Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 5 Min.

DER BUDDHISMUS HÄLT EINZUG


Antike Welt - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 23.07.2021

Nach der Einrichtung einer neuen Hauptstadt in Heijo (dem heutigen Nara) im Jahr 710 wurde ab den 740er Jahren in ganz Japan ein Netz von Tempeln, den Kokubun-ji, errichtet. Ihr zentraler Tempel war der Tōdai-ji in Nara (Abb. 1). Viele dieser Tempel standen mit regionalen Verwaltungszentren in Verbindung, z. B. in Kurube in der Präfektur Mie und in Daiwatari Kanga in der Präfektur Ibaraki.

Artikelbild für den Artikel "DER BUDDHISMUS HÄLT EINZUG" aus der Ausgabe 4/2021 von Antike Welt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Antike Welt, Ausgabe 4/2021

Abb. 1 Sog.HalledesGroßenBuddhas (Daibutsuden)imT?dai-jiinNara.

Die archäologische Untersuchung von Tempelanlagen hat in Japan eine lange Geschichte. Sie begann mit der Ausgrabung des Asuka-dera durch das Nationale Forschungsinstitut für Kulturgüter Nara in den 1950er Jahren, bei der heilige Shari-Reliquien, «Fragmente der Knochen des Buddha», gefunden wurden, die sich in einem exquisiten Reliquiengefäß befanden. Außerdem entdeckten die Archäologen Grundsteindepots unter dem Sockel der längst verschwundenen Pagode. In den vergangenen Jahren wurden bei Ausgrabungen in der ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 9,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Antike Welt. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2021 von IM LAND DER AUFGEHENDEN SONNE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
IM LAND DER AUFGEHENDEN SONNE
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von EINE AUSSERGEWÖHNLICHE MARITIME VILLA UND FISCHVERARBEITUNG IM RÖMISCHEN SPANIEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
EINE AUSSERGEWÖHNLICHE MARITIME VILLA UND FISCHVERARBEITUNG IM RÖMISCHEN SPANIEN
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von 4000 JAHRE ALTES KRIEGS- DENKMAL IDENTIFIZIERT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
4000 JAHRE ALTES KRIEGS- DENKMAL IDENTIFIZIERT
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von ALTBABYLONISCH. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ALTBABYLONISCH
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von AM ANFANG WAR DIE KERAMIK. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
AM ANFANG WAR DIE KERAMIK
Titelbild der Ausgabe 4/2021 von AUF DEM WEG ZUM UNESCO-WELTERBE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
AUF DEM WEG ZUM UNESCO-WELTERBE
Vorheriger Artikel
EIN SYMBOL DER MACHT UND DES REICHTUMS
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel KINDER IM KULT
aus dieser Ausgabe

... Umgebung des Tōdai-ji in Nara (dessen Buddha-Saal, obwohl er verkleinert wurde, noch immer das größte Holzgebäude der Welt ist) Überreste eines von zwei massiven Pagodentürmen gefunden, die möglicherweise an die 100 m hoch waren. Die meisten japanischen Pagoden sind drei, fünf oder sieben Stockwerke hoch; in Magome in der Präfektur Chiba entdeckte man Spuren von zwei 7-stöckigen Pagoden. Die Arbeit von Archäologen, die innerhalb von Tempeln oft im Rahmen von Konservierungsprogrammen tätig sind, liefern wichtige Hinweise auf die Entwicklung von Tempelanlagen, die ansonsten oft eine Atmosphäre der Ruhe umgibt, an der sich seit Jahrhunderten nichts geändert hat. Zu den Höhepunkten der letzten Jahre zählen neben den Funden beim Tōdai-ji auch hochwertige dreifarbig glasierte Keramik, die im Tōshōdai-ji gefunden wurde, Grundsteindepots unter der östlichen Pagode im Yakushi-ji, Fragmente von Wandmalereien sowie Spuren der Feuersbrunst im Hōryū-ji aus dem 7. Jh. Der Tōdai-ji beherbergt auch das Shosoin, eine kaiserliche Schatzkammer aus dem 8. Jh., die viele tausende seltene Objekte enthält, darunter exquisite Seiden, Bücher, medizinische Materialien und Musikinstrumente; viele zeugen davon, dass Nara einem großen Handelsnetz angehörte, das sich über einen Großteil des asiatischen Kontinents erstreckte, was die Behauptung untermauert, Nara sei der östliche Endpunkt der Seidenstraßen gewesen (Abb. 2).

Der Buddhismus stieß zunächst durchaus auf den Widerstand der Anhänger indigener religiöser Überzeugungen und Praktiken, in denen die Ursprünge dessen lagen, was man später als Shintō, den «Weg der Götter», bezeichnete. Die Verschmelzung dieser Traditionen, die zu einem Synkretismus führte, der im Japanischen als Shinbutsu-Shūgō bezeichnet wird, ereignete sich, während die Yamato- Dynastie ihre Hegemonie über einen Großteil des Territoriums des heutigen japanischen Archipels ausdehnte – ein Prozess, der im Jahr 710, als Heian (das heutige Nara) zur Hauptstadt wurde, bereits weitgehend abgeschlossen war. Der aktuelle Kaiser Naruhito, der 126. Monarch auf dem Chrysanthementhron, ist der jüngste Vertreter einer Herrscherdynastie, die als älteste ununterbrochene Erbmonarchie der Welt gilt. Die frühen japanischen Geschichtswerke (das Kojiki von 712 n. Chr. und das Nihonshoki von 720 n. Chr.) stehen in der ostasiatischen historiographischen Tradition und lassen sich am besten als Versuch verstehen, den Herrschaftsanspruch der Mitglieder der Yamato-Dynastie als direkte Nachkommen der Sonnengöttin Amaterasu zu legitimieren, der Gottheit, die heute am Ise-jingū in der Präfektur Mie verehrt wird. Dieser Schrein ist dafür berühmt, dass er alle 20 Jahre neugebaut wird – eine Tradition, von der man annimmt, dass sie mindestens bis ins 7. Jh. zurückreicht, als Kaiser Tenmu (dessen Grab bereits erwähnt wurde, vgl. S. 29) Amaterasu zu seiner Schutzgottheit erklärte. Die Texte aus dem 8. Jh. stellten bis 1945 die einzige autorisierte Version der japanischen Geschichte dar, und ihre Chronologie wurde sogar auf der Titelseite des ersten archäologischen Ausgrabungsberichts aus Japan, Shell Mounds of Omori von Edward S. Morse, gewürdigt. Nach der Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg im Jahr 1945 verschwand diese Chronologie aus den Schulbüchern, da sie als Inspiration der expansionistisch-militaristischen Ideologie galt, die Japan in den Krieg getrieben hatte.

Dass die frühe japanische Geschichte auf einmal neu geschrieben werden musste, bot den Archäologen ungeahnte Möglichkeiten, und ihre zahlreichen Entdeckungen in den Jahrzehnten nach Kriegsende hauchten dem alten Japan neues Leben ein. Neben den Ausgrabungen frühbuddhistischer Tempel haben auch Kultstätten beträchtliche Aufmerksamkeit erfahren. Zu den jüngsten Höhepunkten zählen die Entdeckung massiver Holzsäulen auf dem Hauptgelände des Großen Schreins von Izumo in der Präfektur Shimane (Abb. 3), die als Beweis für die Existenz hoch in den Himmel ragender sakraler Strukturen gelten, wie sie in alten Texten angedeutet sind, sowie Arbeiten an Stätten, die mit der heiligen Insel Okinoshima in der Präfektur Fukuoka in Verbindung stehen, die seit 2017 zum UNESCO-Welterbe zählt. Okinoshima ist eine winzige Insel in der Meerenge zwischen Japan und Korea und stellt einen Teil des Munakata-Großschreins dar, in dem die Göttinnen von Munakata wohnten, die den Schiffsverkehr auf den Meeren kontrollierten und die für die frühen Yamato-Herrscher, die vom 5. bis 9. Jh. zahlreiche Diplomaten an die Königs- und Kaiserhöfe Koreas und Chinas entsandten, von besonderer Bedeutung waren. Bei den Ausgrabungen der 1950er bis 1970er-Jahre wurden etwa 80 000 Gegenstände entdeckt, darunter viele Objekte, die auf dem Kontinent gefertigt wurden, wie Bronzespiegel und vergoldete und goldene Artefakte. Sie verraten eine ganze Menge über die Rituale, mit denen man die Gottheiten ehrte; dass sie als Nationalschatz ausgezeichnet wurden, verdeutlicht den hohen kulturellen Wert, der diesen Materialien auch heute noch beigemessen wird. Munakata liegt nur ein Stück östlich von Dazaifu, der Provinzhauptstadt der Insel Kyūshū, in deren Korokan (dessen Überreste im Vorfeld des Baus eines neuen Sportstadions ausgegraben wurden) alle einreisenden Gesandten einquartiert wurden, bevor ihnen die Einreise nach Japan gestattet wurde.

Das Gelände des antiken Palastes in der Hauptstadt Heijō-kyō wurde in den 1950er Jahren gesichert, als es durch den Bau einer Eisenbahnstrecke bedroht war, und ein langfristiges Forschungsprogramm mit Ausgrabungen, die vom Nationalen Forschungsinstitut für Kulturgüter Nara überwacht wurden, hat viele Details über das damalige Leben in der Stadt offenbart. Heijō-kyō wurde nach dem Vorbild von Chang’an, der Hauptstadt der Tang-Dynastie in China, im Schachbrettmuster angelegt. Im Laufe der Jahre sind hier viele spektakuläre Entdeckungen gelungen, u. a. fand man Überreste von Gebäuden, Straßen und Gärten der Elite sowie einen riesigen Vorrat an Holztafeln, mokkan, die mit Kanji, Schriftzeichen chinesischen Ursprungs, in schwarzer Tinte beschriftet sind (Abb. 4). Die mokkan gewähren einen beispiellosen Einblick in die Abläufe des bürokratisch organisierten japanischen Staates; z. B. werden Waren aufgelistet, die aus den verschiedenen Regionen des Reiches in die Hauptstadt flossen. Wie groß die Stadt war, lässt sich heute dank der kürzlichen Rekonstruktion einiger der wichtigsten Gebäude ermessen, u. a. des Daigokuden (des kaiserlichen Audienzsaals) und des Suzakumon (des großen Südtors).

Adresse des Autors

Prof. Dr. Simon Kaner executive Director and Head of Centre for Archaeology and Heritage Sainsbury institute Centre of Japanese Studies 64 The Close GB-Norwich Nr1 4DH

Übersetzung

Dr. Cornelius Hartz, Hamburg

Bildnachweis

Abb. 1. 3: akg-images / rainer Hackenberg; 2: Peter Palm, Berlin; 4: (wikimedia commons; CC BY- SA 3.0 Lizenz).

Literatur

J.e. KiDDer, The Lucky Seventh: early Horyu-ji and its time (1999).

D. McCALLuM, The Four Great Temples: Buddhist archaeology, architecture and icons of seventh-century Japan (2009).

K. TSuBOi / M. TANAKA, The Historic City of Nara: an archaeological approach (1991).