Lesezeit ca. 7 Min.
arrow_back

Der blühende TEPPICH


Logo von Lust auf Natur
Lust auf Natur - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 08.07.2022

Die Schere ist scharf, und es geht blitzschnell. Auf einem schmalen Holzsteg liegt beziehungsweise hockt Margret Most und spielt Uhrzeiger. Denn das Brett steht wie der Minutenzeiger immer an einer anderen Stelle. Nur so kann die Gärtnermeisterin einige der rund 9000 Pflanzen auf dem Beet mit ihrer Schere daran erinnern, wer hier das Sagen hat. Mit sicheren Schnitten bändigt sie meist zwischen Mai und September die dunkelroten Papageienblätter, die sich durch das Beet schlängeln und in den vergangenen Tagen kräftig gewachsen sind. Genau da kennt Margret Most wenig Pardon. Wachsen ja, aber nur in kleinen Schüben. Ausbreiten ja, aber auch hier gilt es, gewisse Regeln einzuhalten. Was resolut klingt und mit der Schere unwiederbringlich umgesetzt wird, dient in diesem manikürten Beet nur einem Zweck. Die farbenprächtigen Zierpflanzen und Stauden sollen sich dem ausgedachten Muster unterordnen. In ...

Artikelbild für den Artikel "Der blühende TEPPICH" aus der Ausgabe 8/2022 von Lust auf Natur. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Lust auf Natur, Ausgabe 8/2022

Manch eine Pizza ist nicht so üppig belegt. Die Formen wechseln, die Pracht entwickelt sich durchs Gartenjahr
Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,49€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Lust auf Natur. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 8/2022 von Liebe Leserin, lieber Leser!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe Leserin, lieber Leser!
Titelbild der Ausgabe 8/2022 von Dahlienglück. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Dahlienglück
Titelbild der Ausgabe 8/2022 von Viel Freude mit Fetthennen!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Viel Freude mit Fetthennen!
Titelbild der Ausgabe 8/2022 von PRAXISTIPPS AUGUST. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
PRAXISTIPPS AUGUST
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Farbpower für den Vorgarten
Vorheriger Artikel
Farbpower für den Vorgarten
AUGUST
Nächster Artikel
AUGUST
Mehr Lesetipps

... diesem Fall ist es ein kunstvoll verziertes rundes Ornament, das mal eine Struktur bildet und mal aus Initialen besteht. Jede Saison wird ein neues Motiv geplant und aufwendig gepflanzt.

Bedeutende Teppichbeete sind damals in der Kölner Flora, dem Frankfurter Palmengarten, dem Stadtgarten in Stuttgart oder bei der Internationalen Gartenbauausstellung 1869 in Hamburg zu bewundern. So vielfältig und schön die Formen auf historischen Bildern aussehen, die Kunst gilt als pflegeintensiv und teuer.

In Altenstein beeindruckte das bunte Teppichbeet mit seinen Bordüren direkt neben dem Schloss über zwei Jahrzehnte lang Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen und viele seiner Besucher. Archiveinträge zeugen von der regen Anteilnahme des Herzogs, der sich mehr noch als Theaterreformer einen großen Namen gemacht hat, denn als botanischer Zeitgeist. „Der Herzog hat oft und in allen Belangen teils bis ins Detail Vorgaben gemacht“, erzählt Margret Most. „Mal kommentiert er Zeichnungen und Skizzen, mal lässt er es sich persönlich nicht nehmen, Muster als zu unausgewogen zu kritisieren. In einem Fall stört er sich an der Farbempfindung eines Gärtners und will tunlichst alles Grelle im Beet verhindern. Es gibt einige Aufzeichnungen, die seine Leidenschaft für die Beete unterstreichen.“ Als er 1872 aus dem Amt seines Hofmarschalls nach den üppigen Kosten für eine aufwendige Überwinterung von Tausenden Pflanzen angefragt wurde, antwortete Georg II. mit einem einfachen Ja. Ihm waren die Beete so wichtig, dass er das Geld gern anwies. Es gibt damals kaum einen Schlossbesitzer, der nicht mit der prachtvollen Gestaltung von üppigen Beeten den stillen Applaus seiner Gäste einheimsen wollte. Wobei es beim Teppichbeet immer um ein künstlerisches Miteinander von Architektur und Pflanzenornamentik geht. Teppichbeete gibt es selten allein, sondern sie beziehen sich immer auf die Umgebung der Herrschaftshäuser, Residenzen oder Schlösser. Herzog Georg II. gilt als der letzte große Bauherr und Förderer von Schloss und Park Altenstein. Bis zu seinem Tod 1914 wird die Tradition der Teppichbeete beibehalten. Danach löst sich die aufwendige Bepflanzung ebenso auf wie die Bedeutung des Adels in Deutschland.

Altenstein ist ein perfekter Gartenort

Die Anlage mit Schloss und Park erstreckt sich auf einem 160 Hektar großen Areal und ist ein Ortsteil von Bad Liebenstein, einem der ältesten Thüringer Kurorte. Das Schloss wurde ab 1888 erbaut. Im umgebenden Park verschmelzen Grünanlage, Beete und Landschaft zu einem Ganzen. Einzelbäume, Baumgruppen und geschlossene Waldungen gliedern die weiten Wiesenflächen. Zahlreiche Sichtachsen geben den Blick frei in das Werratal bis hin zur Rhön. Naherholung trifft Gartenkunst. Parkverwalter Toni Kepper findet gerade diese Mischung so imposant wie einzigartig.

„Das ist hier nicht ein Schloss auf einer Wiese, sondern ein Gesamtkunstwerk, ein Ort, der die Sehnsucht nach dem Schönen greifbar werden lässt.”

Toni Kepper

„Das ist hier nicht ein Schloss auf einer Wiese, sondern ein Gesamtkunstwerk, ein Ort, der die Sehnsucht nach dem Schönen greifbar werden lässt. Der Park ist ein Erholungsund Sehnsuchtsort par excellence und hat es auch während der letzten Zeit vielen Menschen ermöglicht, trotz mehrerer Lockdowns in der Natur zu sein.“

Durch die große Fläche können Toni Kepper mit dem weiten Park und Margret Most mit ihren Teppichbeeten den Besuchern mehr bieten als andere Parks und Gärten: Landschaften mit Felsformationen, die Altensteiner Höhle und den legendären Bonifatiusfelsen, einen Wasserfall, Rabattenund Zopfbeete, unendliche Wiesen, die Wälder mit großem Artenreichtum. Dazu kommen die Terrassen am Schloss.

Altenstein ist der Stolz der gesamten Region, die auch von einer künstlerischen Berühmtheit besucht wird. Johannes Brahms schreibt 1894 an Clara Schumann: „Ich wünschte (und die Herrschaften auch) Du mögest hier an meinem Fenster sitzen, auf meinen Balkon hinausgehen können und dann hinaus in den herrlichen Park und Wald. Die schönsten Fasane, Hirsche und Rehe dutzendweis spazieren mit, dazu das köstliche milde Wetter und die freundliche Gesellschaft – Dir würde sehr wohl sein.“

Zu Gast: Gartenkünstler von Weltrang

Wer heute durch den großen Torbogen läuft, staunt über die Pracht, die sich im Park Altenstein zeigt. Das Schloss ist nach einem verheerenden Brand 1982 wiederaufgebaut worden und strahlt schöner denn je. Nirgendwo ist Thüringen so aristokratisch britisch und berührend schön wie in Altenstein. Was begeistert, sind die akkuraten Beetbepflanzungen und die Harmonie zwischen den Sonnenbeeten und dem großen Waldbestand. Fürst Hermann von Pückler-Muskau hat sich mit seinen Baumpflanzungen auf der Morgentauwiese verewigt. Auch die bedeutenden Gartenkünstler Carl Eduard Petzold und Peter Joseph Lenné ergänzen durch gezielte Gestaltungen und Sichtachsen den Landschaftspark zu einem prachtvollen Kunstwerk. Karl Foerster arbeitet 1893 als Gehilfe in der Schlossgärtnerei Altenstein. Am Lieblingsplatz des Staudenzüchters, Gartenpoeten und Schriftstellers befindet sich heute die Foerster-Bank.

Park Altenstein ist das schönste Gartengesamtkunstwerk in Thüringen, sicher weil das Streben nach Natürlichkeit in dieser gestalteten Natur bis in die Gegenwart fasziniert. Sicher auch, weil die Kunst der Teppichbeete nach der friedlichen Revolution und Wende eine Renaissance im Park erlebt, die bis heute die Menschen anlockt. „Die ersten Jahre wurden die Beete rund ums Schloss als saisonale Rabatten geplant und angelegt“, erinnert sich Margret Most. Sie selbst kommt 2002 als Gärtnerin zur Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, die das Ensemble in Altenstein heute verwaltet. Das erste Jahr wird die Bepflanzung weiterhin saisonal gestaltet.

Dann macht die Gartenreferentin der Stiftung Margret Most darauf aufmerksam, wie aufwendig und einzigartig die Beete vormals gestaltet wurden. Das weckt ihre Neugier. Nach einer Reise in den Schlosspark von Bad Homburg mit den Ornamentbeeten im Obergarten arbeitet sich Margret Most in die Tradition der verzierten und flach bleibenden Teppiche ein. Nach Wochen in den Archiven, wo sie sich historische Fotos und Postkarten mit der Lupe anschaut, um rauszubekommen, welche Pflanzen man verwendet hat und mit welchen Strukturen gearbeitet wurde, entsteht ihre erste Skizze für ein neues Teppichbeet nach 90 Jahren Pause. „Das große repräsentative Hauptbeet neben dem Schloss war zwar über die Jahrzehnte kleiner geworden, aber das ließ sich schnell auf neue Maße von 8,40 Meter im Durchmesser umrechnen“, erzählt sie. „Schwieriger war die Beschaffung von geeigneten Pflanzen, denn die alte Schlossgärtnerei gab es nicht mehr.“ Dafür findet sie in einer ortsansässigen Gärtnerei Mutterpflanzen. Mithilfe des Inhabers der Gärtnerei, Jörg M. Reich, werden in Anzuchtbetrieben in Israel noch einige Papageienblatt-Sorten und Iresinen ausfindig gemacht und bestellt. Beide Arten eignen sich perfekt für die Gestaltung. Teppichbeete samt schmückenden Bordüren unterscheiden sich in ihrer Wirkung. Es gibt damals einfache Formen mit wenigen Pflanzen, die sich ausbreiten durften.

Andere Pflanzungen wirken als Gruppen. Oder es wird mit kunstvollen Mosaiken gearbeitet, bei denen es darum geht, das Design sichtbar zu halten. Letzteres ist das Ziel in Altenstein. Statt die Pflanzen in die Höhe schießen zu lassen, geht es der Gärtnermeisterin darum, die kleinteilige Struktur aus verschiedenen Pflanzen herauszuarbeiten.

Nur ein begrenztes Sortiment

Heute liegen in der Schublade von Margret Most gut ein Dutzend Muster für die Beetgestaltung. Jede Saison wird eine andere Idee umgesetzt. Historische Musterbücher helfen, neue Ideen zu finden. Das Sortiment der Pflanzen besteht für Margret Most aus gut einem Dutzend verschiedener Arten. Das Papageienblatt (Alternanthera) setzt mit Gelb, Grün und Rot wichtige Farbstrukturen. Studentenblumen (Tagetes) sind klein bleibende Dauerblüher und können Flächen dicht machen. Echeverien, die sukkulenten Dickblatt-gewächse, verleihen den Beeten exotischen Glanz und sind wichtige Konturenbildner. Die Kanonierblumen (Pilea microphylla) wirken durch die vielen kleinen und fein geteilten Blätter. Auch das Eiskraut (Mesembryanthemum crystallinum) kommt regelmäßig zum Einsatz. Seine Vorteile sind die Dickfleischigkeit, die helle Farbe und der dennoch eher flache Habitus. Weil die Bewässerung mittlerweile automatisch erfolgt und die meisten Pflanzen etwas mehr Wasser brauchen, kommen Semperviven, die vor einem Jahrhundert eingesetzt wurden, nicht mehr infrage.

Fehlen abseits der Komparsen noch die Diven. Zwei Pelargoniensorten verzaubern die Besucher schon deshalb, weil sie bereits zu Fürstenzeiten auf den Beeten standen. „Pelargonien waren damals zur Modezeit der Teppichbeete ein Muss“, sagt Margret Most. „Die Sorte ‛Madame Salleron’ wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von Victor Lemoine gezüchtet. Sie blüht nicht, sondern besticht mit Blättern, die einen breiten weißen Rand haben. Hier wirkt besonders das Blatt, der Wuchs bleibt rund und kugelig. Noch spektakulärer ist die Sorte ‛Mrs. Pollock’, die dreifarbige Blätter hat, rot blüht und kräftig wächst. Sie wurde 1858 gezüchtet.“

Insgesamt sollen wenig Blühpflanzen verwendet werden, da Teppichbeete über die Blattstruktur und die Ausfärbungen der Blätter die beste Wirkung erzielen. Menge bringt Wirkung. Blütenpracht macht es zu grell und bringt Unruhe in die Pflanzung. Das Beet selbst ist mit Erde angehäuft und erhöht sich zur Mitte hin. Dort steht eine Palme als Krönung.

Das alles ist auf den Beeten zu einem farbenprächtigen Motiv gestaltet, das regelmäßig Pflege braucht. Während nach der Pflanzung noch viel Substrat zu sehen ist und die Pflanzen klein und schütter sind, wächst das künstlerische Motiv bis in den Herbst zusammen. Ende September und Oktober ist es dann immer am schönsten und vollkommensten.

Text und Fotos: Jens Haentzschel