedem Mann Zugang zu einem weiblichen Körper zu verschaffen. Im Grunde könnte man schon fast behaupten, dass unsere Zivilisation nur entstehen konnte, weil man die Sexualität der Frau unterdrückte.

Na dann Prost! Und im Umkehrschluss bedeutet das wohl tatsächlich, dass uns harte Zeiten bevorstehen, wenn wir uns unsere natürliche Freiheit zurückerobern. Denn die Incel-Bewegung wird nicht einfach nur von irgendwelchen Typen gespeist, die keine abkriegen, sondern ist eine Subkultur mit einer gefährlichen, frauenverachtenden Ideologie. „Incels sind kein reines Problem des Internets“, warnt Meike Stoverock. Sie fordert schnellstmöglich mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit für solche Männer, die zu Gewalt und politischem Aufruhr bereit sind. Und zwar nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Verständnis und Wohlwollen für ihre unerfüllten Sehnsüchte, damit sie sich selbst nicht als Schlusslicht wahrnehmen, sondern immer noch als Teil der Gemeinschaft.

WOLLT IHR MEINE MÄNNER WERDEN?

Und noch etwas wird sich in der entfernteren gleichberechtigten Zukunft wohl verändern: das Ideal der monogamen Bindung „bis dass der Tod euch scheidet“. Wenn zwei Menschen ihr Leben miteinander verbringen wollen, voll okay. Aber als Standard, der für alle zu gelten hat, wurde es letztlich von Männern erfunden, um das eigene Geschlecht mit Sex zu versorgen und die väterliche Linie zu schützen. Dass das noch heute der weiblichen Natur wenig gerecht wird, sehen wir an Studien, die nachweisen konnten, wie die meisten Frauen nach einigen Jahren das Interesse an ihren Langzeitpartnern verlieren. „Viele Frauen fragen sich, was mit ihnen nicht stimmt, wenn sie keinen Bock mehr haben. Sie werden auch von medizinischer Seite pathologisiert“, sagt Meike Stoverock. „Dabei sollten wir lieber die biologischen Tatsachen anerken- nen und Beziehungen schon mit dem Wissen eingehen, dass Unlust nicht nur passieren kann, sondern sogar sehr wahrscheinlich ist. Wir sollten uns verabschieden von der Idee, dass romantische Liebe zu tollem Sex bis ans Ende unserer Tage führt.“ Ein bisschen desillusionierend ist das auf den ersten Blick, kann auf den zweiten aber unglaublich befreiend wirken. Wir ziehen weiter, wenn wir uns weiterentwickeln, und dass wir das können, ist großartig! Eine Liebe muss nicht „gescheitert“ sein, nur weil sie nicht bis zum bitteren Ende gehalten hat. Genauso wie es sich in einer funktionierenden Partner*innenschaft lohnen kann, Treue jenseits von Sexualität neu zu definieren. Und vielleicht wäre ja auch ein Männer-Sharing was? Große polyamore Liebe nicht ausgeschlossen?

UNSERE REGELN

Meike Stoverock findet: „Die Verknüpfung von Sex und Liebe ist ein patriarchales Narrativ, gerade für die Frau, die nur in romantischen Beziehungen Sex haben soll.“ Und das Narrativ geht sogar noch weiter, schließlich hören wir allerorten, die Frau hätte eben nicht so große Lust wie der Mann. Der Rat der Biologin: „Frauen sollten viel mehr auf ihren Körper hören und ihre Lust oder Unlust selbstbestimmt äußern. Davon hätten dann auch die Männer eine Menge!“

Wir haben jetzt die Möglichkeit, zu definieren, was wir wirklich wollen. „Frau zu sein bedeutete lange, nach Regeln zu leben, die andere aufgestellt haben“, gibt uns Meike Stoverock noch mit auf den Weg. „Freiheit ist etwas, das man erst lernen muss.“ Am besten also, wir fangen gleich damit an.

„JE GLEICHBERECHTIGTER DIE FRAUEN WERDEN, DESTO MEHR KEHREN SIE ZU IHREN NATÜRLICHEN SEXUELLEN PRÄFERENZEN ZURÜCK.“

DR. MEIKE STOVEROCK, BIOLOGIN