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Den Trab verbessern mit Reitmeister Johann Hinnemann: Jeder Tritt ein Traum


Reiter Revue International - epaper ⋅ Ausgabe 12/2018 vom 21.11.2018

Aus dem Trab lässt sich immer noch was rausholen. Heißt es. Aber wie geht das eigentlich? Wir haben Reitmeister Johann Hinnemann über die Schulter geschaut und zeigen Ihnen seinen Weg zu mehr Schwung, mehr Raumgriff, mehr Ausdruck – sein Rezept für den Traumtrab ähnelt einem Spiel auf der Ziehharmonika.


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Bildquelle: Reiter Revue International, Ausgabe 12/2018

Tritt für Tritt, locker, schwingend, kadenziert, mit aufmerksamen Ohren und zufrieden blickenden Augen tanzt die schwarze Stute über den mit Herbstlaub übersäten Reitplatz. Mal mit Siebenmeilenstiefeln, mal in höchster Versammlung – immer gleichmäßig, harmonisch, kraftvoll. Wie eine Ziehharmonika ...

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... erweitert sie ihren Rahmen und verkürzt ihn wieder. „Sehen Sie, das ist das Ergebnis unserer Arbeit, die ich Ihnen heute vom jungen Pferd an gezeigt habe. Nichts anderes.“ Zufrieden und ein bisschen stolz blickt Johann Hinnemann zu Saphira Royal und Chefbereiterin Stefanie Wolf. Reiter Revue International ist zu Gast auf dem Krüsterhof in Voerde. Wir wollen wissen, wie man den Trab verbessert. Und Johann Hinnemann möchte zeigen, dass der Weg dorthin einzig und allein über die Skala der Ausbildung führt. Fünf Pferde hat er für diesen Termin ausgewählt, die Chefbereiterin Stefanie Wolf und Auszubildende Annika Rühl nacheinander reiten: die beiden noch dreijährigen Arcachon und Q-Sieben, den sechsjährigen Matchball, die elf Jahre alte Fire Moon und die neunjährige Saphira Royal.

„Die Grundgangart Trab kann man nur verbessern, wenn die Basis 100-prozentig in Ordnung ist“, sagt Hinnemann. „Und die Basis sind nun mal Takt, Losgelassenheit und Anlehnung – die ersten drei Punkte der Skala der Ausbildung. Anders kann ich den vierten Punkt, nämlich Schwung, gar nicht erreichen.“ Auf den nächsten Seiten zeigen wir Ihnen, was es bei der Basisarbeit des Pferdes zu tun gibt und mit welchen Übungen Sie Tritt für Tritt zum Traumtrab kommen.

UNSER EXPERTE

Johann Hinnemann
Der ehemalige Nationaltrainer der deutschen, kanadischen und niederländischen Dressurreiter ist ein gefragter Coach und sitzt mit seinen 70 Jahren selbst noch täglich im Sattel. Auf dem Krüsterhof in Voerde bildet er mit Bereiterin Stefanie Wolf junge Pferde bis zur Grand Prix-Reife aus.


„Ich habe zu lange und zu oft das Wort ‚spektakulär‘ gehört. Ich mag ‚spektakulär‘ in unserem Vokabular nicht leiden.“


Johann Hinnemann über missverstandene Ausbildung im Trab. Er sagt: „Spektakulär bedeutet für mich: Immer noch mehr Druck, noch höhere Vorderbeine, weniger Kontrolle, immer unzufriedenere Pferde. Wir versuchen, unsere Pferde so auszubilden, dass sie immer ausdrucksvoller werden und trotzdem harmonisch aussehen. “

DIE BASICS: Die Anlehnung

Das Thema Anlehnung ist Johann Hinnemann ein wichtiges Anliegen. Als Steffi Wolf mit dem jungen Arcachon ihre ersten Runden in der Reithalle dreht, wird offensichtlich, was „Chef“ meint. Wie mit einem eingebauten Metronom und bei gleichmäßiger, weicher Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul trabt der Hengst Runde um Runde, jeder Tritt wie der andere. „Für mich ist die Anlehnung immer eine Drei-Punkt-Anlehnung: die Anlehnung am Kreuz, die Anlehnung am Schenkel und dann erst die Anlehnung an die Reiterhand“, sagt Hinnemann. Sprich: Der Reiter stellt mit seinen treibenden Schenkeln und seinen Gewichtshilfen eine gefühlvolle Verbindung zum Pferdemaul her, ganz gleich, ob das Pferd in Selbsthaltung oder in Dehnungshaltung geht.

Apropos Dehnungshaltung: Auch darüber spricht Johann Hinnemann gern. Die Maulspalte nicht tiefer als das Buggelenk, die Nasenlinie leicht vor der Senkrechten, so macht es Arcachon in diesem Moment vor und so fordert es Johann Hinnemann. „Jeden Tag hört man in den Reithallen, ‚lang und tief’, aber die meisten vergessen dabei den wichtigen Halbsatz ‚mit herangeschlossenen Hinterbeinen’. Denn anders kriege ich keine Anlehnung“, sagt der Reitmeister. Und demonstriert mit vorgekipptem Oberkörper ein häufiges Missverständnis: „Wenn das Pferd mit so langem Hals läuft und der Reiter im Oberkörper auch noch nach vorne kippt – wie wollen die Reiter die Hinterbeine unter den Schwerpunkt bekommen?“

Mit einer korrekten Dehnungshaltung hingegen stellt der Reiter das Gleichgewicht her und bringt den Rücken des Pferdes zum Schwingen. Das gilt nicht nur für junge Pferde. „Wir müssen jederzeit in der Lage sein, selbst ein Grand-Prix-Pferd in die Silhouette eines Dreijährigen bringen zu können“, lautet Hinnemanns Credo. „Das ist das Ziel von ordentlicher Ausbildung. Von der höchsten Energie und positiven Spannnungsentwicklung zurück in die Lösungshaltung. Gymnastizierung heißt: Zusammenschieben, sodass sich das Pferd trägt und den größten Ausdruck hat. Und im nächsten Moment muss ich die Skala auch wieder zurückgehen können.“

So soll sie aussehen: die weiche, gleichmäßige Anlehnung von Anfang an. Für Johann Hinnemann besteht sie aus „Anlehnung am Kreuz, am Schenkel und dann erst an die Reiterhand“.


Auf dem besten Weg zur Dehnungshaltung: Im Laufe der lockeren Trainingseinheit lässt Arcachon den Hals fallen und tritt dabei weiter unter den Schwerpunkt.


Locker galoppiert Arcachon entlang der langen Seite. Galopparbeit kann sich der Reiter zunutze machen, um den Trab zu verbessern. Denn „Losgelassenheit ist der Schlüssel zum Erfolg“, zitiert Johann Hinnemann in diesem Moment Albert Stecken.


Wie Schritt und Galopp helfen

Den Trab zu verbessern heißt nicht, nur Trab zu reiten. Die Schrittarbeit vor dem ersten Antraben und zwischendurch gehört dazu – „idealerweise am langen Zügel, also mit der längst möglichen Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul, um die Nickbewegung zuzulassen, sodass das Pferd durch den ganzen Körper schreitet.“ Und der Galopp dient genauso der Verbesserung des Trabes. „Weil alles, was dazu beiträgt, den Rücken geschmeidiger und offener zu machen, das Pferd lockerer und gehorsamer zu machen, der Verbesserung aller Grundgangarten dient“, sagt Hinnemann. Das beginnt mit dem Angaloppieren, bei dem der Reiter versuchen soll, den Widerrist nach oben zu holen, das geht weiter mit einem frischen Zulegen und wieder Einfangen im Galopp und Übergängen zwischen Trab und Galopp. Die Losgelassenheit als Ziel – sie macht auch den Trab schön.

Die Natürliche Schiefe

Jedes Pferd ist von Natur aus schief. „An der natürlichen Schiefe arbeite ich mein ganzes Leben“, sagt Johann Hinnemann. Und das fängt bei der lösenden Arbeit an. Um die natürliche Schiefe zu kontrollieren, muss der Reiter daran arbeiten, das Pferd mit dem inneren Schenkel an die äußere Hand treiben zu können. Das Pferd soll möglichst gleichmäßig an beide Zügel herantreten. „Das bleibt immer eine Aufgabe“, sagt Hinnemann. „Ich muss die schlechtere Seite immer im Wechsel mit der guten Seite so oft abfragen, bis sie gut ist.“ Um den Trab zu verbessern, muss das Pferd geradegerichtet, von hinten nach vorne geschlossen sein, nur dann kann es die Kraft aus beiden Hinterbeinen für einen ausdrucksvollen Trab entwickeln.

Das Tempo

Vorraussetzung für Takt und Losgelassenheit ist das richtige Tempo. Und das hängt wiederum vom Pferd ab. „Ich habe fleißige, fast schon stürmische Pferde, die muss ich erst mal in einem ruhigen Tempo reiten, damit sie zum Schwingen kommen. Und dem Ruhigen muss ich erst mal beibringen, dass es etwas mehr nach vorne geht“, beschreibt Hinnemann.

Der Reitersitz

Der gefühlvolle und ausbalancierte Reitersitz ist Voraussetzung, um ein Pferd auszubilden und beispielsweise den Trab zu verbessern. „Daran muss ich auch die besseren Reiter immer wieder erinnern“, sagt Hinnemann. Im Falle des Trabes heißt das: „Der Reiter muss mit seinem Sitz daran arbeiten, dass die Bewegungen groß werden. So reiten und sitzen, dass er das Gefühl hat, die Hinterbeine fußen in die Abdrücke der Vorderbeine. Das kann ich nicht durch Druck erreichen, das kann ich nur erreichen, indem ich diese Schwingung erarbeite und mitnehme, sodass die Schwingung und die Tritte noch größer, länger und schöner werden.“ Ab wann sollte der Reiter anfangen auszusitzen? „Dann, wenn der Ausbilder und der Reiter das Gefühl haben, dass das Pferd durch den ganzen Körper über den Rücken schwingt“, sagt Hinnemann. Er veranschaulicht seine Antwort mit den Händen, faltet sie vor sich zu einer Art runden Dach und drückt die Finger nun abwechselnd nach unten und wieder nach oben. „Sitzen kann der Reiter nur, wenn der Rücken aufgewölbt ist, also der Schwingungsbogen da oben ist. Nur dann ist er weich und dann kann ich auch die Tritte größer machen. Ist der Schwingungsbogen nur da unten, sitzt der Reiter in der Kuhle und da schwingt nichts, das ist hart.“

DIE ÜBUNGEN

Cavaletti-Arbeit im Trab: Die Bewegungsschule

„Ich arbeite unwahrscheinlich gern mit Cavaletti“, sagt Johann Hinnemann und richtet die Abstände (zwischen 1,20 und 1,40 Meter) für Arcachon und Q-Sieben, die an diesem Tag darüber traben sollen. Besonders gern sieht es Hinnemann, wenn das Pferd dabei zu den Stangen blickt und den Hals allein durch seine Neugierde bereits in die gewünschte Dehnungshaltung bringt.

Wie? Drei Trab-Cavaletti stehen Mitte der langen Seite, auf der gegenüberliegenden Seite sind es fünf. Zunächst sollen die Pferde im Schritt über die Cavaletti gehen. Dass die Abstände nicht auf den Schritt angepasst sind, stört den Reitmeister nicht. Es geht ihm darum, dass die Pferde die Cavaletti kennenlernen, üben, sie aufmerksam zu überqueren, und keine Angst davor haben. Dann geht es im Trab über die Stangen, erst über die Dreier-Reihe, dann über vier und am Ende über fünf Cavaletti. Nach ein paar gelungenen Durchgängen erweitert Hinnemann die Abstände leicht. Vor den Cavaletti heißt es, die Pferde mit halben Paraden und Stimme auf die kommende Aufgabe aufmerksam machen. Arcachon und Q-Sieben bewältigen die Aufgabe ruhig und locker, auch wenn sie mal an die Stange kommen.

Warum? Mit der Cavalettiarbeit möchte Hinnemann die Tritte etwas energischer und etwas länger bekommen. Dabei sollen die Pferde lernen, den Hals fallen zu lassen. „Es ist eine Bewegungsschulung, eine Rückenschulung und dient gerade, aber nicht nur bei den jungen Pferden zur Abwechslung bei der Arbeit.“

Mit großen Tritten überquert Q-Sieben die Cavaletti. Die Nasenlinie könnte dabei noch mehr vor die Senkrechte kommen.


@@Langes Schwingen, große Tritte. An der langen Seite soll Annika Rühl die Tritte allmählich größer werden lassen.


Tritte verlängern: Für langes Schwingen

Nach der Lösungsphase und einer Schrittpause sollen Arcachon und Q-Sieben an der langen Seite die Trabtritte vergrößern.

Wie? Bei Steffi Wolf und Arcachon fordert Hinnemann. „Reite ihn nur ein bisschen mehr vorwärts. Denke nur an einen etwas besseren Arbeitstrab.“ Bei Annika Rühl und Q-Sieben darf’s etwas mehr sein und vor allem soll Annika die Nase des Rappen vor die Senkrechte bekommen, und ihn nicht abkippen lassen. „Du musst das Gefühl haben, du machst das Genick zum höchsten Punkt und kannst nachgeben, ohne die Verbindung zu verlieren.“

Warum? Mit diesen ersten Tempowechseln soll der Reiter das junge Pferd vor die treibenden Hilfen bekommen und zu einem langen ruhigen Schwingen motivieren. Wenn der Schweif pendelt, die Rücken- und Kruppenmuskulatur sichtbar schwingt, die Hinterhufe in die Spuren der Vorderhufe fußen und die Vorderbeine dorthin treten, wo sie hinzeigen, hat die Übung ihren Zweck voll und ganz erfüllt.

Das Ausschwingen des äußeren Vorderbeins: Steffi Wolf mit Matchball.


Schulterherein mit Tempowechsel: Für mehr Schulterfreiheit

Mit Matchball soll Steffi Wolf an der langen Seite Schulterherein reiten, zunächst in einem Tempo, später variiert sie das Tempo.

Wie? Matchball trabt beim Schulterherein auf eineinhalb Hufschlägen, von vorne sind drei Beine zu sehen. Hinnemann: „Der innere Schenkel ist am Gurt und der äußere Schenkel leicht hinter dem Gurt. Das Pferd ist leicht nach innen gestellt.“ Die Vorhand wird auf die Hinterhand ausgerichtet.

Warum? Schulterherein ist die geraderichtende Übung schlechthin. Mit Längsbiegung hat sie hingegen nichts zu tun. „Theoretisch habe ich eine Biegung im Pferd, aber die ist für mich fast nicht sichtbar. Deshalb sage ich zu meinen Schülern: ‚Sprecht beim Schulterherein nicht von Biegung, sondern von zu viel oder zu wenig Abstellung, die sich auf Hals und Genick bezieht.‘ Sonst kommen sie auf die Idee, das Pferd mehr biegen zu wollen. Vielmehr sollen sie ihr Pferd mit dem inneren Schenkel an die äußere Hand herantreiben.“
Durch das Schulterherein bekommt der Reiter sein Pferd vor den treibenden Schenkel. Hinnemanns gedankliches Bild: „Du musst das Gefühl haben, dass das äußere Vorderbein ein bisschen weiter ausschwingt. Denn mit dem Ausschwingen des Vorderbeines, schwingt auch das innere Hinterbein mehr durch.“ Durch die Tempowechsel im Schulterherein wird das Hinterbein mehr aktiviert, das Pferd gewinnt an Ausdruck, „die Bewegungen gehen jetzt nicht mehr nur nach vorne, sondern auch mehr nach oben.“

Auf dem Mittelzirkel legt Steffi Wolf mit Matchball die Übergänge zwischen den Trab-Tempi ein.


Immer größere Tritte fordert sie, etwa einen halben Zirkel lang.


Aus der Verstärkung führt sie Matchball in die Versammlung, den Schwung erhält sie. Die Bewegung gewinnt sichtbar an Ausdruck.


Tempounterschiede auf dem Zirkel: Für mehr Kraft

Matchball wirkt auf den ersten Blick nicht nach dem Kandidaten, dessen Trab man verbessern muss. Aber er hatte einen Schwachpunkt, wie Johann Hinnemann verrät: die Trabverstärkung. „Er war in den Hinterbeinen und im Rücken nicht so stark, dass er diese Kadenz, die er von Natur aus hat, mitnehmen konnte“, erzählt Hinnemann. Die passende Übung neben dem Schulterherein: Tempounterschiede auf dem Zirkel.

Wie? Diese Übung klingt einfach, ist aber unheimlich schwer. Der Reiter muss die Zirkellinie einhalten, Takt, Gleichgewicht und Anlehnung erhalten und darf deshalb nicht zu viel Tempo machen. Die Kunst liegt darin, allmählich die Tritte zu vergrößern und daraus den Schwung und den Ausdruck wieder zurück in die Versammlung mitzunehmen.

Warum? Es ist die Basisübung für Hinnemann: Hier lernen die Pferde Kadenz, Fleiß und Schwung zu erzeugen, sowohl in der Verstärkung als auch in der Versammlung. „Wir entwickeln mehr Kontrolle und Kraft des inneren Hinterbeins, auf beiden Seiten. Das geht nur mit ständigen Übergängen.“ Er fordert Steffi Wolf auf, das Hinterbein noch mehr anzuregen. Am Ende lässt Hinnemann die Reiterin auf der Diagonalen bis zum Mitteltrab zulegen. „Erst gerade, dann nach oben, dann nach vorne, starker Trab“, ruft er, als sie auf die Diagonale abwendet. Matchballs Tritte werden bis zum Ende immer größer, sein Rahmen weiter. Hinnemann ist zufrieden. „Mit so einer erarbeiteten Trabverstärkung kann ich sehr gut leben.“


„Wir müssen immer in der Lage sein, selbst ein Grand Prix-Pferd in die Silhouette eines Dreijährigen bringen zu können.“


Durchlässigkeit auf dem Prüfstand: Annika Rühl und Fire Moon bestehen sie, vom Schulterherein in die Traversale und wieder ins Schulterherein. Das gelingt den beiden, ohne an Takt oder Schwung einzubüßen.


Schulterherein-Traversale-Schulterherein:Für mehr Ausdruck im Seitwärts

Ein Wechselspiel aus Schulterherein und Traversale sollen Annika Rühl und Fire Moon entlang der Diagonalen zeigen. Elf Jahre alt ist die Schimmelstute, die von der Natur nicht mit einem super Trab gesegnet ist. Doch aus „normal“ kann ausdrucksvoll werden – Fire Moon ist das beste Beispiel.

Wie? Annika Rühl reitet gerade auf die Diagonale, setzt zum Schulterherein an, wechselt auf der Linie in die Traversale und nach ein paar Metern erneut in das Schulterherein. Diesen Wechsel wiederholt sie, bis sie am Ende der Diagonalen angekommen ist. Das gleiche Spiel macht sie auf der anderen Hand. Zwischendurch sollen die beiden Zulegen, um neuen Schwung für die nächsten Seitengänge zu holen.

Warum? Fire Moon ist gefestigt in ihrer Kadenz und Versammlung und das, was sie an Ausdruck auf gerader Linie zeigt, soll sie auch in den Seitengängen abrufen können: mehr Ausdruck. Mit diesem Lektionswechsel aus Schulterherein und der Traversale macht die Reiterin ihre Stute geschmeidig. Es ist aber auch ein Prüfstein, ob sie das Pferd wirklich an den Hilfen hat, ob sie wirklich durchlässig und gymnastiziert ist. Für die Reiterin ist die Lektionsabfolge auf der freien Linie eine Konzentrationsübung, damit die Hilfen in der richtigen Dosis beim Pferd ankommen. Sie muss völlig ausbalanciert sitzen. Für das Pferd ist es Denksport und anspruchsvolle Gleichgewichtsübung. Das bringt allein die Traversale mit sich, bei der im Gegensatz zum Schulterherein Längsbiegung gefragt ist. „Um Schwung, Harmonie und Ausdruck auf zwei Hufschlägen zu zeigen, wie in der Traversale, braucht es ein hohes Maß an Gleichgewicht und Kraft“, erklärt Johann Hinnemann. „Mit dem Schulterherein erneuern wir immer wieder die Geraderichtung und dadurch das Gleichgewicht, das wir dann von der Lektion auf einem Hufschlag in die Lektion auf zwei Hufschlägen mitnehmen.“ Nur so werden die Bewegungen harmonisch und der Schwung bleibt erhalten. Das Schulterherein zwischen den Traversalen hilft dem Reiter außerdem, sein Pferd vermehrt vor die treibenden Hilfen zu bekommen, und Schulterfreiheit und Kadenz mit in die Traversale zu nehmen.

Zulegen-Traversale-Zulegen: Für mehr Ausschwingen

Johann Hinnemann geht noch einen Schritt weiter und verlangt mit dem Wechsel aus Mitteltrab und Traversale auf der Diagonalen noch mehr Ausdruck von Fire Moon.

Wie? Annika Rühl soll mit der Schimmelstute auf die Diagonale reiten, die ersten Meter zulegen. „Schwung entwickeln und dann allmählich in die Traversale. Und vorne im Genick ändert sich nichts“, gibt Hinnemann als Anweisung. Heißt: Die Stirnlinie bleibt bei der Traversale im rechten Winkel zur Diagonalen, das Pferd bewegt sich beinahe parallel zur Bande. Nächster Schritt: Mitteltrab auf der Diagonalen und wieder nimmt Annika die Verstärkung beziehungsweise den Schwung mit in die Traversale und dann wieder gerade in den Mitteltrab.

Warum? Erneut geht es Johann Hinnemann um das Ausschwingen des Vorderbeins. Durch die langen, schwingenden Tritte aus dem Mitteltrab tritt Fire Moon in der Traversale mit weit kreuzenden Beinen. So erarbeitet Hinnemann mit all seinen Schützlingen mehr Schwung und mehr Schulterfreiheit in der Traversale.

Zulegen bis zum Mitteltrab, mehr Schwung, größere Tritte. Diese soll Annika Rühl gleich mit Fire Moon in die Traversale mitnehmen.


Ein weit ausschwingendes Vorderbein in der Traversale, das ist Ziel des Wechsels zwischen Mitteltrab und Seitwärtsgang.


„Takt, Losgelassenheit und Anlehnung, das ist die Grundlage dessen, was wir hinterher erreichen wollen. Die Grundgangart Trab verbessern kann man nur, wenn die Basis 100-prozentig in Ordnung ist.“


Passage entwickeln: Für höchste Kadenz

Das Ziehharmonika-Spiel, das bei Johann Hinnemanns Pferden mit einem Wechsel aus Arbeitstempo und „besserem Arbeitstrab“ beginnt, zieht sich wie ein roter Faden bis in das höchste Maß an Verstärkung und Versammlung: Ein kraftvoller, aber spielerischer Wechsel aus starkem Trab und passageartigen Tritten.

Wie? Auf dem Zirkel legt Steffi Wolf mit der dunkelbraunen Stute zu und fängt sie ein, sodass die ersten passageartigen Tritte entstehen und daraus soll sie erneut einen Mitteltrab und dann einen starken Trab entwickeln. Bereitwillig schiebt sich die Stute zusammen, um kurz darauf all ihren Schwung zu entfalten. Der nächste Schritt: das Tempospiel mit in die Traversale zu nehmen. Schwungvoll soll Steffi Wolf in die Traversale reiten, um als nächstes die Traversale bis hin zur Passage zu versammeln.

Warum? „Das ist das Ergebnis der Arbeit, die wir mit allen Pferden heute gezeigt haben. Nur mit noch mehr Gleichgewicht, noch mehr Schwung, noch mehr Durchlässigkeit, noch mehr Kraft“, sagt Hinnemann. Saphira Royal strengt sich sichtbar an, wirkt aber zu jeder Zeit zufrieden und voller Tatendrang. „Das Ende vom Lied: Zusammenholen, wieder auseinanderziehen. Und irgendwann kommt man so weit, dass solche Momente der Schwebe entstehen“, erklärt Hinnemann und ergänzt einen entscheidenden Punkt: „Wir entwickeln so nicht die Passage! Diese erarbeiten wir erst über halbe Tritte und Piaffe.“ Dann erst geht es an diesen anspruchsvollen Tempowechsel für ein Höchstmaß an Kadenz im Trab und einen harmonischen Ausdruck.

Saphira Royal mit Siebenmeilenstiefeln: Immer wieder setzt Steffi Wolf mit ihr zum starken Trab an und wechselt von dort in die Versammlung.


Nach und nach erarbeitet Steffi Wolf mit den Übergängen aus Trabverstärkung und Versammlung die ersten passageartigen Tritte. Ein Kraftakt für die Stute, den sie bereitwillig und zufrieden meistert.


FOTOS: STEFAN LAFRENTZ