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Den Teufelskreis durchbrechen


ÖKO-TEST Ratgeber Gesundheit & Fitness - epaper ⋅ Ausgabe 5/2009 vom 04.08.2010

Wenn es ständig unter der Schädeldecke rumort, hat das für die Betroffenen fatale Folgen. Ursache ist meistens eine angeborene Überempfindlichkeit des Nervensystems. Dank neuer Forschungsergebnisse können Kopfschmerzen heute sehr genau diagnostiziert und erfolgreich behandelt werden. Doch nicht jeder Arzt ist mit den modernen Therapiekonzepten vertraut.


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Foto: Chris Harvey/Fotolia.com

Jeder kennt und fürchtet sie: Mal hämmert ein kleiner böser Zwerg ohne Unterlass im Kopf, mal fühlt sich der Schädel an, als sei er in einem Schraubstock eingespannt. Manchmal beginnen die Beschwerden gleich nach dem ...

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Jeder kennt und fürchtet sie: Mal hämmert ein kleiner böser Zwerg ohne Unterlass im Kopf, mal fühlt sich der Schädel an, als sei er in einem Schraubstock eingespannt. Manchmal beginnen die Beschwerden gleich nach dem Aufstehen, manchmal stellen sie sich erst im Laufe des Tages ein. Kopfschmerzen sind eine Volkskrankheit. Rund 60 bis 70 Prozent aller Deutschen haben zumindest ge legentlich Beschwerden. Über drei Prozent leiden mehr als zwei Wochen pro Monat unter Kopfschmerzen, etwa zwei Millionen Menschen quälen sich Tag für Tag mit dem Übel herum. Angesichts solcher Zahlen ist es nicht verwunderlich, dass Kopfweh zu den häufigsten Gründen für einen Arztbesuch zählt. Der volkswirtschaftliche Schaden ist enorm. So werden die Gesamtkosten allein durch Migräne in Deutschland für 2004 auf rund 880 Millionen Euro geschätzt, davon der größte Teil durch Arbeits- und Produktivitätsausfall. Beim Spannungskopfschmerz liegt die Zahl der Krankschreibungen sogar noch höher.

Normalerweise ist Schmerz für den Organismus ein wichtiges Alarmzeichen. Er hilft uns, die Ursachen für gesundheitliche Störungen herauszufinden und frühzeitig zu bekämpfen. Auch Kopfschmerzen signalisieren dem Körper, dass etwas nicht in Ordnung ist. Eher harmlos ist der Brummschädel nach einer durchzechten Nacht. Fast jeder hat auch schon Kopfweh als vorüberge hen de Begleiterscheinung bei Erkältung oder Grippe erlebt. Manchmal weisen die Beschwerden auf eine Fehlhaltung etwa vor dem Computer hin. Selten können plötzliche und heftige Kopfschmerzen auch Symptom einer schweren Erkrankung wie der gefürchteten Hirnhautentzündung oder sogar einer Gehirnblutung sein. In vielen Fällen aber sagt uns das Bohren oder Pochen im Kopf schlicht, dass wir unsere körperlichen oder emotionalen Kräfte überfordert haben.

Alarmsignal: Wenn der Kopf dröhnt, kann das auch ein Hinweis auf eine chronische Zahnerkrankung sein.


Foto: pro Dente e.V.

Kopfschmerz ist nicht gleich Kopfschmerz

Meistens verschwinden die Kopfschmerzen wieder, wenn die Ursachen beseitigt sind. Aber manchmal verselbstständigen sich die Schmerzen, obwohl keine andere körperliche Störung mehr festzustellen ist. Für die Betroffenen hat das tief greifende Folgen. Denn Kopfschmerzen im chronischen Stadium sind eine massive Behinderung, die die gesamte Lebensqualität beeinträchtigt. Wenn die Gedanken und Gefühle nur noch um tägdie Schmerzen kreisen, wenn der Patient keinen Ausweg mehr findet und die Freude am Leben verliert, kann das zu Depressionen und schlimmstenfalls sogar zu Selbsttötungsgedanken führen. Der Betroffene wird vielleicht arbeitsunfähig, zieht sich immer mehr zurück. Häufig wenden sich dann auch Freunde und Bekannte ab. Hilflos schlittert der Kranke in die soziale Isolation, was sein Leiden noch verstärkt.

Doch Kopfschmerz ist nicht gleich Kopfschmerz. Spezialisten kennen über 200 verschiedene Formen, darunter regel rechte Exoten. Besonders empfindliche Menschen werden zum Bei spiel vom Eiscremekopfschmerz ge plagt, wenn Gaumen und hintere Rachenwand zu schnell mit kalten Nahrungsmitteln in Kontakt kommen. Nach schwerem Tragen kann der Ge wichtheberkopfschmerz auftreten und beim Sex der sogenannte Sexualkopfschmerz, der Liebende aus heiterem Himmel auf dem Höhepunkt des Geschlechtsakts überfällt. Betroffen davon sind meistens Männer. Das gilt auch für den seltenen Clusterkopfschmerz. Das Wort Cluster bedeutet Bündel und bezeichnet eine besonders heftige Form des Kopf schmerzes, bei der sich die Attacken meistens in einem bestimmten Zeitraum bündeln. Patienten vergleichen den Clusterschmerz mit einem brennenden Dorn, der ihnen in die Schläfe gerammt wird oder mit einem glühenden Messer, das ins Auge sticht. Die Anfälle ereignen sich vorwiegend in der Nacht, dauern ein bis drei Stunden und können dann wieder Monate verschwinden.

Risiko Medikamentenkopfschmerz

Über 90 Prozent der Patienten haben jedoch entweder chronische Spannungskopfschmerzen, Migräne oder eine Kombination aus beiden. Nicht selten kommen Entzugskopfschmerzen hinzu, weil der Betroffene zu lange zu viele Schmerzmittel eingenommen hat. Schmerzmittel gehören in Apotheken zu den Kassenschlagern. Dabei zählen Kopfschmerzpatienten zu den besten Kunden. Aber was relativ harmlos mit dem gelegentlichen Griff zur Pille beginnt, kann leicht zu einem ernsthaften Gesundheitsproblem werden. Viele Menschen gewöhnen sich an die schnelle Hilfe und schlucken tägdie lich Schmerzstiller, die die Beschwerden unterdrücken, die Ursachen aber nicht beseitigen. Der Missbrauch schädigt über Jahre die Organe. Magengeschwüre, Blutgefäßschäden, Tumore der Harnwege und vor allem Nierenschäden bis hin zum totalen Nierenversagen können die Folge sein. Doch damit nicht genug: Der ständige Tablettenkonsum macht süchtig. Und – was die meisten nicht wissen – die Kopfschmerzen können chronisch werden. Ohne es zu ahnen, haben sie ihr Leiden selbst erzeugt. „Das ist wie eine Lawine, die als kleiner Schneeball beginnt und sich im Laufe der Zeit zu einem großen Problem entwickelt“, so beschreibt Professor Hartmut Göbel, Chefarzt der Kieler Schmerzklinik, diesen Prozess.

Gerade der Medikamentenkopfschmerz hat nach Aussagen von Ärz ten in den vergangenen Jahren stän dig zugenommen. Der Patient leidet dann unter einer Mischung verschiedener Kopfschmerzarten, die er selbst nicht mehr unterscheiden kann. Ob es sich um chronische Spannungskopfschmer zen oder einen Arzneimittelkopfschmerz handelt, lässt sich erst nach dem Entzug feststellen. Inzwischen ist belegt, dass potenziell jedes Schmerzmittel einschließlich der neueren Migränemittel diese Art von Dauerkopfweh hervorrufen kann. Besonders gefährdet sind Menschen, die schon seit ihrer Kindheit an Kopfschmerzen leiden und entsprechend früh mit Schmerztabletten behandelt wurden. Ähnliches gilt für Kopfschmerzkranke mit ausgeprägtem Pflichtbewusstsein, die die Medikamente oft schon vorbeugend einnehmen, um möglichst keinen Arbeitstag zu versäumen. Aus Angst vor dem nächsten Anfall haben sie ihre Schmerzmittel immer dabei. Frauen sind drei- bis viermal häufiger betroffen als Männer. Auffallend ist auch, dass der Medikamentenkopfschmerz nur bei Patienten mit Migräne oder Spannungskopfschmerzen auftritt. Heute weiß man: Um den berüchtigten Entzugskopfschmerz zu verhindern, dürfen die Geplagten höchstens an zehn Tagen im Monat und nicht länger als drei Tage hintereinander Schmerzmittel gegen Kopfschmerzen oder Migräne einnehmen.

Teufelskreis: Tabletten können Kopfschmerzen zwar unterdrücken, jedoch die Ursachen der Beschwerden nicht beseitigen.


Foto: ccvision.de

Foto: Techniker Krankenkasse

Wer permanent Tabletten schluckt, um arbeitsfähig zu bleiben, riskiert einen Medikamentenkopfschmerz.


Foto: irisblende.de

Gedächtnisspur des Schmerzes

Aber was passiert eigentlich im Kopf, wenn es unter dem Schädel bohrt, wummert oder sticht? Das Gehirn selbst kann keinen Schmerz empfinden. Nur die Gehirnhäute und die Knochenhaut, die den Schädel umkleidet, sind mit Nerven durchzogen. Sie können schmerzen, wenn sie wenig durchblutet oder entzündet sind. Auch bei einem Migräneanfall entstehen Entzündungen an der Hirnhaut, am Nervengewebe und an den Blutgefäßen. Als eigentliche Ursache des Leidens wird jedoch eine genetisch bedingte Übererregbarkeit des Nervensystems angenommen. Bei Menschen, die von Natur aus mit der Bereitschaft zu Migräneattacken ausgestattet sind, scheinen verschiedene äußere Faktoren zu einer vorübergehenden Störung der Gehirnfunktion zu führen, die eine Kette von Nervenzellen- und Gefäßreaktionen zur Folge hat. Es werden Schmerz- und Entzündungsstoffe freigesetzt, die sich um die Arterien herum ausbreiten und die typischen Migränesymptome auslösen.

Beim Spannungskopfschmerz sind die Ursachen bisher noch nicht ge nau geklärt. Sein Name kommt eigentlich von Verspannung, da man früher glaubte, dass die Schmerzen mit verspannten Nacken- oder Schultermuskeln zusammenhängen. Heute gehen die Forscher allerdings davon aus, dass angespannte Muskeln die Krankheit zwar begünstigen, aber nicht der eigentliche Grund für die Beschwerden sind. Beteiligt sind wahrscheinlich innere und äußere Faktoren. Diskutiert wird eine Störung im schmerzverarbeitenden System des Gehirns, die dazu führt, dass Betroffene die Schmerzreize stär ker spüren als andere Menschen. Die Beschwerden werden chronisch, wenn der akute Schmerz nicht gleich richtig behandelt und zumindest vor über gehend ausgeschaltet wird. Die Schmerzimpulse kehren immer wieder, sodass das Nervensystem ihnen immer höhere Aufmerksamkeit widmet. Schließlich reicht schon ein ganz leichter Reiz aus, um vom Patienten als unangenehm empfunden zu werden. Wissenschaftler haben diesen Prozess das Schmerzgedächtnis genannt. Der Vorgang ist nicht nur biochemisch nachweisbar, sondern hinterlässt seine Spuren sogar im Aufbau der Zellen. Das Bild des Schmerzes hat sich fest ins Nervensystem eingebrannt.

Spannungskopfschmerz – Suche nach den Ursachen

„Sie zermartert sich das Hirn.“ Oder: „Er hat ein Brett vor dem Kopf.“ Der Volksmund kennt viele Namen für jenes Leiden, das die Fachleute Spannungskopfschmerzen nennen. Die Patienten haben das Gefühl, als wäre ihr Schädel in einem Schraubstock eingespannt oder als trügen sie eine schwere Last auf ihrem Haupt. Kopfschmerz vom Spannungstyp ist unter den Kopfschmerzerkrankungen die häufigste Form. Zwischen 30 und 70 Prozent der Bevölkerung plagen sich mit wiederkehrenden Spannungskopfschmerzen herum. Wie viele Menschen in Deutschland tatsächlich darunter leiden, lässt sich allerdings nur schätzen, denn über 80 Prozent der Betroffenen gehen vermutlich nie zum Arzt. Die dumpf-drückenden Schmerzen treten meistens beidseitig auf, manchmal allein im Schläfen- oder Scheitelbereich, manchmal im ganzen Kopf. Sie entwickeln sich langsam während des Tages, werden aber bei körperlichen Aktivitäten nicht stärker. Wer unter dieser Kopfschmerzart leidet, zieht sich meistens nicht ins Bett zurück, sondern verspürt eher das Bedürfnis nach einem Spaziergang an der frischen Luft. Migränetypische Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Licht-, Lärm- oder Geruchsempfindlichkeit fehlen normalerweise. Wenn sie doch auftreten, kann es sein, dass der Spannungskopfschmerz von einem Migräneanfall begleitet wird. Solche Kombinationskopfschmerzen sind sehr häufig.

Worüber man sich den „Kopf zerbricht“, kann unterschiedlich sein: emotionaler Stress, Überforderung, hohe Belastung am Arbeitsplatz. Auch Probleme mit dem Blutdruck, Flüssigkeitsmangel, Zigarettenkonsum oder Wetterfühligkeit können dazu führen, dass der Schädel dröhnt. Spannungskopfschmerzen verlaufen weniger dramatisch als Migräneattacken, weshalb sie von Ärzten und Wissenschaftlern lange vernachlässigt wurden. Man sprach schlicht von normalen Kopfschmerzen. Dennoch haben sie erhebliche Auswirkung auf das Leben der Betroffenen. Häufig entsteht eine Kettenreaktion aus Stress, Schmerz, Angst vor der nächsten Attacke und Medikamentenkonsum, so dass die Beschwerden chronisch werden. Nach Angaben der Experten leidet ein großer Teil dieser Patienten auch unter depressiven Verstimmungen. In vielen Fällen ist es die Folge der jahrelangen Marter im Kopf. Manchmal steckt aber auch umgekehrt hinter den Dauerkopfschmerzen eine verborgene Depression.

Ein verspannter Nacken begünstigt Spannungskopfschmerz, ist aber nicht die eigentliche Ursache.


Foto: irisblende.de

Chronische Kopfschmerzen sind aber kein unabwendbares Schicksal, denn das Schmerzgedächtnis kann auch wieder vergessen. Besser ausgedrückt: Man kann es mit anderen Dingen überschreiben. Doch es gibt nur einen Weg, den Teufelskreis zu durchbrechen: Man muss dem Kopfschmerz aktiv begegnen. Aber dazu bedarf es einer gehörigen Portion Geduld und Disziplin. „Es kommt allein auf den Patienten an“, sagt Kopfschmerzexperte Professor Göbel. „Kein Arzt, kein Apotheker und keine Medizin kann uns die Verantwortung für den eigenen Körper abnehmen.“

Wichtig ist es zunächst einmal, sich über die Krankheit und ihre Behandlungsmöglichkeiten zu informieren und den Schmerz zu akzeptieren. Auch chronische Kopfschmerzen sind ein Signal des Körpers, das man nicht ignorieren oder wahllos mit Medikamenten unterdrücken sollte. Vielmehr gilt es, noch tiefer in den eigenen Körper hineinzuhorchen. Wer herausfindet, welche Faktoren seine Kopfschmerzen auslösen und wie er das Herannahen eines Anfalls erkennt, hat schon eine ganze Menge erreicht. Das Entscheidende ist aber: Menschen mit ständigen Kopfschmerzen müssen lernen, mit Schmerzmitteln richtig umzugehen oder sie sogar ganz wegzulassen. „Es kommt darauf an, dem Kopfschmerz nicht immer mit einer Tablette hinterherzurennen, sondern vorauszugehen und ihn durch Vorbeugung zu verhindern.“ Nur so wird es möglich, dass die Spuren des Schmerzes im Gedächtnis langsam verblassen.

Interview: „Die Medizinerausbildung ist sehr zurück“

Professor Hartmut Göbel ist Chefarzt der neurologisch-verhaltensmedizinischen Schmerzklinik in Kiel und zählt zu den führenden Kopfschmerzexperten in Deutschland.

ÖKO-TEST: Experten beklagen immer wieder, dass Kopfschmerzen häufig falsch behandelt werden. Kommen zu Ihnen oft Patienten mit Fehldiagnosen?
Göbel: Nach wie vor muss man von einem Schmerzanalphabetismus sprechen. Nur jeder dritte Migränekranke kennt seine richtige Diagnose. Viele Kopfschmerzpatienten werden mit Manipulationen an der Halswirbelsäule oder gegen angebliche Nahrungsmittelallergien therapiert, sie werden an den Nasennebenhöhlen oder Polypen operiert, obwohl sie Migräne haben. Das zeigt, dass die Medizinerausbildung zum Thema Kopfschmerzen noch sehr zurück ist. Sie können ihr Studium heute mit eins abschließen, ohne sich mit Schmerztherapie näher befasst haben zu müssen. Schmerztherapie ist kein Pflichtfach im Studium, obwohl man weiß, dass Kopfschmerz oder überhaupt Schmerz einer der häufigsten Gründe für Arztbesuche darstellt.

ÖKO-TEST: Viele Patienten mit chronischen Spannungskopfschmer zen führen ihre Beschwerden ja auch auf Probleme an der Wirbelsäule zurück.
Göbel: Wir haben mit großen Krankenkassen einmal die Arbeitsunfähigkeitsstatistiken durchgeschaut und die Frage gestellt: Wie viele Versicherte werden krankgeschrieben wegen welcher Erkrankungen? Und tatsächlich kann man aus den Unterlagen erkennen: Obwohl die Leute eigentlich Kopfschmerzen haben, werden sie in der Regel eher wegen Rücken- oder Nackenschmerzen krankgeschrieben.

ÖKO-TEST: Was sind die Gründe?
Göbel: Wenn sich ein Arzt mit der aktuellen Kopfschmerzklassifikation nicht gut auskennt, dann wird er eher eine Erkrankung kodieren, die aus dem Blickwinkel seines Faches naheliegender ist. Dann stellt er eben eher eine Wirbelsäulen- oder Bandscheibenproblematik fest, die ja auch mit Schmerzen einhergeht, als die zugrunde liegende Kopfschmerzerkrankung. Andererseits be kommen auch die Patienten lieber eine sozial anerkannte Diagnose.

ÖKO-TEST: Werden Kopfschmerzerkrankungen immer noch als Stigma empfunden – nach dem Motto: Das ist alles psychisch bedingt?
Göbel: Das ist leider oft so. Dabei ist es umgekehrt: Ich erlebe eigentlich nie, dass Patienten Kopfschmerzen oder die Diagnose Migräne als Ausrede vorbringen, etwa um nicht zur Arbeit gehen zu müssen. Im Gegenteil: Da ist man sehr zurückhaltend. Rückenschmerzen dagegen werden permanent vorgebracht.

ÖKO-TEST: Das heißt, Rückenschmerzen sind eher psychisch bedingt als beispielsweise eine Migräne?
Göbel: Man weiß heute definitiv, dass gerade bei Rückenbeschwerden psychische Probleme eine große Rolle spielen. Deswegen stellen ja alle modernen Rückenschmerzprogramme psychologische und sozialtherapeutische Elemente als zentrale Therapiebausteine in den Vordergrund. Vorzeitige Berentung oder lange Arbeitsunfähigkeit allein können dagegen den Verlauf von Migräne oder Clusterkopfschmerzen nicht entscheidend beeinflussen. Sie sind eigenständige neurologische Erkrankungen, für die es präzise diagnostische Kriterien und Behandlungsmöglichkeiten gibt.