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DER AUGENÖFFNER


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Bike Bild - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 27.08.2021

Pendlerporträt

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Montagmorgen. Acht Uhr. Eine vierspurige Straße. Unzählige Autos, die lautstark nach Norden und Süden passieren. Staugefahr. Es ist ein ähnlicher Tag wie der vor ungefähr drei Jahren, dieser einschneidende Tag in Marcus Carls Leben, der ihm die Augen öffnete, eine neue Perspektive ermöglichte.

Auf dem Weg in sein Optiker-Fachgeschäft in der Hamburger Innenstadt stand er damals wie so oft mit seinem Wagen im Stau. Jetzt reicht’s, platzte es im Selbstgespräch aus ihm heraus. Er wendete seinen Wagen, stellte ihn in der heimischen Garage ab und stieg aufs Rad – und bis auf wenige Ausnahmen ist es seitdem dabei geblieben. Egal ob die Sonne scheint oder es regnet, ob es warm ist oder kalt, Marcus Carl fährt mit seiner E-Gazelle morgens die knapp 15 Kilometer zur Einkaufsstraße Eppendorfer Baum und abends zurück nach Fuhlsbüttel.

So auch am Tag unserer Verabredung. Pünktlich um acht führt er ...

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... sein Bike die kleine Treppe neben dem Nachbarhaus hinunter und begrüßt uns gut gelaunt. Heutzutage freue er sich auf den Weg zur Arbeit, sagt er. Früher hingegen sei er bei der oft vergeblichen Suche nach den besten Schleichwegen mit dem Auto meist gestresst gewesen.

Aber warum startet er sogleich auf der vielbefahrenen vierspurigen Alten Landstraße? Die miesen Radwege in dieser Gegend, grollt Carl, würden nur nerven – „da kriegt man doch einen Hals“. Gott sei Dank führt Carls Weg nur kurz über die Hauptverkehrsader. Schon an der nächsten Ampel geht es links ab und quer durchs Alstertal. Und tatsächlich hat der Optiker von da an für einige Kilometer nichts mehr mit dem Großstadtverkehr zu tun. Kurz nach dem Alstertal führt sein Weg über den Ohlsdorfer Friedhof – mit 389 Hektar der größte Parkfriedhof der Welt.

Auf vier Kilometern trifft Marcus Carl hier höchstens andere Radler oder Eichhörnchen. Er radelt vorbei an tausenden Gräbern, namenlosen Ruhestätten gefallener Soldaten, Familiengruften und Mausoleen oder aber vorbei am viel besuchten Grab des im vergangenen Jahr verstorbenen Hamburger Schauspielers Jan Fedder. Auch der weitere Weg entlang des Alsterlaufs gestaltet sich sehr entspannt, wenn man sich vor Augen führt, dass man gerade mitten durch eine 2-Millionen-Einwohner-Stadt radelt.

Nicht nur darum fährt Marcus Carl fast die ganze Zeit mit einem Lächeln durch Hamburg. Das Radfahren habe etwas mit ihm gemacht, sagt er. Er fühle sich beweglicher, unabhängiger und flexibler, seit er den Wagen nur noch nutze, um damit Getränkekisten zu transportieren. Auch sei er einfach schneller als mit dem Auto. Und schlechtes Wetter? Na ja, meint Carl, es gibt immer eine Ausrede, etwas nicht tun zu müssen. Definitiv regne es in Hamburg viel weniger, als es das Klischee der Hansestadt suggeriere. Und so hat seine Gazelle in den vergangenen knapp drei Jahren schon gut 10 000 Kilometer mit ihm abgespult – ohne Mucken.

"DAS AUTO NUTZE ICH EIGENTLICH NUR NOCH, UM GETRÄNKE­ KISTEN ZU TRANSPOR­ TIEREN.

Spielen Umweltgedanken für ihn eigentlich eine Rolle bei der Entscheidung fürs Fahrrad? Nicht wirklich, gesteht er. Er wolle gar nicht die Welt verbessern, erst einmal seine eigene Situation. Schön, wenn sich dadurch auch im Großen etwas verbessere. In erster Linie aber gehe es ihm darum, dass er nicht mehr im Stau stehe und ewig lange nach Parkplätzen suchen müsse.

Auch die Wahl eines E-Bikes ist für Marcus Carl eine Vernunftlösung. Angekommen in seinem Geschäft „Optiker Martin Carl“ – gegründet von seinem Vater –, möchte er nicht erst duschen müssen, sondern lieber gleich loslegen. Das bedeutet für ihn, zuerst einen guten Kaffee mittels Siebträgermaschine zu genießen und dann alles in Gang zu bringen, bevor seine Mitarbeiter eintreffen.

Mit der Kaffeetasse in der Hand sprechen wir noch einmal über die Hamburger Radwege, die Marcus Carl größtenteils indiskutabel findet. Die Verantwortlichen im Rathaus kennen die optimalen Wege und Lösungen nicht, weil sie selbst nicht täglich auf dem Rad sitzen, sagt er – eine Schelle für die hanseatischen Stadtplaner.

Wo bleibe der Wille des Senats, etwas Hochwertiges zu schaffen, fragt sich Carl inmitten von Brillen, noch ungeschliffenen und bereits geschliffenen Linsen samt den dazu benötigten Werkzeugen und Maschinen. Natürlich sei ihm klar, dass es eine vernünftige Infrastruktur nicht umsonst gebe. Alles Gute koste auch entsprechend, das sei ähnlich wie in seinem Optiker-Fachgeschäft.

Dem pflichtet auch seine Mitarbeiterin Wiebke Krause bei, die mehrmals pro Woche mit einem Urban-Arrow E-Cargobike zum Geschäft kommt, nachdem sie zwei Kinder zur Kita gebracht hat. 40 Kilometer täglich spult sie an diesen Tagen mit dem durchaus kostspieligen Lastenrad ab – finanziert über ihren Arbeitgeber Marcus Carl. Und auch seinem Optikermeister spendiert Carl demnächst ein hochwertiges Fahrrad als Prämie für seine guten Leistungen – moderne Mitarbeitermotivation.

Nicht nur in Sachen Fahrrad und Großstadt hat Marcus Carl seinen Blickwinkel in jüngerer Vergangenheit geändert. Auch in puncto Fitness und Ernährung hat sich für ihn viel getan. 18 Kilogramm hat der 1,90-Meter-Mann im letzten Jahr abgespeckt. Nun zeige seine Waage nur noch 92 Kilogramm an. Aber auch in dieser Hinsicht wolle er das Fahrrad nicht glorifizieren. Vielmehr habe er seine Ernährung umgestellt. Wenig Zucker und Intervallfasten seien für ihn der Weg zum Erfolg gewesen, dazu jeden Morgen eine halbe Stunde Yoga. Sportwissenschaftler würden wohl das Zusammenspiel mit den täglich eineinhalb Stunden E-Bike-Fahren als Grund sehen. Wie auch immer, seine Arthroseprobleme im Knie hat Marcus Carl mit seinem derzeitigen Lebensstil im Griff. Seine gesamte Lebensqualität sei viel besser geworden, sagt er grinsend – „einfach geil“.

Und so steigt er am Abend wieder auf seine zuverlässige E-Gazelle, genießt auf den ersten Metern den unbeschwerten Blick auf das geschäftige Gewusel im angesagten Stadtteil Eppendorf und anschließend die Ruhe des Alsterlaufs und des Ohlsdorfer Friedhofs – und freut sich schon auf der kleinen Treppe des Nachbarhauses, dass er morgen wieder zur Arbeit radeln kann. Mathias Müller