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DER AUTO-GIGANT AUS VIETNAM


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Auto Bild - epaper ⋅ Ausgabe 29/2022 vom 21.07.2022

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Bildquelle: Auto Bild, Ausgabe 29/2022

AM ENDE DER fünftägigen Reise erheben sich am Strand von Nha Trang alle und stoßen an auf das Werk eines Mannes, den in Europa praktisch niemand kennt. Und der sich nun anschickt, die Welt zu verändern – mit Autos made in Vietnam. Pham Nhat Vuong ist der reichste Mann des Landes. Die Nr. 1 unter 100 Millionen Vietnamesen. Aktuelles Vermögen: 6,2 Milliarden US-Dollar. Der Typ auf Platz zwei hat gerade mal die Hälfte. Und das Durchschnittseinkommen aller Vietnamesen beträgt ungefähr 4000 Dollar. Pro Jahr.

Vermögend geworden ist Pham Nhat Vuong (53) mit Instantnudeln, die er in der Ukraine verkaufte. Nestlé übernahm den Laden für 150 Millionen Dollar. Und Vuong ging zurück in sein aufstrebendes Heimatland, um aus seinem Vermögen echten Reichtum zu machen – mit Immobilien und Tourismus.

Irgendwann kam er dann auf die Idee, dass man ja vielleicht auch noch Autos bauen könne. Also heuerte er ...

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... erfahrene Automanager an und ließ in nur 21 Monaten rund 100 Kilometer östlich von Hanoi eine topmoderne Fabrik hochziehen. Seit 2018 laufen die Bänder. Automatisierungsgrad in der Fertigung: 98 Prozent. Wer durch die Hallen läuft, sieht Förderanlagen von Eisenmann aus Süddeutschland, um die Digitalisierung hat sich Siemens gekümmert, die Roboter stammen von ABB in der Schweiz. Rund 1250 Stück stehen im Werk. Funken sprühen meterweit und prasseln auf die Besucher nieder, während die Rohkarossen von Schweißroboter zu Schweißroboter weitergereicht werden. Rund 6,6 Milliarden US-Dollar hat das Unternehmen nach eigenen Angaben bislang in VinFast investiert. Klein denken die Vietnamesen nicht, das war von Anfang an klar: Als die ersten Modelle 2018 auf der Paris Motor Show enthüllt werden sollen, rufen die VinFast-Leute zuvor einen Londoner PR-Profi an und sagen, er möge dafür bitte Victoria und David Beckham besorgen. Am Ende kommt nur David im Privatjet, weil die beiden grundsätzlich nicht gemeinsam auftreten. Billig ist aber auch dessen kurzer Auftritt nicht.

DAS IST DER REICHSTE MANN VIETNAMS

Sein Vater war bei der Armee, seine Mutter hatte einen Teeladen. Als junger Mann ging Pham Nhat Vuong (heute 53) zum Studium nach Moskau.

Anschließend zog er mit seiner Frau in die Ukraine, gründete Technocom, das getrocknete Lebensmittel, unter anderem Instantnudeln, produzierte.

Das Unternehmen verkaufte er für 150 Millionen Dollar an Nestlé. Den Aufbau seines Mischkonzerns in Vietnam startete er mit Hotels. Aktuell führt ihn „Forbes“ auf Platz 411 der reichsten Menschen der Welt – zusammen mit Melinda French Gates. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in einem abgeschotteten Villenviertel Hanois, das er selbst bauen ließ.

!Mehr als 1000 Roboter schweißen komplette Karosserien zusammen. Das Werk ist auf 950 000 Autos pro Jahr ausgelegt

EXTRATOUR

DIE VINGROUP IN ZAHLEN

5,3 Mrd.

Euro Umsatz*

126 Mio.

Euro Brutto-Gewinn*

41 500

Mitarbeiter*

36 000

Schüler an eigenen Schulen*

35 700 verkaufte Autos*

42 000 verkaufte E-Scooter*

47 000

Wohnungen, Häuser, Läden gebaut

83

Einkaufszentren

2,2 Mio. Übernachtungen in Hotels*

* Zahlen für 2021

Das Investment lohnt sich. In Vietnam hat VinFast heute einen Marktanteil bei den Neuzulassungen von fast neun Prozent. 35 723 Autos verkaufte die erste und einzige Automarke des Landes 2021 (Gesamtmarkt: 410 000 Fahrzeuge; zum Vergleich Deutschland: 2,62 Mio.).

Bislang laufen Lizenzbauten vom Band, die auf der alten BMW-5er-Baureihe, dem X5 und dem Opel Karl basieren. Letzterer heißt hier VinFast Fadil und ist mit knapp 25 000 verkauften Autos das Brot-und-Butter-Modell.

Das Ende der Fahnenstange bildet das Premium-Modell „Präsident“. Das ist ein aufgemotzter X5 mit GM-Motor für rund 160 000 Euro. Wer so was kauft?

Die kleine, aber reiche Oberschicht, die sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte in Vietnam gebildet hat. Die in abgeschotteten Wohngebieten in riesigen Villen mit palmenbewachsenen Gärten wohnt – erbaut von Vingroup-Chef Pham Nhat Vuong.

Mit den Verbrennern ist bei VinFast bald Schluss. In wenigen Wochen will der Autobauer die Produktion einstellen und komplett auf Elektroautos umsatteln – und damit unter die Top-E-Autobauer weltweit kommen. Zunächst mit den SUV-Modellen VF8 und VF9. Das mag größenwahnsinnig klingen, aber Elon Musk klingt ja manchmal auch nicht anders.

Ein Auto- und Batterie-Werk in North Carolina (USA) ist bereits angekündigt, zwei Milliarden Dollar will VinFast investieren, ab 2024 sollen dort Autos vom Band laufen. Und auch in Europa will VinFast seine E-Mo-delle produzieren. Gerüchte, dass es ein Standort in Thüringen werden könnte, werden bislang nicht bestätigt.

DIE VIN-GROUP ENTSTAND VOR GERADE EINMAL 20 JAHREN

Zunächst sollen mal Showrooms bei uns entstehen, 25 allein in Deutschland, dazu welche in den Niederlanden und Frankreich. Bereits Ende 2022 werden hier die ersten Autos kommen, verspricht VinFast.

Den Service sollen mobile Experten übernehmen. Klingt ambitioniert.

Aber wie gesagt, VinFast kleckert nicht. Um die Marke in Europa bekannt zu machen, hat Pham Nhat Vuong kurzerhand ein Flugzeug gechartert und Hunderte Investoren, Geschäftspartner, Influencer und Journalisten nach Hanoi einfliegen lassen. Hier will er zeigen, was hinter der Muttergesellschaft Vingroup steckt.

In Bussen werden die Besucher durch nagelneue Stadtviertel gefahren (siehe Skyline unten). Wo vor wenigen Jahren noch Brachland war, ragen jetzt Hochhäuser mit 45 000 Wohnungen in den Himmel. Und eine Elite-Uni mit spitzen Türmchen, an der die aktuell rund 500 Studenten 36 000 Dollar Gebühren im Jahr zahlen müssen, sofern sie kein Stipendium haben. Es gibt hier Seen mit Stränden, wo man 13 Dollar Eintritt pro Tag bezahlt. Moderne Cafés, eine große Shoppingmall. Vinhomes betreibt inzwischen 27 städtische Komplexe im ganzen Land. Vieles steht allerdings noch leer. „Ocean Park“ nennt die Vingroup das Bauprojekt etwas außerhalb von Hanoi. „Für mich wäre das Pendeln in die Stadt zu weit“, sagt der Touristenführer, den Vingroup für die Reisegruppe angeheuert hat. Immerhin, seit 2021 fahren VinFast-E-Busse zwischen der Stadt und dem neuen Wohnviertel.

„Ich studiere Medizin und habe ein Stipendium. Sonst könnte ich mir die Uni nicht leisten.“

Linh (20), Studentin

VINFAST VF8 ECO

Antrieb zwei E-Motoren, Allrad

Leistung 260 kW (353 PS)

max. Drehmoment 500 Nm

L/B/H 4750/1934/1667 mm

Leergewicht k. A.

0–100 km/h 5,9 s

Höchstgeschw. 200 km/h

Akku 82 kWh

Reichweite 420 km

Preis ab 43 600 Euro zzgl. 120 Euro Batteriemiete pro Monat

Die Quadratmeterpreise liegen hier zwischen 1500 und 4500 Dollar. Nicht billig, allerdings bekommen Käufer einen Rabatt für ein VinFast-Auto.

Im vergangenen Jahr holten die Vietnamesen Ex-Opel-Chef Lohscheller als CEO. Aber der war bald wieder weg, aus „persönlichen Gründen“, mehr ist auch vor Ort in Vietnam nicht zu erfahren.

Andere westliche Manager sind geblieben. Shaun Calvert, der Produktionschef, war vorher bei Holden/GM. Der Manager für Kundenservice kam im Februar von Renault.

Auch bei den Zulieferern setzt VinFast auf westliche Technik. Bosch sei mit an Bord, sagen die Vietnamesen, ebenso ZF. Das Design stammt von Pininfarina, und auf der Reise ist ein deutscher Restwert-Experte dabei, der den mutmaßlichen Wertverlust der Autos errechnen soll – wichtig etwa fürs Leasing.

An der Spitze von VinFast steht nach dem Abgang von Lohscheller eine Frau: Le Thi Thu Thuy, Jahrgang 1974. Sie ist seit 2008 im Konzern und sagt: „Vor vier Jahren wurde VinFast gegründet. Als wir die ersten Zulieferer angeschrieben haben, landeten unsere Mails im Papierkorb.“ Und dann habe man es geschafft, innerhalb von nur 21 Monaten drei Automodelle auf die Straße zu bringen: „Wir glauben nicht an Limits.“ Inzwischen ist die Vingroup für etwa 1,5 Prozent des vietnamesischen Bruttoinlandsprodukts verantwortlich.

Aber ob das Unternehmen auch langfristig Erfolg hat mit seinen ehrgeizigen Zielen als Autobauer? Schwer zu sagen. Ein erfahrener amerikanischer Investment-Spezialist, der auf der Reise dabei ist, sagt es so: „Das Geld, das später für die Uni meines Sohnes gedacht ist, würde ich nicht investieren.“

Angeblich sind schon 73 000 Autos reserviert. Etwa von Leuten wie Michael Sommerer. Der Mann aus Berlin hat eine Firma für Industrieprozessberatung, war früher Logistikchef bei einer großen Landmaschinenfabrik. Auch er ist in Vietnam dabei: „Zwei Wochen vor Abreise haben sie mich angerufen und mir gesagt, dass ich mitdürfe“, sagt er. Er hat einen VF8 geordert, die zehn Jahre Garantie fand er attraktiv. Hier auf der Teststrecke des südvietnamesischen Hotelkomplexes kann er ihn erstmals fahren. Sein Urteil: „Sagen wir so: Die haben noch ein ganzes Stück Arbeit vor sich.“

Vielleicht ist es am Ende ja so: Wer aus simplen Instantnudeln einen Millionenseller machen kann, dem könnte das auch mit simplen Autos gelingen.