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Der Club der nächsten Stifter


Stiftungswelt - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 12.12.2019

Wohin entwickelt sich das Stiften? Eine Spurensuche


In einer schönen Berliner Altbauwohnung treffen sich ein Dutzend gute Bekannte überwiegend aus der Start-up-Szene zum Dinner. Wir sprechen über Finanzierungsrunden, über Familie, die aktuellen politischen Geschehnisse – und bald auch über Geld. Jede und jeder am Tisch hat Vermögen, das deutlich über den eigenen Bedarf oder auch den einer Familie hinausgeht – und interessiert sich weniger für teure Uhren oder Segelyachten als vielmehr für die Frage: Wie können wir die Welt verbessern?


„Wie die meisten meiner Freunde erwarte auch ich von meinem ...Verena Pausder (40), Digitalunternehmerin

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... philanthropischen Engagement, dass es unternehmerisch funktioniert“


Als die Rede auf Stiftungen kommt, sind aber auch die sonst in Finanzfragen überaus ausgebufften Gründerinnen und Investoren am Tisch unsicher. Sie haben die Stiftungen der Eltern- und Großelterngeneration vor Augen, die sie eher als statisch und unflexibel empfinden. Wie in ihren Unternehmen hinterfragen sie alles, suchen auch in ihrem gesellschaftlichen Engagement nach der Disruption, den Nischen, der Skalierung. Sie sind überrascht, als ich ihnen erzähle, wie viele Gestaltungsmöglichkeiten ihnen die Rechtsform der Stiftung bietet. Einige aus der Runde sehen wir wenige Wochen später bei uns im Haus Deutscher Stiftungen wieder, wo sie sich über die rechtlichen Voraussetzungen einer Stiftungsgründung beraten lassen.

Reise durch Stiftungsdeutschland

Es sind Orte wie diese, an denen ich in den letzten Jahren erleben durfte, wie das nächste Stiften Form annimmt. In diesem Artikel möchte ich Sie auf eine Reise mitnehmen, die man wie alle Reisen am besten mit großer Offenheit für das Neue und mit dem Hinterfragen des eigenen Standpunktes beginnt. Sie wird uns von den Arbeits- und Esstischen der Berliner Gründerszene über Amtszimmer der Bundesministerien und fluchtartig verlassene Büros in Budapest bis in den äußersten Südwesten der Republik, ins badische Lörrach, führen und von dort aus über einen Landgasthof in Wipperfürth im Bergischen Land, das Fußballstadion in Duisburg und die niedersächsische Landeshauptstadt Hannover zurück nach Berlin ins Schloss Bellevue.

Der Bundesverband erfasst bei seinen Mitgliedern das Alter der Stiftenden nicht systematisch. Dennoch wissen wir, dass sich unter den über 500 Neumitgliedern der vergangenen drei Jahre ungewöhnlich viele Gründerinnen und Gründer finden, die schon zu Beginn und nicht erst am Ende ihrer Laufbahn stiften. Und das ist nur eine der Gemeinsamkeiten zwischen Organisationen wie der Guerrilla Foundation, der nebenan. de-Stiftung oder der Purpose Stiftung. Sie stören sich nicht daran, Anliegen auch offensiv in den politischen Raum zu tragen, sie verbinden eine gemeinnützige mit einer unternehmerischen Vision, sie binden viele Interessierte in verantwortlichen Rollen ein, sie denken und handeln entlang von Ideen, die nicht an Landesgrenzen enden. Und sie werden seltener gegründet als Stiftungen bürgerlichen Rechts und häufiger als Stiftungen in Form eingetragener Vereine oder gemeinnütziger GmbHs.

Diese Trends sind freilich keine Domäne der Jüngeren. Die Kreuzberger Kinderstiftung hat schon eine längere Geschichte hinter sich, als sie sich als gemeinnützige Stiftungs-Aktiengesellschaft sozusagen ein zweites Mal gründet. Der Stifter Peter Ackermann erzählt bei einem Spaziergang im Garten des Stiftungshauses am Berliner Landwehrkanal, wie ihn die Vision einer Übergabe in viele Hände inspiriert hat. Die Stiftung versteht er nicht als sein eigenes Instrument, sondern als Plattform für viele, die Ideen, Engagement oder Geld beitragen. Diese Öffnung für Mitstiftende ist natürlich auch eine Antwort auf die Niedrigzinsphase, die er wie fast alle anderen Gesprächspartner für diesen Artikel als prägende Herausforderung für die eigene Stiftung empfindet.


„Klar ist das ein Thema für mich, aber ich habe noch große Rückfragen an das Modell Stiftung, bevor ich mich festlegen will“
Rubin Ritter (37), Vorstand, Zalando


Die oftmals engen Grenzen für die Bewirtschaftung eines Grundstockvermögens sind auch ein Thema am anderen Ende Deutschlands, im badischen Lörrach. Dort beschreibt der Stifter Hans Schöpflin eine andere Lösung. Er verwaltet sein philanthropisches Vermögen in einem Family Office, und die Stiftung arbeitet aus Erträgen, die ihr jährlich überwiesen werden.


„Mein Vermögen wird im Family Office verwaltet. So bin ich flexibel, was die Zuwendungen an meine Stiftungen angeht“
Hans Schöpflin (78), Investor und Stifter, Schöpflin Stiftung und Panta Rhea Foundation


Family Offices verwalten das Vermögen einer Eigentümerfamilie in eigener Hand, und ihr Aufstieg in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat zunehmend dazu geführt, dass sie für viele Familien auch im stifterischen Engagement eine zentrale Rolle spielen. Eine Konsequenz: Die Budgets der Stiftungen sind immer häufiger deutlich größer, als sich aus dem Vermögensstock und seinen Erträgen allein erklären ließe. Ist die Zeit neuer großer Stiftungsvermögen vielleicht vorbei?

Lieblingslösung der Politik

Die Suche nach den finanzstärksten Stiftungsgründungen unserer Zeit führt uns auch deshalb aus den Privathäusern hinaus und ausgerechnet in die Amtsstuben der Ministerien hinein. Die Stiftung ist inzwischen zu einer Art Lieblingslösung der Politik geworden und die öffentliche Hand zur größten Stifterin Deutschlands. Die RAG-Stiftung, die vor zwölf Jahren zur Abwicklung des Steinkohlebergbaus gegründet wurde und inzwischen 17 Milliarden Euro schwer ist, wurde vor zwei Jahren noch durch den Atomfonds übertroffen. In der Stiftung des öffentlichen Rechts sollen 24 Milliarden Euro so angelegt werden, dass alle zukünftigen Kosten der kerntechnischen Entsorgung gedeckt sind.

„Für die meisten Stiftungsgründer bedeutet die Niedrigzinsphase, dass der Traum vom einfachen Stiften kaputt ist“
Dr. Daniel Terberger (52), Unternehmer

Weil aber selbst große Vermögen inzwischen innerhalb der Risikoparameter von Stiftungen kaum noch ertragsstark anzulegen sind, ist ein anderes Modell häufiger anzutreffen: Wie bei der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt, deren Gründung im mecklenburgischen Neustrelitz nach einem richtigen Politikkrimi über konkurrierende Bundesministerien jetzt doch zustande kommt, sind die meisten Stiftungsgründungen der Politik von jährlichen Haushaltszuweisungen abhängig.


„Wir möchten das Unternehmen dauerhaft an den guten Zweck binden. Eine Stiftung könnte ein Teil der Lösung sein, aber nicht gerade der, der den meisten gleich einfällt“
Jonna Meyer-Spasche (40), Familienmitglied und Stakeholdermanagement, Bohlsener Mühle


Fast wären in dieser Legislaturperiode noch zwei weitere prominente Stiftungen entstanden: Das britische National Endowment for Science, Technology and the Arts (NESTA) hatte der Bundesregierung vorgeschlagen, eine deutsche Innovationsstiftung zu gründen. Auch weil kein Vermögen zusammenkam, das einen nennenswerten Ertrag hätte generieren können, gibt es jetzt in einem ersten Schritt eine laufend finanzierte Agentur für Sprunginnovationen.

Die neueste politische Stiftungsidee ist nur einige Wochen alt: Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier schlug damals sogar eine bis zu 50 Milliarden Euro schwere Klimastiftung vor, an der sich auch Bürgerinnen und Bürger über Spenden sowie eine Art verzinste Anleihe hätten beteiligen können. Die Stiftung ist als Instrument für Ewigkeitslasten und vom Politikalltag unabhängige Förderaufgaben kaum noch aus der Politik wegzudenken.

Welche Umfelder brauchen Stiftungen?

Dass internationale Stiftungen zunehmend Deutschland als (zusätzlichen) Standort wählen, ist eine weitere Auffälligkeit der aktuellen Entwicklung im philanthropischen Engagement. Mit dem britischen Wellcome Trust, der Bill & Melinda Gates Stiftung und den Open Society Foundations (OSF) sind drei der fünf größten Stiftungen seit Kurzem in Berlin präsent. Besonders der durch politische Repressalien erzwungene Umzug der OSF aus Budapest könnte einen Trend auslösen. Denn ihre verlassenen Büros in der ungarischen Hauptstadt sind für die Zivilgesellschaft ein Symbol dafür, dass Stiftungen zur Not umziehen und jenseits der Landesgrenzen tätig sein können, wenn der politische Druck zu groß wird.

Eine eigene Meinung zu vertreten, grenzüberschreitend zu arbeiten oder seinen Sitz zu verlegen, das sind Freiheiten, die in Europa eigentlich für alle Personen und Unternehmen garantiert sind. Stiftungen können von einer entsprechenden Rechtssicherheit nur träumen. Auch wegen der „Causa OSF“ gibt es in Brüssel erstmals ernsthafte Diskussionen über eine aktive Stiftungspolitik. Denn auch Stiftungen benötigen mehr als das Geld und den Willen einer Einzelperson.