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Der Brückenbauer


Dialog - epaper ⋅ Ausgabe 128/2020 vom 27.11.2019

Der 2015 im Alter von 93 Jahren verstorbene Władysław Bartoszewski kämpfte aktiv gegen zweitotalitäre Systeme und engagierte sich für die Verständigung zwischen den Religionen und Nationen.Welches politische Erbe hat er uns hinterlassen?


Ein Lebenslauf wie aus einem Roman – und dabei hat er selbst zahlreiche Bücher geschrieben, von denen viele ins Deutsche übersetzt wurden. Im Herbst 1940, also noch vor dem systematischen Massenmord an Millionen Juden, wurde der 1922 in Warschau in einer katholischen Familie geborene Władysław Bartoszewski in das Konzentrationslager Auschwitz verschleppt und acht ...

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... Monate später auf eine Intervention des Roten Kreuzes hin schwer krank entlassen. Er schloss sich sofort dem polnischen Widerstand an und war dort publizistisch vor allem in der Hilfe für Juden und politische Gefangene im deutsch besetzten Polen tätig. Zehntausende verdanken Aktionen ihr Leben, an denen er Teil hatte. Während des Warschauer Aufstandes 1944 war er Radio- und Zeitungsjournalist – ein Mann der Feder, nicht des Schwertes.

Nach 1945 engagierte er sich mit demselben Eifer im Kampf gegen den Kommunismus, sowohl in der polnischen Zeitungslandschaft als auch beim Radiosender Freies Europa. Sein Widerstand brachte ihm mehrere Aufenthalte in polnischen Gefängnissen ein. Das Abitur hatte er noch 1939 ablegen können, danach versperrten ihm deutsche Besatzung und Kommunismus den Zugang zur offiziellen staatlichen Bildung. Sein akademischescurriculum vitae passt zu seinem Leben: Von 1941 bis 1944 belegte er Polonistik an der konspirativen Warschauer Untergrunduniversität, schloss das Fach aber nie ab, sein zweiter Gefängnisaufenthalt in der Volksrepublik kam ihm 1949 dazwischen. Ein weiterer Anlauf zum Magister Artium in Philologie scheiterte, weil ihn der Rektor der Warschauer Universität 1962 von der Liste der Studierenden strich, im Alter von 40 Jahren eigentlich das Ende jeder wissenschaftlichen Karriere.

Und doch blieb Bartoszewski unangepasst und unbeugsam, engagierte sich Anfang der 1980er Jahre für die Gewerkschaft Solidarność – und landete prompt erneut hinter Gittern. Der wohl berühmteste Satz von ihm, der keine Gelegenheit zu einem Bonmot ausließ, ist: „Es lohnt sich, anständig zu sein“. Und in der Tat, von Israel als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt, machte er sich noch vor 1989 nicht nur als Autor historisch-publizistischer Bücher, sondern auch als im In- und Ausland gefragter Gastprofessor einen Namen, im freien Polen war er dann Botschafter in Wien, zweimal Außenminister und bis zu seinem Tod Beauftragter des Ministerpräsidenten für internationalen Dialog. Zahlreiche Preise, Auszeichnungen und Ehrungen ergänzen das Bild, hierzulande etwa der Friedenspreis des deutschen Buchhandels (1986) und das Großkreuz des Bundesverdienstordens (2001); am 50. Jahrestag des Kriegsendes sprach er als erster Pole vor dem deutschen Bundestag.

Der deutsche Überfall 1939 war für den jungen Intellektuellen ein Schock. Wie viele seiner Generation entwickelte er in den 1930er Jahren ein Faible für die deutsche Sprache, Literatur und Kultur – eine Leidenschaft, die sich für ihn während der Besatzungszeit auf natürlich völlig unerwartete Weise als nützlich erweisen sollte. Deutsche Verbrechen und polnischer Widerstand prägten sein ganzes Leben, ihnen und ihren Nachwirkungen widmete er fast alle seiner Bücher. Erst zwanzig Jahre nach Kriegsende besuchte er die Bundesrepublik. Rückschauend erklärte er einmal: „Hätte mir jemand vor 60 Jahren gesagt, als ich zusammengekauert auf dem Appellplatz des KZ Auschwitz stand, dass ich einmal deutsche Freunde, Bürger eines demokratischen und befreundeten Landes haben werde, hätte ich ihn für einen Verrückten gehalten.“

Und doch sollte Bartoszewski rätselhafter Weise zu einem der bedeutendsten, wenn nicht dem bedeutendsten Vermittler in den schwierigen deutsch-polnischen Nachkriegsbeziehungen werden. Der Schlüssel zu diesem Rätsel ist in seiner Persönlichkeit, genauer: in seinen ethischen Überzeugungen zu finden. Vom unfreiwillig brutalen Beginn seines politischen Lebens an steckte er Menschen nicht in Schubladen. So stellte etwa die deutsche Besatzung die polnisch-jüdischen Beziehungen auf eine harte Probe. Im täglichen Überlebenskampf kam es sowohl zu Hilfeleistungen als auch zu Verrat und Verbrechen innerhalb der besetzten Gesellschaft. In dieser angespannten Lage finden wir Bartoszewski auf Seiten derer, die Solidarität und Unterstützung über ethnische Grenzen hinweg nicht nur forderten, sondern in die Tat umsetzten. „Wenn ich lebe, dann bedeutet das für mich, dass ich anderen helfen muss“, erklärte Bartoszewski selbst eine Haltung, die sich aus den Werten eines christlichen Humanismus speiste und die sein ganzes erwachsenes Leben bestimmten sollte.

Das zweite Grundmotiv, das – neben der Hilfsbereitschaft – aus dieser seiner Haltung erwuchs, ist das der Versöhnung im polnisch-deutschen und polnisch-jüdischen Dialog. Damit hat er sich nicht nur Freunde gemacht. Auch wenn er einer der ersten Polen war, der sich mit Empathie zum Schicksal deutscher Vertriebener geäußert hat, war er ein massiver Gegner eines „Zentrums gegen Vertreibungen“ in Berlin. Vor 1989 hatte die deutsche Sozialdemokratie Schwierigkeiten mit einem Mann, der nicht nur einem faschistischen Deutschland, sondern auch einem kommunistischen Polen kompromisslos die Stirn bot. Bereits 1946, als eine Welle von antijüdischen Pogromen das gerade befreite Polen erschüttert, finden wir ihn im Vorstand der polnischen „Liga zum Kampf gegen Rassismus“. Bei der derzeitigen Warschauer Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) machte er sich mit harscher Kritik unbeliebt. Bartoszewski war seine eigene Überzeugung immer wichtiger als die Meinung anderer, und er äußerte sie stets offen und ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen.

Dennoch musste natürlich sein Verhältnis zu Deutschland nach 1945 von den furchtbaren Jahren vor 1945 überschattet sein. Nicht von ungefähr ließ er nahezu eine Generation verstreichen, bevor er 1965 Westdeutschland bereiste. Dort suchte er Kontakt vor allem zu Menschen, die den Krieg höchstens als Kinder oder Jugendliche erlebt hatten, und von diesen „anderen Deutschen“ berichtete er in sein Heimatland. Im selben Jahr wendeten sich die polnischen Bischöfe mit einem Brief an ihre deutschen Amtskollegen, in dem sie schrieben „Wir vergeben und bitten um Vergebung“. Für Bartoszewski kam eine solche Geste, die auf eine Versöhnung auf der Ebene beider Gesellschaften abzielte, verfrüht. Das mag zunächst einmal merkwürdig klingen für jemanden, der sich spätestens ab diesem Zeitpunkt selbst diesem Ziel verschrieb. Erläuternd führte er später aus: „Die Wahrheit ist, dass alle Eliten außer einzelnen Menschen, (damals) nicht reif genug waren, um die Wichtigkeit der Beziehungen zwischen unseren beiden Völkern zu begreifen.“

Bartoszewski setzte sich zeitlebens gegen staatliche Verfolgung und kollektive Verblendung – sei sie politischer oder nationalistischer Natur – zur Wehr. Die Kehrseite dieser Medaille ist, dass er sich dafür konkret den Menschen zuwandte. Anders ist etwa seine Freundschaft mit dem ehemaligen Wehrmachtsoldaten und Teilnehmer des Krieges gegen Polen im September 1939, Richard von Weizsäcker, nicht zu erklären. Als Historiker und Buchautor schrieb er zwar für eine breite Leserschaft dies- und jenseits der Grenze, aber auf eine Weise, die Einzelne anspricht und berührt. Als leidenschaftlicher Vortragender suchte er immer wieder den direkten Kontakt zu seinem Publikum und vor allem zur jüngeren Generation beider Länder, in der er die Zukunft eines deutsch-polnischen Miteinanders sah.

Mit Menschen wie Bartoszewski schwinden allmählich diejenigen, die zum einen die Schrecken von Krieg und Besatzung noch selber erlebt haben und zum anderen danach durch Charisma, Authentizität, Engagement und Überzeugungskraft maßgeblich zu einer Wiederannäherung beider Gesellschaften beigetragen haben. Zugleich erstarkt in beiden Ländern derzeit wieder ein ethnischer Nationalismus, der die Gräben der Vergangenheit öffnet, anstatt sie zu schließen. Nationalismus und Totalitarismus, diese beiden Übel hat Bartoszewski zeitlebens bekämpft, weil sie die Menschen trennen, statt zu vereinen, und dabei das Schlimmste in ihnen zum Vorschein bringen. Bartoszewskis Vermächtnis zu wahren heißt heute, in beiden Ländern aktiv gegen sie vorzugehen.

Natürlich geschieht dies auch weiterhin, denn auf zivilgesellschaftlicher Ebene – in der Jugend- und Gedenkstättenarbeit, in der Kultur- und Geschichtsvermittlung, in vielerlei deutsch-polnischen Bildungseinrichtungen sowie im parlamentarischen und religiösen Dialog – wird seit Jahrzehnten wertvolle Arbeit geleistet. Hinzu kommt ein wachsender Austausch im Tourismus- und Wirtschaftsbereich sowie im kleinen Grenzverkehr, einschließlich Wohnortswechsel auf die andere Seite. Zu einer Normalisierung der Beziehungen ist es aber noch ein sehr weiter Weg. Bis heute gibt es in Berlin kein Denkmal, dass an die Opfer der Zweiten Polnischen Republik unter deutscher Besatzung erinnert, eine Idee, für die sich Władysław Bartoszewski zeitlebens leidenschaftlich eingesetzt hat. Aber auch im Alltag bleibt noch viel zu wünschen übrig. Ist es etwa nicht erstaunlich, dass man es offenbar für normal hält, wenn ein Zug von Berlin nach Warschau nahezu doppelt so lange braucht wie von Frankfurt am Main nach Paris, also für dieselbe Distanz?

Ein Annäherungsprozess ist sicherlich nach wie vor im Gange, aber er ist träge, wird durch tagespolitische Machtspiele immer wieder empfindlich gestört und ist durch wachsenden Populismus hier wie dort gefährdet. Es braucht eben Brückenbauer wie Bartoszewski, um daran etwas zu ändern. Er war ein Motor dieses Prozesses, und zwar einer mit Turbo. Die deutsch-polnischen Beziehungen haben durch Władysław Bartoszewskis Weggang spürbar an Schwung verloren, und es wird höchste Zeit, dass sie wieder an Fahrt aufnehmen. Falls der Berlin-War - szawa-Express tatsächlich irgendwann einmal beide europäischen Hauptstädte in drei (statt aktuell über sieben) Stunden verbindet, sollte er seinen Namen tragen.

Jochen Böhler

Historiker, wissenschaftlicher Mitarbeiter fürOsteuropäische Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Autor undMitherausgeber zahlreicher Bücher zuOstmitteleuropa im Ersten und ZweitenWeltkrieg.

Ein Annäherungsprozess zwischen Deutschen und Polen ist nach wie vor im Gange, aber er ist träge, wird durch tages - politische Machtspiele immer wieder empfindlich gestört und ist durch wachsenden Populismus gefährdet. Es braucht Brückenbauer wie Bartoszewski, um daran etwas zu ändern.

Mit Menschen wie Bartoszewski schwinden allmählich diejenigen, die zum einen die Schrecken von Krieg und Besatzung noch selber erlebt haben und zum anderen danach durch Charisma, Authentizität, Engagement und Überzeugungskraft maßgeblich zu einer Wiederannäherung beider Gesellschaften beigetragen haben. Zugleich erstarkt in beiden Ländern derzeit wieder ein ethnischer Nationalismus, der die Gräben der Vergangenheit öffnet, anstatt sie zu schließen. Nationalismus und Totalitarismus, diese beiden Übel hat Bartoszewski zeitlebens bekämpft, weil sie die Menschen trennen statt zu vereinen, und dabei das Schlimmste in ihnen zum Vorschein bringen. Bartoszewskis Vermächtnis zu wahren heißt heute, in beiden Ländern aktiv gegen sie vorzugehen.