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Der Baum der geflüsterten Wirkkräfte der Siebenbaum


Sonah - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 02.12.2019
Artikelbild für den Artikel "Der Baum der geflüsterten Wirkkräfte der Siebenbaum" aus der Ausgabe 1/2020 von Sonah. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sonah, Ausgabe 1/2020

© PariskijSergey/shutterstock.de

Illustrationen © BarsRsind/shutterstock.de

Ein Siebenbaum stand in unserer Region einst fast an jedem Bauernhaus und man hatte stets eine Salbe von seinen Zweigen auf Vorrat. Doch ging es um manche innerliche Anwendung, dann wurde nur hinter vorgehaltener Hand über ihn gesprochen. Er heilte kleine Versehrungen ebenso wie er Leben rettete, er hatte umstrittene Wirkkräfte, wurde geschätzt, verfolgt und heimlich fortgebracht.

Es war nicht viel, was ein Bergmann mit unter Tage nehmen konnte, doch für viele gehörte die „Siwwebaamschmier“, das heißt die Siebenbaumsalbe, immer ...

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... dazu. Sie behielt selbst in der Arbeiterschaft große Bedeutung, obwohl diese das alte bäuerliche Kräuterwissen eher gering schätzte. Gemeint ist mit dem „Siwwebaam“ oder Siebenbaum der Juniperus sabina, unter anderem auch Sadebaum, Sebenbaum oder Giftwacholder genannt und der Gattung der Wacholder zugehörig. Er war einst weit verbreitet, nicht nur bei uns. Schon 1543 schrieb der Mediziner und Botaniker Leonhard Fuchs: „Der Sevenbaum wechst fast in allen gärten“. Für eine Salbe wurden seine Zweige, manchmal zuvor mit Weihwasser benetzt, mit Fett oder seltener auch etwa Bienenwachs verarbeitet. Eine Möglichkeit war es dabei, die Zweige kleinzuschneiden, in das kalte Fett zu geben und einige Tage lang ziehen zu lassen. Anschließend wurde das Fett durch Erwärmen verflüssigt und die Pflanzenstücke abgeseiht. Nach anderen Rezepten wurden die Zweige im Fett erhitzt bis zum Braten oder das Fett erhitzt, vom Herd genommen und dann die Zweige eingestreut. Je nach gewünschter Wirkweise wurden noch weitere Kräuter hinzugefügt. Der Siebenbaum jedenfalls sollte bei Quetschungen, Verbrennungen und kleinen Verletzungen helfen. Auch Tiere behandelte man damit.

Hatte man schwerwiegendere Beschwerden, dann musste man eine Brauchersch aufsuchen (siehe Sonah Nr. 3-2018) und auch diese schätzten den Siebenbaum sehr – etwa bei nicht abheilenden Wunden, Verrenkungen und selbst Brüchen. Ohnehin war es ratsam, den Siebenbaum in größerem Umfang nur unter Betreuung der kundigen Brauchersch anzuwenden, denn er ist in allen Teilen giftig. Bereits durch Einreiben sind Vergiftungen möglich. Überliefert ist beispielsweise ein Brauch-Spruch aus Lebach, zu welchem die Heilerin Brüche schiente und mit Siebenbaumsalbe bestrich. Der Spruch enthält Worte, die Wodan gesprochen haben soll, als er Balders Pferd heilte und die als solche auch in der „Edda“, einer Sammlung von skandinavischen Götter- und Heldensagen, auftauchen.

Das Geheimnis der Hebammen

Eine andere Wirkung der Pflanze hatte für die Frauen besonders große Bedeutung: Sie wirkt Schwangerschaften entgegen. Die große Kinderzahl der Familien, die heute viele noch aus dem frühen 20. Jahrhundert kennen, war nicht immer üblich. Das belegen auch die Kirchenbücher. Wenn man die Geburten im 19. Jahrhundert aus dem Saarraum auszählt, hatte eine Frau im Schnitt 2,8 Kinder. Denn nicht jede Familie konnte sich viele Kinder leisten und überhaupt war in der noch wenig industrialisierten Landwirtschaft der Ertrag begrenzt. So musste auch der Mensch seine Population begrenzt halten. Der Siebenbaum war dabei gewissermaßen die Anti-Babypille der Zeit, eingenommen als Tee. Für die Familienplanung suchten die Frauen die Hebamme oder die Brauchersch des Dorfes auf und ließen sich beraten. Der Tee wurde von diesen vor allem empfohlen, wenn die Frau entweder noch sehr jung war oder wenn eben schon Kinder da waren und keine weiteren folgen sollten. Von dieser Wirkung des Siebenbaumes sprach man eher hinter vorgehaltener Hand, denn sie wurde als etwas zwiespältig empfunden. Einerseits bedeutete die Möglichkeit der Familienplanung eine ungeheure Erleichterung für die Frauen und oft für die gesamte Familie. Andererseits wurde damit aber auch der Segen der Fruchtbarkeit unterdrückt. Somit musste die Göttin Holda, die bis ins 20. Jahrhundert trotz Christentum unter Namen wie etwa „die alt Gottesmutter“ weiterhin präsent war, dafür um Verzeihung gebeten werden. Überhaupt wurden der Anfang der Einnahme sowie das Absetzen von bedeutungsvollen Bräuchen begleitet.

Dau hasch deich verbrochen,

dau hasch deich verlaaf.

Das richt eich mit dem Segen des Herrn: Mark an Mark, Blut an Blut, Haut an Haut, Bein an Bein.

Also solls gerichtet sein!

+++

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen.

Rettung bei schwierigen Geburten

Die Verhütung behandelten die Frauen oft als ihre ganz private Angelegenheit – nicht einmal der Ehemann wusste immer, warum es mit der Schwangerschaft noch nicht oder nicht mehr klappte. Die Frauen bereiteten sich den Tee dann vordergründig mit anderen Kräutern zu und gaben den Siebenbaum unter der Hand hinzu. Noch weniger redete man darüber, wenn der Siebenbaum bei einer bereits bestehenden Schwangerschaft eingenommen wurde – zur Abtreibung. Auch diesen Schritt unternahmen die Frauen mit Hilfe der Brauchersch oder Hebamme oft selbstständig, noch bevor der Ehemann die Schwangerschaft überhaupt bemerkte. Dabei waren ungewollte Schwangerschaften im ländlich-bäuerlichen Bereich recht selten, vor allem weil man eben den Siebenbaum- Tee anwendete. In städtischen oder industriell geprägten Gebieten, wo vom alten Kräuterwissen nur Teile erhalten blieben und der Siebenbaum eher als Salbe genutzt wurde, waren sie häufiger.

Als Abtreibungsmittel konnte der Siebenbaum auch vielfach Leben retten, nämlich wenn das Kind den Mutterleib verlassen sollte und nachgeholfen werden musste. Das war etwa bei schwierigen, sich gefährlich lange hinziehenden Geburten der Fall. Berichte vom Volksgebrauch aus unserer Region stimmen sehr weit mit dem überein, was Gelehrte in historischen Kräuterbüchern über die Wirkungen des Siebenbaums festhielten. Leonhard Fuchs etwa empfiehlt ihn zudem für Salben mit wärmender Wirkung: „Gedachte bletter werden auch under die salben gebraucht / die wermen.“ Auch Hieronymus Bock empfiehlt im 16. Jahrhundert ähnliche Anwendungen, außerdem eine Salbe gegen Geschwüre und Grind (Hautauschlag, der sich zu einer Kruste verhärtet). Vor allem für die innerliche Anwendung warnt er dabei: „Man soll aber den mit Bescheidenheit brauchen / umb seiner strengen würckung willen.“

Heimlich versetzte Exemplare

Auch war der Siebenbaum wichtiger Bestandteil des Palmwischs, der zu Palmsonntag gebunden wurde. Dieser enthielt außerdem meist Zweige von Buchsbaum, Eiche, Stechpalme, des blühenden Haselstrauchs und der blühenden Weide mit ihren dicken, gelben Kätzchen. Gerade in diesem Zusammenhang wurde der Siebenbaum häufig auch als „Jungfernpälm“ bezeichnet. Der Palmwisch wurde in der Kirche gesegnet und dann zu Hause zum Trocknen aufgehängt. Dabei hat man gerne ein Sträußchen da von hinter dem Kreuz im Alkoven befestigt. Auch der getrocknete Siebenbaum aus diesem Wisch konnte, oft mit frischem vermischt, zu heilenden Zwecken verwendet werden, wobei der magische Aspekt besonders große Bedeutung hatte.

Die Siebenbäume sind nicht etwa aus nachlassendem Interesse von den Grundstücken verschwunden und bis heute relativ selten. Vielmehr wurden sie gezielt vernichtet. Der katholischen Kirche missfiel die Verwendung als Mittel zur Geburtenkontrolle und Abtreibung von jeher. Im frühen 20. Jahrhundert geriet der Siebenbaum dann auch ins Visier der Behörden. Bereits 1925 schrieb Walter Kremt in „Streifzüge durch die Flora des Saargebietes“, der Siebenbaum sei in den Gärten nicht mehr so oft zu finden: „Die Behörden haben ihm nämlich den Krieg erklärt, weil er mißbräuchlich immer wieder als beliebtes Abortivmittel benutzt wurde.“ Die Nationalsozialisten dann vernichteten die Bestände fast vollständig. Für ihre Pläne brauchten sie Nachwuchs, vor allem Jungen als spätere Soldaten. Kontrolleure zogen durch die Dörfer und inspizierten, ob man der Verordnung zum Abhacken überall nachgekommen war. Sie registrierten noch vorhandene Pflanzen, die bald darauf von einem Arbeitertrupp abgehackt wurden. In manchen Dörfern jedoch wollte man das so wertvolle Heilkraut nicht aufgeben. So kam es vor, dass wenn das Nahen von Kontrolleuren bekannt wurde, ein Siebenbaum heimlich ausgegraben und im Wald, an einem Ort weit abseits der Wege, wieder eingegraben wurde. Noch heute steht in den Wäldern der ein oder andere damals heimlich fortgebrachte Siebenbaum.

Die volkskundlichen Informationen in diesem Artikel stammen aus Zeitzeugenprotokollen unseres Volkskundlers Gunter Altenkirch (siehe S. 82).