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DER ABSCHIED DES SONNENKÖNIGS


Motorsport-Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 02.09.2021

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Die Karriere von Valentino Rossi geht zu Ende. Im Alter von 42 Jahren und nach 26 Saisons in der Motorrad- WM wird der größte Superstar dieses Sports am Ende des Jahres einen Schlussstrich ziehen. Am Donnerstag, dem 5. August trat Rossi in einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz in Spielberg vor die Öffentlichkeit und wandte sich kurz nach 16:20 Uhr mit folgenden Worten an Fans und Journalisten: »Ich habe, wie bereits angekündigt, die Sommerpause genützt, um eine Entscheidung zu treffen. Ich habe mich dazu entschlossen, meine Karriere mit Saisonende zu beenden. Das wird also leider meine letzte Saisonhälfte als MotoGP-Fahrer sein. Das ist hart und es ist ein wirklich trauriger Moment für mich. Es fällt mir schwer auszusprechen und zu wissen, dass ich im kommenden Jahr keine Motorradrennen mehr fahren werde. Immerhin habe ich das für gut 30 Jahre gemacht. Mein Leben wird sich also verändern. ...

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... Es war eine großartige Zeit, in der ich viel Spaß hatte. Es war eine lange, lange Reise, auf der ich unvergessliche Momente mit all den Leuten erlebt habe, die für mich gearbeitet haben. Mehr kann ich nicht sagen.«

Es ist die bislang imponierendste und größte Karriere in der Geschichte dieser Weltmeisterschaft, bei deren Siegeszug um die Welt in den vergangenen beiden Jahrzehnten Rossi selbst ein entscheidender Faktor war. Er ist definitiv einer jener Ausnahmeathleten, die auf dem Höhepunkt ihrer Karriere größer waren als der Sport selbst. Rossi wusste diesen Effekt früh zu nutzen und machte seine Person zu einer Marke. Das Kürzel »VR46« ist seither jedem Motorrad-Fan ein Begriff. Ein Energydrink-Gigant widmete ihm eine eigene Sorte seines Erfrischungsgetränks, für Heimrennen trug er stets einfallsreiche Sonderlackierungen auf seinem Helm, sein Name zierte Computerspiele, in denen man vor einigen Jahren sogar die Highlights seiner Karriere im Wohnzimmer nachspielen konnte, während er selbst mit der Herstellung und dem Vertrieb seiner eigenen Fanartikel begann. Aus einer Sport-Karriere wurde ein Kult, aus einem Motorradrennfahrer ein millionenschwerer Geschäftsmann. Für den Ruhestand hat Valentino Rossi ausgesorgt. In der Stunde seines Abschieds dachte er freilich auch an seine Fans, so sagte er in Spielberg: »Ich möchte euch sagen, dass ich in den mehr als 25 Jahren alles gegeben habe, um an der Spitze zu sein. Es war eine lange gemeinsame Reise, auf der ich immer unglaubliche Unterstützung auf der gesamten Welt genossen habe. Wieso das so war, kann ich selbst nicht wirklich verstehen. Es macht mich aber sehr stolz und ich möchte mich bei allen Fans bedanken. Ich glaube, wir hatten zusammen eine Menge Spaß.«

Sportlich lieferte der junge Rossi von Beginn an eine Bilderbuchkarriere ab, die den Grundstein für den Kult um ihn legen sollte. Als italienischer 125ccm-Meister gab er im Alter von 16 Jahren am 31. März 1996 sein Debüt auf dem malaysischen Shah Alam Circuit, der längst abgerissen und durch eine Wohnanlage im Hochpreissegment ersetzt wurde. Nur fünf Kurse, die in Rossis erstem Jahr in der WM im Kalender standen, finden sich noch im aktuellen Streckenaufgebot - so lange ist der Italiener schon Teil dieser Weltmeisterschaft. Selbst die Kultstrecke in Brünn, auf der Rossi rund viereinhalb Monate nach seinem Debüt seinen ersten Sieg feierte, hat er in seinem letzten WM-Jahr überdauert: Der tschechische Grand Prix schied eine Saison früher als Rossi aus der Weltmeisterschaft aus. Platz neun in der WM-Gesamtwertung in seinem allerersten Jahr sollte für beinahe ein Vierteljahrhundert seine schlechteste Endklassementplatzierung bleiben, ehe er 2020 nach einem Seuchenjahr nicht einmal in den Top-10 beenden konnte. Den jungen Rossi konnte Ende der Neunziger und Anfang dieses Jahrhunderts nichts aufhalten. Bis 2005 hatte er binnen zehn Jahren sieben WM-Titel angehäuft und 79 Siege in seinen ersten 157 Rennen geholt - Siegquote: 50,3 Prozent. Weder Klassenaufstiege, noch der Umstieg in der Königsklasse von 500ccm-Zweitakt-Monstern auf 990ccm-Viertakter und auch nicht sein fliegender Wechsel von Honda zu Yamaha im Winter 2003/04 konnten Rossis Dominanz brechen. Mit seinen Siegen, vor allem aber seinen raffinierten Manövern auf und abseits der Strecke, zermürbte er eine ganze Rennfahrergeneration. In der Königsklasse wären Max Biaggi, Sete Gibernau und Marco Melandri heute Weltmeister, wenn es Rossi nicht gegeben hätte. Doch seine größten Rivalen der Anfangszeit verließen die MotoGP letztlich nicht nur als besiegte, sondern teilweise als gebrochene Männer. Das Kriegsbeil mit Biaggi oder Gibernau wurde bis heute nie wirklich begraben. Versöhnliche Worte in Richtung Rossi gab es von Biaggi erst in der Stunde des Rücktritts, als er auf Instagram schrieb: »Wir haben nie so getan, als würden wir uns lieben. Vielleicht haben wir in Zukunft bei einem guten Glas Wein die Gelegenheit, darüber zu lachen und uns an die gemeinsamen Momente zu erinnern.« Der Schlussstrich unter ein Duell, in dem einst sogar die Fäuste flogen. Sportlich war Rossis überlegener Triumph gegen den Erzrivalen Biaggi das erste große Highlight, das vor allem in den italienischen Sportgazetten das Fundament zu seinem späteren Legendenstatus lieferte.

MIT SEINEN SIEGEN, VOR ALLEM ABER SEINEN RAFFINIERTEN MANÖVERN AUF UND ABSEITS DER STRECKE, ZERMÜRBTE ER EINE GANZE RENNFAH- RERGENERATION. IN DER KÖNIGS-KLASSE WÄREN BIAGGI, GIBERNAU UND MELANDRI HEUTE OHNE ROSSI WELTMEISTER.

Erst ab 2006 erwuchs Valentino Rossi allmählich ernsthafte Konkurrenz. Mit Nicky Hayden, Casey Stoner, Dani Pedrosa und zuletzt Jorge Lorenzo kam eine neue Rennfahrergeneration in die MotoGP gegen die sich Rossi zur Wehr setzen musste und zum ersten Mal in seiner Karriere das Nachsehen hatte. Er verlor einen Titel beim Finale an Hayden und war im darauffolgenden Jahr gegen Stoner chancenlos. »Wenn du nach fünf Titeln in Serie zwei Mal nicht gewinnst, dann ist deine Karriere normalerweise vorbei«, erinnerte sich Rossi in der Stunde seines Rücktritts an diese entscheidenden Jahre zurück. »Mit dem Wechsel auf Bridgestone-Reifen habe ich es aber geschafft, noch einmal gegen Jorge Lorenzo, Casey Stoner und Dani Pedrosa zu kämpfen und zwei weitere Titel zu holen.« 2008 und 2009 schlägt Rossi in großem Stil zurück und häuft seine WM-Titel acht und neun an. Sportlich ist er zu diesem Zeitpunkt wieder top, an seine mediale Strahlkraft kam damals ohnehin keiner seiner Konkurrenten heran. Casey Stoner war das Schauspiel im Rampenlicht der TV-Kameras und vor den Mikrofonen der schreibenden Zunft stets eine Mühsal, Dani Pedrosa galt anfangs als zu introvertiert und Jorge Lorenzo als zu arrogant. Sportlich auf Augenhöhe, blieb Rossi stets der unumschränkte Liebling des Scheinwerferlichts. Bezeichnend: Als Rossi Yamaha zu Saisonende 2010 verließ, zog auch Hauptsponsor Fiat den Stecker und plötzlich stand der Rennstall ohne Hauptsponsor da, obwohl man Fahrer-, Konstrukteurs- und Team-Wertung gewonnen hatte. Denn die Strahlkraft eines Jorge Lorenzo kam trotz des erfolgreichen Titelgewinns nicht an jene des allseits beliebten Italieners heran. Zwei Jahre lang herrschte Ebbe in den Sponsorkassen des Yamaha-Teams, die sich erst mit Rossis Rückkehr im Jahr 2013 wieder zu füllen begannen. Lorenzos damaliger persönlicher Sponsor wurde sogar von Rossis persönlichem Sponsor bei dessen Rückkehr ausbezahlt, damit ein Energydrink-Gigant das gesamte Team sponsern konnte. Auch auf den Tribünen flog ein Großteil der Herzen Valentino Rossi zu und nicht seinen Rivalen. Erst 2010 stieg mit Marco Simoncelli ein Fahrer auf, der ein ähnliches Charisma wie Rossi an den Tag legte. Im Gegensatz zu einstigen Lokalrivalen unterhielt Rossi diesmal aber gute Beziehungen zu seinem Landsmann. Bis alles am 23. Oktober 2011 ein tragisches Ende nahm. Jener Tag, an dem Simoncelli in Sepang sein Leben verlor, ist bis heute der wohl traurigste in Rossis Karriere, der aufgrund unglücklicher Umstände direkt in den Unfall verwickelt war. Es war der Tiefpunkt von Rossis kurzem Auftritt in roter Lederkombi, als zwei Jahre lang eine vermeintliche Traumehe mit Ducati zum Horrortrip wurde. »Die Zeit bei Ducati war hart, weil wir nicht gewinnen konnten, aber es war dennoch eine tolle Herausforderung.

2012 SCHIEN ER IN DER FORBES-LISTE DER BESTBE- ZAHLTEN SPORT-STARS MIT RUND 24 MILLIONEN EURO JAHRESVERDIENST AUF PLATZ 20 UND DAMIT NUR EINEN RANG HINTER FERNANDO ALONSO AUF.

Wenn ich als italienischer Fahrer auf einem italienischen Motorrad gesiegt hätte, wäre das historisch gewesen«, so Rossi bei seinem Rücktritt. Doch dazu kam es nie: In den beiden gemeinsamen Jahren gab es keinen einzigen Sieg und nur drei Podestplätze.

Immerhin war seine Ducati-Ära finanziell und aus Marketing-Sicht ein voller Erfolg. 2012 schien er in der Forbes-Liste der bestbezahlten Sport-Stars der Welt mit rund 24 Millionen Euro Jahresverdienst (Gehalt & Sponsoring) auf Platz 20 und damit nur einen Rang hinter dem damaligen Formel- 1-Primus Fernando Alonso auf. So weit vorne sollte nie wieder ein Star aus der MotoGP landen. Für seine Kollegen war Rossi damit ein Vorreiter, war er doch der erste Motorrad-Pilot in der Geschichte, der einen zweistelligen Millionenbetrag als Jahresgehalt aushandeln konnte. Damit ebnete er auch den Weg für Fahrer wie Jorge Lorenzo oder Marc Marquez, die zu ihren besten Zeiten auf ähnliche Beträge kamen. Dass Rossi der erste echte Weltstar der Motorrad-WM war, zeigen auch seine Nominierungen zu den Laureus World Sports Awards. Bei diesen prestigeträchtigen Preisverleihungen zum Weltsportler des Jahres war er zwischen 2004 und 2010 fünfmal in der Hauptkategorie »Sportsman of the year« nominiert - neben Größen wie Roger Federer, Michael Schumacher oder Tiger Woods. 2011 triumphierte er in der Nebenkategorie »Comeback des Jahres«. Als die Auszeichnung im Februar vergeben wurde, hatte er sich wenige Monate zuvor durch die bis dahin härteste Verletzung seiner Karriere gekämpft. Seit seinem WM-Einstieg in der Saison 1996 hatte er kein einziges Rennen verpasst und 230 Starts in Folge absolviert. Doch am 5. Juni 2010 brach er sich im 2. Training Schien- und Wadenbein und verpasste ausgerechnet in seinem Wohnzimmer Mugello, wo er zuvor neunmal (darunter in der MotoGP siebenmal in Folge) gewonnen hatte, zum ersten Mal ein Rennen. Nur 41 Tage später wagte er sich am Sachsenring zurück auf seine Yamaha - gestützt auf Krücken. Er beendete das Rennen auf dem 4. Platz, stand im darauffolgenden Lauf in Laguna Seca bereits wieder auf dem Podest und gewann zweieinhalb Monate später in Sepang bereits. So wie vor der Verletzung sollten Rossis Statistiken aber nie wieder glänzen. Nach dem gescheiterten Ducati-Engagement ging es für den damals 34-Jährigen zurück in den Heimathafen Yamaha, wo Lorenzo in Rossis Abwesenheit einen zweiten Titel geholt hatte und den Nummer-1-Status für sich beanspruchte. Rossi gab sich geläutert, erste Gerüchte über ein Karriereende kamen auf. Doch der »Doctor« feierte sportlich eine Auferstehung und durfte einen zweiten Frühling seiner Karriere bejubeln. Er steigerte Punkte sowie Podest- und Sieg-Ausbeute konstant. Dieser Aufwärtstrend gipfelte im Jahr 2015 in einem letzten direkten Duell um die Weltmeisterschaft mit Jorge Lorenzo. Im Alter von 36 Jahren muss Rossi klar gewesen sein, dass es nicht mehr allzu viele Chancen auf den achten Titel in der Königsklasse und somit der Egalisierung von Giacomo Agostinis jahrzehntealtem Rekord geben würde. Als der WM- Stand verdeutlichte, dass die Krone innerhalb der Yamaha-Box vergeben wird, eskalierte die Situation zwischen Lorenzo und Rossi, der im Zuge einer unrühmlichen Pressekonferenz in Sepang auf Anraten seines Kumpels Uccio (so sollte er später preisgeben) durch gewagte Aussagen auch Marc Marquez mit hineinzog, der sich seinerseits auf der Rennstrecke wehrte und am 25. Oktober Rossi beim Grand Prix von Malaysia in ein Scharmützel verwickelte. Während der damals amtierende Weltmeister sich im gerade noch erlaubten Bereich der offiziellen Regularien bewegte, schoss Rossi über diesen hinaus und musste als Lohn dafür beim Finale in Valencia vom letzten Platz an den Start gehen. Eine Aufholjagd blieb unbelohnt, doch die Wogen gingen in diesen Wochen dermaßen hoch wie nie zuvor. In jenem Oktober überstieg das weltweite Google- Suchvolumen zum ersten und bis heute einzigen Mal in der Geschichte der Aufzeichnungen jenes der Formel 1. Ein Indiz zu welch großer Aufmerksamkeit die Taten von Rossi und Marquez damals der Motorrad-WM verhalfen. Das für Rossi unrühmliche Ende ist Geschichte: Rossi wurde beim Finale nur Vierter, Lorenzo gewann und zog letztlich um fünf Punkte an ihm vorbei. »Ich bin traurig, dass mir der zehnte Titel nicht gelungen ist. Ich finde, dass ich das verdient hätte«, sagte Rossi bei seinem Abschied.

Es war das letzte Aufbäumen, denn nach 2015 sollten Rossi nur noch drei Siege gelingen. Am 25. Juni 2017 in Assen der bislang letzte von 115. Die Rekordmarke von 122 Siegen von Giacomo Agostini blieb Rossi somit auch verwehrt. In den letzten Jahren der Karriere ging es nur noch bergab. Sein Punktekonto sank seit 2015 kontinuierlich von Jahr zu Jahr. Gab es 2018 noch fünf Podien, so holte er 2019 nur noch zwei, im Vorjahr eines und 2021 gar keines. Sein Rücktritt deutete sich an und sogar Hardcore-Fans verloren den Glauben daran, dass Rossi noch ein weiteres Jahr in der WM anhängen würde. Er wolle in der Sommerpause über seine Zukunft entscheiden, ließ Rossi im Jahr 2021 früh verlautbaren. Seine Entscheidung sollte rein anhand seiner eigenen Leistung erfolgen, so der Italiener. Wer eins und eins zusammenzählen konnte, dem wurde klar, dass der Mann, der über mehr als zwei Jahrzehnte eine Bilderbuchkarriere geführt hatte, mit nur einem Top- 10-Ergebnis und 17 Punkten in neun Rennen nur eine Entscheidung treffen könnte: den finalen Schlussstrich unter die bislang imponierendste und größte Karriere der Geschichte dieser Weltmeisterschaft zu ziehen. »Vor zwei Jahren oder auch letztes Jahr war ich noch nicht bereit, mit der MotoGP aufzuhören. Ich wollte alles probieren. Jetzt ist es aber okay. Ich bin mit mir im Reinen. Natürlich bin ich nicht glücklich, aber das hätte sich auch im nächsten Jahr nicht geändert, denn ich würde am liebsten noch 20 Jahre fahren. Es ist also der richtige Moment«, schilderte Rossi an jenem 5. August in Spielberg und bedankte sich für die mehr als zwei Jahrzehnte andauernde Unterstützung seiner Fans: »Die Tatsache, dass ich so viele Menschen zum Motorradsport gebracht habe, ist das Wichtigste - zusammen mit meinen Resultaten. Ich konnte am Sonntagnachmittag viele Leute unterhalten und sie haben das genossen. In diesen ein bis zwei Stunden können sie alles andere vergessen und einfach die Rennen genießen. Das ist das Beste. Selbst jetzt, wo meine Ergebnisse nicht mehr so toll waren, freuen sich die Leute unglaublich, mich zu sehen. Manche beginnen sogar zu weinen. Das ist auch für mich sehr emotional.«

»WENN DU EIN ECHTER RACER BIST, FÄHRST DU ABER NIE NUR ZUM SPASS. DU VERSUCHST, DAS BESTMÖGLICHE RESULTAT ZU HOLEN.«

Valentino Rossi wird in der Motorrad-WM aber nicht vollständig von der Bildfläche verschwinden. Zum Saisonstart 2022 steht sein eigenes Team vor dem ersten Renneinsatz in der MotoGP- Klasse. Gemeinsam mit saudi-arabischen Geldgebern und Ducati konnte Rossi seinen nächsten Lebenstraum verwirklichen und schaffte den fliegenden Wechsel vom Rennfahrer zum Teambesitzer. Wie intensiv er sein neues Projekt vor Ort betreuen kann, ist aber noch unklar. Als offizieller Teammanager wird Pablo Nieto, der sich bereits seit Jahren erfolgreich um das Rossi-Team in den kleinen Klassen kümmert, einen großen Teil des operativen Geschäfts übernehmen. Das Management der Academy-Rider ist längst an eine Entourage rund um Kumpel Uccio ausgelagert. Rossi selbst meinte stets, er sei MotoGP-Pilot und könne sich daher nicht um alle Belange, die seine flankierenden Engagements mit sich bringen, selbst kümmern. MotoGP-Fahrer wird er ab Dezember des laufenden Jahres nicht mehr sein, doch dem aktiven Motorsport bleibt er erhalten. Die GT3-Boliden haben es dem 42-Jährigen angetan, der damit auch in den MotoGP-Winterpausen der vergangenen Jahre schon eine Handvoll Langstrecken-Rennen im arabischen Raum bestritt. »Das ist eine wichtige und sehr interessante Auto-Klasse, denn es gibt dort viele Werksautos von Marken wie Ferrari, Porsche, Bentley oder Aston Martin. Ich will mit dieser Art von Autos Rennen fahren«, sagte Rossi. Mittelfristiges Ziel könnte eine Teilnahme bei den 24 Stunden von Le Mans sein. »In meinem Herzen hatten Autos immer einen Platz und ich habe stets versucht, mich da zu verbessern und Rennen zu fahren, um irgendwann dafür bereit zu sein. Ich weiß nicht genau, wie mein Level ist. Es ist sicher nicht so hoch wie auf dem Bike. Wenn du ein echter Racer bist, fährst du aber nie nur zum Spaß. Du versuchst, das bestmögliche Resultat zu holen«, so Rossi mit Blick auf die Zukunft.

Der Abschied des Sonnenkönigs aus der MotoGP bedeutet somit keinesfalls eine generelle Abkehr vom Motorsport. Dazu hat Rossi viel zu viel Benzin im Blut.