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Der 116.000-Höhenmeter-Mann


The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 12/2020 vom 10.11.2020

Früher haben sie anderen Bergsteigern zu Gipfelsiegen verholfen, jetzt stehen die Sherpas einmal selbst im Rampenlicht: Der Nepalese NIMS PURJA hat alle Achttausender der Welt in Rekordzeit bestiegen. Und das war erst der Anfang.


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Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 12/2020

Nims Purja, 38, beim Red Bulletin-Fotoshooting am Mont Blanc, September 2020. Er hat 2019 alle 14 Achttausender der Erde in sechs Monaten und sechs Tagen bestiegen. Zuvor hatte dieser Rekord bei fast acht Jahren gelegen.


2017 unternahm eine Gruppe von Gurkhas – Angehörige einer Elite-Truppe der britischen Armee, die aus nepalesisch-indischen Soldaten besteht – eine Expedition auf ...

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... den Mount Everest. Für das militärische Relikt aus der britischen Kolonialzeit war es eine Pilgerreise von großer Bedeutung: Sie sollte 200 Jahre Treue der Gurkhas zur britischen Krone feiern. 2015, zum eigentlichen Datum des Jubiläums, musste die Expedition abgebrochen werden: Das verheerende Erdbeben, das damals halb Nepal zerstörte, löste auf dem Everest eine Lawine aus, die das Basislager unter sich begrub. Jetzt, zwei Jahre später, stand die Expedition neuerlich vor dem Scheitern: Unsichere Wetterbedingungen hatten es in diesem Jahr unmöglich gemacht, Fixseile auf der Route zum Gipfel zu montieren. Also konnte auch niemand hinaufklettern.

„Ich dachte nur: Wow!“, erzählt Nirmal „Nims“ Purja, damals Mitglied des Gurkha-Kletterteams. „Unser Ruf war in Gefahr. Jeder denkt, Gurkhas sind die Tapfersten der Tapferen. Und dass der Everest in unserem Hinterhof steht. Außerdem: Wann würden wir je wieder die Chance haben, um das Geld der britischen Steuerzahler da hinaufzusteigen? Also entschied ich mich, ein Team anzuführen, das die Fixseile anbringen würde.“

Als das Gerücht von diesem Plan im Camp die Runde machte, war die häufigste Reaktion: Hat der Typ eine Ahnung, was er tut? „Niemand wusste, wer ich bin“, erinnert sich Purja. „Also führte ich 13 Expeditionsmitglieder zum Gipfel – es war das erste Team, das das in diesem Jahr von der Südseite aus schaffte. Als wir nach Kathmandu zurückkamen, haben wir eine Woche lang gefeiert.“

Klingt verwegen? Schon, aber es geht noch weiter. Nims Purja: „Dann kletterte ich noch einmal auf den Everest, und danach stieg ich auf den Lhotse und den Makalu (viert-und fünfthöchster Berg der Welt; Anm.) – alles in fünf Tagen, mit jeweils zwei Tagen Party dazwischen.“

Heute wissen definitiv alle, wer Nims Purja ist. Voriges Jahr hat er alle 14 Achttausender dieser Welt in Rekordzeit bezwungen. Der alte Rekord stand bei sieben Jahren, zehn Monaten und sechs Tagen. Purja plante für ihre Besteigung sieben Monate ein. Er schaffte es dann in sechs Monaten und sechs Tagen, was den Elitesoldaten ins Rampenlicht einer breiten Öffentlichkeit katapultierte.

Es bescherte ihm freilich auch harsche Kritik von alpinen Puristen – hauptsächlich für die Verwendung von Flaschensauerstoff und die Benützung von Hubschraubern zwischen den Basislagern. „Ich habe den Sauerstoff nur ganz oben genommen, beim letzten Anstieg“, verteidigt sich Purja. „Und was die Helikopter anlangt, kann ich nur sagen: Das mag für Nepal stimmen, aber in Pakistan habe ich keine Hubschrauber eingesetzt. Dort bin ich von Basislager zu Basislager gelaufen. 23 Tage für alle fünf Gipfel, mein Freund! Ich habe kein Problem mit Kritikern. Wenn irgendjemand meinen Rekord bricht, dann bin ich der Erste, der ihm gratuliert. Aber es redet sich leicht, wenn man es nicht tun muss!“

Er denkt kurz nach, dann fügt er hinzu: „Bitte schreib, dass Nims das mit einem Lächeln gesagt hat, okay?“ Wir sitzen in einem Hotelzimmer am Fuß des Mont Blanc, wo Purja seinen Urlaub verbringt. Der Mann strahlt mit der Sonne um die Wette. Er ist so muskulös, wie man sich das vorgestellt hat, aber ein bisschen kleiner – er ist eins siebzig.

Den Entdecker-Schnauzbart, den er voriges Jahr bei seiner „Project Possible“-Tour trug, hat er abrasiert. Darunter kommt ein Bubengesicht zum Vorschein, das ihn viel jünger macht. „Ich bin 38“, sagt er. „Oder, um ganz ehrlich zu sein: Ich weiß nicht, wie alt ich bin. Ich feiere auch meinen Geburtstag nie, weil ich der Ansicht bin, Alter ist Einstellungssache. Wenn du denkst, dass du alt wirst, hast du gleich eine Entschuldigung.“ Ein verblüffendes Selbstverständnis. Aber bloß eine von vielen Überraschungen, die den Mythos Nims Purja prägen.

Nur ein Beispiel: Es heißt, dass nepalesische Kletterer davon profitieren, dass sie in großer Höhe aufwachsen. „Ich komme aus Chitwan“, klärt Purja auf. „Das ist der flachste und wärmste Teil Nepals, fast auf Meeresniveau. Wir waren eine wirklich arme Familie und lebten in einem kleinen Haus mit Hühnern nebenan. Ich hatte nicht einmal Flip-Flops. Das änderte sich, als meine zwei Brüder zu den Gurkhas kamen.“

Nims Purja, der Gurkha, 2002

Nach der erfolgreichen Ausbildung zum Elite-Soldaten der British Army in England. „Mein Vater war ein Gurkha, meine Brüder waren Gurkhas. In der nepalesischen Community wird das sehr respektiert.“

Annapurna, April 2019

Der mit 8091 Metern zehnthöchste Gipfel der Welt gilt auch als einer der gefährlichsten. Lawinengefahr zwang Purjas Team, über die selten benützte „Dutch Rib“-Route (im Bild) aufzusteigen.

Um Nirmal ein besseres Leben zu ermöglichen, schickten ihn die Geschwister ins Internat, wo aus ihm ein exzellenter Schüler wurde. „Aber ich wollte weder Arzt noch Ingenieur werden“, erzählt er. „Ich sah zwei Möglichkeiten: Eine war, der Robin Hood von Nepal zu werden, um die Reichen, die keine Steuern zahlen, rauszuschmeißen und das Geld den Armen zu geben.“ Er entschied sich für die Option Nummer zwei: die Gurkhas.

„Zu meiner Zeit bewarben sich 32.000 Nepalesen, 320 von ihnen wurden aufgenommen. Mit fünfzehn fing ich zu trainieren an: Ich stand um drei Uhr früh auf, rannte 25 Kilometer mit Gewichten an den Beinen. Um fünf Uhr war ich zurück im Bett. Ich schaffte die Aufnahme bei den Gurkhas beim zweiten Versuch.“

Auf seine Zeit in der Armee ist Purja sehr stolz: 2002 kam er zu den Gurkhas, übersiedelte in ihr Trainingscenter in England. 2009 wechselte er zur Spezialeinheit „Special Boat Service“, kurz: SBS – er ist der einzige Gurkha, dem das jemals gelang.

Details? Alles streng geheim: „Was ich sagen kann, ist, dass ich angeschossen wurde und bei einigen der heikelsten Operationen der Welt dabei war.“

Doch zurück zum Bergsteigen. Nims Purjas außergewöhnlichstes Talent besteht in seiner unglaublichen Fähigkeit zur Regeneration: Normalerweise dauert es Wochen, bevor sich der Körper – zum Beispiel in einem Basislager – an den niedrigen Luftdruck in großer Höhe gewöhnt hat. Während dieser Zeit steigt der Wert des Hämoglobins im Blut an – jenes Proteins, das in den roten Blutkörperchen für den Sauerstofftransport sorgt.

Nur so, dachte man bis vor kurzem, kann der Aufstieg auf einen Achttausender gelingen, und danach braucht der Bergsteiger Wochen, um sich von der Strapaze zu erholen. Als Nims Purja 2019 von Everest, Lhotse und Makalu zurückkehrte – ein Teil seiner „Project Possible“-Tour –, hatte er für die drei Gipfel 48 Stunden und 30 Minuten gebraucht.

„Meine Regenerationszeit ist tatsächlich sehr kurz“, sagt Purja zu dem medizinisch kaum erklärbaren Phänomen, „aber für mich ist auch das eine Frage der Einstellung. Ich liebe, was ich tue, aus tiefstem Herzen. Und ich habe so viel Spaß dabei, dass die ganze Müdigkeit verschwindet. Ein Achttausender? Das ist ein Ort, an dem ich erst lebendig werde. Das ist mein Spielplatz.“

Dabei hat er erst im Alter von 29 Jahren das erste Mal Steigeisen angeschnallt. Der erste Berg, den er bestieg, war 2012 der Ostgipfel des Lobuche (6119 Meter), davor hatte er null Erfahrung als Bergsteiger gehabt. Zwei Jahre später bezwang er mit dem Dhaulagiri den ersten Achttausender und entdeckte dabei seine Fähigkeit, in großen Höhen aufzublühen. „Ich kletterte da in 14 Tagen ohne jede Akklimatisation hinauf“, erzählt er.

Dennoch ist selbst er nicht gegen die Effekte der sogenannten „Todeszone“ oberhalb von 8000 Metern gefeit, wie er bei seiner Erstbesteigung des Mount Everest 2016 merkte. „Ich ging mit meiner Ausrüstung und dem Sauerstoff zum Basiscamp. Normal brauchen die Leute für so was sechs Wochen. Ich machte es in fünf Tagen“, erinnert er sich. „Als Gebirgsjäger beim SBS wusste ich natürlich, dass das viel zu schnell war, aber mir ging es gut. Doch dann bekam ich ein Lungenödem. Das war wie Ertrinken. Doch noch mehr schmerzte mich die Erkenntnis, dass ich das mit meiner Erfahrung hätte vermeiden können. Aber du weißt halt erst, wo deine Grenzen sind, wenn du sie überschreitest.“

Ein kühner Zugang, gewiss, aber Purja sieht das differenziert: „Freilich mag das vielen Leuten waghalsig erscheinen. Aber das Risiko ist nicht für alle gleich. Ich könnte zum Beispiel nicht BASE-jumpen. Du lebst im Moment, aber das heißt nicht, dass du keine Risikobewertung vornimmst. Es ist ein schmaler Grat zwischen mutig und dumm – im Moment zu leben und dabei zu sterben. Ich will eine ganz lange Zeit im Moment leben.“


„Es ist ein schmaler Grat zwischen mutig und dumm – im Moment zu leben und dabei zu sterben. Ich will eine ganz lange Zeit im Moment leben.“


Gasherbrum II, 18. Juli 2019

Nims Purja erreicht am 18. Juli 2019 den Gipfelgrat des Gasherbrum II, des neunten Achttausenders auf seiner „Project Possible“-Tour.


„Ich liebe, was ich tue, aus tiefstem Herzen. Und ich habe so viel Spaß, dass ich nie müde werde. Auf einem Achttausender werde ich erst lebendig.“


„ICH TRAGE MEINE FAMILIE IMMER BEI MIR“

Vier Tage bevor Nims Purja sein „Project Possible“ startete, unterzog er sich der letzten Sitzung für ein Stück Körperkunst, das jetzt seinen Rücken schmückt. Die Arbeit zeigt die 14 Berge seiner Tour – vom kleinsten, dem 8027 Meter hohen Shishapangma ganz unten, bis zum Mount Everest (8.848 m), der bis hinauf zum Nacken reicht. Aber es ist kein herkömmliches Tattoo. Das Werk, in vier Sitzungen von der Londoner Tattoo-Künstlerin Valerie Vargas gestochen, enthält nämlich den genetischen Code von Purjas Angehörigen. Das entsprechende Verfahren wurde 2016 von Ex-Navy-SEAL Boyd Renner und seinem Geschäftspartner Patrick Duffy patentiert: „Everence“ verarbeitet DNA – in Purjas Fall waren es Haare von Eltern, Geschwistern und seiner Frau – zu einem medizinischen Polymer in Form eines Pulvers, das mit Tätowierfarbe vermischt werden kann. Diese Tinte wurde verwendet, um die Gebetsfahnen auf Purjas Rücken herzustellen.

Als Purja 2018 zum Leiter der SBS-Abteilung „Kriegsführung in extremen Kältegebieten“ ernannt wurde, wandte er sich mit einer Bitte an seinen Kommandanten.„Ich sagte: ‚Weil das jetzt mein Job ist und ich noch so viel Urlaub habe, möchte ich mir gern 18 Tage freinehmen und auf die fünf höchsten Berge der Welt klettern. Das bringt auch was für die Einheit.‘ Zuerst waren meine Vorgesetzten begeistert, doch dann sagten sie: ‚Dieses Risiko kannst du nicht eingehen.‘ Ich sagte: ‚gut‘, und beschloss zu kündigen.“

Es war keine leichte Entscheidung. „Ich war in meiner Familie der Alleinverdiener. Jeden Monat schickte ich Geld von meinem Gehalt direkt nach Hause an meine Eltern. Mein Vater lag halbseitig gelähmt im Spital, meine Mutter lebte in einem Zimmer in Kathmandu, um bei ihm zu sein. Mein Bruder rief mich an: ‚Du bist jetzt so nahe an deiner Pension, warum willst du das opfern?‘ Er war wütend, er hat zwei Monate kein Wort mit mir gesprochen.“

Inzwischen drohte auch Purjas ehrgeiziger Plan – er hatte das Vorhaben, alle 14 Achttausender in Rekordzeit zu besteigen, mittlerweile „Project Possible“ getauft – an der Realität zu zerschellen. „Ein Freund, der sich um die Finanzierung kümmern sollte, sagte: ‚Es tut mir leid, aber ich habe überhaupt kein Geld zusammenbekommen, obwohl ich es sieben Monate lang versucht habe.‘ Mir blieben gerade einmal zwei Monate, um 750.000 Pfund (umgerechnet knapp 830.000 Euro; Anm.) aufzutreiben. Die potenziellen Sponsoren anzubetteln war hart. Keiner glaubte an meine Vision. Einige sagten: ‚Wenn Sie so ein Teufelskletterer sind, warum haben wir dann noch nie etwas von Ihnen gehört?‘ Und ich sagte darauf: ‚Weil ich in einer Spezialeinheit war.‘

Also verpfändete ich mein Haus. Ich bekam 60.000 Pfund und legte 10.000 davon zur Seite, damit ich die Hypothek würde bedienen können, falls etwas passieren sollte. Ich startete das Projekt also mit etwa sieben Prozent der Summe, die dafür nötig war. Eines Tages kamen mir im Auto die Tränen. Ich weine sonst nie, aber da konnte ich nicht aufhören. Der einzige Gedanke, zu dem ich fähig war, lautete: Warum tue ich mir das an? Es war so schmerzhaft. Aber es ging nicht um mich. Ich machte das für ein höheres Ziel.“

Wenn du dich auf eine Mission in dieser Größenordnung einlässt, dann brauchst du ein höheres Ziel, sagt Purja. „Wenn es nur darum gegangen wäre, einen Rekord zu brechen, dann hätte ich gesagt: Der Rekord steht bei fast acht Jahren; ich mache es in sieben. Aber ich wollte mehr. Ich wollte der Welt zeigen, was alles möglich ist, wenn du deinen ganzen Geist, dein Herz und deine Seele in ein Projekt hineinwirfst. Und ich wollte die Aufmerksamkeit auf die nepalesischen Kletterer lenken. Während der letzten hundert Jahre standen wir immer nur im Hintergrund, doch das Klettern in größten Höhen ist unser Revier. Ich hatte das Gefühl, da etwas unternehmen zu müssen. Das war es, was mir die Energie gegeben hat, das durchzustehen.“

Purja ist kein Sherpa im ethnischen Sinn, aber er identifiziert sich mit dem Begriff, wenn er für Nepalesen verwendet wird, die in der Kletter-Szene arbeiten. Sein Team besteht ausschließlich aus nepalesischen Bergsteigern. Sie sind in seinem Windschatten ebenfalls zu Stars geworden – etwa Mingma David Sherpa, der nun mit 31 Jahren der jüngste Kletterer ist, der alle 14 Achttausender bezwungen hat. „Er ist meine rechte Hand“, schwärmt Purja, „einer der stärksten Sherpas, die ich je gesehen habe.“ Die Mannschaft hat dem Chef mittlerweile einen neuen Namen verpasst. Liebevoll nennen sie ihn „Nimsdai“ – die zweite Silbe dai heißt in Nepal so viel wie „älterer Bruder“.

Everest, 2017

Nims Purja als Mitglied der „Gurkha 200“-Expedition auf dem Weg zum Gipfel des Mount Everest. „Das Wetter war brutal“, erinnert er sich, „aber aufzugeben war keine Option.“

Am 23. April 2019 erreichte das Team von Project Possible den Gipfel seines ersten Achttausenders – den der Annapurna in Nepal, die als tödlichster Berg der Welt gilt. Beim Abstieg erfuhr Purja, dass ein anderer Kletterer, der Arzt Chin Wui Chin aus Singapur, in Schwierigkeiten geraten war. Er hatte in einer Höhe von 7500 Metern sein Team verloren. Daraufhin unterbrach Purja die Mission, um gemeinsam mit zwei anderen aus der Seilschaft nochmals hinaufzusteigen und den Bergsteiger aus seiner Notlage zu bergen (bedauerlicherweise erlag Chin zwei Tage danach im Spital seinen Verletzungen).

Zwei Tage später, am Kangchendzönga, dem dritthöchsten Berg der Erde, machten sie noch einmal einen Umweg, um zwei weitere Bergsteiger zu retten. Diese Geschichten machten weltweit Schlagzeilen, ganz zu schweigen von dem berühmten Foto, das Nims Purja am Mount Everest schoss und das eine unfassbare Schlange von Kletterern zeigt, die sich vor dem Gipfel gebildet hat.

„Als ich mich regelmäßig aus den Bergen gemeldet habe“, erinnert sich Purja, „begannen die Leute auch für meine Mission zu spenden.“ Noch entscheidender: Sponsorengelder begannen ebenfalls zu sprudeln – endlich glaubten auch die Geldgeber an Purjas Vision.

Wenn er je Zweifel am Erfolg seiner Mission verspürt hat, dann war das am K2, dem mit 8611 Metern zweithöchsten Berg der Welt. Die Bedingungen waren so schlecht, dass sogar Purjas nepalesische Kollegen meinten, es sei wohl unmöglich, den Gipfel zu erreichen. „Da dachte ich: Oh Mann, kann ich das schaffen? Doch in dieser Situation fiel mir das Auswahlverfahren für das SBS ein: 200 Soldaten wollten in diese Spezialeinheit – alle glaubten von sich, sie seien die Besten, aber nur vier schafften es. Würdest du den 196 Gescheiterten zuhören, würdest du es wohl kaum versuchen.“

Purja entschied also, den Anstieg zum K2-Gipfel mit jeweils zwei Mitgliedern seines Teams zu versuchen. „Ich sagte: ‚Wenn wir es beim ersten Versuch nicht schaffen, dann kommen wir wieder runter. Ihr zwei ruht euch dann aus, und ich mache mit zwei anderen einen weiteren Anlauf.‘ So haben wir insgesamt sechs Versuche, bevor ich anfange, übers Aufgeben nachzudenken.“

Der Gipfelsturm klappte schon beim ersten Versuch. Am 24. Juli 2019 stand Purja mit seinen beiden Teamkameraden am Gipfel des K2.

Purjas neue Mission: „Ich werde meine Kraft und meinen wachsenden Einfluss nutzen, um die Menschen auf die Gefahren des Klimawandels aufmerksam zu machen.“


„Wenn jemand meinen Rekord bricht, werde ich der Erste sein, der gratuliert.“


Wenn Nims Purja, der für seine Leistungen inzwischen zum Mitglied des Order of the British Empire ernannt wurde (MBE), am Mont Blanc Ferien macht, darf man das wörtlich verstehen: Der mit 4808 Metern höchste Berg der Alpen ist für ihn nicht mehr als ein Spaziergang. Er hat diesen Sommer dazu genutzt, Fliegen zu lernen. Präziser: Er lernte Speedflying, die auffrisierte Variante des Gleitschirmfliegens. Man benutzt dafür einen kleinen und leichten Schirm, der einfach zu transportieren ist und sich deshalb bei Extrem-Bergsteigern zunehmender Beliebtheit erfreut. „Du kommst damit ganz schnell und mit Stil vom Gipfel runter und kannst auf direktem Weg zum nächsten Berg fliegen“, erklärt Purja fröhlich. Man ahnt: Der Mann ist immer mit Vollgas unterwegs, das ist seine Idee von Spaß. Dazu passt auch, dass er Hardrock-Fan ist, am liebsten mag er AC/DC („Im SBS-Hubschrauber habe ich immer volle Pulle ‚Thunderstruck‘ im Kopfhörer gehabt“).

So lässig Purja auch scheinen mag, wenn es um seine Leistungen und Fähigkeiten geht, so ernst nimmt er seine Ziele. Eines ist erst vor kurzem dazugekommen: der Kampf gegen den Klimawandel. „Ich hatte nie daran geglaubt“, sagt er. „Aber als ich 2014 auf den Ama Dablam geklettert bin, hatten wir in Camp 1 genug Schnee zum Schmelzen und Kochen. Als ich 2018 wieder dort war, mussten wir gallonenweise Wasser vom Basecamp dort hinaufschleppen. Da erkannte ich: Oh mein Gott, dieser Wahnsinn passiert ja wirklich!“

Purja weiter: „Wir alle sind Teil dieser Katastrophe. Ich werde meine Kraft und meinen wachsenden Einfluss dazu nutzen, um die Menschen davon zu überzeugen. Ich glaube, wir haben noch die nächsten zwei Jahrzehnte Zeit, um das Problem zu lösen.“

Denn wenn er auf seinen Expeditionen eines gelernt hat, dann das: „Es gibt für jedes Problem eine Lösung.“

Purjas Buch „Beyond Possible: One Soldier, Fourteen Peaks – My Life in the Death Zone“ ist am 12. November 2020 erschienen. Nimsdai.com; Instagram: @nimsdai


Fotos SANDRO BAEBLER

NIRMAL PURJA

NIRMAL PURJA/PROJECT POSSIBLE

DAVID SHERPA/PROJECT POSSIBLE

NIRMAL PURJA