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DENKANSTOSS: Nimm deine Gefühle an


der pilger - epaper ⋅ Ausgabe 1/2021 vom 25.02.2021

Ärger und Zorn gehören zum Leben dazu. Wir haben es selbst in der Hand, wie wir mit diesen Gefühlen umgehen, ob wir sie annehmen und daraus für uns Kraft für Veränderungen und neue Wege finden.


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Bildquelle: der pilger, Ausgabe 1/2021

Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit“, schreibt der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel (1928-2016). Unsere Welt braucht mehr denn je beherzte Frauen und Männer, die sich ein- und aussetzen für ein friedvolleres Miteinander. Wir brauchen Mutbürgerinnen und Mutbürger, die sich in gewaltfreier Kommunikation für eine zärtlich-gerechtere Gesellschaft engagieren. Dies wird möglich, wenn wir ...

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... uns auch erlauben, aggressiv zu sein.

Das Wort „Aggression“ bedeutet von seinem lateinischen Wortsinn „ag-gredi“, sich in die Auseinandersetzung des Lebens hineinzubegeben. Deshalb ist schon unser Aufstehen am Morgen ein aggressiver Akt! Wer sich, wie der Friedensmann aus Nazareth, dem Leben liebend in die Arme wirft, der wird Gott immer wieder danken für das Geschenk des Lebens, staunen können, sich in der Schöpfung verwurzeln, und der wird auch immer wieder schreien dürfen über all das Himmelschreiende, das täglich geschieht. Die Psalmen zeigen uns diese spirituellen Grundhaltungen auf. Es ist kein Zufall, dass 50 dieser Urgebete Klage- und Fluchpsalmen sind. Unser Ärger kann durch eine latente Unzufriedenheit unsere Hoffnungskraft zerfressen, Wut und Zorn können tödlich enden. Es gibt noch einen anderen Weg: Ich ermutige uns, eine heilend-göttliche Friedenskraft in unserem Ärger und in unserer Wut freizulegen. Es gibt nichts Schlimmeres als eine falsche Versöhnlichkeit und einen faulen Frieden. „Friede und Gerechtigkeit küssen sich“, heißt es im Psalm 85. Wir können unseren Ärger nach seinem tieferen Grund befragen. Er zeigt uns auf, was unterbelichtet ist in unserem Leben, und er bestärkt uns, uns nie an Ungerechtigkeiten zu gewöhnen: Mich nicht mehr verbiegen lassen, Gefühle wie Wut und Zorn ernst nehmen und sie nach dem tieferen Grund befragen, um nicht in der Gewaltspirale stecken zu bleiben.

Mich nicht lähmen lassen. Empörungen über Ungerechtigkeiten wahrnehmen und sie als Friedensimpuls sehen, der zu tatkräftigem Handeln führt

Aggression stiftet Beziehungen

Ärger, Wut und Zorn gehören zu unserem Leben. Wir sind diesen Gefühlen nicht ausgeliefert, wir können konstruktiv mit ihnen umgehen, indem wir ein überhöhtes Harmoniebedürfnis entlarven, hinter dem eine große Angst vor Liebesentzug sein kann. Gesunde Beziehungen, in denen Menschen einander auf Augenhöhe begegnen, können wachsen und reifen, wenn sie auch miteinander fair streiten dürfen. Ich kann autobiografisch sagen: „Als ich es mir streng verboten habe, aggressiv zu sein, bin ich immer depressiver geworden.“ Aggression und Depression sind für mich Zwillingsschwestern, die uns bestärken können, den durch-kreuzten Lebenserfahrungen auf den Grund zu gehen. Heute bin ich meinem Ärger und meiner Wut dankbar, denn sie eröffnen mir einen spirituellen Weg, auf dem ich auch gut zu mir selbst sein kann, indem ich lerne, meine Bedürfnisse auszudrücken und dem Leben zuliebe auch nein sagen kann.

Wut fördert echte Versöhnung

Sich mit seinem Lebensweg, seinem Ursprungsort versöhnen zu können, ist eine befreiende Lebensaufgabe. Dabei kann mir meine Wut eine Hilfe sein. Wut und Zorn können mich in einer Spirale der Gewalt und in einem Sündenbockmechanismus gefangen halten. Häusliche Gewalt, Gewalt auf dem Pausenplatz, sexuelle Gewalt und Hasstiraden im Internet sind leider eine schreckliche Wirklichkeit, die wir niemals akzeptieren dürfen! Wir können ihr glaubwürdig Einhalt gebieten, wenn wir unsere eigenen Anteile von Gewalt anschauen. Die leuchtenden Beispiele eines Mahatma Gandhi, einer Sophie Scholl, eines Martin Luther King zeigen uns, dass auch ein gewaltfreier politscher Widerstandsweg möglich ist, in dem die Wut verwandelt wird in echte Versöhnungsbereitschaft. Am 13. November 2015 werden im Pariser Konzertsaal Bataclan bei einem Terroranschlag 89 Menschen ermordet. Einige Stunden später erfährt ein 35-jähriger Papa, der mit seinem 17 Monate alten Sohn Melvil zu Hause auf die Rückkehr seiner Frau Hélène wartet, dass sie das Massaker nicht überlebt hat. In seiner Verzweiflung schreibt Antoine Leiris auf Facebook „Meinen Hass bekommt ihr nicht“! Unglaublich! Ich will ihn für nichts vereinnahmen. Seine Worte bewegen mich zu Tränen, weil sie für mich ein eindrückliches Beispiel eines heilenden Zornes sind! Sie werden noch glaubwürdiger, weil Antoine zwei Wochen später auf Facebook schreibt, dass ihn sein Satz total überfordert, weil er nun doch Rachegefühle spürt. In dieser Spannbreite möchte ich versöhnend unterwegs sein: Vertrauen, dass mir sogar in einer Grenzsituation Worte zufallen, die Wut und Gewalteindämmung verbinden, und zugleich nicht überrascht zu sein, dass solche kostbaren Friedensmomente nie zu haben sind. Einfür allemal verzeihen zu können, ist eine spirituelle Überforderung. Deshalb sollen wir nicht erstaunt sein, wenn wir dank unseres Ärgers oder unserer Wut wieder schmerzhaft die Narben von uralten Verwundungen spüren können. Nur so können sie wieder und immer wieder heilen:

Vergeben können mich nicht im Stich lassen Unrecht klar benennen Wut und Trauer ausdrücken

Vergebung suchen mir Unterstützung holen um hinaustreten zu können aus der Spirale der Gewalt

Vergeben können siebenmal siebenundsiebzigmal unermüdlich trotz allem an das Gute im Menschen glauben Vergebung finden dank einer Verwurzelung im Urgrund aller Versöhnung der in allem wohnt und wirkt

Gewaltfreie Kommunikation

In der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg (1934-2015) finde ich zusammenfassend, was ich unter einem spirituellen Umgang mit Wut und Zorn verstehe. Gewaltfrei kommunizieren bedeutet, die Wut zu spüren, nach dem tieferen Grund zu befragen und Veränderungswünsche einzubringen. Vier Schritte oder vielmehr Grundhaltungen schlägt Rosenberg vor:

1. Die reine Beobachtung: Beobachte dich selbst im Zeitlupentempo, ohne zu bewerten, wie/wo Ärger und Zorn bei dir ausgelöst werden …

2. Die Gefühle: Welche Gefühle spürst du, wo in deinem Körper in einer ärgerlichen Situation?

3. Die Bedürfnisse: Welche Bedürfnisse stecken hinter den Gefühlen, unterbelichtete Wünsche, die deine Lebensqualität verbessern könnten?

4. Die Bitte: In Ich-Form aussprechen, was ich mir wünsche, darauf achten, keine Schuldzuweisungen auszusprechen.

Entscheidend für Rosenberg ist ein Paradigmenwechsel, in dem die andere Person an meinem Ärger, meiner Wut nicht schuld ist, obwohl sie durch ihr Verhalten etwas Auslösendes an meinem Ärger haben kann. Wir brauchen dringend eine Spiritualität der Konfliktfähigkeit, ein faires Streiten, damit wir partnerschaftlich miteinander unterwegs sein können.

Neue Wege finden

Unser Autor Pierre Stutz ist überzeugt davon, dass wir keinen Frieden finden, wenn wir Ärger, Wut und Zorn aus unserem Leben verbannen. Der Theologe, der über 40 Bücher veröffentlicht hat, regt dazu an, sich auf der einen Seite nicht in seiner Wut festzubeißen, sondern für sich einen konstruktiven und befreiten Umgang mit Gefühlen wie Zorn und Ärger zu finden. Passend zu seinem Buch: „Lass dich nicht im Stich. Die spirituelle Botschaft von Ärger und Zorn“ ist im Patmos Verlag ein Set mit 40 Motivationskarten erschienen. Diese Karten kann jeder für sich alleine nutzen, sie eignen sich aber auch für einen kreativen Einstieg ins Thema in der Partnerschaft, im Freundeskreis, in Gruppen.


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