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DEONTAY WILDER: Der Equalizer


BoxSport - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 09.10.2019

Schon seit fast fünf Jahren ist Deontay Wilder WBC-Weltmeister im Schwergewicht. Lange im Schatten von Anthony Joshua stehend, entwickelte sich Wilder dank seiner brutalen K.o.-Power mehr und mehr zum potenziellen Herrscher der Königsklasse. BOXSPORT erklärt das Phänomen „Bronze Bomber“.


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Bildquelle: BoxSport, Ausgabe 11/2019


Es gab in der Geschichte des Boxsports ja schon einige besonders furchteinflößende Schwergewichtler. Joe Louis beispielsweise, der vor allem in den 1930erund 1940er-Jahren seine Gegner teilweise regelrecht vernichtete. Anfang der 1960er-Jahre trieb Sonny Liston als Schreckgespenst sein Unwesen in der Königsklasse. Seine ...

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... brutalen Erstrunden- Knockouts gegen Floyd Patterson schockten die ganze Boxwelt. Keine zehn Jahre später „mähte“ sich „Big“ George Foreman durch die Schwergewichtler seiner Generation, schickte beispielsweise Joe Frazier kurzrundig in den Ringstaub.

In den 1980er-Jahren betrat ein gewisser Mike Tyson die Szene. Mit ihm begannen ein paar Jahre selten dagewesener Dominanz. Als „baddest man on the planet“ (dt.: „bösester Mann des Planeten“) wurde „Iron Mike“ von den Medien zu einer überlebensgroßen Figur stilisiert. Seit Tyson war es ruhig um die „bösen“ Männer im Schwergewicht geworden. Klar, es gab immer Sprücheklopfer und Skandal-Boxer. Aber Fighter, die im Ring mit ihrer Aura und Schlagkraft regelrecht Furcht bei den Gegnern und Ehrfurcht bei den Zuschauern erzeugten, waren doch Mangelware – bis zu Deontay Wilder.

Der „Bronze Bomber“ ist nicht nur ein fürchterlich brutaler Puncher, er übertritt mit seinen Aussagen gerne auch bewusst jegliche Grenzen des guten Geschmacks. „Ich will eine Leiche in meinem Kampfrekord“, sagte Wilder bereits mehrfach. Manchmal betont er den Satz sogar noch mit einem: „wirklich“. Eine extrem geschmacklose Äußerung, die ihren Vermarktungseffekt allerdings nicht verfehlt. Sofort berichten die großen Medienhäuser über die verbalen Entgleisungen des WBC-Weltmeisters.

Ziel anvisiert: Wilders rechte Gerade schickte Breazeale in ihrem WM-Duell am 18. Mai bereits in der ersten Runde schwer zu Boden


„Wenn ich in den Ring steige, bin ich der Bronze Bomber. Alles an mir ändert sich. Ich werde nicht nervös. Ich habe keine Angst. Ich habe keine Gefühle für den Mann, gegen den ich kämpfen muss“, erklärt Wilder. Das sind Aussagen, wie sie auch aus dem Mund von Mike Tyson hätten stammen können. Auch Wilder verfügt über brutale Schlagkraft. Seine K.o.-Quote von 95 Prozent thront aktuell über allen aktiven oder ehemaligen Weltmeistern im Schwergewicht (siehe auch S. 16).

Als er im Januar 2016 Artur Szpilka durch harten Knockout in Runde neun bezwang, fürchteten einige Zuschauer um das Leben des Herausforderers. Reglos lag der Pole nach einer schweren Rechten auf dem Ringboden. „Anfangs atmete er nicht“, erinnert sich Wilder. „Meine Power ist absolut verrückt. Ich will mir gar nicht vorstellen, was passieren würde, wenn ich auf der Straße in einen Kampf geraten würde. Wenn ich mit Zehn-Unzen-Handschuhen schon eine solche Wirkung wie bei Szpilka hinterlassen kann, was wäre dann erst, wenn wir in Brooklyn in einem Streetfight gekämpft hätten? Er wäre in drei bis fünf Sekunden tot. Stellt euch das mal vor. So etwas dulde ich aber nicht – Gewalt außerhalb des Rings.“ Das wolle er nicht sehen – außer er müsste sich selbst verteidigen.

Der „Bronze Bomber“ posiert gernemit martialischen Masken


„WIE EINE SC HUSSWAFFE“

Wenn Wilder in den Ring steigt, erwarten die Fans und Experten zumeist einen ähnlichen Kampfverlauf: Boxerisch wird der WBC-Weltmeister wahrscheinlich nicht gut aussehen, wohl sogar einige Runden verlieren. Doch irgendwann im Laufe des Fights käme er mit seiner rechten Geraden – für die er einen Waffenschein hat, wie er selbst gerne sagt – durch und der Kampf würde sich zu seinen Gunsten drehen. Er ist der größte „Equalizer“ im heutigen Boxsport. Niemand anderes kann mit einem einzigen Schlag so viel Schaden anrichten. „Als hätte ich eine Schusswaffe“, beschreibt Wilder seine rechte Hand. „Ich bin ein gefährlicher Mann. Meine Hände sind tödlich. Das macht mich zum gefährlichsten Mann auf der Welt.“

Da ist es kaum vorstellbar, dass der heutige Champion erst im Alter von 20 Jahren mit dem Boxsport begann. Doch Wilder, der am 22. Oktober 1985 als Deontay Leshun in Tuscaloosa im US-Bundesstaat Alabama als Sohn von Gary und Deborah Wilder auf die Welt kam, war zunächst vor allem in anderen Sportarten aktiv. In seiner High- School-Zeit spielte er Basketball, Baseball, American Football und war als Leichtathlet aktiv. Ursprünglich wollte der 2,01-Meter- Mann eigentlich Basketballoder Footballprofi werden.

DER WEG ZUM CHAMP

Doch 2005 wird Wilder Vater, sein erstes von bislang acht Kindern. Seine Tochter Naieya kommt mit der Krankheit „Spina bifida“, einem Wirbelsäulendefekt, auf die Welt. Der frischgebackene Vater muss nun Geld für seine Familie verdienen. Wilder gibt seine Träume von einer College- Laufbahn auf. Nach einigen Monaten als Kraftfahrer und diversen anderen Gelegenheitsjobs versucht er sich als Boxer. Er besucht das „Skyy Boxing Gym“ in Northport/Alabama und beginnt unter der Leitung von Jay Deas, der ihn bis heute betreut, mit dem Training. Nur zwei Jahre später wird er als Amateur US-amerikanischer Meister im Schwergewicht und sichert sich sogar die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2008 in Peking. In China gewinnt er die Bronzemedaille, die später seinen Kampfnamen prägen sollte.

Sein Profidebüt gibt Wilder im November 2008 mit einem Zweitrunden-Knockout gegen Ethan Cox. Es folgen ein spektakulärer K.o.-Sieg nach dem anderen, der Neu-Profi boxt sich in den ersten Jahren langsam durch die Ranglisten. Mit einem vorzeitigen Erfolg über den Engländer Audley Harrison, Goldmedaillengewinner der Olympischen Spiele 2000, macht er sich 2013 langsam auch als echter Contender im Schwergewicht einen Namen.

Seine Titelchance erhält Wilder im Januar 2015 gegen Bermane Stiverne. Der damals 29-jährige „Bronze Bomber“ überrascht die Boxwelt mit einer „Safety First“-Taktik und boxt Stiverne in erster Linie aus der Distanz aus. Nach zwölf Runden ist er der neue WBC-Champion im Schwergewicht. Es folgen sieben Titelverteidigungen je- weils durch K.o., ehe es Tyson Fury schafft, als zweiter Gegner überhaupt, mit Wilder über die volle Distanz von zwölf Runden zu gehen.

WILDER VS. FURY II

Das erste Duell zwischen Wilder (l.) und Fury endete unentschieden


Die Situation um den Rückkampf zwischen Deontay Wilder und Tyson Fury ist immer noch unklar. Der „Gypsy King“ hat bereits mehrfach den 22. Februar als Kampftermin genannt. Das Problem: Ansonsten halten sich alle Lager noch ziemlich bedeckt, was genaue Daten zum Rematch angeht. So viel ist bislang klar: Beide Boxer haben bereits bestätigt, dass sie die Verträge unterschrieben haben. „Wilder vs. Fury II“ soll im kommenden Frühjahr stattfinden. Als wahrscheinliche Austragungsorte gelten das MGM Grand in Las Vegas und das Barclays Center in New York. Nun könnten aber die Cut-Verletzungen, die Fury in seinem Fight gegen den Schweden Otto Wallin erlitten hat (siehe auch S. 44), den Februar-Plänen einen Strich durch die Rechnung machen. Wie kürzlich angedeutet wurde, könnte der Kampf aufgrund der Verletzung in den März oder April verschoben werden. Der erste Fight der beiden Schwergewichtsstars stieg im Dezember 2018 im Staples Center in Los Angeles. Damals dominierte Fury den Großteil der Runden, musste aber zwei Niederschläge einstecken und sich nach zwölf Durchgängen mit einem Unentschieden zufrieden geben.

UNMENSCHLICHE POWER

Sein letzter Ring-Auftritt gegen seinen Landsmann Dominic Breazeale ruft aber jedem wieder Wilders vernichtende Power ins Gedächtnis. Der 33-Jährige schickt Breazeale in der ersten Runde mit einer schweren rechten Geraden so hart zu Boden, dass der dazugehörige Clip in den folgenden Stunden viral geht und überall im Internet geteilt wird. Die Faszination über Wilders Schlagkraft greift sogar in weniger boxaffinen Medien um sich. Es ist eine Power, die selbst seine Coaches Jay Deas, Damarius Hill und Ex-Weltmeister Mark Breland schon schmerzhaft zu spüren bekamen. Im Training brach er Hill schon einmal den Daumen. Breland wurde durch den Aufprall von Wilders Pratze schon einmal die Schulter ausgekugelt. Auch Deas kann von solchen Erfahrungen ein Lied singen. Als der Coach einst mit einem Körperschutz ebendiese Schläge mit Wilder trainierte und dieser ihn knapp unter den Rippen traf, musste Deas in der Folge dieses Treffers sogar operiert worden. Durch den Schlag erlitt der Trainer einen Leistenbruch.

Jameel McCline, ehemaliger WM-Herausforderer, agierte bereits mehrfach als Sparringspartner für Wilder. Laut McCline sei der „Bronze Bomber“ der härteste Puncher, mit dem er je im Ring stand – und das von einem Mann, der in seiner Karriere gegen Wladimir Klitschko, Shannon Briggs und Samuel Peter boxte. Wilders Schläge seien selbst mit Kopfschutz und 20-Unzen-Handschuhen so hart, dass McCline kaum glauben konnte, dass da ein Mensch zuschlägt. „Meine Power kann mit jedem mithalten“, sagt der Champ selbst. „Und ich muss keine Gewichte oder ähnliches stemmen. Die Power ist einfach naturgegeben.“

Zudem sei Wilders „Spacing“ extrem gut, wie sein Coach Jay Deas erklärt. „Selbst wenn es eigentlich keine Trefferfläche gibt, Deontay findet eine.“ Wenn man das zu seiner unglaublichen Schlagkraft addiere, dann sei eines klar: „Deontay ist immer im Kampf, egal was zuvor passiert ist. Er kann in einer einzigen Sekunde das Ruder herumreißen“, so Deas. Ein echter „Equalizer“ eben.

Am 22. Oktober wird Wilder 34 Jahre alt. Im heutigen Schwergewicht gehört er damit noch lange nicht zum alten Eisen. Im Gegenteil wird Wilder wohl noch einige starke Jahre vor sich haben. „Power is the last to go“ (dt.: „die Schlagkraft verliert man als letztes“) – lautet eine alte Boxweisheit. Demnach wird Wilder noch eine ganze Weile die personifizierte Gefahr im Schwergewicht sein. Höchstwahrscheinlich auch für Luis Ortiz (näheres zum Herausforderer findet ihr auch auf Seite 32). Mit diesem misst sich Wilder, voraussichtlich, am 23. November. Es könnte sein 41. Knockout- Erfolg sein.

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Fotos: Getty Images (5)