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Der Erbschleicher


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Das goldene Blatt - epaper ⋅ Ausgabe 33/2022 vom 13.08.2022

Der große abgeschlossene ADELS-ROMAN

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Endlich konnte er wieder stattfinden, der jährliche Wohltätigkeitsball – und alles, was in der Society Rang und Namen hatte, war gekommen. Denn das Ereignis bot eine willkommene Möglichkeit, im größeren Kreis ‚unter sich‘ zu sein.

Wie immer verstreuten die verfeindeten Häuser von Rosen und Wildbach-Breuningen fleißig bissige Bemerkungen über einander. Und wie immer bildeten die Mitglieder des Hauses Hohenlinden eine gesonderte Gruppe.

Sie hatten sich viel zu erzählen. Nur wenige Tage zuvor waren Bruno Graf von Hohenlinden nebst Gattin Carina aus Amerika zurückgekehrt, wo sie sich fast zwei Jahre lang aus geschäftlichen Gründen aufgehalten hatten. Über diese Geschäfte wurde kein Wort verloren, aber ihr Bericht von den landschaftlichen Reizen Floridas fand interessierte Zuhörer. Seinerseits lauschte das Paar den ...

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... Erzählungen von Vorkommnissen, die zwischenzeitlich hier stattgefunden hatten – besonders allem, was ‚sie‘ betraf.

„Auf sämtlichen Häusern des Dorfes gibt’s jetzt Solarstrom- Module!“, wusste Graf Konrad und schüttelte verständnislos den Kopf.

„Wozu tut sie das nur“, wunderte sich Isabella von Prunell, eine geborene von Hohenlinden. „Ich meine, das kostet ihr Geld und den Nutzen haben nur die Bauern!“

Ihr Gatte schnaubte. „Sie hat doch reichlich Geld. Mehr als genug für jede Spinnerei: Jetzt lässt sie sich sogar einen Swimming-Pool in den Garten bauen – mit Glaswänden rundherum! In ihrem Alter! Und ganz für sie allein!“

Bitte umblättern!

„Oh, der ist bestimmt nicht für sie allein“, konterte seine Cousine Paula zuckersüß. „Ich gehe jede Wette ein, dass ihre Angestellten, vom Gärtner bis zur Köchin, auch darin werden planschen dürfen!“

Den Worten folgten konsternierte Blicke, die quer durch den Ballsaal zur Bar gingen. Dort stand Principessa Silvana, fast 70 Jahre alt, mit silbergrauem Haar und feinen Fältchen im Gesicht, aber schlank und elegant wie eh und je, mit einer unbewusst königlichen Haltung, um die sie fast jede Dame von Stand heimlich beneidete.

Auch Gräfin Carina, die bei dem Anblick schmale Lippen bekam. Immer noch „Principessa“! Warum eigentlich, dachte sie unzufrieden und musterte kühl die alte Dame, die sich bestens zu amüsieren schien. Nur weil sie aus dem italienischen Hochadel stammte? Durch die Hochzeit mit Brunos Onkel Guido ist sie doch Gräfin geworden! Dass sie ihren ursprünglichen Titel beibehielt, war einfach unsinnig, obwohl – oder gerade weil – Silvana diese Anrede als etwas Persönliches sah und nicht als Betonung ihres Ranges.

Sie kümmerte sich überhaupt wenig um Standesunterschiede und Konventionen, pflegte dem Vernehmen nach freundschaftlichen Umgang mit einer Marktfrau, und sie interessierte sich für ökologische Landwirtschaft und andere derart merkwürdige Dinge.

Da ihre Ehe kinderlos geblieben war, herrschte ausgerechnet diese Frau seit dem Tod ihres Gemahls vor gut zehn Jahren als offizielles Oberhaupt derer von Hohenlinden. Damit war sie die uneingeschränkte Besitzerin des Stammschlosses sowie ausgedehnter Ländereien und Unternehmungen. Verrückt!

„Verrückt“, sagte Bruno neben ihr, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Hat man schon was darüber gehört, dass sie sich langsam zurückziehen will? Wen hat sie denn nun als Verwalter? Der alte Kaupp ist doch inzwischen raus, oder?“

Darüber wusste niemand etwas. In diesem Moment trat Caspar von Hohenlinden zu der Gruppe, ein Glas Rotwein in der Hand und ein süffisantes Lächeln auf den Lippen. „Unsere verehrte Principessa hat einen neuen Liebling“, verkündete er. „Sie hat Richard nach Hohenlinden eingeladen…“ Er weidete sich an den erstaunten Ausrufen und fügte hinzu: „Für die gesamte Dauer der Semesterferien!“

Natürlich kümmerte sich die Familie um den verwaisten Sohn

„Richard?“, rief Isabella missvergnügt. „Was will sie mit dem?“

Ob Richard von Ponger überhaupt noch zum Haus Hohenlinden gerechnet werden musste, war umstritten. Seine Mutter, die künstlerisch talentierte Tochter von Guidos jüngstem Bruder, hatte einen obskuren Herrn von Ponger geheiratet – gegen den Willen ihrer Eltern. Sie hatten sich an der Akademie kennen gelernt, wo sie Malerei und er Bildhauerei studierte. Die Kunst hatte beiden keine Erfolge gebracht, aber sie ware elf Jahre lang sehr glücklich miteinander gewesen. Bis sie bei einem schrecklichen Verkehrsunfall ums Leben kamen. Ihre Hinterlassenschaft bestand aus ein paar Schulden und einem Sohn: Richard.

Natürlich kümmerte sich die Familie um beides, bezahlte die Verbindlichkeiten und steckte Richard in ein standesgemäßes Internat. In den Ferien wurde er reihum gereicht. Er störte nirgends, passte aber auch nirgends wirklich hin.

Inzwischen studierte er Architektur und Kunstgeschichte, also brauchte er keine Betreuung mehr. Warum lud Silvana nun ausgerechnet ihn nach Hohenlinden ein?

Ein unangenehmer Gedanke formte sich in Bruno. Er tauschte einen Blick mit seiner Frau. Dachte sie das Gleiche? Jedenfalls lächelte sie höflich, als Bruno erklärte: „Uns steckt der Jetlag noch in den Knochen. Und morgen habe ich eine wichtige Besprechung.“

Es folgten die üblichen Versicherungen, dass man sich unbedingt bald treffen müsse. Dann verließen Bruno und Carina den Saal.

Während sie sich von der Gastgeberin verabschiedeten, wurde ein Taxi gerufen. Der Fahrer glaubte zuerst, sich verhört zu haben. „Sie wollen zum Hotel Marietta?“

„Ja“, bestätigte Bruno ärgerlich. „Und zwar flott, wenn’s geht.“

„Sie meinen das Marietta in der Seitzstraße? Am Stadtrand?“, hakte der Taxichauffeur nach.

„Allerdings!“, herrschte Bruno ihn gereizt an und warf seiner Frau einen erbitterten Blick zu. Dann schwieg er, bis sie im Hotel waren.

Das kleine Haus war gut geführt, erhob aber keinen Anspruch auf Exklusivität. Dafür bot es preisgünstige Zimmer, und das war etwas, worauf das Paar in letzter Zeit zu achten hatte lernen müssen.

Nach einigen bösen Fehlinvestitionen in Amerika war das Geld knapp. Aber Bruno hatte nicht vor, diese prekäre Situation lange hinzunehmen. Und darauf bezog sich auch seine erste Bemerkung, sowie sich die Zimmertür hinter ihnen geschlossen hatte. „Wir ziehen nach Hohenlinden“, bestimmte er.

Seine Frau hob eine Braue. „Einfach so? Wie willst du sie dazu bringen, uns aufzunehmen?“

„Sie wird es nicht wagen, uns abzuweisen“, polterte er. „Das Schloss ist der Stammsitz meiner Familie! Und über kurz oder lang werden wir ohnehin dort wohnen.“

Carina wusste, worauf ihr Mann anspielte: Bruno stand Silvana verwandtschaftlich am nächsten, deswegen fand er, dass er die logische Wahl als ihr Alleinerbe war.

Das hoffte auch Carina, doch sie war nicht so zuversichtlich: Es fehlte der direkte Kontakt zu Silvana. Bis auf unpersönliche Geburtstags- und Weihnachtskarten gab es kaum eine Verbindung zwischen ihnen. Und falls es nun jemand anderem gelang, sich bei der alten Frau einzuschmeicheln…

Brunos Gedanken gingen wohl in die gleiche Richtung. „Ich werde nicht erlauben, dass sich dieser Ponger dort breitmacht, während wir in dieser Absteige hausen!“

„Gut, ich packe“, nickte Carina und drehte ihm den Rücken zu.

Die Hausdame auf Schloss Hohenlinden war viel zu gut geschult, um mit der Wimper zu zucken, als tags darauf Graf und Gräfin Hohenlinden vor dem Schlossportal standen und hinter ihnen ein Taxifahrer mehrere Koffer auslud.

Die junge Frau hatte sogar Schlüssel! Wer sie wohl war?

„Die Principessa schläft noch“, antwortete sie auf Graf Brunos Wunsch, seine Tante zu sehen. „Nach langen Ballabenden steht sie nie vor Mittag auf. Wenn Sie mir bitte folgen. Im Grünen Salon werden Sie es bequem haben.“

Bruno biss die Zähne zusammen. „Bemühen Sie sich nicht. Ich werde mich inzwischen im Garten umsehen“, blaffte er.

Carina lächelte kühl. „Ich warte im Salon – mit einer Tasse Kaffee.“

Die Hausdame neigte den Kopf und ging voraus, während Bruno sich zu erinnern versuchte, wie man in den Garten gelangte. Das Haus war riesig und verwinkelt, und schließlich gab er es auf, ging zur Haustür zurück und umrundete das Schloss von außen.

Fast sofort stieß er auf den Bauplatz des neuen Swimming-Pools. Eine passende Grube war bereits ausgehoben und die Stahlstreben für Dach und Seitenwände lagen ebenfalls schon bereit. Bruno betrachtete beides mit einer gewissen Billigung. Ein Pool für ihn und seine Familie allein, natürlich. Was für eine Idee, mit den Angestellten zu schwimmen! Die Vorstellung ließ ihn lautlos lachen, und dieses halbe Lächeln lag noch auf seinem Gesicht, als er eine hübsche junge Frau mit einer Aktentasche den Kiesweg entlang gehen sah.

„Guten Tag!“ Sie winkte ihm über die Buchsbaumhecke zu.

Unwillkürlich winkte er zurück. Wer sie wohl war? Ein Zimmermädchen? Danach sah sie eigentlich nicht aus. Zielstrebig ging sie auf eine Seitentür des Schlosses zu, als habe sie diesen Weg schon oft genommen. Tatsächlich hatte sie sogar einen Schlüssel. Bruno runzelte die Brauen und nahm sich vor, Silvana nach dem Mädchen zu fragen. Dann verschränkte er die Hände auf dem Rücken und wanderte durch den Obstgarten auf den hinteren Küchengarten zu.

Die Principessa tauchte tatsächlich erst zu Mittag auf, begrüßte ihre Gäste aber sehr herzlich.

Bruno bat mit mühsam erzwungenem Lächeln um: „Asyl, bis wir eine anständige Wohnung gefunden haben. Nach unserer Rückkehr haben wir leider noch nichts Geeignetes angeboten bekommen.“

Bitte umblättern!

Eine Sekunde lang fühlte er sich scharf gemustert, aber das lag vermutlich an seiner unsinnigen Befangenheit, denn schon nickte Silvana und warf beide Hände hoch.

„Aber natürlich! Wir sind doch eine Familie! Anna wird sich sofort um Zimmer für euch kümmern, gleich nach dem Essen. Ich habe einen fürchterlichen Hunger“, gestand sie. „Wie immer nach solch einem Ball. Man trinkt zu viel!“

Augenzwinkernd geleitete sie die beiden in ein großes Morgenzimmer, wo Bruno die junge Frau aus dem Garten wiedersah. Sie saß an einem ovalen Tisch und stand bei ihrem Eintritt rasch auf.

„Ah, Julia, wie schön!“ Herzlich lächelnd wandte Silvana den Kopf zu Carina und Bruno. „Darf ich vorstellen: Julia Kaupp, meine unschätzbare rechte Hand. Leider haben wir selten Gelegenheit, miteinander zu essen, daher genieße ich es immer besonders!“

Während sie das Paar vorstellte, verengten sich Brunos Augen: Was meinte Silvana mit ‚rechter Hand’? Das junge Ding schien kaum der Schule entwachsen! Er öffnete den Mund, um nachzufragen, doch da trat Richard von Ponger ein. Bei Julias Anblick stutzte er, blieb kurz in der Tür stehen und etwas in seinen Augen wurde weich.

Erfreut lächelnd streckte ihm Silvana die Hand entgegen. „Euch muss ich einander ja sicher nicht vorstellen, nicht wahr?“

„Natürlich nicht“, sagte Richard sofort. In Erinnerung eines lange zurückliegenden Weihnachtsfests lächelte er ebenfalls höflich und gab Onkel und Tante die Hand.

„Natürlich nicht“, echote Bruno. „Ist ja eine Ewigkeit her, mein Jun- ge. Es ist allerdings etwas überraschend, dich hier zu sehen – was treibst du auf Hohenlinden?“

„Oh, dieser Schatz kümmert sich um meine Schätze“, zwitscherte Silvana, forderte mit einer Handbewegung alle auf, sich zu setzen und bediente einen Knopf am Tisch. „Ich nehme gern Mineralwasser zum Essen, aber es ist natürlich auch Wein da. Hat jemand einen besonderen Wunsch?“

Heiter erzählte die Principessa von ihren Öko-Bauern

Wie sie es schaffte, war Bruno nicht klar, aber irgendwie ergab sich während des Essens keine Gelegenheit mehr, seine offenen Fragen zu klären. Silvana unterhielt sich angeregt, sprach mit Carina über Floridas Klima, mit Julia über einen kaputten Heizkörper in ihrem Büroraum, mit Richard über die Möglichkeiten, den Pool um einen Fitnessraum zu erweitern – was dafür sorgte, dass Bruno sich an seinem Hähnchen verschluckte.

Hilfreich klopfte die Principessa ihm den Rücken und meinte scherzhaft, er werde dieses Missgeschick sicher überleben: „An so gesunden Hühnchen wie den unseren stirbt keiner! Wir haben viel Glück mit unseren Lieferanten. Alles eigene Leute – da weiß man eben, was man bekommt!“

Puterrot im Gesicht, konnte Bruno auf diese alberne Bemerkung nur nicken. Während er den Hustenreiz niederzwang, erzählte Silvana heiter von ihren Bauern und deren ökologisch geführten Höfen. „Julia achtet streng darauf, dass sich kein schwarzes Schaf bei uns einnisten kann“, erzählte sie.

Carina lächelte die junge Frau fragend an. „Aha… Sie kontrollieren demnach die landwirtschaftlichen Betriebe für meine Tante?“

Wieder antwortete Silvana, bevor Julia den Mund auftun konnte: „Oh ja – und sie ist ganz ausgezeichnet darin!“, lobte sie. „Echtes Kauppsches Blut eben, kommt ganz nach ihrem Großvater!“

Der Groschen fiel so gründlich, dass sich Bruno beinah wieder verschluckte. „Sie sind eine Kaupp? Bernard Kaupp war doch…“

„Guidos und mein vertrautester Anwalt“, nickte Silvana strahlend. „Julia ist seine Enkelin. Und seit mein alter Freund Bernhard in den Ruhestand getreten ist, geht sie in seinen Fußstapfen weiter!“

„Als deine Anwältin?“, fragte Carina scharf. Zu scharf, wie Bruno befürchtete. Julia und Richard blinzelten erschrocken, doch die Principessa schien nichts bemerkt zu haben. Sie nickte freudig.

„Aber ja! Ist das nicht herrlich? So bleibt alles in der Familie!“

Bruno presste die Lippen zusammen und warf Carina einen war- nenden Blick zu. Während der Mahlzeit mied er jedes möglicherweise gefährliche Thema, aber als Carina und er – komfortabel in der Kleinen Suite im ersten Stock untergebracht – allein waren, brauchten sie keine Umschweife.

„Das ist doch unglaublich!“, ereiferte sich Bruno. „Schon der alte Kaupp war ein ewig Gestriger, ständig ging es ums Althergebrachte, nur ja nichts allzu Neues, Modernes – und jetzt geht dieses unwissende junge Ding diesen Weg weiter? Ich sage dir, Carina, man könnte viel mehr aus den Betrieben hier herausholen, wenn man nicht ganz so ‚bio’ und ‚naturbelassen’ arbeiten würde! Sie ist alt, unsere liebe Tante, da hat diese Julia natürlich leichtes Spiel. Aber der werde ich die Suppe versalzen.“

„Wenn sie dich als Verwalter akzeptieren würde, wäre viel gewonnen“, überlegte Carina. „Man muss sicher vorsichtig vorgehen – der Starrsinn deiner Tante ist ja bekannt – aber ich denke, du könntest sie überzeugen. Nur sieh zu, dass sie dir etwas schriftlich gibt: Die Kleine ist Rechtsanwältin!“

Mit diesem Rat im Sinn betrat Bruno am nächsten Tag Silvanas privaten Salon. Sie saß gerade an einem spindelbeinigen Sekretär und schrieb irgendetwas, erhob sich aber bei seinem Eintritt sofort, begrüßte ihn und setzte sich mit ihm in eine gemütliche Sitzecke.

Zur Einleitung dankte er ihr ausgiebig für die Aufnahme und verbreitete sich darüber, wie sehr ihm das Stammschloss der Familie am Herzen lag. Dann ließ er vorsichtig anklingen, dass die Verwaltung eines solchen Besitzes doch eine große Verantwortung und eine schwere Last sei. Silvana nickte. „Oh ja, das ist wirklich so.“

„Zumal für jemanden wie dich, der sich eigentlich längst ruhigere Fahrwasser verdient hätte!“

Die Principessa wiegte den Kopf. „Wohl wahr. Ohne Julia wäre es oft kaum zu schaffen!“

„Du brauchst einen Mann an deiner Seite“, meinte Bruno

„Nun ja, Julia …“ Bruno räusperte sich. „Sicher eine sehr fähige junge Dame, aber nun mal keine Hohenlinden. Ich denke, du brauchst mehr Familie an deiner Seite! Einen Mann, der dich unterstützt und – gemeinsam mit deiner Julia, natürlich! – die Interessen des Hauses schon aus Familiengründen immer im Auge hat!“

Die Fältchen auf Silvanas Stirn vertieften sich, ihre wasserblauen Augen sahen ihn aufmerksam an. „Meinst du wirklich?“

Bruno nickte und hielt den Atem an. Eine Sekunde herrschte Stille. Zwei. Drei. Dann lächelte die Principessa. „Ein guter Vorschlag, vie- len Dank. Ich werde darüber nachdenken!“, sagte sie munter und erhob sich. „Jetzt muss ich in den Garten gehen. Kommst du mit?“

„Von Herzen gern“, log Bruno erleichtert und sprang auf.

Für ihr Alter legte Silvana ein ordentliches Tempo vor. Genau genommen auch für seines: Bruno musste sich ordentlich sputen, um mit ihr Schritt halten zu können: Energisch klärte sie eine Frage auf der Poolbaustelle, warf einen prüfenden Blick auf die abgeernteten und für den Winter vorbereiteten Beete im Gemüsegarten und bat Julia bei einem kurzen Abstecher in die Bürozimmer im Westflügel, den Platz zu räumen und in der Bibliothek zu arbeiten, bis die kaputte Heizung repariert worden sei.

„Hatten Sie vor, heute nach Bindingen zu fahren, meine Liebe?“, erkundigte sie sich. Als Julia bejahte, wandte sie sich an Bruno: „Vielleicht möchtest du mitfahren? Dann kannst du dir ein Bild davon machen, wie wir wirtschaften!“

„Sehr gern!“, stimmte Bruno so überrascht wie erfreut zu und sah Julia beinahe billigend an. „Wann soll es denn losgehen?“

„Wäre in einer Stunde recht? Ich möchte vorher noch meinen provisorischen Arbeitsplatz einrichten“, gab sie zurück. Mit einer gewissen Genugtuung bemerkte Bruno, dass sich ihre Gesichtsfarbe vertieft hatte und sie den Blick gesenkt hielt, während sie einige Papiere stapelte. Offenbar ahnte sie, was Silvanas Aufforderung bedeutete.

Gut so, dachte Bruno zufrieden. Und fragte sie während der gemeinsamen Fahrt haarklein darüber aus, nach welchen Kriterien Gräfin Silvana den Besitz leitete.

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Der große abgeschlossene ADELS-ROMAN

„Die reinste Katastrophe“, beklagte er sich abends bei seiner Frau. „Bio ist ja schön und gut, aber sie übertreibt es. Hier könnte man ohne weiteres den fünffachen Gewinn machen! Die Bauern lieben sie natürlich – es stimmt übrigens wirklich, die haben jetzt Solarstrom! Und diese Julia redet ihr gründlich nach dem Mund, faselt dauernd was von Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung. Warte nur, bis ich die Fäden in der Hand habe! Hoffentlich entscheidet sich Silvana bald, mich als Verwalter zu nehmen. Sie hat versprochen, darüber nachzudenken.“

Tatsächlich ließ das Ergebnis dieser Überlegungen nicht lange auf sich warten: zwei Tage später kam Carina eines Nachmittags in die Suite gerauscht und hielt Bruno erregt ein Blatt Papier unter die Nase. „Lies!“, forderte sie. „Ich dachte, ich werde ohnmächtig!“

Verwirrt überflog Bruno den kurzen Text, auf den sie deutete - und spürte, wie ihm die Augen aus dem Kopf zu treten drohten: ‚Nicht unvermögende Witwe (75) sucht rüstigen Partner für gemeinsame Unternehmungen. Spätere Heirat nicht ausgeschlossen.’ „Was zur Hölle …?“ Er sprang so hastig auf, dass sein Stuhl umkippte. „Woher hast du das?“ „Vom Schreibtisch der guten Julia“, sagte Carina. „In der Bibliothek. Das ist nämlich auch so eine Sache: Weißt du, was Richard hier tut? Er katalogisiert die alten Bücher – und zwar für eine fürstliche Summe! Es war gerade keiner da, als ich hinkam“, antwortete sie auf die stumme Frage ihres Mannes wütend, „da habe ich mal in den Unterlagen dieser Verwalterin geblättert. Zu denken, dass diesem jungen Niemand das Geld nachgeworfen wird, während wir …“

Sie atmete tief durch und sah ihren Mann entschlossen an. „Du musst sofort etwas unternehmen, Bruno.

Wenn die wieder heiratet…“

„Das wird nicht geschehen“, presste er zwischen den Zähnen hervor und schoss aus der Tür.

„Aber ich bin nicht einsam“, versicherte Silvana fröhlich

Silvana hatte es sich gerade mit einem Buch in einen Lehnstuhl in ihrem Salon gemütlich gemacht, als er eintrat. Er kam sofort zur Sache. „Ich möchte mich bestimmt nicht einmischen“, betonte er, „es ist nur … Ich hatte ja keine Ahnung, dass du so einsam bist, Tante Silvana, sonst hätte ich… “

„Ich bin nicht einsam“, versicherte die Principessa ihm fröhlich. „Wie kommst du darauf?“ Er reichte ihr die Notiz. „Dann bezieht sich das nicht auf dich?“ Ihr Blick wurde plötzlich aufmerksam. „Woher hast du das?“

Der Weg zu Silvanas privaten Räumen war lang gewesen und hatte Bruno nicht nur Gelegenheit gegeben, sich in den Griff zu bekommen, sondern auch, diese Frage vorherzusehen. Daher antwortete er nun ohne Zögern: „Meine Frau hat diesen Zettel – neben einigen anderen! – in der Bücherei auf dem Boden gefunden. Offenbar war Julia Kaupp heute … nun ja, ein wenig nachlässig. Das Fenster stand auch weit offen.“

„Ach“, machte Silvana betroffen und legte die Stirn in Falten. „Auf so etwas sollte sie aber achten!“

„Das denke ich auch“, stimmte Bruno vielsagend zu. „Aber wenn nicht du gemeint bist…“

„Doch, doch, diese Witwe bin schon ich“, meinte Silvana. „Nur hat das nichts mit Einsamkeit zu tun. Ich will einen Mann finden, der dann zur Familie gehört – genau wie du vorgeschlagen hast!“

Bruno schnappte nach Luft. „Vorgeschlagen – ich? Nein, Tante, das hast du falsch verstanden! Ich meinte keinen Ehemann, sondern jemanden, der dir hilft! Jemand, dem du ganz vertrauen kannst.

Mich, zum Beispiel. Ich bin gern bereit, dich nach Kräften zu unterstützen! Nicht, dass deine Julia nicht tüchtig wäre“, kam er dem Einwand zuvor und zog ein besorgtes Gesicht. „Aber sie ist ja noch sehr jung und … und vielleicht manchmal etwas unbedacht…“ Der beziehungsvolle Blick auf den Zettel zeigte Wirkung. Silvana klang unsicher, als sie sagte: „Ja, da magst du recht haben, aber … Du meinst, ich sollte mich nicht so sehr auf ihren Rat verlassen?“ „Ja, genauso meinte ich das!“ Bruno nickte nachdrücklich.

Sie zögerte. Lächelte dann und zerriss die Notiz. „Gut. Ich freue mich, auf deine Hilfe zählen zu können, aber bitte arbeite vorerst weiter mit Julia zusammen. Ich möchte die junge Frau keinesfalls vor den Kopf stoßen …“ „Ich auch nicht, Tante, ganz bestimmt nicht“, versicherte Bruno eilends. Und konnte Carina wenig später berichten, dass er die Katastrophe hatte abwenden können.

Sie nahm die Nachricht mit Erleichterung auf. Und hob das Kinn, als er sagte: „Diese Julia werde ich mit der Zeit wohl aushebeln können. Ein Wort hier, ein anderes da. Aber mit Richard ist das…“

„Den überlass mir“, sagte Carina kühl. „Ich bin da einer Sache auf der Spur, die uns nützen könnte.

Kümmere du dich nur um Julia.“

Dazu fand Bruno in den nächsten Wochen reichlich Gelegenheit. Von echter Zusammenarbeit konnte keine Rede sein, weil die junge Rechtsanwältin genaue Order von Silvana hatte und diese auch gegen Brunos Widerstand durchsetzte. Trotzdem ließ sich oft eine Situation so umschreiben, dass sie ein negatives Licht auf Julia warf.

Bruno war klug genug, sich seine Abneigung gegen die Enkelin von Silvanas vertrautem altem Freund nicht anmerken zu lassen. Er kleidete jede Kritik vorsichtig in Besorgnis und konnte unter diesem Deckmantel eine ganze Menge gegen Julia vorbringen.

Zufrieden stellte er fest, dass Silvana von Mal zu Mal bedrückter und verschlossener reagierte. Carina erkundigte sich genau nach seinen Fortschritten. Kurz vor Ende der Semesterferien teilte sie ihm eines Abends beim Zubettgehen triumphierend mit, sie würde diesen Richard morgen hochgehen lassen. Und Julia gleich mit.

„Wie meinst du das?“ Sie lächelte. „Das wirst du schon sehen. Aber die beiden machen uns bald keine Sorgen mehr!“ Tags darauf rauschte sie kurz vor dem Abendessen in Silvanas Salon, wo diese gerade – wie in letzter Zeit recht häufig – mit Bruno die Abrechnungen durchging.

„Hast du einen Moment Zeit, Tante?“, bat Carina. „Ich möchte, nein, ich muss dir etwas zeigen.“

Dort stand Richard, der weltvergessen seine Julia küsste

Silvana erhob sich erstaunt, und auf einen Wink von Carina folgte auch Bruno ihr. Die Gräfin führte die beiden auf direktem Weg zur Bibliothek, legte kurz davor einen Finger auf die Lippen – und riss überraschend die Tür auf.

Eine halbe Sekunde lang sahen die drei Richard und Julia engumschlungen in der Mitte des Raums stehen und sich weltvergessen küs- sen. Dann fuhren die beiden erschrocken auseinander. Julia wurde brennend rot, während Richard zusehends die Farbe verlor.

Carina wirbelte zu Silvana herum. „Es tut mir leid, dass du auf diese Weise erfahren musst, wie du schamlos hintergangen wirst, Tante“, sagte sie hart. „Und auch noch während der Arbeitszeit!“

Einen Augenblick befürchtete Bruno, der Nachschub sei zuviel gewesen. Die Principessa war blass geworden. Doch dann sah er das zornige Funkeln in ihren Augen und wusste: Sie hatten gewonnen.

„Das ist unerträglich“, brachte die alte Dame hervor, drehte sich auf dem Absatz um und ging davon. In dem entstehenden Schweigen klangen ihre Schritte müde.

Bruno und Carina sahen sich kurz an – und entschieden stumm, die Sache erst einmal wirken zu lassen. Nach einem verächtlichen Blick auf das junge Paar in der Bibliothek gingen die beiden mit sehr geraden Rücken davon.

„Das hat gesessen“, stellte Carina in der Suite zufrieden fest. Der Meinung war auch Bruno. Kurz darauf klopfte die Hausdame, brachte ein Essenstablett und teilte ihnen mit, dass auf Anordnung der Principessa das gemeinsame Abendbrot ausfalle. „Sie lässt die Herrschaften bitten, anschließend zu ihr in den Salon zu kommen. Um acht Uhr, wenn es Ihnen recht ist.“ „Das ist es“, nickte Bruno und schloss die Tür hinter ihr. Trotz der prickelnden Spannung aßen sie mit Appetit. Anschließend machten sich beide sorgfältig fertig und gingen zu Silvanas Gemächern. Die alte Principessa hatte sich inzwi- schen wieder gefangen; dafür verrutschte nun Brunos Lächeln ein wenig, als er sah, dass auch Julia und Richard anwesend waren. Sie erwiderten seinen Blick kühl.

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Er öffnete den Mund, doch seine Tante ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Bitte nehmt Platz. Ich habe euch etwas mitzuteilen“, begann sie. „Zunächst möchte ich euch beiden, Carina und Bruno, sagen, dass ich ehrlich davon angetan war, euch hier auftauchen zu sehen. Zwar war der Grund kein erfreulicher, aber ich hatte auf diese Weise Gelegenheit, euch näher kennen zu lernen. Du hast ganz recht, Bruno: In meinem Alter wird die Verantwortung für den großen Besitz hier eine Last, und schon seit einer ganzen Weile versuche ich, einen geeigneten Nachfolger zu finden. Das war wirklich nicht einfach, aber nun habe ich es geschafft.“

Unwillkürlich reckte sich Bruno ein wenig. Neben ihm hielt Carina den Atem an. Seine Tante lächelte. „Genau genommen sind es zwei: Julia und Richard werden diese Last von nun an tragen.“ Unter Bruno begann die Welt zu wanken. Er sprang auf. „Was? Das kann nicht dein Ernst sein – hast du vergessen zu bedenken…?“

Der Stimme der Principessa war keine Schwäche anzuhören, als sie ihn aufforderte, sich wieder zu setzen. „Ich habe nichts zu bedenken vergessen, gar nichts. Weder die Tatsache, dass Carina auf Julias Schreibtisch schnüffelte und daher genau das fand, was ich selbst für diesen Fall dorthin gelegt hatte – unter einem Briefbeschwerer übrigens – noch die, dass all deine Vorstellungen zur Geschäftsführung direkt dem entgegenstanden, was ich und vor mir dein Onkel entschieden und angeordnet haben. Bruno, du begreifst nicht, dass es nicht immer nur um Geld geht, sondern auch um Ehrlichkeit, Integrität, Gegenseitigkeit. Vielleicht hast du deshalb alles verloren, was dir mitgegeben worden ist.“

Carina war rot geworden. Nun verfärbte sich Bruno ebenfalls. Er blubberte protestierend, doch Silvana winkte ab. „Natürlich weiß ich von deinen Spekulationen in Florida, dass auf deinem Land nur Sumpfwasser sprudelt statt Öl.

Aber hättest du bei dem Preis nicht misstrauisch werden müssen?“

Silvana zwinkerte: „Ich habe ein wenig Schicksal gespielt!“

Bruno schwieg. Carina funkelte die alte Dame zornig an. „Na, wunderbar“, fauchte sie und deutete mit dem Kinn auf die beiden jungen Leute. „Das erbgräfliche Haus Hohenlinden in den Händen eines bloßen von Ponger und einer Bürgerlichen! Denn du kannst darauf wetten, dass er sie heiratet.“ „Das hoffe ich“, gab Silvana zurück. „Ich habe nicht umsonst ein wenig Schicksal gespielt.“ Sie zwinkerte verschmitzt, als Julia nun aufhorchte. „Haben Sie denn nie bemerkt, dass Ihr Büroraum nur einen Kachelofen hat?“

„Das war Absicht?“, keuchte Carina empört. „Onkel Guido würde sich im Grab umdrehen!“

„Das glaube ich kaum“, sagte Silvana seidig. „Mein Gatte erkannte Herzensadel, wenn er ihm begegnete. Aber keine Sorge, Hohenlinden wird in gräflichen Händen bleiben. Richard hat einer Adoption durch mich zugestimmt. Solltet ihr zur Hochzeit eingeladen werden, kannst du Julia schon mit Hofknicks begrüßen!“ Sie atmete tief durch. „Eine Neuigkeit habe ich noch: Wir haben eine Wohnung für euch gefunden. Nicht sehr groß, aber dafür preisgünstig. Und sofort frei. Ihr könnt schon morgen einziehen. Ist das nicht wunderbar?“

Wortlos verließen Bruno und Carina den Raum. Kaum war die Tür hinter ihnen zu, zog Richard Julia in die Arme und küsste sie. „Damit du nicht denkst, ich brächte die Dinge nicht zu Ende, die ich anfange“, sagte er, und alle drei lachten. Das Glück im Raum war fast mit Händen zu greifen. Die Principessa lächelte selig, als sie schlafen ging. Ach, Guido, du hättest die beiden sehr gemocht, dachte sie. Und lauschte der zärtlichen Antwort in ihrem Herzen …

ENDE

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