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Der eine sucht Liebe.


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Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 30.05.2022

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Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 6/2022

HERR K. hat Erdbeerkuchen eingekauft für den Tag, an dem er von seiner neuen, komplizierten Liebe erzählen will, und weil er aufgeregt ist, fällt ihm gleich ein Stück neben den Teller. Ein Ärgernis. Und ein Beleg.

„Ich sag’s doch“, sagt Herr K., „ich schaff das nicht allein. Ich brauch ’ne Frau!“

Herr K. ist 79 Jahre, Rentner, im Rheinland zu Hause. Sein vollständiger Name geht niemanden etwas an. Wichtig ist, seine Geschichte zu verstehen. Das ist schwierig genug, auch für Herrn K. selbst. „Es ist sehr komplex“, sagt er.

Herr K. lebt in einem Haus, das ihm zu groß geworden ist, seit seine Frau starb, „am 1. März 2013 um halb neun morgens“, sagt er. Brustkrebs. Ein elender Tod, nach 37 gemeinsamen Jahren. Ihre Häkeldecken sind noch da. Das gute Geschirr. Das Ehebett. Statt ihrer redet jetzt der Fernseher, und Herr K. raucht zum Kuchen.

Seine Frau fand er über eine Kontaktanzeige in der ...

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... Rheinischen Post. Sie war Tschechin, deutlich jünger als er. Und er war der Mann, der ihr den Westen und die Welt erklärte. Die beiden fuhren mit dem Auto von New York nach San Francisco. Sie reisten mit dem Zelt durch Kanada. Sie bezogen ihr Haus. Sie bekamen ein Kind, gingen immer seltener aus, genügten einander.

Als seine Frau stirbt, ist Herr K. in keinem Sportverein und keinem Kegelklub, der Kontakt zu Kollegen eingeschlafen, das Kind erwachsen. Herr K. erträgt die Stille nicht. Statt Liebe ist da Leere.

GEKÜRZTE FASSUNG AUS: DIE ZEIT (7.OKTOBER 2021); © DIE ZEIT

Versteht man Herrn K. heute richtig, glaubte er damals, diese Leere sei nur mit neuer Liebe zu füllen. Herr K. meldet sich auf einem Online-Dating-Portal namens Finya an. „Kostenlos, aber hochseriös“, sagt er. Für sein Profil nimmt er ein 20 Jahre altes Foto aus einem Spanien-Urlaub. Seine Frau schneidet er weg. Herr K. ist zu dem Zeitpunkt Anfang 70. Er gibt an, er sei 66 und suche eine Freundin zwischen 45 und 55.

Mit den deutschen Damen sei es nicht gut gelaufen, erinnert sich Herr K. Sie sind ihm zu alt. Und er ist ihnen zu direkt, weil er beim Chatten sehr bald fragt:

„Wann küssen wir uns?“

„Kein Interesse!“

„Ups, mit der Tür ins Haus?“

„Passt leider nicht.“

Die Abfuhren ernüchtern ihn. Aber auf Finya sind auch Frauen aus dem Ausland, viele. „Die schreiben einen von allein an“, sagt Herr K. Es kommt ihm fast wie früher vor, wie mit der Annonce in der Rheinischen Post, nur moderner und mit Fotos.

Im November 2014 erhält Herr K. die Nachricht einer Amerikanerin. Name: Antoinette Nivon. Alter: 33. Beziehungsstatus: Single. Kinder: keine. „Ich bin sehr offen und leicht geht Frau“, schreibt sie, auf Deutsch. „Ich mag Kunst und Kultur und Fotografieren. Ich suche nach einem gereiften Mann mit jungen Seele und gutes Herz. Mein Herz ist sehr groß, aber es hat einen Platz nur für den richtigen Mann mit einem riesen Eimer der Liebe! Schreiben Sie mir eine E-Mail hier.“ Offenbar benutzt Antoinette den Google Translator. So muss aus einer easygoing woman eine „leicht geht Frau“ geworden sein und aus einem bucket of love, überbordenden Emotionen, ein „Eimer der Liebe“. Herrn K. stört das nicht. Die beiden beginnen, sich zu mailen.

„Guten Morgen, wie war deine Nacht? Ich konnte nicht gut schlafen, weil es so heiß war und schwitzte am ganzen Körper. Ich an dich denken“, schreibt Antoinette.

„In Deutschland braucht man im Haus keine Klimaanlage, aber im Winter eine Heizung. Mein Haus ist sehr groß und hat eine Zentral-Holzheizung in der ersten und in der zweiten Etage eine Gasheizung“, schreibt Herr K.

Er schickt Bilder, sie schickt Bilder. Eine Frau mit langen Haaren, schalkhaftem Lächeln und einer Oberweite, die Herrn K. beeindruckt.

ANTOINETTE SCHICKT BILDER: LANGE HAARE, UND EINE HERRN K. BEEINDRUCKT O BERWEITE, DIE

„I look your photos. I want ‚kuscheln‘, kiss and love you. I need you“, mailt er.

„Honig Sie hübsch und süßes Lächeln schauen immer zu mir“, mailt sie.

Herr K. kann sein Glück kaum fassen, beschließt aber, es zu tun. Herr K. hat vieles ausgedruckt, damit nichts verloren geht. Auf dem Tisch stapeln sich die Liebesschwüre. DIN-A4-Papier in Klarsichtfolien. Das gibt allem etwas Amtliches.

Leider gibt es ein Problem. Antoinette ist zwar Amerikanerin, hängt aber in Ghana fest, aus unerfindlichen Gründen. Herr K. schlägt vor, ihr ein Visum zu besorgen und einen Flug nach Deutschland zu buchen, „ich möchte Dich am Airport Düsseldorf in meine Arme nehmen“. Antoinette würde lieber ein paar Dollar bekommen, um sich selbst zu kümmern.

Herr K. möchte aber kein Geld schicken. Stattdessen organisiert er für Antoinette einen Termin bei der deutschen Botschaft in Accra, Ghanas Hauptstadt. Sie erscheint dort nie.

Herr K. mailt ihr: „Hallo mein Schatz Antoinette, ich bin sehr enttäuscht von Dir. Du hast mich bei der Botschaft blamiert.“

Antoinette antwortet nicht mehr.

5000 Kilometer weiter südlich: eine Stadt in tropischem Grün, namens Offinso, 100 000 oder 200 000 Einwohner, niemand weiß es. Häuser aus bloßem Beton, frei laufende Ziegen, Wege aus roter Erde. Offinso wird zerschnitten von Ghanas Nationalstraße Nummer 10.

In einem unbewohnten Haus hinter zugezogenen Vorhängen sitzt auf einem Ledersofa ein junger Mann. Er hat diesen Treffpunkt vorgeschlagen. Das Haus steht am Ortsrand, in der Nachbarschaft kennt ihn niemand, er möchte unerkannt bleiben.

Der junge Mann nennt sich Vincent. Zur Wahrheit gehört, dass schon das eine Lüge ist. In seinen Händen liegt

Für einen 81 Jahre alten Witwer in den Vereinigten Staaten ist Vincent derzeit Juliette. ein Smartphone, Vincent zeigt, was er so verschickt: „I know there’s an ocean between us ...

I have never held you in my arms, but in my heart I have done it a thousand times.“ („Ich weiß, es liegt ein Ozean zwischen uns ... Ich habe Dich noch nie in meinen Armen gehalten, aber in meinem Herzen bereits tausend Mal.“

Anm. der Red.)

Ein Herr K. aus Deutschland sage ihm nichts, sagt Vincent, auch sei er niemandes Antoinette. Vielleicht aber sein Nachbar. Oder irgendein anderer Mann in Ghana. Denn Tausende Menschen in Westafrika tun, was er tut. Sie arbeiten als globale Heiratsschwindler, moderne Betrüger, sie begehen ein Verbrechen des 21. Jahrhunderts. Sie sind Scammer, der Begriff ist hergeleitet aus dem Verb „to scam“, betrügen.

Vincent benutzt lieber das Wort „Sakawa“: Geld machen. Seine Opfer nennt er „clients“, Klienten, Kunden. Er belügt Menschen, die sich belügen lassen wollen. So sieht er das. Seine Geschäftsgrundlage sei verblüffend einfach, sagt Vincent: „The white have no one around.“ – Die Weißen sind einsam. Und Einsamkeit ist die beste Verführerin.

Vincent hat fertige Textbausteine auf seinem Handy. „My Honey“, „my Heart“, „my Love“. Er hat Ordner mit Bildern verschiedener Frauen angelegt. Alle Fotos sind aus dem Internet kopiert. Am besten, sagt Vincent, funktionierten Bilder und Videoschnipsel von Accounts wenig bekannter Porno-Darstellerinnen. Da finde er alles, was er brauche, von alltäglich bis frivol, von bekleidet bis nackt. Dramaturgisches Eskalationsmaterial.

90 Prozent der Männer auf den Portalen antworten auf seine erste Anfrage, sagt Vincent. 80 Prozent fragen nach Nacktfotos, ziemlich schnell. „Manchmal ekle ich mich“, sagt Vincent. Ob auch vor sich selbst, sagt er nicht.

In Deutschland vergehen Tage, Wochen, Monate, mehr als ein Jahr, nachdem Herr K. den Kontakt zu Antoinette verloren hat. Er sieht fern, raucht, geht einkaufen, schreibt anderen Frauen.

Plötzlich ist da eine E-Mail, im Februar 2016. Die schöne Amerikanerin schreibt wieder. „Hello my dear friend ...“ – Hallo, mein lieber Freund, lange nicht gesehen, wäre schön, wenn wir doch noch zueinanderfänden, schicke dir neue Fotos, schick mir auch welche.

Auf den neuen Bildern trägt die alte Bekannte Bikini. Seltsamerweise heißt sie nicht mehr Antoinette Nivon, sondern Earlie Thomas und wohnt in Texas.

Merkt man zaghaft an, dass man das nicht begreift, wird Herr K. in der Stille seines Esszimmers laut und schreit: „Ich doch auch nicht!“

Es wäre falsch, in dieser Sache jedes Handeln rational begründen zu können. Es geht um Gefühle.

Sie schreibt ihm. Er schreibt ihr.

Wieder will sie nach Deutschland kommen. Drei Jahre nach dem Tod seiner Frau schickt Herr K. erstmals Geld. 380 Euro. Wofür Earlie die Summe braucht, hat Herr K. heute vergessen. Visum? Pass? „Weiß ich doch nicht mehr!“, sagt Herr K.

Herr K. überweist das Geld per Western Union. Einzahlung in bar, Auszahlung in bar, überall auf der Welt, nicht immer gegen Vorlage eines Ausweises. Der Beleg ist noch da, einer von 100 Zetteln auf seinem Tisch.

Auf dem Papier steht unter Zahlungsempfänger: EARLIE THOMAS, Waco, Texas. Keine Passnummer, keine Adresse, nichts.

Wenn die Uhren in Westafrika

abends auf sechs springen, ist es in Mitteleuropa bereits acht. An der Ostküste der Vereinigten Staaten naht der Nachmittag. In Offinso beginnt die Kernarbeitszeit. „Wir machen hier Nachtschicht“, sagt Vincent.

Weit mehr als eine Milliarde Dollar werden Jahr für Jahr mit Scamming bewegt. Allein bei der amerikanischen Bundespolizei FBI gehen etwa 20 000

Anzeigen jährlich ein. Und das sind nur die bekannten Fälle.

Als einer von wenigen Staaten der Region ist Ghana direkt an ein Tiefsee-Kommunikationskabel zwischen Kapstadt und London angebunden, die leistungsstärkste Internetverbindung zwischen Afrika und Europa. Die Mobilfunkabdeckung im Land liegt bei über 80 Prozent.

EARLIE VERSPRICHT, ALLE SCHULDEN BEI HERRN K. ZU BEGLEICHEN. SIE IST JA JETZT ERBIN

Ghana ist eine der am besten entwickelten Nationen Westafrikas, global gesehen trotzdem arm. Laut Human Development Index liegt das Land im weltweiten Vergleich auf Rang 138, noch hinter Bangladesch.

Ein Schulabschluss verspricht noch keinen Job. Für den Abbau von Bodenschätzen – Gold, Gas, Öl, Mangan – werden verhältnismäßig wenig Arbeitskräfte benötigt.

Außerhalb der Metropolen Accra und Kumasi gibt es kaum Industrie. Das Land ist stark verschuldet.

Vielleicht sollte man einem hauptberuflichen Lügner wie Vincent nicht vertrauen. Zuhören kann man ihm dennoch. Er behauptet, seine Mutter sei früh gestorben. Er sei 34 Jahre alt, habe eine Frau, zwei Söhne und eine Tochter. Seine Frau lasse sich zur Arzthelferin ausbilden, das koste. Dazu müsse er Schulbücher, Schuluniformen, Schulgeld der Kinder bezahlen. Er schickt sie auf eine Privatschule.

„Ich bin ein guter Vater“, sagt Vincent. Neulich habe er 22 000 Dollar verdient, Geld gemacht, Sakawa.

Herr K. plant

über Monate den Umzug seiner Freundin, die er in Amerika verortet, zu sich nach Deutschland. Earlie mailt ihm ihren Pass, eine eingescannte Kopie. Earlie flutet sein Postfach: „If I could describe the love I have for you ...“ – Wenn ich meine Liebe zu Dir doch nur in Worte fassen könnte.

Anders als Antoinette will Earlie von Herrn K. kein Geld für den Flug geschickt bekommen. Sie empfiehlt ihm eine Reiseagentur in Texas, bei der er ein Ticket buchen könne.

Erneut kommt etwas dazwischen. Earlie mailt Herrn K., ihr Stiefvater sei gestorben, in Ghana. Sie müsse erst einmal nach Afrika, sie habe dort ein Erbe anzutreten. Herr K. zahlt etwa 500 Euro für ein neues Flugticket. Earlie verspricht, alle Schulden bei ihm zu begleichen. Sie ist jetzt ja Erbin.

Es sind die letzten Tage des Jahres 2016. Eine Weile hört Herr K. nichts von seiner Freundin. Im Januar 2017 mailt ein Dr. Frimpong aus Accra: „Hello, Mr. K. ...“ Earlie habe nach ihrer Ankunft in Afrika einen Autounfall gehabt. Der Fahrer sei tot, „aber Ihre Partnerin hat überlebt, was das Wichtigste ist“. Er sei der behandelnde Arzt.

Herr K. bekommt neue Bilder: ein Wrack aus Blech, Earlie im Krankenbett, ihr Gesicht hinter einer Sauerstoffmaske, flehende Augen. Dr. Frimpong hängt auch eine Rechnung über 950 Euro an. Leider fehle der Patientin eine Versicherung, er würde gern mit der Behandlung fortfahren.

In Ghana organisiert Vincent die emotionale Geiselnahme seiner Opfer ausschließlich über Handy. So verliert er sie auch nicht aus den Augen, wenn er unterwegs ist. Andauernd vibriert und blinkt das Gerät, meldet Posteingänge in mehreren Mailaccounts, denn Vincent spielt viele Rollen, Frauen, Ärzte, Anwälte. Allein ist er dabei nie.

Wie jedes erfolgreiche Business institutionalisiert sich auch die Szene der Scammer. Nur noch wenige arbeiten für sich. Eine Liebesmafia ist gewachsen, organisiert in Gruppen. In den Netzwerken stehen Experten für Bildbearbeitung bereit, die mit Programmen wie Photoshop Pässe, Urkunden und Fotos fälschen. Für sie ist es keine große Sache, eine Frau in ein Krankenhausbett zu legen. Oder einen Pass zu basteln.

Als Earlie nach ihrem Unfall aus dem Krankenhaus entlassen wird, dankt sie Herrn K. für seine Hilfe, für den „wonderful support given to me all day and night“. Endlich hat sie Zeit, sich um das Erbe des verstorbenen Stiefvaters zu kümmern. Es ist gewaltig.

Earlie schickt Herrn K. ein Testament, laut Briefkopf hinterlegt beim High Court of Justice in Accra. Wilson Bernard Thomas hat mit Rohstoffen gehandelt. Er hinterlässt Earlie exakt 7631 Kilogramm Gold und Diamanten sowie 800 Millionen US-Dollar in bar. Alles verschlossen in Tresoren einer Sicherheitsfirma namens PMS Logistics. Allerdings werde Earlie das Erbe nur ausgehändigt, wenn sie verheiratet sei.

Herr K. heiratet Earlie in Abwesenheit und überweist dafür 3000 Euro Gebühren an eine Standesbeamtin namens Esther Acquah. In den Zahlungsbitten aus Ghana ist immer von westlichen Währungen die Rede. Herr K. ist mittlerweile bei vierstelligen Summen angelangt. Als Beleg erhält er eine E-Mail mit Heiratsurkunde im Anhang.

Earlie und Herr K. mailen beinahe täglich, es gilt viel Schriftverkehr zu erledigen. Einmal hätten sie auch telefoniert, sagt Herr K., er hörte eine Frauenstimme. Ein anderes Mal gelingt es ihm, eine kurze Videoverbindung aufzubauen. Earlie winkt Herrn K., aber der Ton funktioniert nicht.

Earlie meldet aus Accra, Ghanas Behörden verlangten für die Ausfuhr

des Erbes Abgaben in Höhe von 1 015 000 Euro. Zum Glück sei es dem Chef der Sicherheitsfirma, einem Mr. Saw, gelungen, sie auf 26 500 Euro herunterzuhandeln. Kontakte, Korruption, Afrika. Wenn Herr K. ihr die Summe auslege, erhalte er einen Teil des Erbes, verspricht Earlie. Die Tresore wolle sie in Ghana nicht öffnen, sonst werde ihr alles gestohlen.

Fortan treffen bei Herrn K. auch Mails vom Sicherheitsmann Saw ein, drängend im Ton, Herr K. müsse sich beeilen, er könne die Leute vor Ort nicht ewig schmieren.

Herr K. teilt Earlie mit, er wolle sich bei den Behörden selbst erkundigen. Sie bittet ihn: „I don’t want you to call them ...“ – Ruf da nicht an. Man hat mich wissen lassen, dass die Leute uns dort betrügen wollen, weil sie wissen, um welche Summen es geht.

Eines Tages klingelt es an Herrn K.s Tür. Der Paketbote. Er übergibt einen gelben Umschlag von DHL. Aufgegeben in Ghana, schwer, prall, rasselnd. Earlie hat Herrn K. die Tresorschlüssel vorgeschickt. Schließlich sei er der Einzige, dem sie vertraue.

Herr K. kratzt seinen Besitz zusammen. Er ist jetzt bei fünfstelligen Beträgen. Er verkauft das Haus einer verstorbenen Angehörigen, ein Erbe. 2017 vergeht, 2018 verstreicht. Pausenlos braucht Earlie Geld, weil sie irgendwelchen Afrikanern vom Gold erzählt hat und die nun bestechen muss. Ihre Mails haben jetzt den Betreff: „Es drängt, mein Lieber.“

Es ist nicht leicht, in die Seele von Herrn K. zu blicken. Manchmal klingt er so, als sei seine Liebe zu Earlie etwas erkaltet: Sie ist dumm, vertraut den falschen Leuten und bereitet ihm immer neue Probleme.

Heute stellt Herr K. die Sache so dar, dass er im Lauf der Zeit beschlossen habe, ihr vor allem aus finanziellen Erwägungen die Treue zu halten. „Ich musste zahlen, wenn ich meine Ansprüche jemals realisieren wollte“, sagt Herr K. Er hält an ihr fest wie an einer Aktie, die fällt und fällt. Ihn hält die Hoffnung, dass sie wieder steigt.

In Ghana gibt es viele Theorien, warum die Masche funktioniert. Von einer lebt ein Spediteur, der sich Joe nennt. Joe ist Herr über zehn Reisebusse, sämtlich ausgestattet mit Liegesesseln, Bildschirmen, Klimaanlagen. Zu Joes besten Kunden gehören Scammer, Sakawa-Boys.

In seinen Bussen sei ab und zu von der Herablassung des Nordens die Rede: Wie können sich diese Greise nur einbilden, eine junge Frau interessiere sich für sie? Wo ist ihre Demut? Haben sie nie gelernt, einen Irrtum einzugestehen? Auch werde die Rache des Südens beschworen: Sakawa bringe zurück, was einst geraubt wurde. An Ghanas Küste stehen noch die Forts, von denen aus die Kolonialherren den Kontinent eroberten, wo sie Gold verluden und Sklaven auf Schiffe zwangen.

Bis heute werden Weiße im Land „obroni“ genannt. In dem Begriff sind die Wörter „schlecht“ und „Mensch“ verschmolzen.

Im August 2019 – sechs Jahre nach dem Tod seiner Frau, fünf Jahre nachdem Antoinette in sein Leben trat, drei Jahre nachdem sie sich in Earlie verwandelte – schöpft Herr K. noch einmal Hoffnung.

EARLIE MEHRMALS AN, DOCH IMMER WENN HERR K. ANNIMMT, BRICHT DIE VERBINDUNG AB

Earlie mailt, sie steige in wenigen Tagen ins Flugzeug, an ihrer Seite Sicherheitsmann Mr. Saw, im Rumpf die Tresore. „Baby this is the information of the flights my dear.“ – Mein Schatz, hier die Informationen zu meinen Flügen. Kotoka International Airport Accra – London Heathrow – Düsseldorf.

Man mag es kaum mehr schreiben, aber in London wird Earlie verhaftet. Etwas stimmt nicht mit den Frachtpapieren. Damit Herr K. nicht den Glauben verliert, schickt Earlie ihm ihre Bordkarte von British Airways. Ein Mr. Rodgers von „Heathrow Intelligence“ sendet ein Foto, das Earlie in einer Zelle zeigt.

Herr K. kauft Earlie frei, durchbricht irgendwann in dieser Zeit die 100 000-Euro-Marke, druckt zu Hause weitere Belege aus und schiebt sie in neue Klarsichtfolien. Earlie wird in die USA abgeschoben. Dort vertraut sie ihr Erbe einem Anwalt mit Namen Lance Grover an, der Herrn K. Lagerkosten in Rechnung stellt, Verwaltungsgebühren erhebt und eine Kopie seines Passes schickt.

Grau gescheitelter Kantenkopf, weißer Kragen und Krawatte.

Grover schickt freundliche Briefe, während Earlie garstig wird. Herr K. müsse sie endlich zu sich holen, ein allerletztes Mal bezahlen, damit Schatz und Schlüssel zusammenfinden. Aber Herr K. hat kein Geld mehr, 150 000 Euro sind weg. „Wenn wir uns nicht vertrauen, ist es keine wahre Liebe“, schreibt Earlie.

Bald kann der Anwalt die Lagerkosten nicht mehr begleichen, die Tresore werden nach New York gebracht, in Earlies Wohnung. Sie ruft ihn mehrmals an, doch immer wenn Herr K. annimmt, bricht die Verbindung ab.

„Diebe haben sich an meinem Fenster zu schaffen gemacht“, meldet Earlie, „ich kann unser Eigentum nicht mehr schützen, irgendwann wird jemand kommen und mich töten.“

Herr K. stellt seinen Hausstand auf eBay ein, verkauft Möbel und Autoteile. Sein erwachsenes Kind versucht vergeblich, ihn von Earlie abzubringen, und resigniert schließlich. Herr K. selbst überwirft sich in der Sache mit letzten Freunden. Über die Jahre hat er sich ein zweites Mal an die deutsche Botschaft in Ghana gewandt, ist in seinem Wohnort zur Polizeiwache gegangen und hat E-Mails an amerikanische Behörden geschickt. In einigen Schreiben lässt er Zweifel an der ganzen Geschichte erkennen. Meistens jedoch bittet er darum, seine Frau und ihn beim Transfer der Tresore zu unterstützen.

Die Botschaft antwortet, er solle besser den Kontakt abbrechen. Von den meisten Stellen erhält er überhaupt keine Reaktion. Nun hofft Herr K., die Zeitung könnte helfen.

Herbst 2021. Im Achimota Hospital in Accra beugt sich die Verwaltungschefin der Klinik über den Totenschein von Earlie Thomas’ Stiefvater. Ein Ventilator an der Decke wälzt die Luft um, die Dame schweigt, schließlich sagt sie: „Unser Wappen sieht anders aus.“ Sie ruft im Archiv an. Ein Wilson Bernard Thomas war niemals Patient in diesem Krankenhaus. Der Name des unterzeichnenden Arztes ist unbekannt.

Im zentralen Standesamt der Hauptstadt sagt der Leiter, seien vor einiger Zeit Heiratsurkunden gestohlen worden. Das Dokument sei echt und zugleich ungültig, denn eine Hochzeit in Abwesenheit sei nicht gestattet. „Für die Gebühr hätte der Mann übrigens ein ganzes Dorf heiraten können.“

Am High Court, in einem fensterlosen Büro am Ende eines langen Flures, nimmt ein Registrator das Gold-Diamanten-Dollar-Testament entgegen. Er lässt es begutachten und setzt ein Schreiben auf, in dem steht, das Papier stamme nicht aus seinem Haus.

British Airways prüft die Bordkarte, mit der Earlie Thomas von Accra nach London geflogen sein will, und verkündet: „This is not a BA document.“ („Dies ist kein von British Airways ausgestelltes Dokument.“ Anm. der Red.)

Das Passbild des grau gescheitelten Anwaltes Lance Grover zeigt einen hochrangigen Soldaten aus den USA, den ehemaligen Navy-Admiral James A. Winnefeld. Der hat einst einen Flugzeugträger kommandiert, jetzt ist er machtlos gegen Identitätsdiebe.

Das Foto, das Earlie in der Zelle in Heathrow zeigen soll, stammt aus der Gefängnisserie „Orange Is the New Black“. Auf den Kopf der Hauptdarstellerin wurde Earlies Gesicht montiert.

Alle Bilder, auf denen die junge, komplizierte Liebe des Herrn K. lächelt, zwinkert und sich in Betten rekelt, wurden vom Myspace-Account einer Kalifornierin gestohlen. Die Frau drehte eine Zeit lang unter dem Künstlernamen Aria Giovanni lesbische Pornos. Aus ihren Fotos haben zig Betrüger mehrere falsche Profile gebastelt. Die Fantasiefrauen mit dem immer gleichen Gesicht heißen mal Anita Johnson, mal Ashelly Cole, mal Shakira Dale, mal Rachel Aasomani. Und mal Earlie Thomas.

Als Herr K. von all den Erkenntnissen hört, sagt er: „Das kann niemals ein Mann sein.“ Man hätte nicht in Ghana nach seiner Earlie suchen sollen, sondern in New York, wo die Tresore lagern. Er hat sich nicht geirrt. Er nicht. Mag sein, dass Earlie von Anfang an nur sein Geld wollte – aber ihre Gier und ihre Naivität bewiesen, dass sie existiere. Eine erfundene Frau wäre doch immer nett zu ihm, sagt Herr K. „Mich überzeugt die Ehrlichkeit der Betrugsabsicht.“

In Offinso, Ghana hat sich Vincent dieser Tage ein drittes Auto zugelegt, einen Toyota. Er baut ein Haus. „Wenn wir einziehen, höre ich auf “, beteuert Vincent, der Lügner. Dann verschwindet er in den Straßen seiner Stadt.

In Deutschland hat Herr K. seinen Wagen nicht mehr durch den TÜV gekriegt. Er sitzt in seinem Haus, raucht die Tapeten gelb und hat neulich wieder eine Nachricht an Earlie Thomas geschrieben: „Today only small breakfast 3 very small TOAST BREDS with Butter and Marmelade because I had nothing at home ...“ – Heute nur ein kleines Frühstück, drei sehr kleine Toastscheiben mit Butter und Marmelade, weil ich nichts zu Hause hatte.

Earlie reagiert nicht mehr so rasch wie früher. Dafür erhält Herr K. Post von einer neuen Frau. Sie ist Französin und heißt Catherine Morin. Wie eine Schauspielerin, die vor 50 Jahren ihre ersten Filme drehte.