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DER CADRE NOIR VON SAUMUR: ZWISCHEN FORTSCHRITT UND TRADITION


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 33/2019 vom 08.02.2019

Der Cadre Noir spielt eine große Rolle in der französischen Reitertradition. Seit 1815 wurden hier weitreichende Entscheidungen für die Entwicklung der Reitkunst getroffen. FEINE HILFEN sprach mit dem Écuyer Jean-Paul Largy über die heutige Rolle des emblematischen Kaders und die damit einhergehende Zerreißprobe.


FEINE HILFEN: Monsieur Largy, wie wird man heute Écuyer des Cadre Noir? Beschreiben Sie Ihren persönlichen Weg.
Jean-Paul Largy: Ich habe das große Glück, in dem Beruf zu arbeiten, von dem ich von Kindesbeinen an geträumt habe. Tatsächlich habe ich mich nach meinem wissenschaftlichen Abitur, ...

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FEINE HILFEN: Monsieur Largy, wie wird man heute Écuyer des Cadre Noir? Beschreiben Sie Ihren persönlichen Weg.
Jean-Paul Largy: Ich habe das große Glück, in dem Beruf zu arbeiten, von dem ich von Kindesbeinen an geträumt habe. Tatsächlich habe ich mich nach meinem wissenschaftlichen Abitur, das ich ganz normal mit 18 Jahren abgeschlossen habe, sofort im Reitsportsektor weitergebildet, indem ich zunächst einmal einen Trainerschein gemacht habe. Danach habe ich vier Jahre lang ganz bewusst in sehr unterschiedlich orientierten Reitställen gearbeitet und versucht, so viel wie möglich zu lernen. Ich war in einem Dressurstall bei Michel et Catherine Henriquet, danach war ich in einem internationalen Springstall und schließlich in einem Grand-Prix-Stall. Anschließend habe ich Prüfungen abgelegt, um den zweiten Trainerschein zu bestehen. Diesen kann man nur in Saumur an der ENE (l’École nationale d’équitation, dt. Nationale Reitschule) ablegen. Hier blieb ich ein Jahr im Ausbilderlehrgang. Und dann hatte ich Glück, denn am Ende des Jahres gab es eine Ausschreibung für die Stelle als Écuyer des Cadre Noir. So blieb ich nach meiner Ausbildung in Saumur und begann Ende 2006 als Écuyer in der Disziplin Dressur.

Warum wollten Sie Écuyer des Cadre Noir werden? Was hat Ihnen daran so besonders gefallen?
Largy: (lacht) Als Kind wurde ich schon sehr früh mit dem Pferdevirus infiziert. Vielleicht auch deshalb, weil ich nicht sofort Zugang zu Pferden hatte. Reitstunden waren teuer, und meine Eltern konnten mir diese nicht sehr oft ermöglichen. Ich fand das Reitermilieu immer sehr anziehend, vielleicht gerade weil es für mich so geheimnisvoll und unbekannt war. Eines Tages erzählte mir ein Freund vom Cadre Noir. Bei meinen Recherchen entdeckte ich, dass es sich um einen Verbund von Menschen handelte, Botschafter der französischen Reiterei, einem Kollektiv mit einem gemeinsamen Interesse: dem Erhalt der Reitqualität und des Know-hows der Arbeit mit Pferden in einer bestimmten Tradition. Das hat mich sofort angesprochen.

Können Sie uns erzählen, wie der Tagesablauf eines Écuyers beim Cadre Noir aussieht? Welche täglichen Aufgaben haben Sie?
Largy: Die Reiter des Cadre Noir haben hauptsächlich drei Tätigkeitsfelder: Das erste wird bei uns „das Prestige“ genannt. Hier geht es um die Vorbereitung der Pferde, die wir auf Galas vorstellen. Dazu gehört die Arbeit mit den Pferden, die die Schulsprünge zeigen, die Arbeit im Viereck, die Arbeit der Solisten sowie die der Pferde, die am langen Zügel vorgestellt werden. Wir arbeiten dabei immer im Kollektiv im ständigen Austausch von Wissen, Know-how und Technik, die immer verbessert werden muss. Dazu gehört auch das, was uns die vorangegangenen Generationen übermittelt haben – das ist sehr wichtig. Ein zweiter Teilbereich unserer Arbeit ist die Ausbildung von Schülern. Historisch gesehen war der Cadre Noir ein Kollektiv von Militärausbildern, das Rekruten ausbildete, um sie auf die Kavallerie vorzubereiten. Und er war immer Teil einer Schule. Heute ist er Teil der Nationalen Reitschule, die wiederum dem Ministerium für Jugend und Sport unterstellt ist. Das dritte Aufgabenfeld ist die Sportreiterei. Die Bereiter repräsentieren auf diese Weise die Schule und ihr Know-how auf Turnieren. Sie coachen auch Nachwuchstalente, die an die Schule kommen, um eine Sportkarriere einzuschlagen. Diese erhalten ein Sportprogramm mit personalisiertem Coaching, Turnierprogramm, Begleitung zum Wettbewerb usw.

Jean-Paul Largy auf Themis


(Foto: Alain Laurioux)

Und Sie selbst? Welche Spezialisierung oder welche Rolle haben Sie im Team? Nehmen Sie auch an Turnieren teil?
Largy: Im Laufe der gesamten Karriere, die man in Saumur durchlaufen kann, ist es möglich, sich immer wieder ein wenig zu verändern. Zum Beispiel ist eine zeitweilig verstärkte Orientierung in Richtung Sport ebenso möglich wie ein stärkerer Fokus auf die Unterrichtserteilung. Wir Écuyers haben deshalb auch nicht alle denselben tagtäglichen Zeitplan. Ich habe mich bis vor zweieinhalb Jahren sehr stark darauf konzentriert, mich und meine Pferde zur Aus- und Fortbildung auf Turnieren zu präsentieren. Weil ich dann aber für eine andere Aufgabe ausgewählt wurde, habe ich diese Tätigkeit reduziert. Heute bin ich verantwortlich für den Einkauf und die Auswahl der Pferde für die einzelnen Schaubilder unserer Vorführungen. Außerdem kümmere ich mich um die Organisation der Auftritte – insbesondere um den technischen Teil. Ich bin also Ansprechpartner für alle Fragen rund um die gemeinsame Arbeit und die Vorbereitung der Pferde im Viereck. Ich überwache die Synchronizität und die Exaktheit der ausgeführten Lektionen, und dass alle Reiter einen möglichst ähnlichen Sitz haben – diese Aufgabe erfülle ich zusätzlich zum täglichen Training der Pferde. Auch die älteren Pferde, die helfen, die jüngeren auf ihre Aufgaben vorzubereiten, trainiere ich. Ich suche außerdem jedes Jahr geeignete neue Pferde und kaufe etwa sieben bis acht Dreijährige, die dann ins Ausbildungsprogramm der Schule integriert werden.

Werden die Pferde in dem Alter dann schon geritten, oder was machen Sie mit ihnen?
Largy: Das ist sehr unterschiedlich, weil die Entwicklung der Pferde sehr stark differiert. Manche Dreijährige lassen wir, wenn sie ankommen, erst einmal wieder auf die Weide für sechs oder sieben Monate. Auch wenn sie schon angeritten sein sollten. Wir haben das große Glück, Weiden ganz in der Nähe zu haben. Hier können wir junge Pferde sowie Pferde, die wir in Rente schicken, und auch Pferde in Rekonvaleszenz halten. Ein weiterer Vorteil der Schule ist, dass wir für alle Pferde, auch für die, für die wir ursprünglich vielleicht etwas anderes vorgesehen hatten, eine ihren Fähigkeiten entsprechende Aufgabe finden. Ein Pferd, das beispielsweise für die Dressur nicht gut genug ist, springt vielleicht gut oder wird ein besonders gutes Lehrpferd.

Wenn Sie bei den Vorführungen reiten, führen Sie dann auch die Schulsprünge aus?
Largy: Von Anfang an hatte ich das große Glück, alles mitmachen zu dürfen. Das geht von den Quadrillen über die Schulen über die Erde bis hin zu Soloauftritten mit einem Dressurpferd oder einem Pferd, das die Schulsprünge beherrscht. Die emblematischsten Schaubilder des Cadre Noir sind die Schulsprünge und die Quadrillen.

Warum werden heute fast nur noch deutsche und niederländische Pferderassen in der Schule genutzt?
Largy: Schon mein Vorgänger hat, bevor der Einkauf der Pferde zu meiner Aufgabe wurde, einen großen Teil der Pferde in Deutschland gekauft. Es war also nicht ich derjenige, der das eingeführt hat. Ich muss aber auch sagen, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis in Deutschland einfach besser ist. Das kommt daher, dass die Zucht von Dressurpferden in Deutschland sehr konsequent ist. Außerdem kann ich in Deutschland an einem Tag, ohne den Ort zu wechseln, etwa 20 Pferde begutachten. In Frankreich sehe ich in derselben Zeit nur ein Pferd, das infrage käme. Das würde bedeuten, dass ich bei acht Pferden im Jahr deutlich mehr Zeit für die Suche aufwenden müsste als in Deutschland. Die meisten Dressurpferde französischer Züchter sind heutzutage zudem ebenfalls ausländischer Abstammung. Sie sind lediglich in Frankreich geboren. Den Vorwurf, dass wir die französischen Züchter nicht unterstützen, höre ich allerdings sehr häufig. Vielleicht wird man uns eines Tages sogar aufzwingen, Pferde aus französischer Zucht zu kaufen. Das würde uns allerdings nur die Arbeit erschweren. Die Pferde, die die Schulsprünge machen, und die Springpferde der Schule sind allerdings Selles Français. Früher waren die Pferde der Quadrille übrigens häufig Vollblüter oder Angloaraber.

Was sind Ihrer Ansicht nach die großen Unterschiede zwischen dem Cadre Noir und den anderen europäischen Schulen wie Jerez, Wien, Lissabon?
Largy: Meiner Ansicht nach ist der größte Unterschied, dass wir trotz unserer Kultur nicht ausschließlich als Konservatorium der Reitkunst oder als Akademie, die eine Kunst um der Kunst willen praktiziert, funktionieren, wie das zum Beispiel bei der Hofreitschule in Wien der Fall ist. Ich schätze die Wiener sehr, denn sie sind für mich wahre und würdige Erben unserer klassischen Reiterei. Wie ich vorhin schon erwähnte, haben wir in Saumur noch unsere anderen Tätigkeitsfelder. Eines davon habe ich tatsächlich aber noch nicht genannt, da es spezifischer ist. Wir sind auch beauftragt, Vorreiter zu sein bezüglich neuer Technologien, die die Reiterei, das Pferd oder den Reiter unterstützen sollen. Das können innovative Trainingsmethoden sein, das kann eine neue, etwas speziellere Zäumung sein oder auch Lösungsansätze bezüglich der Hufbearbeitung. Die Schule sieht sich in allem, was die Pferdebranche anbetrifft, als zukunftsweisend und unterstützt so auch die französische reiterliche Vereinigung. Ich denke, die anderen Schulen arbeiten in erster Linie für ihre Vorführungen, während diese für uns nur ein Teil unserer Arbeit sind.

Das muss für einen Écuyer wie Sie doch sehr schwer sein: Auf der einen Seite sollen Sie eine Reiterei französischer Tradition bewahren, die sogar als immaterielles Weltkulturerbe bei der Unesco eingeschrieben ist. Auf der anderen Seite sollen Sie innovativ sein und auf Turnieren starten, zudem soll Ihre Reiterei den Ansichten der Richter genügen. Wie schaffen Sie diesen Spagat?

Drei Frauen sind aktuell als Écuyères im Cadre Noir tätig.


(Foto: Celine Rogé)

Largy: Da haben Sie den Finger in die Wunde gelegt. Genau das ist die große Schwierigkeit, mit der sich ein Écuyer des Cadre Noir konfrontiert sieht: zerrissen zwischen Tradition und Fortschritt. In der Schule haben wir ein Sprichwort, das ein großer Écuyer geprägt hat: „Der Traditionskult schließt die Liebe zum Fortschritt nicht aus.“ (lacht) Das erlaubt einem zu sagen, „ja, wir schaffen es, der Tradition gerecht zu werden und diese mit den Anforderungen des heutigen Sports zu vereinbaren. Reiten nach französischer Tradition: Das bedeutet unsichtbare Hilfengebung, Ungezwungenheit – weder Zwang noch Krafteinsatz –, Flüssigkeit und auch das Suchen nach Lösungen mit dem Pferd. Bezüglich der Technik kann das sehr vielfältig sein. Das Label „de tradition française“ ist etwas, das 2011 regelrecht über uns gekommen ist. Für mich persönlich bedeutet es, dass wir uns davon inspirieren lassen sollen, was unsere Vorgänger getan haben. Gleichzeitig war der Cadre Noir immer auch Innovator, immer der jeweiligen Epoche entsprechend. Nehmen wir erneut Wien als Beispiel: Hier bekommt man den Eindruck, wie wahre Kontinuität einer reinen Tradition aussieht – sie achten bei jeder Geste bis hin zu den Zäumungen darauf, die Tradition zu bewahren. Von meinem Standpunkt aus ist das äußerst bewundernswert. Das Problem des Cadre Noir ist jedoch, dass er dem Hier und Jetzt entsprechen muss. Das ist wahrlich schwierig, und wir bekommen häufig Feedback von unseren Vorgängern, die mit vielem nicht einverstanden sind und uns dafür verurteilen, wie wir uns präsentieren. Immer wieder hören wir Sätze wie „Zu meiner Zeit war das aber so und so“ oder „Ihr macht dies oder das nicht mehr“. Ich glaube, dass man sich das anhören muss und dass man sich dem auch nicht widersetzen sollte, aber dass diese Vorgänger zu ihrer Zeit andere Vorgänger hatten, die ihnen von Zeit zu Zeit genau dieselben Vorwürfe machten. Gleichzeitig denke ich, dass es durchaus an der Zeit ist, bestimmte Prinzipien zu respektieren. Ich habe aber für dieses Problem keine Lösung oder einen bestimmten Vorgehensplan. Ich glaube, dass vor allem die Philosophie, wie wir mit unseren Pferden umgehen, wichtig ist.

Im Gegensatz zu Deutschland, wo es eine regelrechte Renaissance barocker und akademischer Reiterei gibt, findet man in Frankreich heute keine Reiter mehr, die eine solche Reiterei praktizieren. Obwohl diese doch in Frankreich entstanden ist, ist die französische Reiterwelt heute vollkommen auf den Sport ausgerichtet. Das französische Ausbildungssystem wirkt sehr protektionistisch, und man gewinnt den Eindruck, dass der Anspruch, immer auf der Höhe seiner Zeit zu sein, eventuell Schuld daran trägt, dass eine Reiterei, die erhaltenswert gewesen wäre, ausgestorben ist. Wie stehen Sie dazu? Glauben Sie, dass die Franzosen vielleicht zu sehr der Mode gefolgt sind im Laufe der Geschichte?
Largy: Ich gebe Ihnen vollkommen recht im Hinblick darauf, dass wir uns etwas zu sehr dem Sport verschrieben haben. Was verstehen wir heute konkret unter französischer Reiterei? Hätten wir losgelöst von der Sportreiterei die Reiterei mit akademischem Anspruch fortgeführt, hätten wir heute eventuell eine sehr präzise Doktrin, der wir sehr eng folgen würden. Für mich wäre das ein idealer Cadre Noir. Andererseits haben wir in der Schule sehr viele Autodidakten hervorgebracht, eben weil wir so viele Möglichkeiten haben, Dinge auszuprobieren. Wir haben das große Glück, mit unheimlich vielen verschiedenen Pferden arbeiten zu können, und an den Erfahrungen, die wir sammeln, können wir anschließend andere teilhaben lassen. Das französische Ausbildungssystem betreffend glaube ich, dass es seit etwa zwanzig Jahren immer schlechter wird. Das liegt auch daran, dass das Reiten ein Massensport geworden ist. Abzeichen sind in erster Linie eine Geldquelle für den Verband. Ich frage mich jedoch immer wieder, wie man Menschen für eine ernsthafte und methodische Reiterei begeistern kann, die den Fokus nicht zuerst auf den Spaß legt. Wie man bei einem Musikinstrument Tonleitern und Umgang mit dem Instrument üben muss, muss man auch beim Reiten erst einmal an sich selbst arbeiten. Beim heute praktizierten Unterricht, vor allem in den Anfängerklassen, bekommt man leider den Eindruck, dass das Erlernen von Hilfen und Körperbewusstsein viel zu kurz kommt und stattdessen eher ein Animations- und Spaßprogramm durchgeführt wird. Das ist nicht im Sinne der Pferde.

Welche Rolle spielte in Ihren Augen Nuno Oliveira für die französische Reiterei?

Largy: Als ich mit dem Reiten anfing, war er mein Idol. Seine Bücher sind so leicht und angenehm zu lesen, sie grenzen an Poesie. Für mich bleibt er eine herausragende Persönlichkeit sowohl für die großen Richtlinien als auch für Details. Nuno Oliveira wurde häufig als Fusionist wahrgenommen, der klassische Reiterei mit einem wohldosierten Schuss Baucherismus verband. Das bringt uns zurück zu einem reitkulturellen Merkmal des Cadre Noir: Hier wurde von jeher ein gewisses Maß an Baucherismus praktiziert, angefangen bei den Unterweisungen des ehemaligen Oberbereiters General L´Hotte durch Baucher persönlich.

WIE KAM DIE REITEREI NACH SAUMUR?

Die Anfänge
Die Reitanlage von Saumur, heute unter dem Namen „Cadre Noir“ bekannt, wurde im 19. Jahrhundert Schritt für Schritt aufgebaut. Die Geschichte dieses Ausbilder-Corps ist eng verbunden mit der Stadt Saumur und mit der Reitschule, in der er seit mehr als 150 Jahren wirkt. Die Tradition einer Reitanlage in Saumur geht zurück auf das Ende des 16. Jahrhunderts. Heinrich von Navarra, damals Anführer der Hugenotten, beauftragt den damaligen Stadthalter Duplessis-Mornay, eine protestantische Universität zu gründen. Für adlige Studenten aus Frankreich und dem Ausland bietet diese eine Reitakademie, damit sich die Studenten auch dem Waffenhandwerk widmen können. Diese Akademie ist der erste Ursprung der Reitschule von Saumur. Leider gibt es über sie keine Unterlagen mehr. Lediglich die Namen einiger leitender Écuyers, die hier tätig waren, sind noch bekannt.
In der zweiten Hälfte des folgenden Jahrhunderts werden die Protestanten gebeten, die Stadt zu verlassen: Der Widerruf des Edikts von Nantes sollte ihnen bald alle sicheren Städte entziehen, darunter auch Saumur. Ab 1674 ist es deshalb ein Katholik, Monsieur de Maliverne, der am selben Ort, wo Saint-Vual seine Reitanlage errichtet hatte, eine Reitschule betreibt. Drei Jahre später muss diese aber aufgrund eines Schülermangels schließen.

Neuaufbau der französischen Kavallerie
Im 16. und 17. Jahrhundert ist die Reitkunst eine höfische Kunst, die darauf abzielt, Schaubilder zu präsentieren und die Pferde der Prinzen zu bereiten. Die französische akademische Reitkunst wird bis über die Grenzen des Landes hinaus hochgelobt, lässt sich aber nur sehr schlecht mit den Voraussetzungen, die Pferd und Reiter für den Einsatz auf dem Schlachtfeld erfüllen müssen, vereinbaren. Die Écuyers brillieren in der Reitbahn mit Lektionen der hohen Schule, die akademische Reiterei bringt jedoch keine Krieger hervor: Das wiederholte Versagen der französischen Kavallerie bringt die Mangelhaftigkeit der Ausbildung im Bezug auf die Kriegsführung ans Licht. Ludwig XV. entscheidet daher, die Kavallerie neu aufzubauen. Er überträgt diese Aufgabe seinem Kriegsminister, dem Herzog von Choiseul. Dieser begründet fünf Kavallerieschulen in Douai, Besançon, Cambrai, Metz und Angers – wo sich eine Kommandantur der königlichen Karabiniere befindet. Diese Herren haben einen sehr schlechten Ruf: Man sagt ihnen nach, dass sie hinter jedem Rock her seien. Im Glauben, seine Schäflein zu schützen und das über so lange Zeit in protestantischer Hand befindliche Saumur zu bestrafen, schickt der Bischof von Angers, Monseigneur Arnaud, die Truppe nach Saumur.

Saumur und seine Reiter
Allerdings freuen sich die Einwohner von Saumur über die Ankunft der Karabiniere, und diese beginnen plötzlich, fromm an jeder Sonntagsmesse teilzunehmen: der Beginn einer großen Liebe zwischen Saumur und seinen Reitern.
Schnell wird klar, dass die Existenz mehrerer Kavallerieschulen Diskrepanzen in der Ausrichtung der zu vermittelnden Lehre schafft. 1766 entscheidet Choiseul deshalb, die besten Ausbilder der Reitschulen einzuberufen und mithilfe einer Kommission zu entscheiden, welche Prinzipien in Zukunft für alle Schulen gelten sollen. Die von Saumur werden als die rationellsten und methodischsten beurteilt. Alle anderen Schulen werden geschlossen, und 1771 wird die Schule von Saumur offiziell gegründet. Von nun an müssen alle Kavallerieregimenter jedes Jahr vier Offiziere und vier Unteroffiziere nach Saumur schicken, die hier in Theorie und Praxis das vorab verabschiedete Ausbildungsregelement der Kavallerie für das Schlachtfeld erlernen.

Die königliche Kavallerie
Bei der Krönung Ludwig XV. im Jahr 1774 übernimmt dessen Bruder, der Graf von Provence, die Rolle des Feldherrn der Karabiniere. Sie nennen sich von nun an Carabiniers de Monsieur. Im Jahr 1788 verlassen die Karabiniere aufgrund von Haushaltskürzungen Saumur und ziehen nach Lunéville, wo sie die Roten Gendarmen ersetzten. Marschall Soult führt in Saumur am 23. Dezember 1814 die Ausbildungsschule für Truppen mit Pferd wieder ein. Diese existiert 100 Tage und wird 1816 durch die Königliche Kavallerieschule ersetzt, die am 20. März 1822 infolge der vom General Berton geführten Verschwörung aufgelöst wird. Sie wird von Charles X. (durch die Verordnung vom 10. März 1825) unter dem Namen „Königliche Kavallerieschule“ wiedereröffnet. General Oudinot ist für die Schule verantwortlich. Er bestellt irische Pferde und englische Reitpferde und ernennt Jean-Baptiste Cordier zum „Écuyer en chef du manège“, der erste Träger dieses Titels.
(Quelle: Cadre Noir de Saumur)

Aktuell sind nur drei Frauen im Team der Écuyers des Cadre Noir. Warum werden nicht mehr Frauen zu Bereiterinnen ernannt?
Largy: Wird ein junger Bereiter eingestellt, dann gilt es, bestimmte Ausbildungsstationen zu durchlaufen. Eine davon ist das Reiten der Schulsprungpferde. Das ist tatsächlich den Männern vorbehalten. Woran das liegt, kann ich nicht wirklich sagen, aber ich kann mir vorstellen, dass es mit der Heftigkeit der Sprünge zu tun hat. Das hat etwas Martialisches und Viriles. Vor allem, wenn man zwischen den Pilaren auf dem Pferd sitzt, zwei Écuyers auf jeder Seite und einer hinter dem Pferd mit einer langen Peitsche, die die Bewegung auslösen soll. Häufig wird der zuletzt rekrutierte Bereiter aufs Pferd gesetzt, und dann wird getestet, wie sattelfest er ist. Eine Frau in dieser Situation – da würden wir Männer uns vermutlich nicht so wohlfühlen. Gleichzeitig finde ich, dass ein Schulspringer grundsätzlich von jedem zu reiten sein muss. Das ist keine Frage körperlicher Stärke. Auch wenn die Bewegungen heftig sein können, muss die Ausbildung ein feines und durchlässiges Pferd hervorbringen.

Wenn man alte Videos im Schloss von Saumur sieht, wirkt gerade die Ausbildung der Springer recht hart. Wie werden die Pferde heute ausgebildet? Und wie stehen Sie zu Hilfsmitteln wie Schlaufzügeln? Gibt es Reiter des Cadre Noir, die Schlaufzügel einsetzen?
Largy: Wir sind uns heute bewusst, dass die Arbeit mit den Springern durchaus einen harten Eindruck machen kann, vor allem wenn die Lektionen an der Hand ausgeführt werden, weil sie da mit der Gerte abgefragt werden. Allerdings muss man ein korrekt ausgebildetes und gut an den Hilfen stehendes Pferd niemals touchieren. Es wird vorbereitet, mobilisiert sich am Platz, und man muss lediglich die Hand heben, um die Gerte zu zeigen, damit es die Croupade ausführt. Was die Schlaufzügel betrifft: Ja, es gibt Reiter, die Schlaufzügel nutzen, weil sie meinen, damit Zeit zu gewinnen. Ich denke, die Écuyers müssen so logisch, gesunderhaltend und in Leichtigkeit arbeiten, dass man ihnen von außen betrachtet keine Vorwürfe machen kann. Ich lehne Schlaufzügel aus folgendem Grund ab: Diese Form der Arbeit steht logischer und wahrer Gymnastizierung diametral gegenüber, da man mit dem Schlaufzügel ganz bewusst das Pferd von vorne nach hinten reitet. Dadurch verkürzt sich die Halsung, und der Rücken blockiert. Man hat also nur den Eindruck, Zeit zu gewinnen, weil man den Kopf in eine bestimmte Position bringt. In Wirklichkeit zahlt man irgendwann einen großen Preis für diese falsche Vorgehensweise.