Lesezeit ca. 13 Min.
arrow_back

DER CODEKNACKER


Logo von Antike Welt
Antike Welt - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 21.09.2022

Die Vorgehensweise von Champollion erforderte, dass alle Aspekte der Kultur aus einer rein ägyptischen Perspektive betrachtet wurden, und zu den Hilfsmitteln, die dies ermöglichten, gehörte natürlich die koptische Sprache. Von ihr behauptete er, dass sie «nichts anderes als die ägyptische Sprache, vermischt mit einigen griechischen Ausdrücken» sei und dass «sie uns vielleicht zur Interpretation der Hieroglyphen führen kann, mit denen sie in irgendeiner Weise in Verbindung gestanden haben muss». Diese unter Orientalisten verbreitete Ansicht war damals alles in allem recht banal; sie wurde sogar schon von dem hannoverschen Universalgelehrten Wilhelm Gottfried Leibniz (1646−1716) geäußert. Champollion traf sich mit koptischen Priestern, kopierte verfügbare Manuskripte, analysierte Grammatiken und wälzte alle Wörterbücher, die ihm in die Hände fielen. Er investierte mehr als jeder andere in das ...

Artikelbild für den Artikel "DER CODEKNACKER" aus der Ausgabe 5/2022 von Antike Welt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Antike Welt, Ausgabe 5/2022

Abb. 1 In seinen Studien über das Koptische nimmt der Begriff der «Wurzel», der sich als wesentlich für das Verständnis der Sprache der Pharaonen erweisen sollte, eine zentrale Stellung ein. Diese Seite aus dem Manuskript seiner Ägyptischen Grammatik (BnF, NAF 20373, S. 6 [= S. 13]) ist ein direkter Beleg dafür.
Weiterlesen
epaper-Einzelheft 9,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Antike Welt. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 5/2022 von DIE ENTZIFFERUNG. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DIE ENTZIFFERUNG
Titelbild der Ausgabe 5/2022 von Internationale Nachrichten. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Internationale Nachrichten
Titelbild der Ausgabe 5/2022 von HIEROGLYPHEN DER BESONDEREN ART. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HIEROGLYPHEN DER BESONDEREN ART
Titelbild der Ausgabe 5/2022 von ENTZIFFERUNG ANTIKER SCHRIFTSYSTEME. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ENTZIFFERUNG ANTIKER SCHRIFTSYSTEME
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
15 JAHRHUNDERTE VERGESSEN
Vorheriger Artikel
15 JAHRHUNDERTE VERGESSEN
HEGEL UND DAS ALTE ÄGYPTEN
Nächster Artikel
HEGEL UND DAS ALTE ÄGYPTEN
Mehr Lesetipps

... Studium dieser Sprache. Er arbeitete an einer Grammatik und einem Wörterbuch der koptischen Sprache, von denen zahlreiche Manuskripte zeugen, die jedoch nie veröffentlicht wurden (Abb. 1).

Heureka! Der große Durchbruch

Die Dinge änderten sich 1821/22, als Champollion in Paris zwei Memoires über das Hieratische und das Demotische vorbereitete und vor der Académie royale des Inscriptions et Belles-Lettres vortrug. Darin zeigte er, dass diese beiden Schriften immer kursivere Formen der Hieroglyphenschrift sind, da die Zeichen der Hieroglyphenschrift mit denen der hieratischen und demotischen Schriften Zeichen für Zeichen übereinstimmen. Insgesamt gehören sie also alle zu ein und demselben Schriftsystem (Abb. 2). Doch obwohl die Übereinstimmung zwischen den drei großen Schriften Ägyptens von da an feststand, zog er lange Zeit die falsche Schlussfolgerung hinsichtlich der Natur des gesamten Systems: Er behauptete, dass «die demotische Schrift, wie die hieroglyphische Schrift und wie die hieratische Schrift, ihrer Natur nach ideografisch war». Er war noch weit davon entfernt, sich ein gemischtes System vorzustellen: Zwischen der ideografischen (d. h. ein Zeichen ist ein Wort) und der alphabetischen Schrift musste er sich für eine Seite entscheiden.

Die grundsätzliche Einheit der Schriften ermöglichte es ihm jedoch, einen Teil des Schleiers zu lüften und zum ersten Mal die phonographische (d. h. Zeichen drückt Laut aus) Dimension der Hieroglyphenschrift zu erahnen. Da Åkerblad nachgewiesen hatte, dass die griechischen Eigennamen im demotischen Text des Steins von Rosette «alphabetisch» geschrieben wurden, musste die Identität der Systeme ihn dazu führen, «die Reihe der Hieroglyphen zu enthüllen, die, als Ausnahme von der allgemeinen Natur der Zeichen dieser Schrift, mit der Fähigkeit ausgestattet waren, die Laute der Wörter auszudrücken, und die dazu dienten, auf den öffentlichen Denkmälern Ägyptens die Titel, Namen und Beinamen der griechischen oder römischen Herrscher, die nacheinander regierten, zu vermerken». Er fasst seine Argumentation auf klare Weise zusammen: «Nachdem ich die Verwendung dieser phonetischen Zeichen in der demotischen Schrift festgestellt hatte, musste ich natürlich daraus schließen, dass, da die Zeichen dieser Volksschrift, wie ich dargelegt habe, aus der hieratischen oder priesterlichen Schrift entlehnt waren, und da die Zeichen dieser hieratischen Schrift, wie aus meinen verschiedenen Memoires hervorgeht, nur eine verkürzte Darstellung, eine echte Tachygraphie der Hieroglyphen sind, dass diese dritte Art der Schrift, die reine Hieroglyphenschrift, ebenfalls eine gewisse Anzahl ihrer Zeichen hat, die die Fähigkeit besitzen, Laute auszudrücken; Mit einem Wort, dass es auch eine Reihe von phonetischen Hieroglyphen gab.»

Es ist diese Entdeckung, die als «Entzifferung» festgehalten wird, wobei der 27. September 1822 als offizielles Datum gilt. An diesem Datum trug Champollion in der Académie royale des Inscriptions et Belles-Lettres einen Text – datiert auf den 22. September – vor, der im folgenden Monat unter dem berühmten Titel Lettre à M. Dacier, dem «ehrwürdigen Nestor der Gelehrsamkeit und der französischen Literatur» und Sekretär auf Lebenszeit der ehrwürdigen Pariser Institution, veröffentlicht wurde. Dieser Vortrag machte sein «Heureka» vom 14. September öffentlich, das in der Familiengeschichte als eine wahre Epiphanie beschrieben wird. Anschließend sei er direkt zu seinem Bruder Jacques-Joseph ins Institut gelaufen, um ihm die Nachricht zu überbringen, und habe den berühmten Ausruf Je tiens l’affaire! getätigt. Anschließend fiel er in einen kataleptischen Zustand, der auf die Intensität der Anstrengungen und die Aufregung über die intellektuelle Leistung zurückzuführen war. Jacques-Joseph übernahm die erste Redaktion des Briefes, um seinem genesenen Bruder die Arbeit zu erleichtern.

Die Klänge der Sprache der Pharaonen

Der Name «Ptolemäus», der von vielen griechischen Herrschern in Ägypten getragen wurde, ist für Champollions Entzifferung von zentraler Bedeutung. Er taucht nämlich nicht nur in der Hieroglypheninschrift des Steins von Rosette auf, sondern auch auf dem Obelisken von Philae, der die gleiche Sequenz von Hieroglyphenzeichen in einer Kartusche trug. Die Kartusche einer Königin auf diesem Obelisken musste jedoch der Name «Kleopatra» sein (eine griechische Inschrift auf dem Sockel deutete darauf hin). Da die Namen Ptolemäus und Kleopatra im Griechischen ähnliche Buchstaben besitzen, blieb nichts anderes zu tun, als die Hieroglyphenzeichen der beiden Kartuschen zu vergleichen und zu sehen, ob die gleichen Hieroglyphen die gleichen Laute ausdrücken können. Damit wäre sichergestellt, dass die Namen der mazedonischen Herrscher in Ägypten vollständig phonetisch gelesen werden konnten. Dies tat Champollion und wurde in seiner Hypothese dadurch bestärkt, dass er beobachtet hatte, dass dies im Demotischen tatsächlich der Fall war: Ptolemäus und Kleopatra wurden dort mit mehreren identischen Schriftzeichen geschrieben (Abb. 3 a.b).

Ausgehend von diesen beiden Namen erkennt er den wahrscheinlichen phonografischen Wert von zwölf Zeichen, die elf Konsonanten (und Vokalen oder Diphthongen) des griechischen Alphabets entsprechen. Der Wert dieser Zeichen würde in Champollions Worten unbestreitbar werden, wenn «man diese Werte auf andere Kartuschen oder kleine umschriebene Tabellen anwendet, die Eigennamen enthalten und den ägyptischen Hieroglyphendenkmälern entnommen sind, und man ohne Anstrengung eine regelmäßige Lesung daraus macht, die Eigennamen von Herrschern hervorbringt, die der ägyptischen Sprache fremd sind». Und hier kommt sein ägyptologischer Enzyklopädismus im Hinblick auf die Entzifferung voll zum Tragen: Weit davon entfernt, sich auf den Stein von Rosette zu beschränken, hatte er seit jeher alle möglichen Quellen gesammelt. Diese werden nun direkt herangezogen, um die Hypothese zu überprüfen, die er anhand der Namen von Ptolemäus und Kleopatra aufgestellt hatte.

Und das System funktioniert! Er ist nun in der Lage, so unterschiedliche Namen wie Alexander, Berenike, Kleopatra und Ptolemäus zu lesen (Abb. 4). Nachdem er seine Methode an diesen griechischen Eigennamen validiert hatte, wandte er sich mit folgenden Worten an den Sekretär auf Lebenszeit, den Empfänger des Briefes: «[v] ielleicht werden auch Sie, Monsieur, meine Überraschung teilen, wenn das gleiche phonetische Hieroglyphenal- phabet, angewandt auf eine Vielzahl anderer Kartuschen, die in das gleiche Werk [die Description de l’Égypte] eingraviert sind, Ihnen die Titel, die Namen und sogar die Spitznamen der römischen Kaiser liefern wird, die in griechischer Sprache ausgesprochen und mit den gleichen phonetischen Hieroglyphen geschrieben wurden». Es ist also die gesamte Periode der griechisch-römischen Zeit Ägyptens, die in den ägyptischen Quellen plötzlich «lesbar» wird, mit den Folgen, die man sich für die Datierung bis dahin stummer Quellen vorstellen kann.

In seiner Précis betont er übrigens, dass das erste Ergebnis seiner Entzifferung mit dem Lettre à M. Dacier «darin bestand, die Chronologie der Monumente Ägyptens unwiderruflich festzulegen, ein großes Thema der Dissidenz in der gelehrten Welt (…)». Die Frage der Datierung des berühmten Tierkreises von Dendera (Abb. 5) z. B., die wegen ihrer möglichen Infragestellung der biblischen Chronologie Gegenstand hitziger Debatten unter Gelehrten gewesen war, wurde zur großen Erleichterung der Kirche endgültig geklärt: Man findet auf ei- nem Block, der in Ägypten geblieben war, aber von den Gelehrten der Ägyptischen Expedition kopiert wurde, eine Kartusche mit dem Titel «Autokrator», was zweifelsfrei belegt, dass der Zodiak und die ihn begleitenden Szenen «von ägyptischen Händen unter der Herrschaft der Römer gemeißelt» wurden.

Wir sehen also, dass Champollion über den Stein von Rosette hinausgeht, der nur den Namen «Ptolemäus» im hieroglyphischen Text enthielt, und seine phonographische Lesemethode auf viele andere Quellen anwendet. Außerdem erkennt er, was sich später als grundlegend erweisen sollte, dass die hieroglyphischen Zeichen mit phonographischem Wert nicht zufällig ausgewählt wurden: Wenn der Mund z. B. den Laut /r/ notiert, dann deshalb, weil der Mund im Koptischen «ro» heißt, dessen erster Laut tatsächlich ein /r/ ist. Diese Ableitung durch Akrophonie zeigt, dass es eine wesentliche Verbindung zwischen der ägyptischen Schrift und der Sprache der Pharaonen gibt, und beseitigt in Champollions eigenen Worten «jede Ungewissheit über die Wahrheit des Prinzips», das er vertritt.

Der Lettre à M. Dacier ist jedoch ganz der Transkription der Namen und Titel griechisch-römischer Herrscher gewidmet, während der grundsätzlich ideografische Charakter der Hieroglyphenschrift immer wieder bekräftigt wird. Am Ende seines Briefes fügte er jedoch hinzu: «Ich habe die Gewissheit, dass dieselben hieroglyphisch-phonetischen Zeichen, die verwendet werden, um die Laute der griechischen und römischen Eigennamen darzustellen, auch in ideografischen Texten verwendet werden, die sehr viel früher gemeißelt wurden (…), und dass sie in bestimmten Fällen bereits denselben repräsentativen Wert für Laute oder Artikulationen haben (…)». Er stützt seine Argumentation auf folgende Tatsachen: Wenn es die griechisch-römischen Kulturen gewesen wären, die die Ägypter dazu veranlasst hätten, eine Alphabetschrift anzunehmen, hätten sie diese wahrscheinlich nachgeahmt, indem sie alle Laute der Sprache, einschließlich der Vokale, notiert hätten. Dies war jedoch nicht der Fall. Außerdem hatte er beobachtet, dass Zeichen, die in ptolemäischen und römischen Kartuschen verwendet wurden, um Laute zu notieren, bereits in Inschriften aus früheren Epochen weitgehend belegt waren und daher zumindest in einigen Fällen bereits einen phonographischen Wert haben könnten.

Der krönende Abschluss der entzifferung

Es ist bekannt, dass er bereits zu diesem Zeitpunkt in der Lage war, die Kartuschen berühmter ägyptischer Könige wie Ramses oder Thutmosis zu lesen, aber er hatte noch nicht alle Konsequenzen aus seiner Lektüre gezogen und wollte wahrscheinlich vermeiden, ein System der Kritik auszusetzen, dessen gesamte Funktionsweise er nicht detailliert aufschlüsseln konnte (Abb. 6). Zwar vermutete er die frühere Verwendung von Hieroglyphenzeichen zur Aufzeichnung von Lauten, doch war er – wie er selbst zugab – noch weit davon entfernt, deren volles Ausmaß zu erfassen. Zunächst dachte er, dass nur fremde Wörter und Namen mithilfe von phonographischen Zeichen notiert wurden, bevor er erkannte, dass sie ein wesentlicher, notwendiger und untrennbarer Bestandteil jeder hieroglyphischen Inschrift waren. Es handelte sich um die «Seele» dieser Schrift.

In seinem Anfang 1824 erschienenen Précis du système hiéroglyphique lieferte er den endgültigen Beweis dafür, dass die ägyptische Schrift nicht nur ideografisch war, die aus Zeichen für Ideen bestand. Wie Champollion in Form einer captatio benevolentiae bekannte: «Ich hatte diesen Irrtum auch lange Zeit geteilt, und ich beharrte auf diesem falschen Weg bis zu dem Zeitpunkt, als die Sachlage mir die hieroglyphische Schrift unter einem völlig unerwarteten Gesichtspunkt vor Augen führte, indem sie mich sozusagen zwang, einer Menge von hieroglyphischen Gruppen, die in den Inschriften enthalten sind, die ägyptische Monumente aller Altersstufen schmücken, einen phonetischen Wert zuzuerkennen».

Er stellt dieses Werk als logische Fortsetzung seines L’Égypte sous les Pharaons von 1814 dar. Er behauptet, dass die Identifizierung des phonographischen Werts bestimmter Zeichen im Lettre à M. Dacier der «Schlüssel zum Hieroglyphensystem» gewesen sei, da es die Identifizierung dieser Phonogramme war, die es ihm in einem zweiten Schritt ermöglichte, in den ägyptischen Texten die Verwendung von zwei anderen Arten von Zeichen zu erkennen, «die sich mit den Zeichen der ersten Art koordinieren und kombinieren ließen».

In diesem Aufsatz, von dem viele Passagen vollständig in seine Grammatik übernommen wurden, die posthum von seinem Bruder veröffentlicht wurde, zählte er 864 verschiedene Hieroglyphenzeichen, die ein komplexes System bildeten: «Eine sowohl figurative als auch symbolische und phonetische Schrift in ein und demselben Text, ein und demselben Satz, ich würde sagen, fast in ein und demselben Wort» (Abb. 7). Die ständige Vermischung der drei Zeichenarten wird insbesondere durch alle von ihm gesammelten Varianten der Kartuschen von Ramses II. illustriert, für die er eine detaillierte Analyse vorschlägt (vgl. Abb. 6).

Was folgte, war ein Triumphzug zwischen Europa und Ägypten: von den ägyptischen Sammlungen in Italien, mit Champollions längerem Aufenthalt im Turiner Museum, bis hin zu den Monumenten im Land der Pharaonen selbst, mit der französisch-toskanischen Expedition von 1828/29, analysierte Champollion unablässig alle verfügbaren Quellen (Abb. 8). Diese bestätigten und präzisierten die zwischen 1822 und 1824 erarbeiteten Grundprinzipien fortwährend.

Ruhm, Teilhabe und Kritik an der Entdeckung

Die Genauigkeit der Methode zum Lesen der Hieroglyphen, die Champollion auf der Sitzung der Académie des Inscriptions et Belles-Lettres am 27. September 1822 vorschlug, wurde von den anwesenden Wissenschaftlern schnell anerkannt, angefangen bei Silvestre de Sacy, seinem ehemaligen Lehrer, über Alexander von Humboldt bis hin zu Thomas Young selbst, der – wie es der Zufall manchmal so will – gerade in Paris war, um einen Vortrag von Fresnel über die Theorie des Lichts zu hören. Die Nachricht von der Entdeckung verbreitete sich bald in ganz Europa und wurde von der intellektuellen Welt begeistert aufgenommen. Champollion betonte mit der für ihn typischen Bescheidenheit: «[m]ein hieroglyphisches Alphabet war (…) auf so viele Tatsachen und überzeugende Anwendungen gestützt, dass ich weniger Widersacher als Ansprüche auf die Teilhabe an meiner Entdeckung fürchten musste».

Der erwartete Ruhm der Entzifferung war in der Tat so groß, dass es für diejenigen, die sie auf die eine oder andere Weise ermöglicht hatten, schwierig war, keinen Anspruch auf ein Stück des Kuchens zu erheben. Dies war natürlich auch bei Thomas Young der Fall. Der englische Wissenschaftler, der sich seiner Verdienste bewusst war und wahrscheinlich durch Champollions etwas hochstaplerischen Ruf in seinen Ansprüchen bestärkt wurde, bewunderte Champollion neidisch. Er wechselte zwischen der Anerkennung seiner Verdienste – «obwohl er sich einen englischen Schlüssel ausgeliehen hatte, war das Schloss so schrecklich verrostet, dass kein Arm stark genug gewesen war, es zu drehen», wie er in einem Brief an W. Hamilton bemerkte – und dem Anspruch auf Vorrang, der in seinem 1823 in London veröffentlichten Essay An account of some recent discoveries in hieroglyphical literature, and Egyptian antiquities; including the author’s original alphabet, as extended by M. Champollion deutlich wird. Champollion habe also nur «sein Alphabet erweitert». Zudem schreibt Young sich die Aufdeckung der ersten (gemeint ist «grundlegenden») Elemente zu, auf denen alle Aspekte von Champollions Forschungen zur ägyptischen Schrift beruhen.

In seiner Précis antwortete Champollion auf Youngs Forderung mit der scheinbaren Liberalität des Siegers, indem er Thomas Young bescheinigte: «dass er als erster einige genaue Vorstellungen über die antiken Schriften Ägyptens veröffentlicht hat; dass er auch als erster einige wahre Unterscheidungen in Bezug auf die allgemeine Natur dieser Schriften getroffen hat, indem er durch einen materiellen Vergleich der Texte den Wert mehrerer Gruppen von Schriftzeichen bestimmt hat. Ich erkenne auch an, dass er vor mir seine Ideen über die Möglichkeit der Existenz einiger Lautzeichen veröffentlicht hat, die verwendet wurden, um Eigennamen, die nicht aus Ägypten stammen, in Hieroglyphen zu schreiben; schließlich hat Herr Young auch als erster, aber nicht mit vollem Erfolg, versucht, den Hieroglyphen, aus denen die beiden Namen Ptolemäus und Berenice bestehen, einen phonetischen Wert zu geben». Er fügte jedoch sofort hinzu, dass «trotz der umfangreichen Vorarbeiten und Bemühungen des gelehrten Engländers noch alles zu tun bleibt, damit wir uns ein richtiges Bild von der Hieroglyphenschrift machen können».

Die ungeheure Stärke von Champollions System besteht darin, dass man damit streng genommen jeden neuen ägyptischen Text lesen und sprachliche Bedeutung erzeugen kann, wo man bis dahin nur mysteriöse ideografische Symbole gesehen hatte. Man könnte daher zu Recht annehmen, dass die Vorbehalte gegen seine Entzifferung nur von Spinnern oder Außenseitern geäußert werden. Doch weit gefehlt. Drei Beispiele aus verschiedenen Bereichen des kritischen Spektrums sollen dies verdeutlichen. Zunächst müssen wir den Skeptikern wie Julius von Klaproth (1783–1835), einem bedeutenden Orientalisten preußischer Herkunft, einen Platz einräumen. Unmittelbar nach Champollions Tod veröffentlichte er eine Kritische Überprüfung der Arbeiten des verstorbenen Herrn Champollion über die Hieroglyphen. Darin betonte er die seiner Meinung nach überragende Bedeutung der Arbeiten von Thomas Young und äußerte sich zurückhaltend zu den Ergebnissen Champollions und deren möglicher Verallgemeinerung. Der folgende Auszug fasst seine Kritik gut zusammen: «Wenn man die Entdeckungen von Herrn Champollion sorgfältig prüft, kommt man zu der Überzeugung, dass sie nur dazu dienen können, einen Teil der Namen der Könige von Ägypten zu lesen, dass sie aber wahrscheinlich niemals zu einem auch nur oberflächlichen Verständnis der ägyptischen Inschriften und der zahlreichen Schriften auf Papyrus führen werden, die man in den Gräbern dieses Landes findet: So war dieser Gelehrte bei der Übersetzung des kleinsten Satzes gezwungen, Wörter zu erfinden, die nicht koptisch sind, und die er durch keine Autorität rechtfertigen kann. Man begreift also, dass die Arbeit des Dolmetschers nicht sehr schwer war, da er den unbekannten Zeichen einer Inschrift den Wert geben konnte, der ihm angemessen erschien, und selbst die Sprache konstruieren konnte, in der sie nach seinem Willen geschrieben worden sein sollte».

Champollions Veröffentlichungen enthielten seiner Meinung nach zu viele unbewiesene Fakten, und für ihn als strengen Philologen war es vorrangig, mehr lexikalische und grammatikalische Informationen über die koptische Sprache zu sammeln, bevor er sich an die Interpretation der ägyptischen Inschriften wagte.

Es folgten die Befürworter alternativer Entzifferungssysteme. Ein Beispiel hierfür ist Gustav Seyffarth (1796–1885), der die Nachfolge von Friedrich Spohn (1792–1824) an der Universität Leipzig antrat und der sich ebenfalls an der Entzifferung der Hieroglyphen versucht hatte. Seyffarth veröffentlichte 1826 eine Abhandlung mit dem Titel Rudimenta hieroglyphices, in der er jegliche ideografische Interpretation der Hieroglyphen widerlegte und eine rein alphabetische Lesemethode für die ägyptische Schrift vorschlug. Damit leugnete er die gemischte Natur des Hieroglyphensystems, das nicht nur auf Phonogramme, sondern auch auf Wortzeichen (Logogramme) und Determinative (auch bekannt als Klassifikatoren) zurückgreift. Er beharrte sein ganzes Leben lang auf diesem Irrtum, doch Champollions Urteil wartete nicht auf die Zahl der Jahre: «Was den Seyffarth betrifft, so ist er ein Narr, von dem wir sehr gut daran tun, uns nicht um ihn zu kümmern.» (Champollion, Brief an seinen Bruder, Livorno, 15. Mai 1826).

Bis zur Mitte des 19. Jhs. hatte die symbolische Interpretation der Hieroglyphen also in der besten Wissenschaft weitergelebt. Seitdem bemühen sich Generationen von Ägyptologen darum, die altägyptischen Textquellen in Champollions Fußstapfen immer besser zu verstehen.

Adresse des Autors

Stéphane Polis Bât. A1 Égyptologie Université de Liège Place du 20-Août 7 Be-4000 Liège

Bildnachweis

Abb. 1. 2. 7. 8: © Bibliothèque nationale de France; 3. 4. 6: © ULiège; 5: © akg-images / Werner Forman.

Literatur

J. Z. BUCHWALD / D. Gr. JOSeFOWICZ, The riddle of the rosetta: how an english polymath and a French polyglot discovered the meaning of egyptian hieroglyphs (2020).

J.-Fr. CHAMPOLLIOn, Lettre à M. Dacier (…) relative à l’alphabet des hiéroglyphes phonétiques employés par les Égyptiens pour inscrire sur leur monuments les titres, les noms et les surnoms des souverains grecs et romains (1822).

DerS., Précis du système hiéroglyphique des anciens égyptiens ou recherches sur les élémens premiers de cette écriture sacrée, sur leurs diverses combinaisons, et sur les rapports de ce système avec les autres méthodes graphiques égyptiennes (1824).

DerS., Grammaire égyptienne ou Principes généraux de l’écriture sacrée égyptienne appliquée à la représentation de la langue parlée (1836).

K. MADrIGAL, Jean-François et Jacques-Joseph Champollion. L’aventure du déchiffrement des hiéroglyphes. Correspondance choisie et présentée (2021).