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Der Astronom und der Komponist


Sterne und Weltraum - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 12.11.2021

ASTRONOMIEGESCHICHTE

Unter den Freunden der Astronomie und ihrer Geschichte dürfte der Name von Camille Flammarion (1842 – 1925) auch heute noch einen guten Klang haben (siehe »Zwei mit Leidenschaft für die Himmelskunde«). Seine elegant geschriebenen und prachtvoll ausgestatteten Bücher sind zwar inhaltlich überholt, bieten aber als historische Quellen bis heute vielerlei interessante Einsichten und erfreuen Buchliebhaber durch ihre gediegene Gestaltung. Besonders der Holzschnitt »Wanderer am Weltenrand« eines unbekannten Künstlers, der erstmals im Jahr 1888 in einem Buch von Flammarion erschien, und der lange Zeit für eine mittelalterliche Illustration gehalten wurde, ist heute als Symbol des Aufbruchs der Wissenschaft zu neuen Ufern weltweit bekannt und verbreitet.

IN KÜRZE

ó Camil le Flammarion war ein sehr bekannter Astronom.

ó Damals war der Musiker und Komponist Camille Saint-Saëns noch ...

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... berühmter.

ó Ihre Lebenswege trafen sich, und sie blieben in munterem Austausch bis zum Ende verbunden.

Anders verhält es sich mit dem Namen von Camille Saint-Saëns (1835 – 1921), den wohl nur Musikfreunde unter den Astronominnen und Astronomen einzuordnen wissen, obwohl der Komponist in der allgemeinen Öffentlichkeit heute wesentlich bekannter ist als der Astronom. Kurioserweise stellt das populärste und noch heute am meisten gespielte Werk von Saint-Saëns, nämlich der »Karneval der Tiere«, in seinem Gesamtschaffen ein ähnlich marginales Beiwerk dar wie der berühmt gewordene Holzschnitt bei Flammarion. Was Saint-Saëns für den Astronomiefreund interessant macht, ist seine enge Beziehung zur Astronomie und zu Flammarion – und das war keineswegs ein Zufall.

Zwei Frühentwickler auf dem Weg ins Leben

Flammarion interessierte sich von frühester Jugend an für Astronomie und verfasste bereits im Alter von 16 Jahren ein 500-seitiges Manuskript über Kosmologie. Im Jahr 1862 widmete er sein erstes publiziertes Buch dem Thema der Mehrheit bewohnter Welten, das innerhalb von knapp 30 Jahren 34 erweiterte und aktualisierte Auflagen erlebte und ihm den Weg in den wissenschaftlichen Journalismus ebnete (siehe »Flammarions Erstlingswerk«, S. 42). Flammarion erweist sich schon in der ersten Auflage dieser Schrift als ein überzeugter Anhänger der Vielheit bewohnter Welten, wenn auch die wissenschaftliche Argumentationsbasis damals noch recht dürftig war. Philosophische Argumente und Glaubenssätze mussten die fehlenden Fakten ersetzen. Bereits in diesem mit großem Elan geschriebenen Erstling offenbart sich eine erstaunliche geistige Spannweite des jugendlichen Autors, denn er behandelt in dem Werk nicht allein die astronomischen, sondern auch die historischen und physiologischen Aspekte des Themas. Dieses über die Enge einer wissenschaftlichen Einzeldisziplin weit hinausreichende Interessensspektrum blieb lebenslang eines der hervorstechendsten Merkmale seiner Persönlichkeit und all seiner zahlreichen populärwissenschaftlichen Bücher, in denen er sich nicht nur mit Astronomie, sondern auch mit Meteorologie, Religion, Spiritismus und Parapsychologie beschäf­ tigte und dadurch selbst Künstler wie etwa Vincent van Gogh inspirierte.

Zwei mit Leidenschaft für die Himmelskunde

Diese Aufnahme vom 16. Oktober 1921 zeigt zwei Freunde: den Astronomen Camil le Flammarion (stehend) und den Komponisten Camille Saint-Saëns. Sie befinden sich in der Sternwarte Juvisy-sur-Orge. Schon zwei Monate später starb Saint-Saëns auf einer Reise nach Algier.

Flammarions Erstlingswerk

Camille Flammarion veröffentliche viele Werke zur Astronomie. Alles begann mit »La pluralité des mondes habités«, ein Buch, das im Jahr 1862 in Paris Premiere feierte. Das Bild zeigt die Titelseite einer Ausgabe aus dem Jahr 1865 (rechts). Auf der anderen Seite sind Karten von Erde und Mars zu erkennen (links). Der Herausgeber Dieter von Reeken brachte das Werk als deutsche Neuausgabe unter dem Titel »Die Mehrheit bewohnter Welten« heraus (reprografischer Nachdruck der ersten deutschen Ausgabe Dresden 1864, Lüneburg 2006).

Auch Saint-Saëns begann seine Laufbahn als Musiker ungewöhnlich früh. Als musikalisches Wunderkind geltend, konzertierte er bereits im Alter von zehn Jahren mit Klavierkonzerten von Mozart und Beethoven in der damals größten Musikhalle von Paris. Mit 15 Jahren komponierte er ein Orchesterwerk, und im Jahr 1853 wurde die noch heute gespielte Sinfonie Nr. 1 des erst 18-Jährigen mit großem Erfolg öffentlich aufgeführt.

Doch schon in sehr jungen Jahren trieben Saint-Saëns auch noch andere Interessen um. Er war fasziniert von Botanik, Insektenkunde, Geologie und Mathematik. Noch ehe er zehn Jahre alt war, erfasste ihn eine leidenschaftliche Liebe zur Astro nomie: Er beobachtete die Mondphasen durch ein Opernglas, betrachtete die Himmelskunde als sein größtes Hobby und träumte sogar davon, einmal Astronom zu werden. Ein unvergessliches Erlebnis für den jungen Saint-Saëns stellte der Besuch des berühmten, im Jahr 1667 gegründeten Pariser Observatoriums dar, wo er zum ersten Mal Objekte des Himmels durch ein professionelles Teleskop betrachten durfte. Gleich von den ersten Einkünften aus gedruckten Partituren seiner Kompositionen kaufte er sich ein astronomisches Fernrohr aus der Werkstatt des damals besten französischen Instrumentenherstellers Marc Secrétan (1804 –1867), der 1859 gemeinsam mit

Léon Foucault (1819 – 1868) unter anderem das 40-Zentimeter-Spiegelteleskop für die Pariser Sternwarte geschaffen hatte, einen der ersten größeren Reflektoren mit einem versilberten Glasspiegel. Vermutlich kaufte Saint-Saëns das Teleskop nach der erfolgreichen Aufführung seiner zweiten Sinfonie 1857, denn um diese Zeit brachten Foucault und Secrétan ihre ersten Teleskope »zum Verkauf« auf den Markt. Der Preis für ein Teleskop mit 108 Millimeter Öffnung und 514 Millimeter Brennweite betrug 250 Franc, der für ein größeres (216 Millimeter Öffnung und 1624 MilIimeter Brennweite) hingegen schon 1600 Franc, ein halbes beziehungsweise vierfaches Monatssalair von Foucault als angestellter Physiker des Pariser Observatoriums. Welches Teleskop Saint-Saëns auch immer erwarb, so zeigt es jedenfalls, dass sein frühkindlicher Enthusiasmus für die Astro nomie auch bei dem inzwischen über 20-Jährigen, der bereits seine ersten Meriten als Komponist und Interpret erworben hatte, noch immer fortbestand (siehe »Saint-Saëns als Sterngucker«). Seine astronomischen Kenntnisse hatte er sich vor allem aus der gediegenen vierbändigen »L’ Astro nomie populaire« des Direktors des Pariser Observatoriums, François Arago (1786 – 1853) angeeignet, die auf Vorlesungen des Astronomen beruhte, welche er seit dem Jahr 1841 öffentlich in Paris gehalten hatte. Saint-Saëns bezeichnete diese Bücher als das Alpha und Omega seines astronomischen Wissens.

Umgekehrt hatte Flammarion, der künftige Astronom, als Knabe ganz im Bann der Musik gestanden. Lebhaft und stärker als seine Altersgenossen begeisterte ihn die Tonkunst, und er trat sogar als Klavier- und Orgelspieler in Erscheinung. In seiner Autobiografie berichtet Flammarion auch davon, dass er sich mit den Regeln des Kontrapunktes beschäftigt und einige kleine Musikstücke komponiert habe und damals gern Musiker geworden wäre. Auch in seinem späteren Leben beneidete er die Musiker »um ihre schöne Sprache«, die niemanden verletze. Doch schließlich siegte bei Flammarion die Astronomie und bei Saint-Saëns die Musik. Überaus erfolgreich auf ihren Gebieten wurden sie beide. Flammarion kommentierte diese Entwicklung mit den Worten: »Aber sind Urania und Euterpe nicht Schwestern?«

Flammarion als Forscher und Popularisator

Während Saint-Saëns mit schier unerschöpflichem Einfallsreichtum und jugendlicher Energie bereits als Komponist, Dirigent, Organist und Pianist von Erfolg zu Erfolg eilte, arbeitete der um sieben Jahre jüngere Flammarion zunächst unter schwierigen finanziellen Verhältnissen im Selbststudium an seiner Karriere als Astronom. Durch eine glückliche Fügung gewann er für kurze Zeit Zugang zum Pariser Observatorium als Assistent des Direktors Urbain Leverrier (1811 – 1877). Nach einigen Jahren als Rechner am Pariser Bureau des Longitudes nahm er im Jahr 1867 an elf Ballon flügen teil, um wissenschaftliche Studien der Atmosphäre vorzunehmen, über die er ein großes Werk zu schreiben beabsichtigte. Über diese »Luftreisen« hat er spannend und in bildreicher Sprache ausführlich berichtet, während er die wissenschaftlichen Resultate der Pariser Akademie der Wissenschaften übergab. Danach kehrte er an das Observatorium zurück und widmete sich den Doppelund Mehrfach sternsystemen. Neben eigenen Beobachtungen kompilierte er auch zahlreiche andere Daten seit den Tagen von Friedrich Wilhelm Herschel und brachte schließlich im Jahr 1878 einen Katalog mit rund 10 000 Objekten heraus.

Zugleich erfasste ihn aber auch seine Schreibleidenschaft, die ihn lebenslang begleitete und rasch bekannt werden ließ. Mit seiner »L’ Astronomie populaire« (1879), die eine Gesamt auflage von mehr als 100 000 Exemplaren erreichte, und die in deutscher Übersetzung unter dem Titel »Astronomie für das Volk« erschien, zählte er zweifellos zu den Pionieren dessen, was wir heute Wissenschaftskommunikation nennen. Flammarion wurde durch seine insgesamt mehr als 50 Bücher und zahllose Zeitschriftenbeiträge zum einflussreichen Populari sator der Astronomie weit über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt. Unter seinen zahlreichen Verehrern befand sich auch ein wohlhabender Bürger aus Bordeaux namens Meret, der seiner Bewunderung für Flammarion auf besondere Weise Ausdruck verlieh: Er schenkte ihm ein ansehnliches von einem großen Park umgebenes Herrenhaus in Juvisy-sur­ Orge unweit von Paris. So konnte sich Flammarion 1883 den Traum von einem eigenen Observatorium erfüllen, das er mit einem Refraktor (240 Millimeter Öffnung und 3600 Millimeter Brennweite) des angesehenen Pariser Optikers Denis Albert Bardou (1841 – 1893) ausstattete (siehe »Das Observatorium in Juvisysur-Orge«). Hiermit führte er zahlreiche astronomische Beobachtungen durch, wenn auch kein systematisches Schwerpunktprogramm seiner Forschungen zu erkennen ist. Planetenbeobachtungen von Mars, Saturn und Jupiter stehen hier neben Unter suchungen zu einem möglichen transneptunischen Planeten anhand von Daten über Kometenbahnen, Fotografien von Messier-Objekten und anderen.

Saint-Saëns als Sterngucker

Die Karikatur von Sabine Heinz illustriert, wie der französische Komponist seinen astronomischen Beobachtungen nachgegangen sein könnte.

Das Observatorium in Juvisy-sur-Orge

Im Süden von Paris befindet sich die Sternwarte von Juvisy-sur-Orge, auch bekannt unter dem Namen Camille-Flammarion-Observatorium. Die Kuppel in der Bildmitte beherbergt einen Refraktor mit 24 Zenti meter Öffnung auf einer äquatorialen Montierung. Diese historische Aufnahme stammt aus dem Jahr 1900. Seit dem Jahr 2009 steht das Gebäude unter Denkmalschutz und wird als Volksbildungsstätte genutzt. Die Orge ist übrigens ein Nebenfluss der Seine.

Den überwiegenden Teil der Zeit dürfte Flammarion jedoch seinen literarischen Aktivitäten gewidmet haben. In jenen Jahren entstanden nicht nur weitere seiner Sachbücher, sondern auch mehrere belletristische Werke in Form von Romanen und Erzählungen. Besonders der im Jahr 1894 erschienene Weltuntergangsroman »La Fin du monde« (deutsch: Das Ende der Welt) erregte damals viel Aufmerksamkeit. Er spielt zum einen im 25. Jahrhundert, als ein Komet die Erde bedroht, im zweiten Teil jedoch in einer weitaus ferneren Zukunft nach zehn Millionen Jahren. Charakteristisch für all diese belle tristischen Werke Flammarions ist das erkennbare Bestreben, auch in diese Texte naturwissenschaftliche Sachinformationen, aber ebenso autobiografische Details sowie philosophische, historische und parapsychologische Betrachtungen einzubauen.

Eine weiteres erfolgreiches Feld seines Wirkens betrat Flammarion im Jahr 1887 mit der Gründung der Société astronomique de France, die sich als gemeinnütziger Verein die Förderung der Astronomie auf ihre Fahnen schrieb und deren erster Präsident er selbst wurde. Unter der Federführung der Société wurde die bereits im Jahr 1882 von Flammarion gegründete Zeitschrift »L' Astronomie« herausgegeben, ein populärwissenschaftliches Journal für Astronomie, Meteorologie und Geophysik (siehe »Ein Astro-Magazin im 19. Jahrhundert«). Flammarion war zu dieser Zeit 45 Jahre alt und auf dem Höhepunkt seines öffentlichen Ansehens angekommen. Auch Saint-Saëns hatte die obersten Sprossen der Ruhmesleiter als Komponist erklommen. Wenn auch viele seiner Werke immer wieder umstritten waren und in Musikerkreisen manche Kontroverse auslösten, so hatte sich der nunmehr 52-Jährige doch bereits den Rang eines lebenden Klassikers erworben und war im Jahr 1881 in das Institut de France sowie 1884 als Offizier in die Ehrenlegion aufgenommen worden – zwei hohe Auszeichnungen, die nur wenigen zuteilwurden.

Saint-Saëns in der Société astronomique

Die Gründung der astronomischen Société durch Flammarion löste ein starkes Echo aus. Zahlreiche Interessenten schrieben sich in die Mitgliederlisten ein, und zwar keineswegs nur Astronomen aus dem In- und Ausland, sondern auch Freunde der Astronomie aus den verschiedensten Berufen, darunter Mediziner, Künstler, Militärs, Lehrende und Industrielle. In dem ersten von der Société herausgegebenen Bulletin umfasst die Liste der Mitglieder bereits etwa 150 Personen. Wenige Jahre später waren es bereits viermal so viele. Im Jahr 1893 trat auch Camille Saint-Saëns der Gesellschaft bei – als Mitglied Nr. 553. Das wäre sicher­ lich schon früher geschehen, scheiterte jedoch an seinen damals sehr denkwürdigen Lebensumständen. Der Komponist hatte Paris nach dem Tod seiner Mutter Anfang Oktober 1889 geradezu fluchtartig verlassen, frustriert von Missgunst und Unverständnis, die ihm vielerorts entgegengeschlagen waren.

Ein Astro-Magazin im 19. Jahrhundert

Hier sehen wir die Titelseite der populär wissenschaftlichen Zeitschrift »L'Astronomie« im ersten Jahrgang. Flammarion gründete sie im Jahr 1882.

Seinen gesamten Besitz hatte er der Stadt Dieppe in der Normandie übergeben, die noch im selben Jahr ein Museum für ihn einrichtete. Niemand wusste, wo er sich aufhielt, und auch seine Rückkehr im Mai 1890 war nur von kurzer Dauer. Mehr als ein Jahrzehnt verbrachte er anschließend auf Reisen ohne festen Wohnsitz, teils konzertierend, teils in selbst gewählter Einsamkeit, um zu komponieren und zu schreiben. Erst im Jahr 1904 nahm er in Paris wieder eine Wohnung, ohne jedoch seine intensive Reisetätigkeit aufzugeben.

Gekannt haben sich Flammarion und Saint-Saëns allerdings schon Jahre vor seinem Eintritt in die Société, denn bereits in der 1889er Ausgabe von »L’ Astronomie« wurde eine Betrachtung veröffentlicht, deren Autor Flammarion mit den Worten »unser berühmter Freund« einführte. In diesem kurzen Beitrag nimmt Saint-Saëns eine Notiz von Arago zum Anlass, sich über den damals von vielen vermuteten Mondvulkanismus zu äußern. Er verweist ihn ins Reich der Legende und meint, die These sei der »mentalen Folter« zuzuschreiben, nicht alles über den Mond zu wissen, wodurch der menschlichen Fantasie freier Lauf gelassen werde. Flammarion kommentierte diplomatisch: »Wer weiß? Lassen Sie uns nicht die Forschung entmutigen.« Tatsächlich wisse man über den Mond weit weniger als gedacht.

Nun, nach dem offiziellen Eintritt von Saint-Saëns in die Société, betrachteten es die Mitglieder der Gesellschaft als besondere Ehre, einen so berühmten Künstler in ihrer Mitte zu haben. Saint-Saëns wiederum war glücklich, einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten zuzugehören, die für ihn ein Forum des Gedankenaustauschs und zugleich eine Quelle aktuellster Informationen aus der astronomischen Forschung darstellte. »Trotz meines Mangels an wissenschaftlichen Kenntnissen habe ich mich manchmal getraut, Briefe an das Bulletin zu schreiben ... und bei Sitzungen der Gesellschaft das Wort zu ergreifen«, schreibt der Komponist. »Aber ich gehöre nicht zu den Leuten, die meinen, sie wüssten mehr als die Wissenschaftler. Ich habe mich darauf beschränkt, Beobachtungen zu berichten, die ich auf meinen Reisen gesammelt habe.«

Wie stark Saint-Saëns sich emotional mit der Astronomie verbunden fühlte, zeigt ein Gespräch, das er im Jahr 1893 mit damaligen französischen Bildungsministers Raymond Poincaré (1860 – 1934) geführt hatte, der ebenfalls Mitglied der Société war und den Komponisten in Flammarions Observatorium getroffen hatte. Poincaré berichtete darüber in einer Ansprache vor der Generalversammlung der Société im Jahr 1895. Saint-Saëns hatte dem Politiker offenherzig gestanden, dass ihm das Studium des Himmels größere Glücksgefühle bereite als das Komponieren seiner Musik. Gerade auch Politiker könnten von der Astronomie profitieren, hatte er weiter erklärt, denn sie würden dadurch ihren Blick auf die Welt verändern und manches für nichtig ansehen, was sie für großartig halten, und anderes für vorübergehend, das ihnen jetzt ewig und absolut erschiene.

Saint-Saëns war in der Société alles andere als eine Karteileiche. Die Spuren seiner Mitgliedschaft durchziehen vielmehr die gesamten Jahre bis zu seinem Lebensende. Durch die intensive Reisetätigkeit erfolgten seine astronomischen Wortmeldungen allerdings nicht immer persönlich, sondern mitunter auch in Form von Briefen an Flammarion. So griff er zum Beispiel in die damals wie heute aktuelle Debatte über die Verbreitung von Leben im Universum mit einem Brief an Flammarion ein, der auf den 8. April 1902 in Kairo datiert war und den Flammarion im Bulletin publizierte (siehe »Rege Korres pondenz«). Ungewöhnlich vehement polemisiert Saint-Saëns hier gegen die Auffassung von der Erde als einzigem lebenstragenden Himmelskörper. Es käme ihm vor wie ein »letztes Echo der alten Lehren, welche die Erde zum Mittelpunkt der Welt und den Menschen zum Ziel der Schöpfung machten, für den alles erschaffen worden war, der Mond, die Sonne, die Erde, der Himmel und seine Sterne«. Er werde nicht aufhören, gegen diese Art von Anthropozentrismus anzukämpfen. Selbst, wenn die Bedingungen für intelligentes Leben im Weltall nur selten vorkämen, so wäre diese Seltenheit doch nur relativ angesichts der großen Zahl der Sterne und deren (damals lediglich vermuteten) Planeten.

Rege Korrespondenz

Diesen Brief – hier nur mit den ersten Zeilen – verfasste Saint-Saëns an Flammarion im Jahr 1902. Er diskutiert darin die Verbreitung von Leben im All.

Wissen verbreiten

Saint-Saëns verspürte auch ein großes Bedürfnis, seine eigene Begeisterung für die Sternenwelt mit anderen zu teilen. So lieh er zum Beispiel den jungen Söhnen seines Komponistenfreundes Gabriel Faure (1845 – 1924) das eigene Fernrohr und diskutierte mit ihnen und deren Mutter über Astronomie.

In seinen »Notizen und Erinnerungen« (1913) beschrieb er den Zauber, der vom Betrachten kosmischer Objekte selbst in kleinen Fernrohren ausgeht, und welche Erkenntnisse man durch das Studium des gestirnten Himmels gewinnen könne. Den Orionnebel nannte er ein »au ßergewöhnliches Prachtstück, das jeder erleben sollte«, wozu man kein Wissenschaftler sein müsse.

Er war neugierig auf alle Probleme und vor allem auf ihre philosophische Interpretation, da er wusste, dass die Astronomie die Grundlage aller Philosophie ist.

Nachruf auf Saint-Saëns in der »Société astronomique de France«

Er gerät geradezu ins Schwärmen, wenn er von seinem nächtlichen Schlendern auf der Terrasse eines Hotels in Colombo berichtet, wo er den schillernden Himmel mit jenen Sternbildern betrachtete, die man in unseren Breiten nicht zu Gesicht bekommt. Saint-Saëns wird nicht müde, andere zu ermutigen, seinem Beispiel zu folgen und den Blick des Öfteren genussvoll zum gestirnten Himmel zu richten. So verwundert es auch nicht, dass er sich sogar an öffentlichen Aktionen wie zum Beispiel den von Flammarion 1904 ins Leben gerufenen »Fêtes du Soleil« beteiligte, die zur Sommersonnenwende rund um den Eiffelturm stattfanden und bei denen neben wissenschaftlichen Vorträgen, Demon strationen und Beobachtungen auch Musik, Tanz, Theater und Poesie zum Programm gehörten.

Besonders bemerkenswert ist ein Vortrag von Saint-Saëns, den er im Alter von 82 Jahren auf der Sitzung der Société am 4. November 1917 gehalten hat. Er sprach zu dem Thema »Die astronomische Unwissenheit und wie man sie beheben kann«. Darüber war in der Société natürlich schon oft debattiert worden, und besonders Flammarion beklagte die weit verbreiteten mangelhaften astronomischen Kenntnisse der Allgemeinheit immer wieder. Doch Saint-Saëns suchte in seinem Vortrag nach den tieferen Ursachen und wagte sich dabei an ein für viele heikles Thema. Nach seiner Auffassung gäbe es zwei entscheidende Feinde des Wissens: den religiösen Glauben und die Bibel. »Die Lehre der Bibel, die Geschichten der Genesis, sind mit den Behauptungen der Astronomie schwer in Einklang zu bringen. Ich weiß nicht, wie ein gewöhnlicher Gläubiger diese Schwierigkeiten überwinden kann.« Doch dann zitiert er den italienischen Jesuitenpater und berühmten Astrophysiker Angelo Secchi (1818 – 1878), der dieses Problem offensichtlich für sich gelöst hatte. Secchi hatte gesagt: »Betreten Sie meinen Gebetssaal und mein Observatorium. Es gibt eine Treppe zwischen beiden; ab einem bestimmten Schritt denke ich oben nur an mein Observatorium; unten denke ich nur an meinen Gebetssaal.« In diesem Sinne wollte wohl auch Saint-Saëns Glauben und Wissen getrennt sehen. Ähnlich hatte er auch einmal seine zahlreichen sakralen Musikwerke kommentiert: »Die Religionen haben einen Reiz und eine Anziehungskraft, die sich nirgends sonst finden, sie sind eine wunderbare Inspirationsquelle für Kunst und Literatur; damit diese Quelle fließe, bedarf es nicht des Glaubens.« Deshalb lag es Saint-Saëns auch fern, den Glauben zu bekämpfen: »Erstens: Es wäre eine schlechte Tat. Unzählig sind die Menschen, für die der Glaube ein Bedürfnis ist … Für sie ist die Wissenschaft etwas Äußerliches, das sie nicht durchdringt. Sie finden keinen Trost darin, keinen Halt. Und wenn ihnen der Glaube genommen würde, würden sie in Verzweiflung stürzen.« Zum anderen würde eine Bekämpfung des Glaubens ihn nur stärken, denn die Vernunft habe keine Kontrolle über ihn. Wissenschaft hingegen sei nichts anderes als die »fortschreitende Suche und Eroberung der Wahrheit«. Deshalb habe sich der Glaube auch immer weiter vor der Wissenschaft zurückgezogen und sich »schließlich hinter Dogmen verschanzt, die ihrer Natur nach der menschlichen Intelligenz unzugänglich sind«. Darüber sei aufzuklären, aber das müsse »auf natürliche Weise geschehen, extrem langsam. Diese Entwicklung zu beschleunigen, wäre wie der Versuch eines Menschen, das Aufblühen einer Blume mit mechanischen Mitteln zu bewirken.« Schließlich unterbreitet Sains-Saëns einen ganz praktischen Vorschlag: »Es wäre notwendig, dass junge Astronomen durch Frankreich reisen und der Öffentlichkeit Vorträge über elementare astronomische Fragen halten … Diese Vorträge, begleitet von Projektionen, würden sicherlich ein Erfolg werden … Wenn ich jung wäre, obwohl ich kein Astronom bin, … würde ich mich freiwillig einem solchen Apostolat widmen. Mögen andere, die das Glück hatten, später geboren zu werden, mutig in dieser Laufbahn voranschreiten und die beklagenswerte Unwissenheit vertreiben, die es in unserer Zeit nicht mehr geben sollte.« Der Vortrag wurde mit starkem Beifall quittiert und führte zu einer lebhaften Diskussion. Im Protokoll der Sitzung ist außerdem vermerkt, dass Lehrer an Hochschulen, Gymnasien und Grundschulen eine große Rolle bei der Verbreitung astronomischer Kenntnisse spielen könnten – ein Vorstoß in Richtung Schulastronomie.

Probleme und Mysterien

Beinahe schlicht ist die Gestaltung der ersten Ausgabe des Werks »Problèmes et Mystères« von Saint-Saëns, die im Jahr 1894 in Paris erschien.

Natürlich war Saint-Saëns kein Astronom. Aber seine Leidenschaft und sein Einsatz für die Astronomie dürften unter den bedeutenden Tonsetzern einmalig sein. Sein astronomisches Selbstporträt ist wohl etwas zu bescheiden ausgefallen: »Ich bin so wenig Astronom, wie jemand Maler ist, der den Louvre besucht, oder Komponist, wenn er Beethoven-Sinfonien im Konzertsaal hört. Ich habe versucht, die großen Gesetze der Astronomie zu verstehen, ich habe die Sterne mit Leidenschaft angeschaut, und das war’s.«

Saint-Saëns starb am 16. Dezember 1921 in Algier. Im Nachruf der Société wird hervorgehoben, welche bedeutende Rolle dieser »eminente Musiker« seit Jahrzehnten in vielen Diskussionen der Sitzungen gespielt habe. »Er war neugierig auf alle Probleme und vor allem auf ihre philosophische Interpretation, da er wusste, dass die Astronomie die Grundlage aller Philosophie ist.« Oft habe er den Diskurs angeregt, indem er allgemein akzeptierte Ideen in Zweifel zog und unter gänzlich neuen Aspekten betrachtete. Weiter heißt es: »Er war ein für alle Betrachtungen offener Geist. Als überzeugter Materialist war er nicht minder neugierig auf die Suche nach dem Unbekannten, wohl wissend, dass wir fast nichts wissen und alles zu lernen haben.«

Nirgends spiegelt sich der grübelnde, suchende und spekulierende Geist des Komponisten eindrucksvoller wider, als in einem kleinen Buch, das er 1894 unter dem Titel »Problèmes et Mystères« (deutsch: Probleme und Geheimnisse) veröffentlicht hat. Es erschien im Verlag von Ernest Flammarion (1846 – 1936), dem jüngeren Bruder des Astronomen, der auch dessen Werke verlegte (siehe »Probleme und Mysterien«). Auslöser des Textes war auch diesmal die Astronomie in Gestalt eines Buches von Gustave-Adolphe Hirn (1815 – 1890), in dem sich zahlreiche philosophische Reflexionen finden, die »jeder lesen kann, der gerne denkt«, wie Saint-Saëns schrieb. Ursprünglich wollte Saint-Saëns seine Gedanken brieflich an Hirn übermitteln, als dieser plötzlich starb. So entschloss er sich zu seinen »Problemen und Geheimnissen«. In diesem Buch greift er eine Fülle von Fragen auf, wie sie ähnlich auch Flammarion in seinen Schriften immer wieder behandelt hatte.

Im Jahr 1917 sollte eine erweiterte Neuauflage herauskommen, in die der Komponist eine überarbeitete Fassung seines Artikels »Spiritualismus und Materialismus« und andere Texte mit aufnehmen wollte. Doch dazu kam es nicht mehr. So erschien das Buch erst im Jahr 1922 nach seinem Tod in der weitgehend unveränderten Fassung der Erstausgabe mit dem neuen Titel »Divagations sérieuses« (deutsch: Ernsthafte Hirngespinste). Unter dem Leitspruch »Die Vernunft ist das Ruder des Schiffes« stellt der Text die leidenschaftlichen Bekenntnisse eines Suchenden dar, der gleichsam die Fackel der Aufklärung durch die Dunkelheit trägt. Der Autor endet mit der Hoffnung auf die Kraft der Jugend, die den Samen zum Auskeimen bringen könnte, den er ausgestreut habe: »Wenn es so wäre, würde ich überglücklich sein, und mein Ehrgeiz wäre vollkommen befriedigt.«

Und heute?

Inzwischen tummeln sich die beiden Freunde als Namensgeber zweier Kleinplaneten im Asteroidengürtel. Während aber mit (1021) Flammario das Lebenswerk des Astronomen gewürdigt wird, ist in der Begründung für (5210) Saint-Saëns nur von dem genialen Komponisten die Rede.

Eines bleibt rätselhaft: Warum hat Saint-Saëns eigentlich in seinem gesamten umfangreichen musikalischen Œuvre aller Genres der Sternenwelt mit keiner einzigen Note gehuldigt?

Literaturhinweise

Flammarion, C.: L’atmosphère. Météorologie populaire. Paris, 1888

Flammarion, C.: Mémoires biographiques et philosophiques d’une astronomie. Paris, 1912

Saint-Saëns, C.: Problèmes et Mystères. Paris, 1894

Saint-Saëns, C.: De l’ignorance astronomique et du moyen d’y remédier.

L’ Astronomie 31, 1917

Stegemann, M.: Camille Saint-Saëns.

Reinbek bei Hamburg, 1993

Weblinks

Flammarion-Observatorium in Paris: https://saf-astronomie.fr/ observatoires/

Website von Dieter B. Herrmann: www.dbherrmann.de