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DER DUFT FÜR GÖTTER


Terra Mater - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 12.12.2019

Weihrauch ist Rohstoff für religiöse Rituale, exzellente Parfums und wirksame Heilmittel. In Somaliland ist das Baumharz für viele Menschen vor allem aber die wichtigste Lebensgrundlage. Das oberste Gebot heißt, die steigende Nachfrage nachhaltig zu befriedigen.


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FOTOS: FLORIAN BACHMEIER

Freude über ein Prachtexemplar Weihrauchbrocken wie dieser – er wiegt 700 Gramm – sind eine wertvolle Rarität. Solche Harz-Kaliber kommen nur zustande, wenn der Weihrauchbaum zuvor lange Zeit nicht abgeerntet wurde. Und wenn der Monsun ausreichend Regen gebracht hat.


An den Wurzeln des Weihrauchs Said Ibrahim Achmed ...

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An den Wurzeln des Weihrauchs Said Ibrahim Achmed (rechts in luftiger Höhe) und sein Nachbar haben nach langem Anmarsch ihre Weihrauchbäume erreicht. Die Pflanzen der GattungBoswellia frereana wachsen ausschließlich in Somaliland. Ihr Harz gilt als das beste der Welt.


DER STEINIGE PFAD WINDET SICH DEN HANG HINAUF. IMMER WIEDER QUERT ER DABEI AUSGETROCKNETE BACHBETTEN . In manchen schimmern noch kleine Tümpel, eine Erinnerung an die eben vergangene Regenzeit sonst ist der Boden ausgedörrt. Pflanzen sind rar und tragen oft feindselige Dornen und harte Stacheln. Ganze Zweige heften sich beim Anstreifen mit ihren Widerhaken an die Kleider und zerkratzen Arme und Beine.

Said Ibrahim Achmed passiert all diese Fallstricke und Hindernisse ohne sichtbare Anstrengung. Trittsicher umrundet er die Felsbrocken die wohl während des letzten Gewittersturms den Hang heruntergekollert sind, mühelos weicht er den Dornen aus. Der hagere 45-Jährige trägt einen weinrotenMacawiis – so heißt das traditionelle Beinkleid somalischer Männer –, einen Wickelrock, der bis zur Mitte der Wade reicht. An einem Schulterriemen baumelt ein Kübel, den Said aus einem Plastikkanister zurechtgeschnitten hat.

Weiter geht es, immer bergauf, durch die grandiose Landschaft. Den Horizont markiert eine fast senkrechte Felswand, dahinter liegt das nordsomalische Hochland. Würde Said sich jetzt umdrehen, könnte er auf den Golf von Aden blicken, der in der Abendsonne glitzert.

Doch zum Schauen ist keine Zeit. Said klettert behände den Hang hinauf, wo verstreut im Gelände mehrere kleine Bäume der Hitze trotzen, ihre Wurzeln tief ins Gestein gekrallt. Die Rinde der schlanken Stämme ist schuppig, die wenigen kleinen Blätter an den Ästen erinnern an die einer Mimose. Said tritt an den ersten Baum heran, zieht sich routiniert hoch, findet in der Astgabel einen stabilen Standplatz, betrachtet aufmerksam die Rinde – und entdeckt, was er gesucht hat: Kleine Harzkörner kleben am Baum. Er greift zu seiner Spachtel, schabt die Körner ab, lässt sie in seinen Kübel fallen. „Das ist Maydi, der beste Weihrauch der Welt“, sagt Said. „Und die Bäume, von denen er stammt, wachsen nur hier in unseren Bergen, im Somaliland.“

EIN LAND, DAS KEINER (ANER)KENNT

Somaliland, an der Ostküste Afrikas gelegen, erklärte sich im Jahr 1991 fürunabhängig von Somalia . Völkerrechtlich anerkannt ist der Staat (3,5 Millionen Einwohner, mehrheitlich Muslime) nicht, trotzdem ist erpolitisch stabiler als Somalia.

Schürfwunde
Mit seiner Spachtel schabt Said frisches Harz in seinen Kübel. Zehn Tage zuvor hatte er mit demselben Werkzeug die Rinde angekratzt. Mit dem austretenden Harz versucht der Baum, diese Wunde zu schließen.


RAUCHWARE FÜR RELIGIÖSE

Da liegt sie also, hoch oben im Baum: die Wurzel des betörenden Weihrauchs, jener sagenumwobenen Substanz, der seit Jahrtausenden eine mystische, gar göttliche Aura anhaftet; die bis heute mit ihrem unvergleichlichen Duft verzaubert; die – auf Glut geworfen – Aromen verströmt, die sinnlich wirken und Reinheit verströmen.

Die Wertschätzung des Menschen für den Weihrauch begann spätestens vor rund 5.000 Jahren in Ägypten. Hier wurde das getrocknete Harz in Tempelzeremonien verwendet und beim Balsamieren von Mumien sowie in der Kosmetik eingesetzt. Im Süden der Arabischen Halbinsel sorgte der Wunderstoff vor rund 2.500 Jahren für einen Wirtschaftsboom: Von dort verschifften Händler das Harz in die gesamte antike Welt. Es wurde mit Gold aufgewogen.

Auch im Christentum spielt Weihrauch eine wichtige Rolle, etwa in der Weihnachtsgeschichte: Die drei Weisen aus dem Morgenland bringen dem neugeborenen Heiland drei der kostbarsten Geschenke der damaligen Zeit: neben Gold die Harze Weihrauch und Myrrhe. Weihrauch wird in der Bibel noch weitere 21-mal erwähnt.

Mitglieder mehrerer Religionsgemeinschaften verbrennen Weihrauch bis heute in kleinen Weihrauchfässern auf glühender Kohle, damit er sein betörendes Aroma freisetzt. Eingehüllt in diese Duftwolke, sollen die Gebete der Gläubigen direkt zum Himmel aufsteigen.

Für die Bauern in der Provinz Sanaag in Somaliland ist Weihrauch dagegen etwas ganz Profanes: nämlich die wichtigste Verdienstquelle. In Madar Moge, dem Dorf von Said Ibrahim Achmed, leben alle achtzig Familien vom Verkauf des Harzes. Das schroffe Land eignet sich nicht für herkömmlichen Ackerbau; und ein paar Ziegen allein reichen nicht zum Überleben.

Die Heimat des Harzes
Der Boden ist karg in diesem Teil Somalilands, weil der Monsun nur noch unregelmäßig Regen ins Land bringt. Ackerpflanzen gedeihen hier kaum, wertvolle Weihrauchbäume dafür umso besser. Jede dieser Pflanzen steht in Familienbesitz.


Vorauswahl. Die vorgetrocknete Ware landet säckeweise in der Sortiererei. Hier erledigen Frauen in mühsamer Handarbeit die erste Etappe der Rohstoffveredelung.


Feinarbeit. Im Harz kleben Staub und Rindenstücke, die ausgeklaubt werden müssen. Der gereinigte Weihrauch wird am Ende drei Güteklassen zugeordnet.


Eine Nase für gute Qualität Sultan Ali Jussuf Abdi aus Madar Moge ist in die Provinzhauptstadt Erigavo gereist. In einem Weihrauchladen prüft er, wie das Harz der Konkurrenz duftet.


Rohstoffquelle Ein Schnitt in die Rinde des Weihrauchbaums lässt das milchige Harz austreten. An der Luft erhärtet die Substanz, die ätherische Öle und Proteine enthält.


Die Erntezeit für Weihrauch beginnt Anfang Juni, wenn die Regenzeit zu Ende geht. Kurz nach Sonnenaufgang zieht Said mit einigen Nachbarn los, um die Bäume zu „melken“. Ihre Metallspachteln haben sie für ihre Bedürfnisse optimiert, nach vorn leicht abgerundet und geschärft. Damit schlagen sie an mehreren Stellen die Rinde vom Stamm. Aus der Wunde tritt eine klebrige milchige Flüssigkeit aus, die bald trocknen wird. „In zehn bis vierzehn Tagen komme ich zurück, um Maydi zu ernten“, sagt Said und klettert vom Baum. „Mein Vater und mein Großvater haben dasselbe getan.“ Wie könnte es auch anders sein – andere Arbeit gibt es hier nicht.

Jede Familie in Madar Moge hat ihre eigenen Bäume, die seit Generationen jeweils an die Söhne vererbt werden. Zwar sind im Islam auch Frauen erbberechtigt, doch für die Weihrauchbäume gilt das nicht.

Said besitzt rund 350 Bäume. Jeden einzelnen kann er bis zu zehnmal pro Jahr melken und ihm so jeweils zwei bis fünf Kilogramm Harz abgewinnen. Seine Ernte lässt Said in einer Höhle am Rande des Dorfes trocknen. Danach packt er sie in Säcke zu fünfzig Kilo und übergibt diese an die Dorfkooperative. Pro Kilogrammbekommt er rund sechs US-Dollar; im Weihrauchgeschäft werden alle Rechnungen in Dollar beglichen. Die Käufer bringen die Ware anschließend mit ihren klapprigen Lastwagen zu den Händlern in die Provinzhauptstadt Erigabo.

WACHSTUMSSCHMERZEN

Die Weihrauchbäume, die zur GattungBoswellia gehören, gedeihen nur am Horn von Afrika, im Süden der Arabischen Halbinsel sowie in der westlichen Sahelzone. Zwischen den Harzen der bekannten sechzehn Boswellia-Arten gibt es große Unterschiede. Gehandelt wird vor allem das Harz vonBoswellia carterii , einer Gattung, die im Oman und in Somaliland wächst, sowie vonBoswellia frereana , die nur in Somaliland heimisch ist. Wegen ihrer herausragenden Qualität wird deren Harz „Königsweihrauch“ genannt.


Dezimiert eine Dürreperiode die Ziegenund Kamelherden, steigt der Druck auf die Familien, mehr Harz von ihren Weihrauchbäumen zu ernten, als den Pflanzen guttut. Zuletzt gab es gleich zwei Trockenphasen hintereinander.


Somaliland führt über 3.000 Tonnen des Harzes pro Jahr aus, rechnet Barkhad Jibril Hassan vor. Der stämmige 39-jährige Mann, den alle bloß Barkhad nennen, ist der wichtigste Exporteur von Weihrauch in Somaliland. Bei einem dafür angesetzten durchschnittlichen Preis von 20 Dollar pro Kilo setzt der Staat jährlich etwa 60 Millionen Dollar um. Nach Rindern und Kamelen ist das Harz der drittwichtigste Exportartikel des Landes.

Die Zentrale von Barkhads Exportfirma liegt in der Hauptstadt Hargeisa, zusätzlich unterhält er mehrere Lagerhäuser in der 500 Kilometer entfernten Weihrauchregion. Sieht er dort nach dem Rechten, stehen die Clanältesten und Lokalpolitiker Schlange, um ihn zu begrüßen. Es ist dann so, als besuche ein feudaler Lehnsherr seine Untertanen. Im Schneidersitz thront Barkhad an der Stirnseite eines leeren Raumes, um den Hals ein großes Tuch, das seinen nackten Oberkörper bedeckt, und nimmt die Huldigungen entgegen. Den Respekt hat er sich verdient: Barkhad ist der größte Arbeitgeber der Region und auch der wichtigste Wohltäter. Zusammen mit seinem größten Kunden, der US-Firma doTerra, baut er in Erigavo das erste moderne Krankenhaus.

Barkhads Aufstieg ist eine filmreife Geschichte. In Dubai geboren, wuchs er in den Vereinigten Arabischen Emiraten auf. Im Alter von zehn Jahren ging seine Familie nach England, wo er die Schule abschloss und als Techniker in einer BMW-Fabrik arbeitete. „Ich spreche wahrscheinlich immer noch besser Englisch als Somali“, sagt er verschmitzt. „Beim Geschäft denke ich wie ein Mann aus dem Westen. Aber ich weiß auch, wie man sich in Somaliland verhalten muss, um respektiert zu werden und erfolgreich zu sein.“

Die Kombination dieser Kompetenzen ist heute seine Geschäftsgrundlage. Dazu kommt: Sein Clan besitzt viel Land in den Bergen rund um Erigavo, wo die Weihrauchbäume wachsen. 2010 witterte Barkhad ein Geschäft. Er brachte rund zehn Tonnen Weihrauch nach Großbritannien, ließ diesen zu Öl destillieren und verkaufte ihn an das Unternehmen doTerra, das zu den weltgrößten Produzenten ätherischer Öle gehört. Die Amerikaner lobten die Qualität und boten dem BMW-Techniker eine langfristige Zusammenarbeit an. Sie liehen ihm Geld, Barkhad zahlte damit den Weihrauchbauern in Somaliland einen Vorschuss – und sicherte sich damit das Vorrecht auf ihre Ernte.

Neun Jahre später exportiert Barkhads Firma Asli Maydi mehr als 2.000 Tonnen Weihrauch aus Somaliland – der Firmenbesitzer ist einer der reichsten Menschen des Landes geworden. Ihm gehören Hotels und Mietshäuser in Hargeisa und Berbera, und er überlegt bereits, eineShoppingmall bauen zu lassen. Der Immobilienmarkt im Land boomt – trotz widriger Umstände: Seit fast dreißig Jahren kämpft Somaliland um seine Unabhängigkeit vom krisengeplagten Somalia, zu dem es de jure noch gehört – aber de facto nicht mehr. „Noch fehlt uns aber die Anerkennung durch die internationale Staatengemeinschaft“, erklärt der Geschäftsmann. „Die rechtliche Unsicherheit schreckt internationale Investoren ab.“

5 KILOGRAMM Jährlicher Weihrauch-ertrag eines Boswellia-Baums.

6 US-DOLLAR Diese Summe bekommt ein Bauer für ein Kilogramm unverarbeiteten Weihrauch.

50 CENT Lohn einer Arbeiterin für das Reinigen und Sortieren von einem Kilogramm Weihrauch.

20 US-DOLLAR Wert von einem Kilogramm Weihrauch aus Somaliland im Export.

100.000 MENSCHEN leben in der Provinz Sanaag von Weihrauch. Das entspricht einem Fünftel der Bevölkerung.

3.000 TONNEN Menge des vorverarbeiteten Weihrauchs, der jährlich aus Somaliland exportiert wird.

Langsamer Aufstieg
Seit sich Somaliland von Somalia für unabhängig erklärt hat, herrscht Frieden. Zudem zeigt sich ein zaghafter Wirtschaftsaufschwung. Der abgeschossene Kampfjet in der Hauptstadt Hargeisa erinnert an den verlustreichen Unabhängigkeitskampf, funktioniert aber auch gut als Rastplatz für friedliche Tauben.


Somaliland ist eine archaische Gesellschaft, geprägt von Clandenken und Blutrache. Doch die Gemeinschaft konnte die Ausbreitung von islamischem Fundamentalismus mit all seinen Terroranschlägen, wie sie Somalia erschüttern, bisher verhindern. Barkhad: „Bei uns sprengt sich niemand in die Luft.“ Seit Jahren gibt es faire Wahlen und funktionierende demokratische Institutionen, dazu eine stabile Währung: „Das Geschäftsrisiko mag vielleicht groß sein, erfreulicherweise sind das auch die Gewinnmargen.“ Vor allem auf dem Markt für Weihrauch.

WEIHRAUCH-RAUSCH

Deswegen ist dieser hart umkämpft. Konkurrierende Händler ringen mit allen Mitteln um den Zugang zum Rohstoff. Ein wenig herrscht Regellosigkeit wie bei einem Goldrausch, beschreibt Barkhad: „Wer zuerst kommt, sackt die Ernte ein, Verträge werden ignoriert.“ Häufig werden Streitigkeiten handfest ausgefochten, hier sind Durchsetzungsvermögen und Diplomatie gefragt. Wichtig seien auch gute Beziehungen in die Politik, sagt Barkhad, denn wer Weihrauch exportieren will, braucht von den Behörden eine Lizenz.

Das Zentrum des Weihrauchgeschäfts ist die Provinzhauptstadt Erigavo, hier operieren rund hundert Händler. Sie kaufen das Harz in den Dörfern und verkaufen es an Großhändler und Exporteure wie Barkhad Jibril Hassan. An guten Tagen wechseln Tonnen Weihrauch die Besitzer, Millionen werden damit jedes Jahr umgesetzt.

Der Stadt merkt man ihre wirtschaftliche Bedeutung nicht an. Einfache Häuser aus Stein und Wellblech reihen sich inmitten einer staubtrockenen, baumlosen Landschaft aneinander, nur wenige Straßen sind asphaltiert. Der Wind wirbelt immer wieder Sand- und Staubwolken auf. Vor vielen Hütten lagert übrig gebliebenes Baumaterial, schon allein deshalb wirken große Teile der Stadt wenig einladend.

Barkhad, der Boss
Der bedeutendste Weihrauchhändler der Region ist nach Erigavo gekommen, um seine Lieferanten zu treffen. Gute Beziehungen sind wichtig: Aus diesem Grund lässt Barkhad Jibril Hassan hier auch eine Krankenstation errichten.


So sieht der Fortschritt aus Auch hier wird Weihrauch sortiert. Die Arbeitsbedingungen in der Hauptstadt Hargeisa sind besser als in der Provinz – so dürfen Frauen ihre Kinder mitbringen.


Neben dem Handel ist die Aufbereitung des Weihrauchs ein wichtiger Wirtschaftszweig in der Stadt. „Alle Weihrauchqualitäten kommen in den gleichen Säcken zu uns“, erklärt Lul Said Jama. Sie ist Vorarbeiterin in einer Sortiererei, die 25 Frauen beschäftigt.

Im schummrigen Hauptraum stapeln sich an einer Wand die Weihrauchsäcke. Sechs Frauen in bunten Hidschabs sitzen im Halbkreis im Schneidersitz auf dem Boden. Jede hat ein Stück Holzfaserplatte oder Karton auf dem Schoß liegen. Darauf legen sie die faustgroßen Harzbälle, brechen sie vorsichtig auseinander, entfernen Rinde, Sandkörner, Steine und andere Verunreinigungen. Schweigsam und konzentriert werden die Harzstücke der Größe nach in drei Klassen aufgeteilt: klein, mittel und groß.

Lul Said Jama, eine hagere Frau im türkisen Hidschab, arbeitet seit 28 Jahren als Sortiererin. Die jungen Frauen, die unter ihr arbeiten, schuften im Akkord. Sie bekommen etwa 50 Cent pro verarbeitetem Kilogramm. Die Arbeit ist mühselig, Geduld und Genauigkeit sind gefragt. Selbst geübte Arbeiterinnen schaffen selten mehr als fünf Kilogramm pro Tag. Dennoch ist der Job als Sortiererin bei den Frauen von Erigavo gefragt.

Sultan Ali Jussuf Abdi trifft man am besten in einem Café in der Nähe der Moschee in Erigavo. „Weihrauch ist ein Geschenk Gottes“, sagt der 58-Jährige, der im regionalen Rat der Ältesten sitzt und den Gouverneur der Provinz Sanaag berät. Abdi trägt eine traditionelle Kofia-Kappe und nippt an seinem Milchtee: „Sammler und Sortiererinnen, Packleute und Händler – mindestens 100.000 Menschen in Sanaag verdienen ihr Einkommen mit dem Harz. Wir müssen alles tun, um die Bäume zu bewahren. Denn ohne Weihrauch sind wir verloren.“ Tatsächlich ist die lebenswichtige Ressource in Gefahr. Wissenschaftler um den Ökologen Frans Bongers von der niederländischen Universität Wageningen haben in den letzten Jahren die Boswellia-Bestände in Äthiopien untersucht und einen beunruhigenden Befund erstellt: Klimawandel und Übernutzung bedrohen die Weihrauchbäume. Ohne Vorsichtsmaßnahmen wird sich die Zahl der Bäume in den kommenden fünfzehn Jahren halbieren – in fünfzig Jahren könnte der äthiopische Weihrauch ganz verschwunden sein.

Balanceakt Je öfter die Sammler einen Baum anritzen, desto mehr Harz können sie gewinnen. Evident ist auch: Mehr kurzfristiger Profit geht zu Lasten von längerem, nachhaltigem Ertrag.


Und in Somaliland? Wegen der weitgehenden Isolation des Erntegebiets fehlen gesicherte Informationen. Aber die Sorge von Sultan Ali Jussuf Abdi ist berechtigt. In den vergangenen Jahren gab es in der Region zwei schlimme Dürreperioden. Viele Ziegen und Kamele verendeten, die Menschen litten Hunger. In ihrer Not versuchten die Bauern, mehr Weihrauch zu ernten. Sie ließen die Bäume kaum ruhen, schnitten sie an zu vielen Stellen an. Die Folge: Viele Bäume, die durch den Wassermangel ohnehin schon geschwächt waren, trockneten aus und starben.

Ein weiteres Problem ist das Bevölkerungswachstum. „Die Bäume, die einst meinem Vater allein gehörten, muss ich heute gemeinsam mit meinen drei Brüdern bewirtschaften“, sagt Said Ibrahim Achmed. „Das reicht nicht, um alle vier Familien zu ernähren.“ Wenn alle Hunger haben, denkt niemand an Nachhaltigkeit. Konflikte brechen aus, die Familien streiten darüber, wie oft sie die Bäume melken dürfen.

Verführerisch ist, dass die weltweite Nachfrage nach dem Harz der Boswellia-Bäume steigt. Weihrauch wird nicht nur bei religiösen Ritualen verwendet, sondern auch bei der Herstellung von Parfums, Kosmetika und Arzneimitteln. Von besonderem Interesse sind die Boswellia-Säuren, die im Weihrauch stecken: Sie hemmen Entzündungen und gelten damit als vielversprechende Wirkstoffe bei der Behandlung von Arthritis, Asthma und Hautkrankheiten.

„Weihrauch erlebt eine Renaissance, auch durch die Wellnessindustrie“, bestätigt René Csuk, Chemieprofessor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Die Substanz habenach derzeitigem Wissensstand kaum Nebenwirkungen und könnte die Wirkung anderer Arzneimittel verstärken. Allerdings, warnt Csuk: „Die klinische Wirksamkeit ist noch nicht ausreichend erforscht und erwiesen.“


Die Nachfrage nach Weihrauch wächst, doch der Boom bedroht die Bestände: Die Gefahr liegt darin, dass die Bäume zu oft gemolken und dadurch geschwächt werden. Ein Ausweg ist, neue Weihrauchhaine anzulegen. Das muss jedoch rasch geschehen, denn die Bäume brauchen fünfzehn bis zwanzig Jahre, ehe sich das erste Harz ernten lässt.


Großhändler Barkhad Jibril Hassan freut sich über die wachsende Nachfrage und die dadurch befeuerte Preissteigerung. Aber auch er weiß, dass dieser Boom die verfügbaren Bestände bedroht. „Der einzige Ausweg heißt: Bäume pflanzen“, fordert der Händler. „Wir müssen möglichst rasch Weihrauchhaine anlegen, denn die Bäume brauchen fünfzehn bis zwanzig Jahre, bevor wir sie das erste Mal melken können.“ Das zu organisieren könnte nur mithilfe der Regierung und von Hilfsorganisationen gelingen, ist allerdings nicht ganz einfach. Denn Boswellia ist äußerst kapriziös: Passen Standort und Boden nicht perfekt, keimen die Samen nicht. Die Bauern in Somaliland glauben deswegen sogar, dass die Bäume gar nicht kultiviert werden können.

Im Oman ist die Entwicklung weiter fortgeschritten. Dort wird die Vermehrung der Boswellia bereits praktiziert – durch Stecklinge. Weihrauchexporteure haben sogar schon erste kleine Plantagen angelegt und warten jetzt, bis die Bäume das Produktionsalter erreichen. Die ersten chemischen Analysen des dort gewonnenen Weihrauchs zeigen, dass er sich kaum von dem Harz der wild wachsenden Bäume unterscheidet.

Das südarabische Land hat zudem schon vor Jahren den Export von Rohharz verboten. Weihrauch wird seither vor Ort zu Öl und Pflegeprodukten verarbeitet. Das sichert Arbeitsplätze und schafft Mehrwert. „Daran sollten wir uns ein Beispiel nehmen“, fordert Barkhad Jibril Hassan. Auch er ist gerade dabei, eine kleine Destillerie zu eröffnen. Aus 100 Kilo Harz kann er dort fünf bis sieben Liter Weihrauchöl gewinnen.

Damit diese seine neue Ölquelle noch lange sprudelt, brauche es ein Umdenken bei den Harzsammlern, sagt der Händler. „Die Bäume dürfen nicht weiter so intensiv genutzt werden.“ Sein schlichtes Credo: Weniger ist mehr.

In Madar Moge, dem Dorf in den Bergen bei Erigavo, kommen solche Ideen noch nicht so gut an. „Die reichen Händler haben uns stets über den Tisch gezogen“, argwöhnt Said Ibrahim Achmed. „Früher im Namen des Allgemeinwohls, nun unter der Banner der Nachhaltigkeit!“

Doch der findige Geschäftsmann Barkhad bleibt dabei. Er hat zudem ein gutes Argument: „Liefern die Bauern weniger Weihrauch an, wird sein Preis weiter steigen. Die Bauern könnten genauso viel verdienen wie zuvor – und gleichzeitig ihre Bäume schonen.“ Davon würden alle profitieren – und das langfristig.