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Der berühmteste Bart zieht Bilan


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Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 29/2022 vom 20.07.2022

Heiner Brand wird 70

HANDBALL

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Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 29/2022

Gewinn des Europacups der Landesmeister 1974: Brand mit Bruder Jochen und Joachim Deckarm (v. l.)

SPORT BILD: Herr Brand, womit kann man Ihnen zum 70.

Geburtstag die größte Freude machen?

HEINER BRAND (69): Auf Geschenke bin ich nicht mehr heiß.

Am meisten freuen würde ich mich, wenn alles so bliebe, wie es ist. Vor allem die Gesundheit. Natürlich gibt es Dinge, die über meine Person hinausgehen. Der Krieg in der Ukraine, Hungersnot – wenn das alles nicht mehr da wäre, wäre das meine größte Freude.

Jupp Heynckes wurde mit 72 auf Wunsch von Uli Hoeneß noch mal Bayern-Trainer. Gibt es jemanden, von dem Sie sich doch noch zum Comeback überreden lassen würden?

Nein. In dem Moment, als ich 2011 aufgehört habe, war das Thema für mich beendet. Ich habe mir auch nie wieder gewünscht, unten am Spielfeldrand zu sein. Die Geschichte mit Jupp Heynckes habe ich damals aber mit Freude verfolgt, weil ich den FC Bayern neben dem 1. FC Köln als meinen Verein ansehe. Bay- ...

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„In dem Moment, als ich 2011 aufgehört habe, war das Thema für mich beendet“

„Ich hätte es gern gesehen, wenn Handball in München etabliert worden wäre“

Ihn habe ich immer sehr geschätzt, und tue das auch heute noch. Jupps Erfolg hat mich sehr gefreut, aber für mich käme das nie infrage.

Wenn Hoeneß sich vor zwölf Jahren für ein Bayern-Handball- statt Basketball-Projekt entschieden hätte, hätte es Sie gereizt?

Auf jeden Fall!

Ich habe sogar mit Uli gesprochen. Ich hätte es gern gesehen, wenn Handball in München etabliert worden wäre. Das wäre für die Sportart sehr wichtig gewesen. Bei unserem Gespräch waren die Bayern-Basketballer aber bereits in der Bundesliga, und bei Uli war in puncto Handball kein Interesse mehr da.

Zum 70. können Sie ja auspacken: Was war das beste Vertrags-Angebot, das Sie in Ihrem Leben abgelehnt haben?

Als Spieler hatte ich 1977 ein Angebot vom TuS Nettelstedt.

In Gummersbach habe ich damals für kleines Geld gespielt, da war ich noch monatlich im Hunderter-Bereich. In Nettelstedt hätte ich ein Vielfaches bekommen. Damals dachte ich ein paarmal: Das hättest du machen sollen.

Aber im Nachhinein muss ich sagen, dass ich nicht den ganz falschen Weg eingeschlagen habe.

Welche Bedeutung hat der Fakt, dass Sie 1978 und 2007 als einziger Deutscher sowohl als Spieler als auch als Trainer Handball-Weltmeister wurden?

Ich glaube, ich bin sogar der Einzige weltweit. Ich weiß es nicht genau. Aber daran merken Sie schon, dass es mir nicht so wichtig ist. Für mich gibt es wichtigere Dinge wie zum Beispiel die „Goldene Sportpyramide“ oder die „Legenden des Sports“, wo ich als einziger Handballer über die Grenzen der Sportart hinaus Ehrungen erhalten habe. Das macht mich besonders stolz.

Welches war Ihr schönster Handball-Moment in 70 Jahren?

Der Gewinn der WM 2007 in Köln als Trainer. Da hatte der Handball eine außergewöhnliche Begeisterung ausgelöst, das Finale haben in der Spitze 20 Millionen im Fernsehen verfolgt. Das wird der Handball so schnell nicht mehr erleben. 1978 war alles etwas bescheidener. Wir sind am Morgen nach dem Titelgewinn mit einem Schiff aus Dänemark angekommen, da standen ein paar Leute und eine Kapelle am Ufer. Kein Vergleich zu 2007.

Welches war der traurigste Handball-Moment?

Der Unfall von Jo Deckarm 1979 beim Europacupspiel in Tatabanya. Ich hatte ihm den Pass gegeben. Aus der Drehung heraus kam es dann zum Zusammenstoß mit Lajos Panovics (Deckarm stieß mit dem Kopf auf den Betonboden, lag 131

Tage im Koma und ist heute schwerbehindert; d. Red.). Damit werden wir heute noch konfrontiert, wenn wir ihn sehen.

Welches war Ihr lustigster Handball-Moment?

Das war bei einem Europacupspiel mit dem VfL Gummersbach in der Dortmunder Westfalenhalle. Unser Hallensprecher machte eine Durchsage: „Liebe Zuschauer, wir bitten Sie, im Interesse der Sportler, das Rauchen einzustellen.“ Danach holte er seine Zigarette aus dem Aschenbecher und nahm den nächsten Zug.

Die angedeutete Faust-Attacke auf die slowenischen Schiedsrichter Nenad Krstic und Peter Ljubic bei der WM 2009 fand man in den sozialen Netzwerken lustig, Sie wahrscheinlich weniger.

Ich hab mich dafür geschämt.

Mein Gedanke war:

„Ich habe mich dafür geschämt. Mein Gedanke war: Was denken deine Enkel von dir?“

Über die angedeutete Faust gegen einen Schiri

Was denken deine Enkel von dir, wenn sie dich so sehen? Allerdings habe ich dafür viel Zustimmung geerntet. Ich war damals beim „Sportler des Jahres“ in Baden-Baden. Da wurden die Höhepunkte und Kuriositäten des Sportjahres gezeigt.

Als diese Szene kam, brandete Beifall auf. Ich wäre am liebsten unter den Tisch gekrochen. Es sah schlimm aus, aber ich habe mich noch nie geschlagen. Es war lediglich

gen so benachteiligt hatt en.

Die Trainingsmöglichkeiten, die Athletik ist enorm gewachsen. Das Spiel ist viel schneller geworden, was ein höheres Können erfordert.

ein Zeichen der Hilflosigkeit. Ich musste mich damals irgendwie abreagieren, weil die beiden uns im Spiel gegen Norwe- Was ist im Handball heute besser als früher?

Die Möglichkeit, ständig einen siebten Feldspieler statt des Torwarts reinzuschicken, Was ist schlechter als früher?

sehe ich als Katastrophe an.

Eine Zeitlang bin ich beim Weltverband Berater der Schiedsrichter- und Regel-Kommission gewesen und habe selbst an der Entwicklung dieser Regel mitgewirkt. Damals habe ich die Gefahren nicht absehen können. Als mir die Auswirkungen vor Augen geführt worden waren, habe ich dafür plädiert, die Regel wieder abzuschaffen. Daraufhin hat mich der Weltverband nicht mehr zur Schiedsrichter- und Regel-Kommission eingeladen.

Was sind die Auswirkungen dieser Regel?

Ich habe vergangene Saison das Zweitligaspiel Gummersbach gegen Rostock gesehen.

Rostock hat 60 Minuten im Angriff mit dem siebten Feldspieler gespielt. Gummersbach hat 13 Bälle ins leere Rostocker Tor gerollt. Die Zuschauer, auch ich, waren böse. Das ist kein Handball mehr. Handball ist sechs gegen sechs und nicht sieben gegen sechs. Das Spiel leidet, ist total statisch. Man wartet nur noch, bis irgendwo einer freisteht. Wenn ich das sehe, schalte ich den Fernseher aus.

Die Handball-Fans mussten nach dem WM-Sieg 1978 bis zum nächsten WM-Titel 29 Jahre warten. Brauchen die Fans nun wieder so viel Geduld?

Die letzten Turniere haben gezeigt, dass der Abstand zur Spitze nicht groß ist. Es fehlten immer nur Kleinigkeiten.

Wir müssen noch konstanter werden und überlegen, ob wir in der Ausbildung alles richtig machen.

Wenn ich die Spanier als Beispiel nehme: Die haben haben bei Weitem nicht die Voraussetzungen wie wir. Die haben nur eine Spitzenmannschaft in der Liga, bringen aber immer wieder hervorragend ausgebildete Spieler heraus und machen das Beste aus ihren Möglichkeiten. Darüber muss man in Deutschland mal nachdenken. Auch darüber, warum unsere Top-Talente immer schwere Verletzungen in jungen Jahren haben. Es ist nicht normal, dass zurzeit gleich mehrere Nationalspieler wegen Kreuzbandrissen ausfallen.

Was meinen Sie konkret?

Vielleicht überfordern wir die Spieler, vielleicht sind die Trainings-Umfänge zu groß, die Intensität zu hoch. Überfordern wir sie, weil sie in jungen Jahren durch das Doppelspielrecht in mehreren Mannschaften spielen? Manche kommen nachts vom Spiel mit der zweiten Mannschaft wieder und steigen direkt in den nächsten Bus ein. Ganz zu schweigen von schulischen Verpflichtungen. Das ist eine Überforderung, infolgedessen sich der Körper von selbst eine Auszeit nimmt.

Woran liegt das?

Wer ist aktuell der beste deutsche Handballer?

„Den Schnäuzer schneide ich mit der Schere nach, damit er nicht so über die Lippe hängt“

Da muss ich erst einmal überlegen … Was ja irgendwie bezeichnend ist. Der Kompletteste ist zurzeit der Nationalmannschafts-Kapitän Johannes Golla aus Flensburg. Der bringt in Abwehr und Angriff seine Leistung.

Gummersbach ist wieder in der Bundesliga. Was bedeutet Ihnen das?

Als Fan freue ich mich, wieder Erstliga-Handball sehen zu können. Ich wohne ja nur 500 Meter von der Halle entfernt. Das ist mein Herzensverein. Schön wäre es, sich auf Dauer in der Bundesliga zu etablieren.

Wie fühlt sich das an, wenn Sie auf dem Weg zur Halle über den Heiner-Brand-Platz gehen?

Darauf bin ich sehr stolz. Zumal sich die Gummersbacher sehr schwertun, Leistung zu erkennen und anzuerkennen.

Wenn sie dann schon zu Lebzeiten einen Platz nach mir benennen, berührt mich das sehr.

Sie sind Ihr Leben lang in Gummersbach geblieben.

Wollten Sie nie woanders wohnen? Irgendwo, wo man an jedem Tag im Jahr Golf spielen kann?

Ich hatte mal eine Studentenbude in Köln, wo ich fast nie war, weil ich immer zum Training nach Gummersbach musste. Ansonsten habe ich hier immer gewohnt, 200 Meter von meinem Geburtshaus entfernt.

Meine Golf-Fähigkeiten sind im Übrigen sehr begrenzt, da sollte ich vorsichtshalber andere Hobbys im Auge behalten.

Aber: Ans Wegziehen habe ich nie gedacht.

Also bis zum letzten Atemzug in Gummersbach?

Das ist so geplant.

Befassen Sie sich gedanklich manchmal mit dem Tod?

Natürlich denkt man darü- ber nach. Gute Freunde sind seit einigen Jahren tot. In solchen Fällen denkt man auch über die eigene Situation nach. Ich bin mit mir im Reinen, habe ein sehr gutes Leben gehabt, eine tolle Familie. Wenn ich dann mal abtrete, dann als glücklicher Mensch.

Auch wenn die letzte Frage einen Bart hat: Wie und wie oft rasieren Sie sich eigentlich?

Den Schnäuzer schneide ich mit der Schere regelmäßig nach, damit der nicht so über die Lippe hängt. Und dieses dickere Buschwerk über-

Das ist Heiner Brand

Heiner Brand, geboren am 26. Juli 1952 in Gummersbach, spielte von 1959 bis 1987 beim VfL. Der 1,88 Meter große Rechtshänder spielte auf Rückraum Mitte und am Kreis. Er wurde sechsmal Deutscher Meister (1973, 1974, 1975, 1976, 1982 und 1983), holte viermal den DHB-Pokal (1977, 1978, 1982 und 1983), gewann den Europapokal der Pokalsieger (1978, 1979) und der Landesmeister (1974, 1983) sowie den IHF-Pokal (1982). Mit der Nationalmannschaft (130

Länderspiele) wurde er 1978 in Dänemark Weltmeister. Als Trainer wurde er mit Gummersbach zweimal Meister (1988, 1991), mit Wallau einmal (1993) und zweimal Pokalsieger (1993, 1994). Als Bundestrainer gewann er den EM-Titel (2004) und die WM (2007) sowie Olympia-Silber (2004); Silber gewann er auch als Co-Trainer bei Olympia 1984. 2011 trat der Versicherungskaufmann als Bundestrainer zurück, arbeitet danach u. a. als TV-Experte für Sky. Er ist seit 1975 mit Christel verheiratet, hat zwei Kinder –