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DER AUSNAHMELÄUFER IM AUSNAHMEZUSTAND


Laufzeit - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 10.06.2020

Der Realität davonlaufen? Klingt in Corona-Zeiten verlockend, ist aber auch mit 2:10:18 Stunden im Marathon nicht möglich. Wie kurzlebig Erfolg und Misserfolg im Sport sein können, hat Hendrik Pfeiffer in seiner Laufkarriere schon oft erlebt, sogar praktisch im Jahresrhythmus. Wie geht ein Spitzensportler mit dem Ausnahmezustand um?


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Bildquelle: Laufzeit, Ausgabe 4/2020

Anfang des Jahres lautet mein größter Wunsch, neben der Olympianorm, endlich mal ein stabiles Jahr ohne Störfeuer erleben zu dürfen. Und es geht hervorragend los: Mit guter Form entschließe ich mich, beim Sevilla Marathon einen weiteren Angriff auf die Olympianorm zu starten. ...

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... Eine perfekte Wahl, denn ich kann meine Bestzeit um fast drei Minuten steigern und werde zum achtschnellsten Deutschen aller Zeiten - ein surreales Gefühl und eine riesige Überraschung. Ich bin im siebten Himmel.

Doch ich habe die Olympiarechnung ohne die Statistik gemacht. Erfahrungsgemäß wechseln sich nämlich Höhenflüge und Tiefschläge in meiner Karriere in regelmäßigen Abständen ab. Schon wenige Tage nach Sevilla zeichnet sich ab, dass der Corona-Ausbruch mehr sein würde, als nur eine starke Grippewelle. Mit dem großen Erfolg in Sevilla im Rücken geht es in die Vorbereitung auf den Berliner Halbmarathon zunächst voller Vorfreude ins Höhentrainingslager nach Kenia, doch die beunruhigenden Corona-Nachrichten häufen sich bereits, wie die Absage des Tokio Marathons für alle Breitensportler und die schlimmen Krankheitsentwicklungen in Italien. Dennoch gelingt mir eine reibungslose erste Trainingswoche mit einigen guten Einheiten. Doch schon längst bestimmt der Blick auf das Handy unsere Stimmung. In erschreckender Geschwindigkeit erhöht sich die Zahl der täglichen Eilmeldungen, die mir die Haare zu Berge stehen lassen. Die Krankheit trifft nun auch Europa und meine Heimat in Nordrhein-Westfalen mit voller Wucht und die drastischen Maßnahmen zur Eindämmung der Krankheit hätte ich mir in der heutigen Zeit nicht vorstellen können. Ich mache mir große Sorgen um meine Eltern und der Wunsch, schnell heimzukehren, nimmt Konturen an. Hinzu kommen die belastenden Nachrichten aus der Sportwelt: Fast täglich werden nun wichtige Veranstaltungen abgesagt, erst im März, dann Anfang April, dann auch später. Für uns Athleten ist dies ein echter Super-GAU, denn das Trainingslager in Kenia sollte uns für diese Events fit machen und wir haben bereits viele Vorbereitungswochen investiert.


„Die Verschiebung der Olympischen Spiele ins Jahr 2021 ist in gewisser Weise eine Erleichterung.“
Hendrik Pfeiffer


Wie sollen wir nun das Training strukturieren, wenn uns die Wettkämpfe, an denen wir das Training ausrichten, wie Sand zwischen unseren Fingern zerrinnen? Mir persönlich setzt besonders die Kleinschrittigkeit der Meldungen zu. Bei jedem Blick auf das Handy gibt es einen neuen Dämpfer und auch beim täglichen Tischgespräch mit meinen Freunden und Trainingspartnern überschattet das Thema alles.

Plötzlich dominieren Corona-Krisenrunden mit unserem Trainer die üblichen Trainingsplanungsgespräche. Sollte es tatsächlich so weit kommen, dass die Olympischen Spiele betroffen sind, nachdem ich schon 2016 die sicher geglaubte Olympiateilnahme auf den letzten Drücker verloren hatte? Ein Gedanke, der mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Weniger als einen Monat zuvor hat die Zukunft doch noch so rosig ausgesehen. Als der Berliner Halbmarathon, wohin mein Rückflug aus Kenia gebucht gewesen wäre, abgesagt wird und es auch keine vergleichbare Startoption mehr gibt, entschließe ich mich endgültig zur Rückkehr. Und das so schnell wie möglich. Mich beunruhigt, wie dynamisch sich die Lage entwickelt und wie schnell plötzlich Grenzschließungen in Europa durchgesetzt werden. Ich will raus aus Kenia, solange noch Flüge angeboten werden. Was soll ich tun, wenn meine Eltern, die zur Risikogruppe gehören, plötzlich krank würden, und ich sitze in Kenia fest? Solche Gedanken stellen nun sogar die drohende Olympiaabsage in den Schatten. Längst ist an richtiges Training nicht mehr zu denken, da die psychische Anspannung mir nun auch auf den Körper schlägt und mir den Schlaf raubt. Natürlich ist mir bewusst, dass meine Situation, verglichen mit den Menschen, die schwer an Corona erkranken oder ihr Restaurant schließen müssen und vor der Insolvenz stehen, harmlos ist. Doch nachdem ich den Großteil meines Lebens dem Sport gewidmet habe, setzt mir diese Entwicklung enorm zu. Sollte wieder etwas meinen Lebenstraum zerplatzen lassen, auf das ich keinen Einfluss nehmen konnte?

Zudem bemerke ich, dass sich das Verhalten der Kenianer vor Ort verändert. Sowohl Erwachsene als auch Kinder drehen sich auffällig häufig weg und schlagen sich den Kragen ins Gesicht, wenn wir sie passieren. Die Sorge vor Corona nimmt auch unter den Einheimischen zu, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch kaum Fälle in Afrika bekannt sind. Falschnachrichten, wie die Ansicht, dass das Virus nur von Weißen übertragen wird und hochgradig tödlich sei, scheinen im höheren Maße verbreitet zu sein. Auch wenn die Reaktionen meistens noch mit einem Augenzwinkern verbunden sind, bereitet mir dies Sorgen. Sollte das Virus auch in Afrika mit voller Wucht zuschlagen, könnten sich die Reaktionen verschärfen, denke ich.

Nachdem alle Umbuchungsversuche an der überlasteten Lufthansa- Hotline scheiterten, buchte ich mir den nächsten verfügbaren Rückflug und hoffte inständig, dass er nicht gestrichen wird. Auch viele meiner deutschen Teamkollegen bereiten nun ihre Rückreise vor, haben es aber nicht ganz so eilig wie ich, da jeder das Ausmaß der Corona-Krise anders einschätzt, weshalb ein kleiner Teil des Teams sogar vorhat, das Trainingslager durchzuziehen. Für mich keine Option. Da sich der Preis meines favorisierten Direktflugs nach Europa innerhalb eines Tages plötzlich versiebenfacht, muss ich wohl oder übel einen Umweg über Uganda in Kauf nehmen.

Da Uganda eines der ersten afrikanischen Länder mit besonders scharfen Quarantäne-Auflagen ist, bereitet mir dies Bauchschmerzen, doch angesichts der dynamischen Entwicklung der Maßnahmen nehme ich, was ich kriegen kann. Am Vorabend der Abreise erhalte ich kurzfristig die Mitteilung, dass mein Inlandsflug in die Hauptstadt Nairobi gestrichen wurde. Ich stelle mich darauf ein, nun sieben Stunden mit dem Matatu-Taxi quer durch Kenia fahren zu müssen. Gott sei Dank gelingt es mir mithilfe eines befreundeten Italieners, noch eine weitere Flugoption nach Nairobi zu finden, sodass wir die Reise gemeinsam antreten können.

Tatsächlich funktioniert diese Verbindung erstaunlich reibungslos und ich bin sehr erleichtert, als ich schließlich auch meinen Anschlussflug in Nairobi erreiche. Was mittlerweile in Deutschland zum Alltag geworden ist, fühlt sich zu diesem Zeitpunkt am Anfang der Pandemie noch gespenstisch und surreal an. Ein beträchtlicher Teil der Leute trägt Atemschutzmasken, sogar Menschen mit echten Gasmasken begegnen mir am Flughafen in Nairobi. Vor allem an den Gates, an denen Chinaflüge abgefertigt werden, tragen praktisch alle eine Maske. Auch ich schlage mir meinen Schal ins Gesicht. Bloß weg hier! Doch eine letzte größere Hürde wartet noch auf mich: die Zwischenstation in Uganda. Dort zwei Wochen in Quarantäne zu sitzen, ist das Letzte, was ich will. Obwohl ich dort nur durch den Transitbereich muss, bin ich mir sehr unsicher, wie vor Ort mit der Corona-Situation umgegangen wird.
In der Eingangshalle werden die Passagiere direkt nach Nationalitäten eingeteilt: in Risikoländer, vor allem in Europa und Asien, und sonstige Länder. Ein Mitarbeiter des Flughafens teilt uns mit, dass wir einen Zettel ausfüllen müssen und dann in Quarantäne genommen würden. Ein echter Schock, denn auch die Passagiere, die eigentlich nur einen Anschlussflug nehmen und nicht ins Land einreisen wollen, müssen diesen Prozess durchlaufen. Glücklicherweise klärt sich die Situation nach einigen abenteuerlichen Minuten und der Rest der Reise verläuft ohne Zwischenfälle.

So unbefriedigend die Situation mit den abgesagten Wettkämpfen und eingeschränkten Trainingsmöglichkeiten auch ist - das Ausmaß der Katastrophe stellt meine sportlichen Probleme schnell in den Schatten. Für mich zählt jetzt vor allem, dass meine Familie und Freunde bislang von dem Virus verschont wurden. Außerdem nehme ich die Verschiebung der Olympischen Spiele ins kommende Jahr sehr positiv auf. Denn der mehrwöchige Schwebezustand vor dieser Entscheidung war sowohl für die qualifizierten als auch für die nichtqualifizierten Athlet*innen eine Zerreißprobe. Wie soll man sich ohne entsprechende Trainingsund Wettkampfmöglichkeiten überhaupt noch für das Event qualifizieren und wie hätte man sich, als bereits qualifizierter Athlet, auf ein „Olympia der Atemschutzmasken“ freuen können? Noch gewichtiger ist für mich, dass es aus gesundheitlicher Sicht verantwortungslos gewesen wäre, ein weltvereinendes Event mit zehntausenden Menschen abzuhalten und damit ein Wiederaufflammen des Virus zu riskieren. An dieser Stelle liegt die Verantwortung zur Solidarität beim Leistungssport, der sonst nur aufgrund der Solidarität der Gesellschaft mit ihm möglich ist. Vor diesem Hintergrund ist die Verschiebung der Olympischen Spiele ins Jahr 2021 in gewisser Weise eine Erleichterung.

Gemeinsam mit meinem Trainer richte ich meine Strategie nach der Olympiaverschiebung neu aus. Ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen ist es schwer, das Training an etwas Konkretem auszurichten. So steht nun vor allem allgemeine Fitness und eine schöpferische Pause im Vordergrund. In der Praxis heißt dies: Dauerläufe, Stretching und Stabitraining - ganz ohne Leistungsdruck und mit minimalen Trainingsvorgaben. Tempoläufe und intensive Longruns baue ich vorerst nur sehr dosiert ein, seit die Sportanlagen unseres Olympiastützpunkts in Wattenscheid für Kaderathleten unter Auflagen wieder geöffnet sind. Für mich als Leistungssportler ist dies eine völlig neue Erfahrung. Dennoch bleibe ich im Herzen natürlich Leistungssportler und vermisse diese Komponente des Laufens sehr. Umso größer ist für mich deshalb die Vorfreude auf die nächsten Wettkämpfe und vor allem auf das kommende Jahr. Die Olympischen Spiele sollen nicht nur mein sportlicher Karrierehöhepunkt werden, sondern haben in meinen Augen sogar das Potenzial, über die Sportwelt hinaus einen Neuanfang zu markieren. Das Überwinden der Corona-Krise könnte eine historische Zäsur sein und uns als Weltgemeinschaft näher zusammenbringen. Welches Event würde sich als Auftakt dafür besser eignen als die Olympischen Spiele?

Die Ruhe vor dem Sturm. Hendrik Pfeiffer zieht sich vor seiner Haustür die Laufschuhe an.


Fotos: Christian Bruneß