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Der ewige Nachfolger


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 13/2019 vom 22.03.2019

Konzerne Seit Tim Cook Apple führt, ist die Edelmarke von Jahr zu Jahr langweiliger geworden. Es fehlen bahnbrechende neue Produkte, und selbst das iPhone verkauft sich nicht mehr wie früher. Doch womöglich macht Cook alles richtig.


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 13/2019

Konzernchef Cook vor Porträt des Firmengründers Jobs


MARCIO JOSE SANCHEZ / AP

Wie tritt man an die Stelle eines Gottes? Der »Economist« stellte Apple-Gründer Steve Jobs einmal als Heiland dar, das »New York Magazine« bezeichnete ihn als »iGod«. Und Tim Cook, sein Nachfolger, wer ist Tim Cook?

Das ist auch nach acht Jahren, die Cook nun im Amt ist, noch immer schwer zu sagen. ...

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... Ihn selbst kann man nicht fragen, Apple hat eine Interviewanfrage abgelehnt, ebenso wie die Bitten um Gespräche mit diversen anderen Apple-Größen. Aber Cook wird ohnehin meist dadurch definiert, wer oder was er alles nicht ist.

Er ist kein Visionär, wie Jobs einer war. Er ist kein Zauberer, kein Schöpfer neuer Welten. Er hat die Firma nicht zu neuen innovativen Höhenflügen geführt. Er hat nur wenig Humor und kaum Charisma. Er hat kein großes Ego. Er ist sicher nicht »der Philosoph des 21. Jahrhunderts«, wie eine SPIEGEL-Titelgeschichte vor bald zehn Jahren den Mann nannte, der ihn ein -gestellt hatte: Jobs. Überhaupt, er ist einfach nicht Steve Jobs, und das wollen ihm viele noch immer nicht verzeihen. Er heißt auch nicht »Tim Apple«, obwohl Donald Trump ihn bekanntlich vor Kurzem so nannte. Er ist kein Vater. Und er hat, soweit man weiß, keinen Lebenspartner, er hat ohnehin so gut wie kein Privatleben.

Wie kann dieser Mann ohne Eigenschaften Chef des vielleicht erfolgreichsten Unternehmens in der Geschichte des modernen Kapitalismus sein?

Klar ist, dass Tim Cook und Apple in den vergangenen Monaten so viel schlechte Presse bekommen haben wie wohl noch nie seit 1996, als Jobs zwischendurch eine andere Firma, Pixar, leitete und der Konzern nah am Konkurs stand. Klar ist, dass die iPhone-Verkäufe, die fast zwei Drittel des Apple-Umsatzes ausmachen, im letzten Quartal wesentlich bescheidener ausfielen, als die Firma erhofft hatte (Chinageschäft schlecht, Indien schwach). Klar ist, dass Apple schon lange keine wahnsinnig großartige (»insanely great« – Steve Jobs’ berühmter Anspruch) Erfindung mehr gemacht hat und dass die Apple-Beobachter mit wachsender Ungeduld auf das nächste Wunder warten (die AirPods zählen für die Apple-Jünger nicht, die Apple Watch auch nicht, noch nicht).

Klar ist, dass Apple nächste Woche, am 25. März, an seinem Hauptsitz in Cuper -tino mit Pomp etwas Neues, irgendwie Großes vorstellen will, ein Streaming- und-Abo-Modell, mit dem Apple neue Einnahmequellen erschließen und unabhängiger von den Hardware-Verkäufen werden will (siehe Kasten). Wird Apple, wird Cook endlich ein neues Kapitel aufschlagen?

Wie wenig man weiß über einen der mächtigsten Manager der Welt und wie groß die Wissbegierde ist, zeigt die Menge der Tim-Cook-Fragen, die sich auf Quora.com finden, einer Fragen-und-Antworten-Seite von allen für alle.

Wie viele Stunden Schlaf kriegt Tim Cook? Wie ist es, mit Tim Cook zu arbeiten? Warum wird Tim Cook ignoriert und unterschätzt? Ist Tim Cook tot?

Die letzte Frage kann man immerhin zweifelsfrei verneinen. Viele halten ihn und seinen Konzern aber in jüngster Zeit für angeschlagen. Nach dem monatelangen Kursrutsch und der Umsatzwarnung im Januar ist wieder »Peak Apple« in der Presse, bei Analysten, bei Experten. Und das ist gleichbedeutend mit: Peak Cook. Peak, Spitze, der Punkt, von dem aus es bergab geht: Die These vom erreichten Zenit taucht alle paar Jahre wieder auf, die Apple-Pessimisten singen den Apple-Blues fast schon, seit es Apple gibt. Apples »Sargdeckel geht zu«, sagte CNN – das war 1997. Als das iPhone auf den Markt kam, 2007, lachte sich der damalige Microsoft-CEO Steve Ballmer schief über das Gerät und gab ihm keine Chance (weil es keine physische Tastatur besaß). »Warum Apple dem Untergang geweiht ist«, legte 2011 die »Huffington Post« dar. 2017 sah ein Analyst Apple vor einer »jahrzehntelangen Malaise « stehen, denn »die Risiken für die Firma waren nie größer«. Im Herbst vergangenen Jahres sorgte sich der TV-Sender CNBC um eine voranschreitende »Apple-Schmelze « und fragte: »Verliert der Markt den Tech-Giganten?« Für das deutsche »Manager Magazin« (das zum SPIEGEL-Verlag gehört) ist Apple im Frühling 2019 »Fallobst « und sein Chef, Cook, ein »Irrläufer«.

Apple, so war es lange, hatte immer wieder die Kraft, Bedürfnisse zu befriedigen, von denen der Kunde noch gar nicht wusste, dass er sie bald entwickeln würde. Kommt das je wieder?

Einer, der das wissen könnte, ist Leander Kahney.

Nicht nur hat der Brite, 53, der seit Jahrzehnten in San Francisco lebt, gerade eine Tim-Cook-Biografie geschrieben, die bald erscheinen wird*. Kahney ist auch Gründer und Chef des Apple-Blogs »Cult of Mac«. »Die These, dass Cook scheitern wird, dass Apple vor dem Untergang steht, wird niemals verschwinden«, sagt Kahney. Früher, als Kahney noch Redakteur beim Tech-Magazin »Wired« war, habe er alle paar Wochen von Autoren Vorschläge für Apple-Abgesänge jedweder Art erhalten. »Und das gab es eigentlich nur bei Apple. Niemand wollte Microsoft, Google oder IBM beerdigen.«

Woher rührt diese morbide Lust aufs Apple-Requiem? Zu einer Antwort führt vielleicht ein altes Buch von Kahney aus den Nullerjahren (2004), das ebenfalls »The Cult of Mac« heißt und in seinem Büro herumliegt. Es enthält viele Fotos, und wer es betrachtet, spürt, dass Apple tatsächlich nicht mehr ist, was es damals war: Kult. Spürt, dass die Apple-Toten -gräber von heute vielleicht vor allem enttäuschte Verliebte von damals sind.

Man sieht hier Bilder von Menschen, die sich das Apple-Logo ins Kopfhaar rasiert haben oder es als Tattoo auf dem Hintern tragen. Man erfährt von einem Songwriter, der Hymnen auf den Macintosh singt. Man liest kryptoerotische Erfahrungsberichte von Menschen, die ihre Freude beim langsamen Auspacken ihres Macintosh beschreiben. Es ist eine Art Apple-Kamasutra. Apple-Produkte, damals, wurden nicht bedient, sie wurden gestreichelt. Wenn man sich Apple und den damaligen Apple-Käufer als ein Liebespaar vorstellt, dann waren das die wilden Jahre, die Neunziger, die Nuller. Heute muss man wohl sagen: Herzflattern vorbei. Aber es ist womöglich eine ziemlich stabile Ehe daraus geworden.

Kahney hat eine einfache Formel für die Reifung des Apfels von Jobs zu Cook: »Jobs war vor allem kulturell erfolgreich. Cook ist es finanziell.« Das ist schon alles? Der eine hatte die Ideen, der andere macht Geld draus? »Jobs war im Grunde nie ein CEO«, sagt Kahney, »dafür hatte er eben Cook. Tim Cook war schon lange CEO, bevor man ihm den Titel gab.« Der Titel von Kahneys (ziemlich unverhohlen liebedienerischer) Biografie lautet: »Tim Cook. The Genius Who Took Apple to the Next Level «. Was meint er mit der nächsten Ebene? »Schlicht die Dimensionen der Firma. Cooks Apple spielt einfach in einer völlig anderen Liga als noch unter Jobs. Viele Leute verstehen das nicht.«

Man vergisst tatsächlich leicht: Als der Apple-Mythos in den Jobs-Jahren geschaf-fen wurde, hatte die Firma einen Bruchteil ihrer heutigen Größe und Marktstellung (siehe Grafik). Lange erfasste das Begehren, das Apple durch die edle Einfalt und stille Größe seiner Produkte weckte, nur eine ästhetisch elitäre Minderheit, die allerdings medial extrem präsent war. Die gewaltige Aufmerksamkeit, die Apple-Produkten zuteilwurde, stand bis vor ein paar Jahren im Missverhältnis zu ihrer Verbreitung. Genau spiegelbildlich war es immer bei Microsoft: riesige globale Präsenz, keinen interessiert’s. In diesem Sinne betreibt Cook – Vorsicht, schlimmes Wort! – die Microsoftisierung von Apple.

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Privatmann Cook in Rom und Palo Alto, Kalifornien »Ausgeschlafen bis halb fünf«


PACIFIC COAST NEWS / INTERTOPICS / DDP IMAGES

Erst mit dem iPhone und kurz vor Jobs’ Tod im Jahr 2011 begann Apples Aufstieg zum globalen Massenausrüster, der dabei aber die Premiumpreise beibehielt. So hat der Konzern im vergangenen August als erste Firma in der Geschichte den Börsenwert von einer Billion Dollar überschritten (Für Zahlenfreunde: Das sind eine Million Millionen. Oder 1000 Milliarden. Oder 1000000000000). Seit Cook CEO ist, hat Apple um 800 Milliarden Dollar oder gut 1000 Prozent zugelegt. Cook hat Apple so groß gemacht, dass die Marke Mainstream wurde. Omnipräsent. Gewöhnlich. Und das ertragen viele nicht, für die Apple früher aufregend war, anders, neu, exklusiv. Denn was überall ist, ist immer auch ein bisschen langweilig.

Wenn Cook ein Genie ist, dann ein Genie der Langeweile.

Kann Tim Cook programmieren? Hat Ste ve Jobs Tim Cook je runtergemacht? Wo wohnt Tim Cook?

Ein paar Straßen vom Ortskern Palo Altos entfernt liegt ein kleines Haus, vor dem ein großer Baum sehr schräg in den Himmel wächst. Kein Apfelbaum. Man kann sich schwer vorstellen, dass hier der Ap ple-CEO wohnen soll; ist aber angeblich so. Schlendert man auf dem Bürgersteig dran vorbei, kann man in Tim Cooks Vorgarten gucken, falls man die paar Quadratmeter so nennen will, und, wären die Jalousien nicht unten, vielleicht in seine Küche. Die Nachbargebäude rücken dem Häus chen dicht auf den Leib, es gibt keinen hohen Zaun, keine Mauern, keine lange Auffahrt, schon gar keine Bodyguards. Gemessen an den in privaten Parks versteckten Luxus -anwesen anderer Silicon-Valley-Größen ist das eine bescheidene Hütte.

Es ist Mittagszeit, also ist Cook eh nicht zu Hause. Er ist, wie man liest, ohnehin selten da, eigentlich nur zum Schlafen, und auch dabei kommt er mit wenig aus. Der Cook-Kenner und leitende Redakteur des »Fortune«-Magazins Adam Lashinsky schrieb, Cook sei dafür bekannt, »als Erster im Büro zu sein und als Letzter zu gehen«, eine bemerkenswerte Leistung bei gut 10000 Mitarbeitern im Apple-Hauptquartier. Er steht, laut »USA Today«, üb licherweise um Viertel vor vier auf (richtig: 3.45 Uhr). Einmal, als er 2015 die Apple Watch der Öffentlichkeit vorstellte, schrieb Cook auf Twitter, er habe sich vor diesem Event etwas mehr Ruhe als üblich gegönnt und »ausgeschlafen bis halb fünf«.

Danach liest er sich, laut »Business Insider«, durch die ersten seiner 700 bis 800 täglichen E-Mails und schreibt Direktiven an Untergebene. Laut »New York Times « mag er zum Frühstück gern Rührei (ohne Eigelb), Truthahnspeck und zuckerloses Müsli mit ungesüßter Mandelmilch. Dann, um fünf, geht er ins Fitnesscenter. Cook hat, laut »Fortune«, außer Fitness, Radeln und der Footballmannschaft seiner Uni (Auburn Tigers), keine Hobbys. Dann fährt er ins Büro, oder er wird gefahren. Um diese Uhrzeit ist sogar das notorisch verstopfte Silicon Valley noch staufrei und Cook in rund 20 Minuten beim Apple Park.

Wie bewegt sich einer wie Cook durch die Welt? Zu Hause mag er mit dem Mountainbike über die Hügel fahren oder zu Fuß zum Fitnessstudio laufen, aber geflogen wird per Privatjet, denn Flüge mit Linienmaschinen, auch private, hat ihm der Vorstand 2017 untersagt. Cooks Verdienst zuletzt: 15,6 Millionen Dollar. Cooks Vermögen: 625 Millionen (laut »Time«).

Warum benutzt Tim Cook Dropbox? Ist Apple unter Tim Cook im Niedergang? Wie sieht Tim Cooks Büro aus?

Cooks Büro befindet sich im Apple Park am 1 Apple Park Way, Cupertino. Fotos von Robert Kennedy und Martin Luther King zieren den Raum. Ein berühmtes King-Zitat steht in Cooks Twitter-Profil: »Die hartnäckigste und dringlichste Frage im Leben ist diese: Was tust du für andere?« Eröffnet 2017, ist das neue Apple-Headquarter der Glas und Stahl gewordene Ausdruck des Bedeutungsdrangs einer Welt firma. Ein ringförmiges Gebäude von fast einem halben Kilometer Durchmesser, im Inneren des Rings ein Park von zwölf Hektar. So oft wie unvermeidlich wird der Bau als Raumschiff bezeichnet. Auf Google Maps, aus der Luft betrachtet, sieht er aus wie ein Kornkreis, von Aliens in die Landschaft gelasert. Oder wie das Steuerrad eines gewaltigen iPods. Die Zentrale duckt sich ins Gelände, ist gleichzeitig riesig und unsichtbar, uneinsehbar. Mächtig und unnahbar.

Fühlt sich Cook wohl in dem Ding? Erdacht hat das Mutterschiff in seinen letzten Lebensjahren noch Steve Jobs, und Jobs hat den Großbaumeister Norman Foster ausgewählt, um es zu zeichnen. Cook sitzt in einem Nest, das der Übervater ersonnen hat, und so war es eigentlich immer: Tim ist der Typ, der Steves Firma führt.

Überliefert sind Anekdoten einer loyalen Gefolgschaft. Nachdem Cook, gelernter Ingenieur, der seine Karriere bei IBM begonnen hatte, erst ein halbes Jahr beim Rivalen Compaq angestellt war, verließ er 1998 den damaligen PC-Marktführer abrupt wieder, weil Jobs ihn bei einem Treffen überzeugt hatte, seiner strauchelnden Firma beizutreten (»Ich schaute auf all die Probleme, die Apple hatte, und dachte, dass ich beitrage, sie zu lösen, dass das ein Privileg sei, und plötzlich dachte ich, ich mach das, ich tu’s«). Als er Jobs, der sich von einem Eingriff nach einer Krebserkrankung (Bauchspeicheldrüse) erholte, interimistisch als CEO vertrat und Gerüchte aufkamen, er werde ihm bald nachfolgen, bezeichnete Cook Jobs als »unersetzlich«: »Ich sehe Steve hier noch in seinen Siebzigern, mit grauem Haar, wenn ich schon lange im Ruhestand bin.« Und 2009, als bei Jobs der Krebs zurückkehrte, offerierte Cook ihm Teile seiner Leber für eine Transplantation (Jobs lehnte ab).

Cooks Vorgänger wurden und werden die allerhöchsten Meriten zugeschrieben, nicht weniger als vier Industrien stellte er auf den Kopf: die Computerindustrie (mit dem Macintosh), die Musikindustrie (durch iTunes Store und iPod), die Filmindustrie (durch Pixar und die Computeranimation), die Telekommunikation (durch das iPhone). Und was ist Cooks meistzitiertes Verdienst? Die Optimierung der Lieferkette. Die logistische Disziplin. Die globalen Produktionsabläufe. Hochgradig langweiliges Zeug.

Aber ungeheuer schwierig und furchtbar wichtig. Was nützt die wunderbarste Innovation, wenn sie nicht lieferbar ist? Als Cook vor 20 Jahren anfing bei Apple, war die Firma arm, aber sexy; er sorgte dafür, dass sie sexy und reich zugleich werden konnte. Heute mag Apple nicht mehr ganz so sexy sein, dafür ist der Konzern unvorstellbar reich. 249 Milliarden Dollar Cash-Reserven hat CEO Cook in der Kasse, dreimal so viel wie zur Zeit seines Amtsantritts. Das ist mehr, als die Deutsche Bundesbank an Währungsreserven vorweisen kann (202 Milliarden). In manchen Jahren verfügte Apple über mehr Bares als Amazon, Google/Alphabet und Microsoft zusammen.

Welche Energieriegel isst Tim Cook gern? Hat Tim Cook Leibwächter? Wäre Steve Jobs heute stolz auf Tim Cook?

»Tim tut mir leid«, sagt Jean-Louis Gassée. Von Cooks Haus in Palo Alto sind es nur ein paar Schritte zum Restaurant Il Fornaio, einem Italiener, der früher mal chic war. Dort sitzt der Ex-Apple-Mann Gassée und saugt seinen Milch -kaffee durch einen Strohhalm, macht er offenbar immer so, der Kellner hat ihm, Stammgast seit Langem, das Glas samt Halm unbestellt an den Tisch gebracht.

Der Franzose, 75, der einen viel beachteten Apple-Newsletter schreibt (»Monday Note«), war mal ein führender Manager der Firma. In der frühen Apple-Historie hat er den undankbaren Part des Königsmörders inne, weil er nicht nur entscheidend daran beteiligt war, dass Steve Jobs die Firma 1985 verlassen musste, sondern danach auch dessen Aufgabe als Entwicklungschef übernahm. Als Jobs 1997 wiederkam, war Gassée nicht mehr dabei. Aber das Thema Apple hat ihn nie losgelassen.

Leid tue ihm Cook deshalb, sagt Gassée, weil die Jobs-Cook-Vergleiche offenbar niemals aufhörten. Er bewundere den Stoizismus, mit dem der Mann das seit Jahren aushalte. Vermutlich rührten Cooks Unverletzlichkeit und Disziplin von seiner Herkunft. »Wer als schwuler junger Mann in Alabama aufwächst, geht entweder unter oder entwickelt ein dickes Fell«, sagt Gassée. Interessanter als die Frage aber, wie Cook das Jobs-Erbe verwalte, findet er diese: »Wie würde ein Steve Jobs mit der heutigen Größe von Apple zurechtkommen? Könnte er das?«

Gassée trifft sich regelmäßig mit alten Apple-Freunden zum Essen, um informiert zu bleiben. Das ist eine eigene Existenzform hier im Silicon Valley, Ex-hohes-Tier verkehrt mit Ex-hohen-Tieren und schreibt Expertisen. Monsieur Gassée ist, was Apple betrifft, nicht im Mindesten beunruhigt. »Man braucht nur alle zehn Jahre eine große Innovation.« Das iPhone ist allerdings schon mehr als zehn Jahre her. Ist das neue Abo, das Apple vorstellen wird, das nächste große Ding? Ist der Schritt weg von der Hardware Richtung Dienstleistungen die nächste Evolutionsstufe für Apple?

Auch Tim Cook hat in jüngster Zeit mehrfach von den Services gesprochen, hat die neuen Rekordergebnisse der einzelnen Angebote betont: Dienstleistungen, meinte er, seien »ein anderer Weg, um die Firma zum Wachsen zu bringen«.

Wenn Steve Jobs heute wiederauferstehen würde, würde er Tim Cook entlassen? Warum ist Tim Cook kein Milliardär? Welche Apple-Produkte benutzt Tim Cook?

Apple, das war eigentlich immer Hardware. Schöne Dinge, zum Anfassen, zum Mitnehmen, zum Spielen. Dass der Konzern um seine Produkte herum schon früh eine ganze Reihe von Softwaredienstleistungen aufgebaut hat – daran denkt man erst mal nicht, wenn man an Apple denkt. Doch die »Services«, so heißt der Geschäftsbereich, brachten Apple im vergangenen Geschäftsjahr 37 Milliarden Dollar Umsatz ein. Services sind mittlerweile der zweitgrößte Umsatzbringer nach dem iPhone und zuletzt mit einer Bruttomarge von 63 Prozent: extrem lukrativ. »Dienstleistungen « also, puh. Das klingt fast noch langweiliger als »Lieferkette« – und ist damit klassisches Tim-Cook-Territorium. Und das soll Apples neues Zugpferd sein, um unabhängiger vom gesättigten Mobiltelefonmarkt zu werden? Wie verdient Apple überhaupt Geld damit?

Im iTunes-Store kauft oder mietet der Apple-Mensch Musik, Filme, Podcasts. Im App-Store ersteht er Apps, und an manchen verdient Apple mit. Bei Apple Books gibt es digitale Bücher für iOS-Geräte und Macs. Apple Music ist Apples Spotify-Konkurrent, kostet knapp zehn Euro im Monat und hat laut Apple weltweit mehr als 50 Millionen Abonnenten. iCloud, die Datenspeicherwolke für Mails, Fotos, Kontakte, Dokumente, ist bis fünf Gigabyte gratis, größer kostet. Mit Apple Care bietet Apple Rundum-Support für die eigenen Hardwareprodukte an. Und mit Apple Pay, seit ein paar Monaten auch in Deutschland im Einsatz, kann der Apple-Mensch bargeldlos bezahlen, per iPhone oder Apple Watch, und Apple verdient bei jeder Trans-aktion mit. Zuletzt zählte Apple 360 Millionen Bezahl-Abos für seine verschiedenen Dienste – deutlich mehr, als Amazon Prime-Mitglieder aufweist. Die Services sind das unsichtbare Netz, das die Apple-Hardwareprodukte miteinander verbindet, das die Apple-Menschen unmerklich umgarnt. »Die Services«, sagt Jean-Louis Gassée, »machen es für den Kunden schwer, Apple je wieder zu verlassen.«

Wann wacht Tim Cook auf? Was war Tim Cooks größter Fehler? Haben die iPhone-Verkäufe zugenommen seit Tim Cook?

Ja. Sehr. Als Cook begann, gab es nach Schätzungen 200 Millionen iPhones auf der Welt. Ende Januar meldete Apple, dass weltweit »1,4 Milliarden Apple-Geräte im aktiven Einsatz« sind. 900 Millionen davon sind iPhones, 100 Millionen sind Mac-Rechner, 400 Millionen sind iPads, iPods, Smartwatches und Apple-TV-Boxen. Weil viele Leute mehr als ein Ap ple-Gerät besitzen, aber wenige mehr als ein iPhone, darf man die Zahl der Apple-Menschen auf eine gute Milliarde schätzen. Eine Milliarde – das ist also die ungefähre Zahl der Bewohner des Apple-Ökosystems. Rund ein Siebtel der Weltbevölkerung.

Apple-Chef Cook in Florenz 2018: Genie der Langeweile


HGM-PRESS

Und es scheint, als wäre es Cook wichtiger, dieses Ökosystem zu pflegen und einzuhegen, als es zu vergrößern. Die neuen Film-, Musik- und News-Angebote, die Apple jetzt als Abo vorstellen soll, dienen dazu, die Ap ple-Weltbevölkerung zu unterhalten, das Services-Geschäft zu befeuern. 2020 soll der Umsatz allein mit Services laut Apple rund 50 Milliarden Dollar erreichen. Katy Huberty, bekannte Apple-Analystin, rechnet bis 2023 mit 100 Milliarden Dollar Services-Einnahmen. Dienstleistungen: langweilig, aber einträglich.

Ein anderes Zahlen-und-Gedanken-Experiment macht der Apple-Experte Horace Dediu. Sein Handgelenk-mal-Pi-Argument geht so: Weil der Apple-Mensch sich durchschnittlich etwa alle drei Jahre ein neues iPhone für etwa 700 Dollar und alle fünf bis sechs Jahre einen doppelt so teuren Mac kauft, zahlt er Apple quasi einen Dollar pro Tag. »So gesehen«, sagt Dediu, »braucht Tim Cook sich keine Sorgen zu machen, wie viele Handys er im Weihnachtsgeschäft verkauft oder ob das iPhone X ein Renner ist oder nicht.« Es geht nur darum, dass die Apple-Menschen ihre Apple-Geräte verlässlich durch neue ersetzen. Und das tun sie bisher mit großer Treue. »Bei 1,4 Mil -liarden aktiven Geräten sind Apples Einnahmen nur für die Hardware 1,4 Mil -liarden Dollar am Tag«, sagt Dediu.

Wachstum durch Stillstand – Apple kann sich das leisten. Das alte Missverständnis derer, die Apple Innovationsmüdigkeit vorwerfen, ist dieses: Apple ist nicht primär ein Erfinderlabor, eher ist es eine Besserungsanstalt. Eine Perfektionsmaschine. Apple hat das eigentliche Kreieren meist anderen überlassen und erst spät in Märkte eingegriffen, um sie danach zu dominieren. Apple hat nicht den ersten Desktop-Computer erschaffen, aber den ersten guten und schönen. Apple hat auch nicht das erste Smartphone gebaut, nicht den ersten Ta -bletcomputer und nicht die erste Smartwatch. Auch kabellose Kopfhörer gab es schon lange bevor Apple mit den AirPods kam. Die erste smarte Datenbrille kam von Google im Jahr 2014 auf den Markt, und sie floppte, Apple entwickelt auch eine, ist aber auch fünf Jahre später noch nicht so weit.

Ist Tim Cook ein guter Tänzer? Was für Hemden trägt Tim Cook?

Bei der Apple-Hauptversammlung sitzen Anfang März dieses Jahres rund 200 Kleinaktionäre im Halbdunkel des Steve Jobs Theater im Apple Park. In der ersten Reihe haben sich Apple-Manager sowie der frühere US-Vizepräsident Al Gore und die anderen Mitglieder des Aufsichtsrats platziert. Tim Cook steht auf der Bühne und versucht sich an einem Lächeln.

»Ich liebe diese Versammlung«, sagt er. Schon zu Steve Jobs’ Zeiten war das seine Aufgabe, der Kontakt zu den Aktionären, Jobs mied den Anlass nach Möglichkeit. Kritische Fragen kommen so gut wie gar nicht. Niemand spricht von iPhone-Flaute, niemand fragt nach Wachstumsaussichten. Es will auch keiner wissen, ob Apple bald ein Falthandy vorstellen wird, wie Samsung das bereits getan hat. Keinen interessiert, ob Apple mit seinen Bemühungen um ein selbstfahrendes Auto vorankommt (»Project Titan«) und wann endlich die Augmented-Reality-Brille zu kaufen ist.

Ein älterer Herr fragt Tim Cook, ob sich Videos von seinem alten iPad auf ein neues überspielen lassen, wenn ja, würde er sich nämlich eins zulegen. »Ich fände es super, wenn Sie sich eins kaufen würden«, antwortet Cook. Der Saal lacht höflich, Tim Cook hat einen Scherz gemacht. Später wird er mit 99,1 Prozent wiedergewählt. Kommunistische Verhältnisse im Herzen das Kapitalismus.

In den vergangenen Jahren hat Tim Cook, Chef des mal wertvollsten, mal zweitwertvollsten Unternehmens der Welt, einen erstaunlichen Nebenjob für sich gefunden, hat sich eine neue Rolle gegeben: die des guten Menschen von Cupertino. Bei Auftritten spricht er mittlerweile mindestens so gern von Klimaschutz, Bildung, Menschenrechten, Gender-Gerechtigkeit, Datensicherheit, Diversity und Toleranz wie von Geschäftlichem. Bei einer viel beachteten Rede in Brüssel im letzten Oktober beklagte Cook den »datenindustriellen Komplex« und die »Überwachung« durch Unternehmen, und es war klar, dass er vor allem die Kollegen von Facebook und Google meinte. Seine Homosexualität machte Cook 2014 mit einem persönlichen Essay öffentlich, und er benutzte dabei große Worte. »Ich bin stolz darauf, schwul zu sein, und ich glaube, dass Schwulsein zu den größten Gaben gehört, die Gott mir gegeben hat.«

Ein Wirtschaftsführer als Kämpfer für das Gute? Apple ist auch bekannt für teilweise miserable Arbeitsbedingungen bei seinen Zulieferern in China und für kreative Steuermanöver. CEO Cook musste sich deswegen schon vor einem Senatsausschuss in Washington verteidigen, in Europa leistete Apple eine von der EUKommission festgesetzte Steuernachzahlung in Höhe von 13 Milliarden Euro.

Seltsamerweise wirkt Cook dennoch glaubwürdig bei seinem Engagement, was damit zu tun haben mag, dass diverse Tech-Führer um ihn herum – Mark Zuckerberg von Facebook, Jeff Bezos von Amazon, Elon Musk von Tesla, Jack Dorsey von Twitter – seit einiger Zeit von Skandal zu Skandal straucheln und die Herren der Digitalwirtschaft gerade aussehen wie die apokalyptischen Reiter. Dass Zuckerberg noch vor zwei Jahren für einen möglichen US-Präsidentschaftskandidaten gehalten wurde, klingt heute wie ein Witz. Würde Cook je Ambitionen auf das höchste politische Amt entwickeln (was er bisher nicht tut), Applaus wäre ihm gewiss. Die Sehnsucht nach einer moralischen Instanz im krisenversehrten Silicon Valley ist groß.

Ist Tim Cook ein Heuchler? Wie lautet die E-Mail-Adresse von Tim Cook?

So: tcook@apple.com. Wie Steve Jobs vor ihm beantwortet auch Cook ab und zu E-Mails von Kunden persönlich. Es gibt die Anekdote eines Bloggers, der Tim Cook den Ratschlag gab, er solle nicht Steve Jobs sein. Er soll Tim Cook sein. Cook antwortete: »Keine Sorge. Das ist die einzige Person, die ich sein kann.«

Animation
Die größten Flops
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Erst sexy, dann reich

Apples Börsenwert, in Milliarden Dollar

• * Leander Kahney: »Tim Cook. The Genius Who Took Apple to the Next Level«. Penguin Random House; 320 Seiten. Erscheint am 16. April.