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Der dreckige Rest


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 18.01.2019

Umwelt Mehr als 5,25 Billionen Kunststoffteile schwimmen in den Meeren. Die Welt erstickt am Abfall, und die Deutschen, angeblich Recyclingweltmeister, sind daran nicht so unschuldig, wie sie denken. Kein Volk in Europa produziert mehr Verpackungsmüll. Doch es gibt Wege aus der Plastikfalle.


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 4/2019

PET-Sammellager in Rumänien


IOANA MOLDOVAN / EST&OST / DER SPIEGEL

Der Grindwal, der halb tot in einem Kanal zwischen Thailand und Malaysia trieb, hatte keine Chance mehr. Nach tagelangem Siechtum sammelte er noch einmal letzte Kräfte und erbrach fünf Plastiktüten. Dann starb er.

Die Nachricht über das tote Tier ...

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... schaffte es im Juni vergangenen Jahres sogar in deutsche Zeitungen. Unter der Rubrik »Vermischtes« wurde über die acht Kilogramm Plastikmüll berichtet, die sich im Magen des Wals angesammelt hatten. Staaten wie Thailand und Malaysia, hieß es mitunter, bekämen das Problem mit dem Kunststoffabfall nicht in den Griff.

Doch so einfach ist die Sache nicht.

Wer die Küste etwas weiter nach Süden fährt, unterhalb von Kuala Lumpur in den Fluss Sungai Langat einbiegt und nach ein paar Kilometern den säuerlichen Geruch der wilden Müllhalden in Ufernähe wahrnimmt, der ahnt, warum. In der Nähe eines Dorfes namens Jenjarom stapelt sich auf über einem Hektar deutscher, britischer und spanischer Abfall. Greenpeace-Rechercheure haben die Depots vor drei Monaten entdeckt und Fotos der drei bis sechs Meter hohen Hügelketten aus Kunststoff gemacht: Fetzen von Pepsi-Gebindeplastik sind darauf zu sehen, Gewürzspekulatius-Tüten von Bahlsen, Edeka-Speise zwiebelnetze. Auf einer Packung Eduscho-Kaffee war der Hersteller gut zu lesen: Tchibo, Überseering, Hamburg.

Von der Hansestadt auf die Halde bei Kuala Lumpur: Hier liegen die Reste einer Wegwerfgesellschaft, die noch immer nicht verstanden hat, dass es ein »Weg« nicht gibt. Und der Beweis, dass das deutsche Recyclingsystem gescheitert ist.

Weltmeister der Wiederverwertung? Sind die Deutschen vor allem durch Taschenspielertricks: 58,5 Prozent der Kunststoffverpackungen sollen von diesem Jahr an recycelt werden. So sieht es das neue Verpackungsgesetz vor, das seit 1. Januar in Kraft ist. Doch viele Experten hatten bereits Zweifel an den 36 Prozent, die zuvor galten und die angeblich in den Kunststoffkreislauf zurückflossen. Denn: Als recycelt gilt bereits, was in Deutschland in eine Sortieranlage geht und einer stoff lichen Verwertung zugeführt wird – und wenn es der Export nach Malaysia ist.

Jahrelang ist solcher Abfall auch nach China transportiert worden. Das Land war der Gelbe Sack der Welt. Doch die Chinesen wollen diesen Müll nicht mehr. Im März 2018 schlossen sie die Grenzen für alle Kunststoffreste, die zu mehr als 0,5 Prozent verunreinigt sind. Da der deutsche Abfall diese Auflagen meist nicht erfüllt, wächst er uns langsam über den Kopf. Wohin mit dem ganzen Plastikzeug?

Malaysia schien die Rettung. Das Land wurde zum neuen Topziel für Kunststoffreste aller Art. 84000 Tonnen, mehr oder weniger sortiert, exportierte allein Deutschland im ersten Halbjahr 2018 dorthin.

Mülltourismus im globalen Maßstab: aus den Tonnen, aus dem Sinn.

Über den gesamten Planeten hat sich über die Jahre eine unfassbare Masse Plastikmüll ergossen. Schätzungsweise 8,3 Milliarden Tonnen Kunststoff sind bis 2017 weltweit in Umlauf gekommen. Viel wurde verbrannt. Nur etwa neun Prozent wurden verwertet, was vor allem daran liegt, dass Recycling aufwendig und teuer ist. Der große Rest landete auf Deponien, irgendwo in der Landschaft, im Meer.

Und der Verbrauch von Kunststoff nimmt nicht ab, er steigt beständig – und damit der Müll. In Deutschland hat sich der Plastikabfall seit 1994 fast verdoppelt, auf inzwischen rund sechs Millionen Tonnen pro Jahr.

Der Erfolg von Kunststoff ist leicht erklärbar: Kein anderes Material ist so leicht, so formbar und so vielseitig verwendbar wie Polyethylen, Polysterol, PET, PP, PVC; die ganzen aus Öl erzeugten Polymere, die man Plastik nennt. Brillengestelle kann man daraus ebenso machen wie Schallplatten, Waffen und Sexspielzeug. Schon der Volksempfänger war aus Kunststoff, nach dem Krieg wurde Plastik zum Stoff des Wirtschaftswunders.

Die Kehrseite: Plastik, das als Verpackung meist nur für ein paar Augenblicke genutzt wird, hält eine Ewigkeit. Es verspricht Hygiene, aber seine Weichmacher können Gift sein. Plastik soll sicher sein, aber wenn es sich zersetzt, wird es gefährlich, denn die Partikel ziehen Umweltgifte an wie ein Magnet.

Forscher züchten deshalb Mikroben, die Plastik essen. Wissenschaftler fischen mit riesigen Unterwassersegeln die Meere ab. Doch hilft das gegen Müllteppiche im Pazifik, die größer sind als Deutschland? Hilft es gegen das Mikroplastik, das uns die Natur zurück auf den Teller schickt? 63 Prozent der Nordseegarnelen sind bereits damit belastet, in der Donau entdeckten Forscher streckenweise mehr Plastik als Jungfische.

Ohne Plastik könne man kaum leben, sagt EU-Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans, »aber wir können auch daran sterben«.

Die EU hat deshalb ein Ziel ausgegeben, das großartig klingt, am Ende aber doch kleinmütig ist. Ab 2030 sollen alle Plastikverpackungen wiederverwertbar sein – das ist der großartige Teil. Weitgehend freiwillig soll das geschehen – da zeigt sich der Kleinmut.

Der Druck der Industrie ist mächtig, ihre Lobby ist emsig. Fast zwei Millionen Menschen arbeiten in Europa in der Kunststoffherstellung, auch das ist ein politisches Argument.

Elf Jahre warten, was für ein Ziel! Wenn es so weitergeht, schätzen Experten, werden 2050 mehr Plastikteile als Fische in den Meeren schwimmen.

Um gegenzusteuern, hilft es, sich zwei Fragen zu stellen: Woran krankt unser System? Und wie kommen wir aus der Plastikfalle raus?

Um dies zu beantworten, lohnt es sich, die Wege des Plastikmülls zu verfolgen, bis dorthin, wo ihn die Kontrolleure längst aus dem Blick verloren haben, etwa in rumänischen Sortierund Recyclinganlagen. Es lohnt sich, mit Wissenschaftlern zu sprechen, die versuchen, besseres Plastik zu entwickeln.

Letztlich entscheidend aber ist die Frage, warum es immer noch billiger ist, mit neuem Plastik die Welt zuzumüllen, statt Ernst zu machen mit der Idee, Kunststoffe wiederzuverwerten. Woran scheitert das Konzept des Kreislaufs?

Die deutsche Fiktion

Wir leben mit einer Lüge, seit Jahren. Genau genommen seit 1990. Damals drohte Deutschland, im Müll zu versinken. Schuld war vor allem der Verpackungsmüll, der die größte Menge des Haushaltsabfalls darstellte. Die Deponien quollen über, die Kapazitäten der Müllverbrennungsanlagen reichten nicht mehr aus. Die Regierung beschloss ein Gesetz, es zwang die Hersteller, ihre Verpackungen zurückzunehmen.

Um all den Müll nicht in den Läden türmen zu müssen, durften Handel und Hersteller eine Sammelfirma gründen und gelbe Tonnen an die Straßen stellen. Das Duale System Deutschland (DSD) war geboren und mit ihm das Logo des Grünen Punkts. Seither lässt es die Deutschen vergessen, dass sie jährlich 220 Kilogramm Verpackungsmüll pro Kopf verursachen. Die Deutschen trennen fleißig, nennen sich »Weltmeister der Wiederverwertung« und glauben, sie seien damit ganz vorn beim Umweltschutz und in der Kreislaufwirtschaft. Weltweit. Die Pointe ist: Es stimmt, und es ist doch falsch.

Wenn es um das Müllsammeln, das Erfassen geht, um den Beginn des langen Prozesses, der sich Recycling nennt, da sei »der Weltmeister noch gerechtfertigt«, sagt Henning Wilts, Experte für Kreislaufwirtschaft am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. Aber: »Danach tun sich Abgründe auf.«

Die Deutschen stopfen ihre gelben Tonnen und Säcke voll. Laut Umweltbundesamt werden von den 5,2 Millionen Tonnen Plastik, die bei privaten und gewerblichen Konsumenten anfallen, 39 Prozent recycelt – was eine mehr als ordentliche Quote wäre.

Experten wie Wilts halten diese Zahl allerdings für eine »Fiktion«. Die Grünen sprechen von »Schummelquoten«. Sie kommen auf gerade mal 17,3 Prozent, weil sie Exporte und sogenannte Multilayer-Materialien, bei denen Hersteller verschiedenes Plastik verkleben und es dadurch oft unrecycelbar machen, herausrechnen. Wilts kommt auf eine noch dürftigere Quote. Tatsächlich wieder in den Kreislauf der Kunststoffherstellung kämen nur 0,8 Millionen Tonnen der Sammlung – gerade mal 5,6 Prozent des jährlich gebrauchten Neumaterials.

Die offizielle Statistik ist geduldiger als Altpapier: Für Müllexporte, immerhin 1,2 Millionen Tonnen (2017), gibt es nicht einmal die Pflicht nachzuweisen, ob der Dreck wiederverwertet oder verbrannt wurde oder einfach auf Deponien lan dete.

Zum Beispiel in Rumänien. Den Verdacht, dass das Land mit seinen vielen Deponien, Entsorgungs-Start-ups und Abfall-Glücksrittern als Müllkippe Europas missbraucht wird, gibt es schon lange. Gewissheit darüber hat das rumänische Umweltministerium seit dem Juni 2016.

Damals stoppte die rumänische Polizei zusammen mit Ermittlern des Umweltamts 16 Laster an der Grenze zu Ungarn. Etwa 20000 Kilogramm Müll hatte jeder Lkw geladen, die meisten kamen aus Deutschland. Der Müll, heißt es im internen Bericht, der dem SPIEGEL vorliegt, habe »stechend« gestunken, er sei unsortiert und schmutzig gewesen.

Er habe mitnichten die Recyclingqualität gehabt, die in den Begleitpapieren ausgewiesen war. Die Laster waren demnach illegal unterwegs. Aber wohin?

Die Dokumente nennen zwei Unternehmen als Empfänger des Großteils der schmutzigen Fracht. Das Gelände der ersten Firma, Ecoline Acvila, liegt ein paar Kilometer nördlich des Bukarester Flughafens und sieht aus, als sei es gerade erst von den letzten Mitarbeitern verlassen worden. Bigpacks mit geschredderten Plastikstückchen liegen quer über den Hof verteilt, hinter einer Halle türmen sich Kunststoffreste, die auf Verarbeitung warten. Zwei streunende Hunde bellen vor der klapprigen Schranke am leeren Pförtnerhäuschen. Die Felder ringsum sind von Plastikfetzen übersät, die der Wind herübergeweht hat. Hochwertige Fasern aus Polyester würden dort produziert, verspricht die Internetseite der Firma noch immer. Zu erreichen ist niemand.

Einige der gestoppten Lkw, die zu Ecoline sollten, kamen von Alba, einem der größten deutschen Müllentsorger. Ein Sprecher räumt auf Nachfrage ein, es seien 455 Tonnen Kunststoff an Ecoline geliefert worden, alles angeblich sortiert. In Deutschland gebe es nicht genug Recyclingkapazität. Außerdem sei die Anlage durch einen deutschen Sachverständigen geprüft worden. Bereits 2016, nur zwei Jahre nach Betriebsstart, soll Ecoline Probleme mit den Behörden bekommen haben. Das Gelände quoll schon damals über, Gewinne hat das Unternehmen nie gemacht. Heute wirkt das Areal wie eine wilde Plastikdeponie. Alba hat Ecoline nach den Problemen an der Grenze gekündigt – und neue Geschäftspartner gefunden.

Grüne Meeresschildkröte vor den Komoren


PIERRE HUGUET / BIOS / OKAPIA

»Rumänien«, sagt der Müllunternehmer Constantin Damov, 58, »ist das europäische China.« Seien die Plastikabfälle auch noch so dreckig, sie könnten nirgends sonst so kostengünstig sortiert werden. Knapp 25 Euro am Tag erhalten die Frauen an den Sortierbändern in Partnerbetrieben von Damov. Nur wenige halten den Job mehr als ein paar Wochen durch.

Damov, klein, Glatze, Typ Luis de Funès, ist Chef der Green Group, die er 2002 mit Investoren aus Taiwan gegründet hat. 3000 Menschen arbeiten für das Unternehmen, das aus Plastikresten Chemiefasern und PET-Granulat herstellt. Auch Damovs Unternehmen am Rande der Stadt Buzau war in den Lieferpapieren der gestoppten deutschen Laster angegeben.

Anders als Ecoline scheint Green Group gut im Geschäft zu sein. Auf den acht Hektar des Hauptgeländes stapeln sich große Ballen an PET-Material. Frisch eingetroffen sind Lieferungen aus kosovarischem, britischem, litauischem und deutschem Hausmüll. Riesige Maschinen schreddern und waschen das Material. Dann werden die Partikel mit Scannern optisch sortiert – der Grundstoff für neues PET, Kissenfüllungen von Ikea oder Automatten. Er mache kaum minderwertige Produkte, sagt Damov. Hersteller wie BMW und Renault nutzen sein Angebot ebenso wie Coca- oder Pepsi-Cola.

»Plastik ist kein Abfall«, sagt Damov, »sondern ein Gut.« Gebrauchtes PET ist längst ein Rohstoff, der auf dem Weltmarkt gehandelt wird. Broker bieten ihn ballen- oder containerweise an. Bis zu 500 Euro zahlt Damov pro Tonne, er ordert es sogar aus Mexiko. »In einer Kreislaufwirtschaft sollten wir eigentlich keinen Müll herumfahren, das killt den Recyclingeffekt. « Andererseits müssen die Maschinen ja laufen. Und da in Rumänien für ihn kaum etwas an Rohstoff zu holen ist, muss er den Müllrohstoff importieren.

Von einem Sammelsystem wie dem Grünen Punkt ist Rumänien weit entfernt. Trotz milliardenschwerer EU-Hilfen für Mülltrennungssysteme, landet das meiste immer noch auf Deponien. »Es gab hier keinen Wertstoffmarkt, wir mussten ihn kreieren«, sagt Damov. Also bezahlt er private Sammler, die mit ihren Kleintransportern nach Buzau kommen. Er kooperiert mit Supermarktketten wie Carrefour, die in ihren Läden Sammelpunkte eingerichtet haben.

Auf dem riesigen Gelände liegen PET-Ballen aus Deutschland neben denen aus Litauen. Die litauischen, erklärt der Werksleiter, seien gut sortiert, die deutschen nicht. Dosenreste und Plastikfetzen finden sich darin. Manche Discounter, so der Werksleiter, schickten die Ware direkt in den riesigen Plastesäcken aus ihren Pfandsammelstellen auf den Weg. »Die Maschinen scheinen älter zu sein und arbeiten nicht besonders selektiv.«

Eines der größten Probleme beim Recycling ist die Kombination verschiedener Materialien. Dieser Ausschuss türmt sich auf dem Hof zu einer Halde und wird als umweltschädlicher Brennstoff an die Zementindustrie verscherbelt: PET-Shampoo-Flaschen mit PVC-Label etwa oder ein Drink von Müller-Milch mit einem Etikett aus Polysterol.

Müllsortierung in Rumänien


IOANA MOLDOVAN / EST&OST / DER SPIEGEL

Wäre Plastik rein und einfach recycelbar, könnte es eines der ökologischsten Materialien der Welt sein, sagt der Werksleiter. Doch es ist beschichtet, bedampft, beduftet. Eine einzige Waschmittelbox kann Hunderte Chemikalien enthalten. Die verschiedenen Polymere hätten unterschiedliche Schmelzpunkte und seien »Gift für die PET-Produktion«, sagt Green-Group-Chef Damov. Es fehlten Anreize, auf die problematischen Plastikmischungen zu verzichten – am deutschen Abfall sei das deutlich zu erkennen. »Das duale System ist da nicht hilfreich.«

Der Grüne Punkt hat das Geschäft erst so richtig belebt

In der Recyclingbranche sei in den vergangenen 30 Jahren »gar nichts passiert«, sagt Michael Braungart. Der Umweltvisionär, bekannt für sein Konzept einer durchgängigen Kreislaufwirtschaft, dem »Cradle-to-Cradle«, hält das hiesige System für gescheitert. Der Grüne Punkt sei einmal als Einstieg in ein umfassendes Recycling gedacht gewesen, man habe Giftiges aus dem Verkehr ziehen wollen – aber dann sei nichts weiter geschehen. »Kein einziger giftiger Klebstoff und kein giftiges Material sind in den vergangenen Jahrzehnten vom Markt verschwunden«, so Braungart gegenüber Zeit Online.

Als der damalige Umweltminister Klaus Töpfer den Deutschen Anfang der Neunzigerjahre die Kreislaufwirtschaft beibrachte, galt folgendes Gesetz: Vermeiden ist besser als wiederverwenden. Wiederverwenden ist besser als Recycling. Recycling ist besser als verbrennen. »Wir machen aber das Gegenteil«, sagt Abfallexperte Wilts. »Über die Hälfte unseres Kunststoffabfalls wird verbrannt.« Weder gebe es ausreichende Anreize, auf Verbundmaterialien zu verzichten, wie etwa in Frankreich, noch werde Abfallvermeidung honoriert. Schlechter noch: Für Konzerne wie Mars oder Unilever scheint es immer günstiger zu werden, Verpackungen in den Verkehr zu bringen. Sie profitieren vom ruinösen Konkurrenzkampf der zwischenzeitlich zehn dualen Systeme.

Sorgen der Grüne Punkt und Co. am Ende sogar dafür, dass unser Verpackungsmüll wächst, statt zu schrumpfen?

Sascha Schuh, 54, kann erklären, wie das System funktioniert und woran es scheitert. Der Betriebswirt mit dem kantigen Gesicht hat von Anfang an mitgemischt und ging vor einigen Monaten pleite. Mit seiner Entsorgungsfirma.

ELS hieß Schuhs Unternehmen, es war eines von zehn dualen Systemen in Deutschland. Schuh schloss mit Herstellern Verträge und bekam von ihnen Geld dafür, ihre Menge an Verpackungsmüll einzusammeln und zu verwerten. Er betrieb das gleiche Geschäft wie die Großen der Branche, wie Remondis oder Alba. Nur: Während die Großen über eigene Mülllaster, eigene Sortieranlagen und einige Tausend Angestellte verfügten, hatte Schuh außer 31 Mitarbeitern eigentlich nichts. Was Remondis und Co. aus einer Hand und ohne fremde Hilfe machten, das musste Schuh mit allerlei Verträgen kompensieren. Hier beauftragte er einen Entsorger, dort einen Sortierer, Dutzende Kontrakte waren nötig.

»Geld verdienen«, das sieht Schuh heute klarer, sei »eigentlich nur möglich, wenn man vertikal integriert ist, wie die Branchenriesen «. Wenn man die Wertstoffe, die man sammelt, auch als neuen Rohstoff verkaufen kann – was Schuh ja den Großen überlassen musste.

Dennoch zog das System Glücksritter wie ELS magisch an. Ihre einzige Geldquelle waren die Sammellizenz-Gelder der Unternehmen. 1400 Euro pro Tonne gab es zu Spitzenzeiten, das scheint viel Fantasie freigesetzt zu haben. »Das war wie eine Steuer«, sagt Schuh.

Er kannte alle Tricks der Branche, schließlich hatte er 1991 als Assistent des ersten DSD-Chefs begonnen. Damals gab es nur das eine System, und dem wuchsen die Müllmengen bald über den Kopf. Schuh hatte sich darum zu kümmern, den deutschen Abfall wegzuschaffen. Er dirigierte die Container bis nach Pakistan. Bis zu 800 Mark pro Tonne zahlten die Deutschen den Abnehmern.

Doch die Idee, den Grünen Punkt einem Monopolisten anzuvertrauen, war keine gute. DSD kam mit dem Müllstau nicht zurande und geriet finanziell ins Schlingern. Staatsanwaltschaft und Kartellamt ermittelten. Ab dem Jahr 2001 wurde das System für Wettbewerber geöffnet – und es setzte Goldgräberstimmung ein. Schließlich ging es um einen Milliardenmarkt.

Der Kampf um Marktanteile wurde hart und härter – am Ende ging es längst nicht mehr um das beste Recycling, sondern bloß noch um das billigste.

Als Schuh 2015 mit seiner Firma einstieg, gab es nur noch rund 500 Euro pro Tonne Verpackungsmüll. Kaum genug, um rentabel zu arbeiten. Also begann das große Tricksen.

Wie manch andere Systeme begann ELS damit, quasi zwei Rechnungen aufzumachen: Eine ging an die Unternehmen, für die man Verpackungen einsammelte, das war die Einnahmenseite. Eine zweite bereitete man für die gemeinsame Clearingstelle der dualen Systeme vor, wo man die Müllmenge, die man unter Vertrag hatte, meldete. Anhand dieser Marktanteile wird festgestellt, mit welchem Anteil das jeweilige System an den Entsorgungskosten für die gesammelten Verpackungen beteiligt wird. Diese zweite Rechnung war die getrickste Rechnung, hier schrumpften die Mengen auf wundersame Weise.

Viele Systeme überboten sich darin, die Verpackungsmengen ihrer Kunden künstlich kleinzurechnen – »nach bestem Wissen und ohne Gewissen«, so Schuh«. Mal zog man pauschal 1,5 Prozent für »Mäusefraß« ab, mal setzte man vermeintliche »Eigenrücknahmen« an – alles unterfüttert von mehr oder weniger dubiosen Gutachten.

Weite Teile des dualen Systems seien in den vergangenen zwölf Jahren »ein unkontrollierter Raum gewesen«, sagt Michael Wiener, Chef des einstigen Monopolisten Grüner Punkt/DSD. Statt um Recycling sei es vielen Anbietern um »Betrug, graue Geschäftsmodelle und absurde Rabatte« gegangen.

Man wollte Marktwirtschaft und bekam Mogelei. Belebend war die Konkurrenz nur für den Handel und die Produzenten: Bis heute werden sie mit Billigpreisen für ihre Verpackungen geködert. Zu den ELS-Klienten gehörten etwa auch Kaufland und Amazon. Verpackungsvermeidung? War nie ein Thema.

Einer Mehrheit der Deutschen kommt dieses private duale System inzwischen suspekt vor, sie plädiert dafür, die Entsorgung wieder in die kommunale Hand zu überführen.

Plastik aus dem Meer wird zum Marketing-Hit

Eigentlich verpflichtet das neue Verpackungsgesetz die Branche seit Jahresbeginn dazu, 58,5 Prozent der Kunststoffgebinde zu recyceln. Doch daran glauben nicht einmal die Beamten in den Ministerien. Das sei bloß Wunschdenken, monieren etwa die Experten im baden-württembergischen Umweltministerium.

In Wahrheit seien schon die bis zum vergangenen Jahr geforderten 36 Prozent eine »Quotenlüge« gewesen. Geht man von den 1,4 Millionen Tonnen lizenzierter Kunststoffe pro Jahr aus, die von den Recyclingsystemen gemeldet werden, dann mag die Quote irgendwie hinkommen. Tatsächlich aber fällt in den Gelben Säcken beinahe die doppelte Menge an: 2,4 Millionen Tonnen. Das liegt nicht nur an den beschriebenen Tricks, sondern auch daran, dass Zehntausende Unternehmen (vornehmlich Internethändler) ihre Verpackungen bisher illegalerweise gar nicht lizenzieren ließen. »Wenn man sich so weiter durchmogeln kann, dann ist der Druck auf weniger Verpackungsabfall gleich null«, sagt ein Ministeriumsexperte.

Hersteller und Handel, das ist üblich in Umweltbelangen, scheuen schärfere Gesetze und schwärmen von freiwilligen Lösungen. Und fragt man bei Unternehmen an, wie es dort ums Recycling bestellt sei, dann sind deren Sprecher kaum noch zu stoppen. Dann plaudern sie von Initiativen, in denen man gegen die Plastikflut kämpft und schwärmen von Ocean-Plastic, das am Strand aufgelesen wird, von Plastiksammelstellen in Haiti. Dann scheint das Problem mit dem Plastik schon gelöst.

Beim eigenen Plastikverbrauch aber werden sie wortkarg. Der Konsumgüterriese Henkel etwa schickt seine Mitarbeiter zwar unter dem Motto »Weniger ist Meer« zu Säuberungsaktionen ans Rheinufer, bekommt seinen Plastikverbrauch (2017: 453000 Tonnen) aber nicht gesenkt. Stattdessen wird die Aufmerksamkeit auf einzelne, mit Rezyklat hergestellte Produkte oder auf eine neue Allianz gegen Plastikmüll gelenkt, die man gerade zusammen mit Konzernen wie Shell oder Dow Chemical ins Leben rief.

Gern wird auch die Zusammenarbeit mit der Organisation Waste Free Oceans erwähnt. Mitgegründet hat sie Alexandre Dangis, zugleich Chef des Lobbyverbands European Plastics Converters, der praktisch alle Unternehmen vertritt, deren Produkte in den Meeren schwimmen. Dangis finanziert ein paar Fischer, die mit ihren Netzen Plastik aus dem Meer holen.

Die gleiche Nummer in Groß probiert der Niederländer Boyan Slat, der mit riesigen Fangarmen die Meere von Kunststoff befreien will und dafür Millionen Dollar von Technikgläubigen aus dem Silicon Valley bekam. Derlei Aktionen nähren die Illusion, das Müllproblem sei schon in den Griff zu bekommen.

Diese Art des Umweltmarketings hat Tradition. Bereits in den Siebzigerjahren unterstützten Konzerne wie Coca-Cola, Dow Chemical und MobilOil Anti-Müll-Kampagnen wie »Keep America beautiful«. Ölmultis, die als Lieferanten des Rohmaterials prächtig an der Plastikherstellung verdienen, konnten so von sich ablenken und die Verantwortung auf den Konsumenten schieben.

Gut und weniger gut auseinanderzuhalten scheint bis heute nicht einfach, wenn es um Kunststoffe geht. So wirbt etwa der WWF derzeit auf Plakaten mit einem Delfin, der die »Schnauze voll« vom Plastik hat. Seltsamerweise sind auf den Produkten, die den Delfin ersticken, aber keine Logos zu erkennen. Das mag daran liegen, dass die Produkte so aussehen, als kämen sie von WWF-Kooperationspartnern wie Nestlé, Coca-Cola, Procter & Gamble oder Danone, Hersteller mit enormem Plastikverbrauch. Zusammen mit dem WWF forschen sie seit Jahren an der Nutzung von zuckerrohr- oder maisbasierten Kunststoffen, bisher wenig überzeugend.

Gern berichtet Procter allerdings von den Projekten mit »Ocean-Plastic«. Seit immer mehr Meerestiere an der Plastikflut verenden, scheint die Verwendung von Meeresplastik ein Garant für neue Glaubwürdigkeit. Die Marketingbotschaften sind allerdings nicht viel wert. Im vorigen Jahr kassierte Procter dazu vor dem Landgericht Frankfurt eine Niederlage: Der Claim »Hergestellt mit Plastik, das am Strand gesammelt wurde « schien den Richtern bei gerade mal 20 Prozent Recyclingmaterial etwas übertrieben. Konkurrent Nestlé, nach einem »Cleanup-Day« in Kanada von Greenpeace gerade als »Top-Polluter« entlarvt, lässt über seinen Verpackungsmanager Christian Detrois ausrichten, ein Verzicht auf Kunststoffverpackungen löse das Vermüllungsproblem sowieso nicht. Stattdessen müsse man Kunststoffe sammeln und sinnvoll verwerten. Der Schweizer Konzern verspricht, in allen Ländern, in denen er tätig sei, dabei eine »aktive Rolle« zu spielen. Auf Nachfrage nennt Nestlé nicht ein einziges Beispiel dafür, wie das konkret aussehen soll.


»Wir beschleunigen eigentlich nur, was die Natur sowieso ständig macht.«


Die Lösung

Der Druck auf den Handel, Verpackungen zu reduzieren, scheint nicht besonders hoch zu sein. Trotz höherer Recyclingquoten und Diskussionen um eine Plastiksteuer. Hier und da wird ein wenig herumexperimentiert, aber reichlich unambitioniert. Rewe etwa arbeitet daran, auf Süßkartoffeln das Haltbarkeitsdatum mittels Laser aufzudrucken. Viel mehr als eine Tonne Plastik pro Jahr lässt sich dadurch allerdings nicht einsparen.

Die kleine hessische Firma Compostella stellt umweltfreundliches Papier mit Wachs aus Palmblättern her, das Frischhaltefolie ersetzen kann. Für eines ihrer Produkte hat sie den Bundespreis für Ecodesign bekommen. Doch der Handel scheint desinteressiert. Dort werden bis heute sogar Gurken und Bananen in Plastik gesteckt.

Dabei wäre es der richtige Ansatz, die Sache vom Anfang her zu denken, quasi von der Wurzel. Also Kunststoffe so zu modifizieren, dass sie eines Tages so leicht verrotten wie Bananenschalen? Eines der Start-ups, die genau diesen Weg einschlagen, ist die Firma Carbios aus der Nähe von Clermont-Ferrand in Frankreich. Der in der Auvergne gelegene Ort ist tiefste französische Provinz. Das Carbios-Hauptquartier erinnert eher an die Zentrale einer Spedition als an ein Zentrum der »Neuerfindung des Plastik-Kreislaufes «, wie es auf der Website der Firma vollmundig heißt. Carbios will die Kraft der Biologie nutzen, um das Kunststoffproblem zu lösen.

Bereits im kommenden Jahr will die Firma eine Lösung für Wegwerfplastik auf den Markt bringen, für Folien, Tüten und ähnliches Verpackungsmaterial, das oft nur einmal genutzt wird. Manches davon ist aus dem Polyester Polylactid (PLA). Carbios entwickelt Hilfsstoffe, die das PLA komplett auflösen. Um diese Hilfsstoffe zu finden, gehen die Experten dort auf die Suche, wo die Umwelt am stärksten mit Plastik belastet ist: auf Müllkippen oder im Schlamm von Kläranlagen.

Ihr Kalkül: An diesen Orten sollten sich längst Lebensformen auf das zähe Material eingeschossen haben. »Es ist normal, dass Mikroorganismen evolvieren, wenn es neue Nahrungsangebote gibt«, erläutert Carbios-Vizechef Martin Stephan. Sind solche Lebewesen gefunden, isolieren die Carbios-Forscher deren Enzyme, chemische Helferlein, die den Organismen bei der Plastikverwertung beispringen – und optimieren sie für ihre Zwecke. »Wir beschleunigen eigentlich nur das, was die Natur sowieso ständig macht«, sagt Stephan.

An PLA haben sich vor Carbios schon viele versucht. Ursprünglich vor allem in der Medizin genutzt, etwa als Garn zum Nähen von Wunden. Es löst sich im Körper nach einiger Zeit von selbst auf. Schnell begeisterten sich auch große Plastikhersteller für PLA. Tonnenweise wird das Material beispielsweise von BASF unter dem Markennamen Ecovio verkauft.

Doch verrotten Plastiktüten aus diesem Material tatsächlich nach ein paar Wochen, wie es die Hersteller versprechen? Um diese Fragen entspann sich ein jahrelanger Streit, der erst Anfang 2018 vor dem Bundesgerichtshof zu Ende ging. Kontrahenten waren die Deutsche Umwelthilfe (DUH) und zwei Plastiktütenhersteller, deren vermeintliche Biotüten mit hundertprozentiger Kompostierbarkeit beworben wurden. Da diverse Kompostierwerke diese Tüten jedoch als Störstoffe aussortierten, unter anderem weil sie sich zu langsam zersetzten, bestritt die DUH die Bio-Abbaubarkeit. Mithilfe von BASF verklagten die Tütenhersteller daraufhin die DUH auf 2,7 Millionen Euro Schadens ersatz, weil die Kritik der DUH zum Abbruch von Lieferbeziehungen geführt habe – und scheiterten. Wie es um die Kompostierbarkeit letztlich bestellt ist, ließen die Gerichte zwar offen, sie billigten der DUH aber die Wahrnehmung berechtigter Interessen zu.

Mit den Enzymen aus Frankreich könnte das Verrotten nun gelingen. Denn den Carbios-Experten ist ein biotechnologisches Meisterstück gelungen: Sie haben PLA den Zerfall eingebaut.

Kühlregal im Supermarkt


ROLF VENNENBERND / DPA

Und das geht so: Plastik und Enzym werden bei etwa 165 Grad Celsius miteinander vermischt. Dass das Enzym, ein Eiweiß, die Hitze übersteht und nicht denaturiert, ist die verblüffendste Wundertat der Biotechnologen. Heraus kommt ein Kunststoff, der von selbst zu vollkommen ungefährlicher Milchsäure zerfällt, und zwar nach vordefinierter Zeit.

Über die Konzentration des Enzyms, das die Franzosen als Bestandteil kleiner PLA-Kügelchen verkaufen, »können wir die Lebensdauer des PLA festlegen, von einigen Wochen bis zu einem Jahr«, sagt der Carbios-Experte Benjamin Audebert, »das funktioniert unter allen Umweltbedingungen«. Mulchfolie für die Landwirtschaft soll so entstehen, die auf den Feldern nach der Vegetationsperiode wie von Zauberhand verschwindet und nicht nur – wie bei sogenannten oxo-abbaubaren Kunststoffen – in kleine Plastikfragmente zerfällt. Plastiktüten könnten endlich ohne Bedenken in der Komposttonne oder im Garten entsorgt werden.

Im Werk bei Clairmont-Ferrand laufen die letzten Optimierungen des »enzymatischen Plastiks« (Audebert), das zudem nicht aus Erdöl sondern aus Pflanzenresten gefertigt wird. Der Bedarf sei riesig, sagt Audebert. Biologisch abbaubares Plastik im Wert von einer Milliarde Dollar wird jährlich global produziert. Bis 2025 rechnet er mit einem Zuwachs um weitere 50 Prozent.

Noch mehr Marktpotenzial könnte ein weiteres Enzym haben, mit dem sich Carbios beschäftigt. Dieses hilft nicht beim Verrotten, sondern beim Recycling von PET, einem der wichtigsten Kunststoffe der Welt. 105 Milliarden Dollar schwer war der PET-Weltmarkt im Jahr 2017, berichtet Aude bert, die Zuwachsrate sei enorm.

Um einen wirklichen Plastikkreislauf hinzubekommen, wollen sie PET in seine chemischen Bestandteile zerlegen. Die Franzosen sind nicht die Einzigen, die sich an der sogenannten Depolymerisation versuchen, auch deutsche Start-ups wie SolvoPET aus Lüneburg scheinen gut im Rennen zu liegen. Wer die Technik zuerst zur Marktreife bringt, dem winkt ein lukrativer Markt.

Im Gegensatz zu vielen anderen Materialien ist PET ein relativ unkomplizierter Stoff, der sich chemisch leichter auflösen lässt als zum Beispiel Polyethylen (PE). Dennoch steht kaum ein Polymer so symbolhaft für das globale Scheitern der Plastikentsorgung.

Noch am letzten Traumstrand im Pazifik finden sich angespülte Limoflaschen aus PET. Nur ein Bruchteil des Materials wird recycelt, das meiste wird verbrannt oder landet auf Müllkippen. Das könnten die Forscher bald ändern. Im Hauptquartier von Carbios zeigt Audebert jetzt zwei Reagenzgläser. Eines ist mit einer durchsichtigen Flüssigkeit gefüllt, das zweite mit einem weißen Pulver.

»Das sind Ethylenglycol und Terephtalsäure, die Bausteine des PET«, sagt Audebert. »Mit unserem Verfahren können wir PET in 19 Stunden fast vollständig in diese beiden Stoffe zerlegen.«

Im Labor nebenan ist ein solcher Sud gerade angesetzt. Bei 60 Grad Celsius simmert in einem Kessel eine Suppe aus Enzymen, Wasser und Plastik vor sich hin. 97 Prozent des PET zerfällt bei dem Prozess in seine Bestandteile, aus denen sich quasi brandneues Plastik herstellen lässt.

In vier Jahren soll die Technologie industriell einsetzbar sein. Carbios hat bereits den Kosmetikkonzern L’Oréal als Partner gewonnen. Entscheidend für die Kosmetikbranche: Auch gefärbtes PET, wichtig für das offenbar unabänderliche Design einiger Marken, kann mit dem Verfahren problemlos recycelt werden.

MORA / PLAIN PICTURE

Doch werden andere Industrieriesen nachziehen? Bis heute wurden nur etwa neun Prozent des weltweit produzierten Plastiks recycelt. Der Anteil des aus Pflanzenmaterial gefertigten Bioplastiks am Gesamtmarkt der Polymere liegt global unter einem Prozent. Der Grund: Fabrikneues Plastik aus Erdöl ist nach wie vor unschlagbar günstig. Was absurde Folgen hat: Firmen wie das Unternehmen ReOil aus Österreich versuchen deshalb sogar, mithilfe rabiater Hitze Verpackungsabfälle direkt wieder zurück in synthetisches Rohöl zu verwandeln.

Ähnliches haben bereits die Nazis mit ihren Kohle-Öl-Anlagen versucht. Und in den Neunzigerjahren tüftelte das DSD zusammen mit der Veba Oel in Bottrop an einem ähnlichen Verfahren wie die Österreicher. Beide Vorhaben endeten mehr oder weniger im Ruin.

Der Kampf gegen die Plastikflut muss anders geführt werden, um ihn zu gewinnen. Die quartalsmäßige Entrüstung nach jeder TV-Dokumentation, in der erneut Wale verenden oder sich Schildkröten in Kunststofffetzen verheddern, scheint nicht abschreckend genug, um das Verhalten zu ändern. Weder bei Konsumenten noch bei Unternehmen.

Auf freiwillige Maßnahmen der Industrie zu setzen, wie es Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) vorschwebt, wird kaum helfen. Zwar schwärmt Schulze an diesem Novembermorgen bei der Vorstellung ihres Plans gegen die Wegwerfgesellschaft davon, wie gut die Zusammenarbeit mit der Industrie beim Abschied von den Plastiktüten funktioniert habe. Doch dass dies erst nach Jahrzehnten des Bittens und Bettelns geschah, scheint sie verdrängt zu haben.

Beim Plastik soll nun das neue Verpackungsgesetz helfen. Mittels eines zentralen Verpackungsregisters sollen Müllmengen überwacht und es soll darauf geachtet werden, dass sich alle Unternehmen registrieren lassen. Ganz wichtig, so Schulze: Das Gesetz belohne nun diejenigen, die gut zu recycelnde Materialien einsetzten.

Doch schon auf die Frage, wer das steuere und überwache, muss die Ministerin passen. Ihr Referent springt ein: Das sei die Aufgabe der dualen Systeme – jener Unternehmen also, die mit ihren Tricksereien das System an die Wand gefahren haben.

»Die fehlende Verbindlichkeit des Verpackungsgesetzes ist beängstigend«, sagt Abfallexperte Wilts. Auf Freiwilligkeit zu setzen sei »naiv, um es vorsichtig zu sagen «. Selbst der Verzicht auf sinnlose Produkte wie Plastikhalme oder Wegwerfgeschirr sei schließlich nicht freiwillig erfolgt, sondern habe erst politisch durchgesetzt werden müssen.

Recycling, so Wilts, »muss erzwungen werden«. Die Nachfrage nach recyceltem Plastik lasse sich etwa durch eine Senkung der Mehrwertsteuer auf solche Produkte erhöhen. Zudem dürfe Rohöl, wenn es zu Plastik verarbeitet wird, nicht subventioniert werden – bisher geschieht das absurderweise steuerfrei.

Und wenn das alles nichts helfen sollte, sagt Wilts, müsse es eben gesetzlich festgelegte Mindestquoten für Rezyklat geben.

Und er geht noch weiter: Die Konzerne, die den Verpackungsmüll in die Welt schicken, die Nestlés und Pepsis, müssten für das Plastik, das sie der Welt hinterlassen, verantwortlich gemacht werden können. Überall. »Für eine leere Flasche am Strand von Myanmar muss ich denen eine Rechnung schicken können.«

Der Vorschlag des Abfallexperten ist revolutionär – entsprechend empört sind die Reaktionen. Man dürfe die Unternehmen nicht für das Fehlverhalten der Konsumenten verantwortlich machen, echauffierte sich CDU-Umweltexpertin Marie-Luise Dött bereits, als es nur um einen Reinigungsfonds ging, der in Brüssel diskutiert wird. Doch, sagt Wilts, in Ländern ohne funktionierende Müllabfuhr müsse man das können. Zudem sei eine Zu ordnung mit Fluoreszenzcodes an den Flaschen technisch möglich – jeder Konzern könne die verwenden, man müsse es nur beschließen. In dem Punkt scheint die Industrie schon weiter als die Politik: Eine Managerin von Coca-Cola sagte vor Kurzem in Malaysia zu, der Konzern wolle »in Zukunft für jede auf den Markt gebrachte Flasche eine sammeln und recyceln «.

Der zweite Lösungsbaustein: Neuen Produkten muss das Recycling quasi eingebaut werden. Wie man Verbundmaterialien vermeidet, zeigt Frankreich: Statt von den gewinngetriebenen dualen Systemen, wird das Recycling dort vom herstellerfinanzierten Monopolisten Citeo über die Verpackungslizenzierung gesteuert: Der Einsatz von Multilayer-Materialien, die das Recycling torpedieren, wird mit empfindlichen Aufschlägen bestraft.

Die wahrscheinlich wichtigste Maßnahme aber wäre, Recycling und Vermeidung endlich zu belohnen, wie in der Schweiz. Gelbe Tonnen, in die man seinen Abfall entlässt, gibt es bei den Eidgenossen nicht. Sie versuchen, ihre Hausmüllmenge so gering wie möglich zu halten. Wertstoffe wie Shampooflaschen können sie in die Supermärkte oder zu Sammelstellen bringen. Für den Rest des Hausmülls kaufen die Schweizer »Kehrichtsäcke« – und je weniger man braucht und an die Straße stellt, desto billiger wird es. Den Rest verbrennt man guten Gewissens: Dank des hohen Sammelfleißes der Schweizer ist dies laut einer Studie ökologisch nicht mal ein Nachteil.

Kreativität im Kampf gegen die Plastikflut ist vor allem in Städten gefragt: In Istanbul etwa können ÖPNV-Kunden an Recyclingautomaten ihre elektronischen Fahrkarten durch den Einwurf gesammelter Plastikflaschen aufladen. Im niederländischen Zwolle wurde gerade der erste Radweg aus Polypropylenresten eröffnet.

Hierzulande werden bis heute nicht mal Mülltonnen aus reinem Rezyklat hergestellt. Das Umweltbundesamt empfiehlt zwar deren Einsatz, lange aber hat die Plastiklobby dagegengehalten.

Angeblich seien Ökotonnen nicht stabil genug, um Stürze aus mehreren Metern Höhe zu überleben.