Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 9 Min.

Der Befristete


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 36/2018 vom 31.08.2018

Schicksale Der Maler Marc Jung weiß nicht, wie viel Zeit ihm noch bleibt für seine Kunst. Hat ihm sein Vater die tödliche Erbkrankheit Chorea Huntington weitergegeben? Das Risiko liegt bei 50 Prozent. Eine Bedrohung, die sich auch in seinen Bildern zeigt.


Artikelbild für den Artikel "Der Befristete" aus der Ausgabe 36/2018 von Der Spiegel. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 36/2018

Künstler Jung: »Kann sein, dass es bald losgeht«


NORA KLEIN / DER SPIEGEL

Soll ich was malen?« Ja, bitte! Marc Jung klatscht in die Hände, packt eine weiße Leinwand aus der Plastikfolie, hängt sie an zwei rostigen Nägeln an die Wand seines Ateliers in Erfurt und startet die Musik auf dem Laptop, der hinter ihm steht. Er mag das jüngste Album des Rappers ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Der Spiegel. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 36/2018 von Hausmitteilung Betr.: USA, Autoren, Pflege, Zigaretten. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Hausmitteilung Betr.: USA, Autoren, Pflege, Zigaretten
Titelbild der Ausgabe 36/2018 von Nach Chemnitz. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Nach Chemnitz
Titelbild der Ausgabe 36/2018 von Meinung. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Meinung
Titelbild der Ausgabe 36/2018 von »Wer das Sagen hat«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
»Wer das Sagen hat«
Titelbild der Ausgabe 36/2018 von Haushalt:Rechnungshof kritisiert Wehretat. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Haushalt:Rechnungshof kritisiert Wehretat
Titelbild der Ausgabe 36/2018 von »Ein großes Ding«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
»Ein großes Ding«
Vorheriger Artikel
Wissenschaft+Technik
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Insel im Sumpf
aus dieser Ausgabe

... A$AP Rocky, bei dem das S wie ein Dollarzeichen geschrieben wird. Aus den Boxen im Regal wummern Synthiebässe in den Raum, dreckig wie das, was sich auf dem Boden von Müll -tonnen sammelt. Der Rapper nuschelt: »Yeah I’m faded, yeah I’m shaded.« Auf dem Schreibtisch steht eine Packung Prinzenrolle.

Jung streckt die Arme über den Kopf und macht ein paar Dehnübungen. Dann kniet er sich vor das leere Bild, greift zu einer Plastikschachtel, in der früher Margarine war, und angelt daraus einen Kohle -stift. Die Leinwand vor ihm leuchtet gähnend weiß. Was er jetzt malt? »Das weiß ich nicht«, sagt Jung, »vielleicht mal wieder einen Kopf.« Er fackelt nicht lange und legt gleich los.

Marc Jung ist 32 Jahre alt und ein viel beachteter Maler. Er hat ein Diplom von der Bauhaus-Universität Weimar, studierte bei Daniel Richter in Wien und bekam als Gymnasiast einst ein paar Sozialstunden aufgebrummt, weil man ihn beim Sprayen in Erfurt erwischt hatte. Er wird in Weimar, Berlin, München ausgestellt. Kürzlich kaufte die Ziehmutter des Sängers Axl Rose eines seiner Werke.

Eine Kunstzeitschrift schrieb kürzlich über ihn, dass er rastlos, wild und unan -gepasst male. Und dass er das vermutlich tue, weil er sich nicht sicher sein könne, wie viel Zeit ihm noch auf Erden bleibe.

Fragt man Jung danach, lacht er. Er findet diese Zeilen ein wenig zu pathetisch. Zumal ihm, wenn es losgehen würde mit der Krankheit, immer noch ein paar Jahre bleiben würden. »10 bis 15 Jahre«, sagt Jung. Aber darüber, sagt er, mache er sich derzeit keinen Kopf.

»Chorea was?«, hat er seine Mutter vor neun Jahren gefragt, als sie ihm davon erzählte. Die Krankheit heißt Chorea Huntington. Das ist ein sperriger Name, weshalb sie auch gern »HK« abgekürzt wird, nach der Bezeichnung »Huntington-Krankheit«.

Bei der HK ist ein Gen auf dem kurzen Arm des vierten Chromosoms mutiert. Wird das defekte Gen abgelesen, entsteht eine schadhafte Form des Eiweißes Huntingtin. Nervenzellen, die in den Bereichen des Gehirns liegen, die für Bewegung zuständig sind, werden zerstört.

Die Betroffenen können ihre Mimik, die Bewegungen ihrer Arme und Beine irgendwann nicht mehr kontrollieren. Sie schlackern, kantig und ungelenk. Es wirkt, als wären sie nicht mehr Herr über ihren Körper. Früher nannte man die HK auch den »Veitstanz«. Am Ende der Krankheit steht oft eine Demenz und der Tod.

Sie bricht bei den meisten Betroffenen zwischen dem 30. und dem 50. Lebensjahr aus. Dass man an der HK leiden könnte, ahnt man meist nur, weil man in der eigenen Familie erlebt hat, dass schon Eltern oder Großeltern daran erkrankten. In Deutschland sind etwa 10000 Menschen betroffen.

Das Risiko, dass die Mutation weitervererbt wird, liegt bei 50 Prozent, egal ob sie von Vater oder Mutter stammt. Wer die Krankheit geerbt hat, bei dem wird sie auch ausbrechen. Die HK ist nicht heilbar; trotz großer Forschungsanstrengungen gibt es bis heute kein Medikament, keine Therapie, die sie verschwinden lassen könnte.

Lange bevor die Krankheit ausbricht, kann inzwischen ein Bluttest nachweisen, ob man die Genmutation in sich trägt. Will man wirklich wissen, ob man dieses Schicksal erleiden wird? Jung hat für sich eine Entscheidung getroffen. Doch wie lebt er damit?

Mit dem Kohlestift zieht Jung ein paar schnelle, starke Striche. Er zeichnet einen Kopf, Haare, Nase, Augen, zieht herunter zum Kinn, schwingt einen breiten Mund mit bleckenden Lippen. Er setzt den Stift nur wenige Male ab, zögert nicht, prüft nicht. Er arbeitet schnell. So, als würde er das, was da vor ihm erscheint, von einer Vorlage darunter abpausen.

Als er fertig ist, greift er zu einer Dose und sprüht Klarlack über die Kohlestriche, damit sie nicht verwischen. Jung tritt ein paar Meter von der Leinwand zurück und betrachtet sein Bild. Der Rapper A$AP Rocky singt im Hintergrund: »My newest president is an asshole.« Die Kreatur vor ihm sieht aus, als hätte man ihr das Gesicht zertreten.

Vor ein paar Tagen ist Jung nach München gereist. Dort trifft man ihn in einem weichen Loungesessel des »Heart«-Klubs in der Innenstadt. Für den Winter bereitet er eine Ausstellung vor. Jung hat eine Cola bestellt. Der Kellner bringt dazu einen Kübel Eiswürfel, die er mit der Silberzange reicht. Jung grinst und bedankt sich. Seine Welt ist das hier nicht.

Jung ist bei seiner Mutter in Erfurt aufgewachsen. Die Eltern trennten sich bald nach der Geburt. Seine Mutter war damals 22 Jahre alt. Sein Vater, ein gelernter Tischler, zog in den Nullerjahren nach München, wo er am Flughafen arbeitete. Danach traf Marc Jung ihn nie wieder. Wann der Vater geboren wurde, weiß er nicht.

2009 bekam die Mutter einen Anruf. Der Bruder seines Vaters berichtete ihr, dass dieser schwer erkrankt sei, an Chorea Huntington, sehr schlimm. Der Vater wohne jetzt bei ihm in der Eifel, wo er gepflegt werde. Jung war damals 24 Jahre alt. Er setzte sich vor den Computer und fing an zu googeln.

Das Eis schmilzt im Glas, ein paar Wespen surren über der Cola. Jung sagt: »Es kann sein, dass es bald losgeht.« Vielleicht aber auch erst im hohen Alter. Oder gar nicht. »Man weiß es nicht.«

Seit den Achtzigerjahren ist es möglich, genetisch zu testen, ob bei einem Men-schen die Mutation vorliegt. Weil die Krankheit nicht heilbar und das Schicksal der Betroffenen so schwer ist, überlegten damals Psychiater, Mediziner, Genetiker, wie die Unterstützung rund um den Test aussehen soll.

Jung-Bild »Red Sparrow«: Schnell, präzise, atemlos


NORA KLEIN / DER SPIEGEL

Den Betroffenen wird geraten, sich Zeit für die Entscheidung zu nehmen; eine psychologische Beratung wird empfohlen. Kein Testergebnis darf über das Telefon herausgegeben werden. Nicht einmal die Ärzte wissen bis zum Öffnen des Umschlags, ob ihr Patient die Mutation in sich trägt. Es soll bis zum Schluss klar sein: Wissen oder nicht – die Entscheidung liegt allein bei den Betroffenen. Es ist eine schwere Entscheidung. Im ersten Jahr nach einer Diagnose begehen auffallend viele HK-Patienten Suizid.

Als sie von der Erkrankung des Vaters erfuhr, schickte seine Mutter Jung zu einer Humangenetikerin. »Ich bin in die Praxis rein und wollte es wissen«, sagt er. Doch die Ärztin bremste ihn: »Man kann nichts machen. Also überlegen Sie genau: Was haben Sie am Ende davon?«

Sie habe ihn gebeten, vor einem Test noch zwei-, dreimal einen Psychologen aufzusuchen. »Das hätte sich alles gezogen «, sagt Jung. Er war ungeduldig. Er dachte: »Wenn du es nicht hast, dann ist das Thema durch. Aber wenn doch? Dann macht es dich verrückt.«

Damals, vor fast zehn Jahren, beschloss Jung, die Krankheit einfach zu vergessen. Einen anderen würde die Ungewissheit vielleicht quälen. Er selbst lasse sich dazu aber keine Zeit. Die Arbeit füllt ihn voll aus.

Doch auch wenn Jung nicht weiß, ob er sie hat: Die Krankheit hat schon jetzt sein Leben verändert. Wer ihm beim Malen zusieht – schnell, präzise, atemlos –, bekommt das Gefühl: Dieser Mann hat keine Zeit zu verlieren.

In seinem Atelier in Erfurt reißt er das Papier an den Ölstiften, das als Grifffläche dient, herunter. Er fasst die Stifte an deren Ende, so, als wären sie schon jetzt nur noch Stummel. Jung wird viel Farbe brauchen. Er füllt die Skizze seines Kopfes in Pink und Hellgrün, in Rosa und Gelb aus.

Dann schnappt er sich mit der rechten Hand eine Spraydose, mit der linken Hand einen Pappkarton. Den Karton benutzt er, um den bunten Kopf abzudecken, aus der Dose sprüht er Farbe auf den Rest des Bildes.

Das Fenster in seinem Atelier lässt sich nicht öffnen. Aerosol und Hip-Hop-Bässe wabern durch den Raum. Jung wippt mit den Füßen. Der Hintergrund des Bildes ist fertig. Jung tritt wieder einen Schritt zurück. Er sagt. »Gut, okay.« Der verschrobene Kopf schwebt jetzt auf einem Meer aus Farbe. Es ist blutrot.


Ein Gemetzel aus Körpern und Fratzen. Gesprayt, gemalt, mit Farbe verspritzt.


Jung setzt sich auf einen kleinen Holzstuhl und packt die Prinzenrolle aus. Er erzählt, dass sein Vater nicht sehr an seinem Leben beteiligt gewesen sei. Doch die zwei wichtigsten Wendungen darin habe er eingeleitet: Die erste war der Sport. Als er mit sechs Jahren Asthma bekam, nahm ihn die Mutter aus der Fußballmannschaft. Der Vater riet: »Geh zum Ringen.«

Marc Jung stand bis zum 18. Lebensjahr auf der Matte, zum Schluss hat er in der Zweiten Bundesliga gekämpft. Er sagt: »Ringen ist nicht besonders schön anzusehen. « Doch er hätte dadurch gelernt, dranzubleiben, durchzuhalten. Der Sport prägt sein Leben, er braucht ihn. Heute spielt er fast jeden Abend Basketball.

Die zweite Wendung brachte die Krankheit seines Vaters. Jung hatte bereits an -gefangen, Kunst am Bauhaus in Weimar zu studieren. Er stöpselte Skulpturen zusammen, drehte Videos. Dümpelte im vierten Semester vor sich hin. Er sagt, er habe damals schon einen Weg in die Malerei gesucht. Er könne gut realistisch malen. Aber es sei ihm schwergefallen, etwas Neues zu finden. Er sei damals zu verkopft gewesen.

Der Anruf seines Onkels, die Krankheit haben das Grübeln gestoppt. Nachdem er sich jahrelang überlegt hatte, was er alles nicht tun wollte, war ihm jetzt klar: einfach machen. Den Augenblick nutzen. »Sonst«, sagt Jung und knüllt die Packung Kekse zusammen, »kannste schön heimgehen.

«

Jung führte schon damals ein Skizzenbuch. Er blätterte es durch, fand darin viele vage, abstrakte Figuren. Er sah, dass die über die Jahre immer kindlicher, einfacher geworden waren. Ihm wurde klar, dass es dieses Unperfekte, nicht Eindeutige war, wonach er gesucht hatte. In dem Buch steckte alles drin.

Jetzt, da er entschlossen war, nicht mehr zu zaudern, legte er los: In Erfurt nahm er sich ein Atelier am Bahnhof, im sogenannten Zughafen, in dem auch der Musiker Clueso seine Karriere begann. Ein Semester lang studierte er in Wien bei dem Maler Daniel Richter. Er traute sich nun, bunter, großflächiger, ausladender zu werden. Er hat sich, wie er sagt, seitdem »alle mög -lichen theoretischen Konzepte verknust«.

Jung steht auf und kramt das dicke, in schwarzes Leder gebundene Buch hervor, in dem er gerade seine Skizzen sammelt. Er blättert. Auf manchen Seiten sieht man Tableaus aus Figuren, sitzend, kniend, in Diskussionen, Gesprächen festgehalten.

Chorea Huntington Entstehung und Vererbung der Krankheit

Bei Huntington-Patienten sterben in bestimmten Hirnbereichen Nervenzellen ab, was unter anderem zu unkontrollierten Bewegungen führt. Ursache ist einmutiertes Gen, das den Bauplan für eine schadhafte Form des Huntingtin-Proteins liefert.

Beimautosomal-dominanten Erbgang spielt das Geschlecht keine Rolle. Bei den Nachkommen eines Erkrankten beträgt das Risiko 50 Prozent.

Maler Jung in seinem Atelier in Erfurt: »Ich bin sehr laut«


NORA KLEIN / DER SPIEGEL

Auf anderen einfache, mit Bleistift gezeichnete Köpfe, Fratzen.

Er sagt, er sammle darin die irritierenden Momente im Alltag, Liedzeilen, Kommentare von Freunden, Bilder aus dem Internet. »Dinge, die mich kurz zum Stehen gebracht haben.«

Über eine der Seiten fliegen mehrere wirre Fratzen, lose, aber wütend miteinander verbunden. Unter der Skizze steht: »Jedes Mal Streit wegen der Schwanz -lutscher.«

Was meint er damit?

»Die erste Zeichnung zu einem größeren Bild«, sagt Jung. Er erzählt von Erfurt und dem Tag, als Björn Höcke von der AfD auf dem Domplatz sprach. Die ganze Stadt war damals in Aufruhr. Er stand dabei, zwischen Pegida-Leuten und Gegendemonstranten. Als er kurz in eine Kaufhalle ging, kam er nicht mehr raus, weil wenig später

»der Platz voller Nazis war«.

Das Bild heißt jetzt: »Björning down the house« und ist ein fast vier Meter langes Gemetzel aus Körpern und Fratzen. Gesprayt, gemalt, mit Farbe verspritzt. Ag-gressiv und überfrachtet. Jung sagt, er wollte die Brutalität dieses Tages da reinlegen.

Auch wenn in ihm vielleicht eine tödliche Krankheit schlummert: Jung ist ein Maler, der die Gegenwart beobachtet, die Zustände um sich herum. In seinem Werk kreist er nicht um sich selbst. Was er sieht, bringt er gleich auf die Leinwand. »Ich bin sehr laut«, sagt Jung. »das ist auch in meinen Bildern so.« Malen, das ist für ihn auch eine körperliche Betätigung. In den Einladungen zu seinen Ausstellungen lautet die Anrede stets: »Liebe Malsportfreunde.«

1952 schrieb der Schriftsteller Elias Canetti ein Theaterstück, in dem die Protagonisten einer fiktiven Zukunft wissen, in welchem Alter sie sterben werden. Bei ihrer Geburt erhalten sie dieses Alter zum Namen. Eine Mutter heißt »32«, ihr Kind »70«.

Es bildet sich bald eine Gesellschaft heraus, in der diejenigen mit den niedrigen Lebensaltern weniger angesehen sind als die, die am ältesten werden. Der sogenannte Kapselan wacht darüber, dass niemand aus diesem System ausbricht. Es zeigt sich bald, dass die Sicherheit, das eigene Todesalter zu kennen, auch Verzweiflung bringt. Ein Mann namens »50« beginnt schließlich zu revoltieren. Das Stück heißt »Die Befristeten«.

Wird Marc Jung irgendwann seine Meinung ändern? Wird er doch wissen wollen, ob er die Mutation in sich trägt? Jung neigt den Kopf, er überlegt. Vielleicht, wenn er eines Tages Kinder wollte. Wenn seine Partnerin darauf bestünde.

Und wenn es dann so wäre?

Er sagt: »Manche Leute würden daran zerbrechen. Ich glaube, ich käme damit zurecht.« Er sagt, er sei jetzt schon recht arbeitswütig. Vielleicht würde er in der verbleibenden Zeit dann noch mehr schaffen wollen.

»Was kann ich anderes machen, außer mit mir im Reinen zu sein? Das sollte man als Mensch ohnehin versuchen.« Und es sei, sagt Jung, »so oder so schön, wenn man dabei noch etwas hinterlassen kann«.

Dann stemmt er die Hände auf die Oberschenkel, steht auf und mischt Öl -farbe aus der Tube auf einer Holzpalette an. Weiß, rot, pink. Er türmt fleischige Flecken auf die Nase seiner Kreatur. Dann tritt er ein paar Schritte zurück, schaufelt Farbe auf seinen Spachtel, holt aus und wirft ihr Ölkleckse an den Kopf. Sicher? So?

Er lacht. Klar so.

Das zerschossene Gesicht verschwindet allmählich. Es wird immer unklarer. Jung nennt es: sich da rausmalen. Was zu eindeutig ist, muss weg. Er sprüht Farbe aus der Spraydose in den Deckel und schleudert sie aufs Bild. Es ist sein letzter Schritt. Jetzt ist er fertig.