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Der Exorzist und die Auslegeware


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Das Satiremagazin EULENSPIEGEL - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 21.04.2022

Rosis Putzwut treibt mich in den Wahnsinn. Vorhin drängte sie mich wegen ein paar verstreuter Oblatenkrümel mit dem Staubsauger zur Tür hinaus und erteilte mir vorläufiges Pfarrhausverbot. Nun bin ich, Gott steh mir bei, nebenan im »Starbucks« gelandet, wo ich hoffe, am Predigttext weiterarbeiten zu können. Wie mich alle angaffen – sie wissen, dass ich der Hirte der Gemeinde bin. Eine Mutter zieht ostentativ ihren Knaben aus meiner Reichweite. Als ob ich derartige Gelüste hätte (in Hinsicht auf seine dralle Mama ja leider schon). Die für dieses Image-Desaster der katholischen Kirche verantwortlichen Kollegen werden hoffentlich in der Hölle braten wie Goldbroiler, respektive Bronzebroiler, minderwertig und schwach, wie ihr Fleisch beschaffen ist.

Der »Barista« (so ein Affenquatsch) trägt Scheiben im Umfang von Konzelebrationshostien in seinen zum Platzen angespannten Ohrläppchen. Ich trete ...

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... sicherheitshalber zwei Schritte zurück, falls sie ausgerechnet jetzt kollabieren sollten.

»Bekomme ich noch einen zweiten Keks zum sündhaft teuren Kaffeegetränk? Schämt ihr euch denn wenigstens bei diesen Preisen?«, frage ich ihn.

»Nee«, beantwortet der sich einen tuntigprogressiven Anschein gebende Mohammedaner (mir kann er nichts vormachen) frech gelangweilt beide Fragen auf einmal. Mein Handy-Apparatus schellt. »Friedhelm, bist du es?«, vernehme ich die

Stimme Rosis, meiner Haushälterin. »Ja, wer zum Teufel denn sonst?« »Anruf aus dem Dekanatsbüro. Schlender mal bei Biedermeyer, Friedkingasse 4, vorbei. Die sind verzweifelt, behaupten, bei ihren Kindern, vierzehn und sechzehn, würden Besessenheitsphänomene vorliegen. Sie wünschen einen Exorzismus.« »Nicht im Ernst.« »Doch. Sollst natürlich nur seelsorgerisch wirken. Weihwasser und Dämonenpeitsche nicht vonnöten.«

★ Die Biedermeyersche Wohnung ist von einem Pestilenzgeruch erfüllt, der einzig in den Darmwinden sodomitischer Dämonen eine Entsprechung finden dürfte.

»Nur der Wirsing-Eintopf«, meint Frau Biedermeyer, eine Frau, die Männerfantasien befeuert, leider Gottes auch die meinen, doch ich erkenne auch eine flackernde Unruhe in ihren Beischlafaugen. Töchterchen Linda, am Küchentisch nicht mal von ihrem Tablett-Computergerät aufblickend, ist ein heutzutage gewiss als »gesund und normal« eingestufter Backfisch: Zerfetzte, halterlose Strümpfe über dürren, dilettantisch tätowierten Beinen, ein überlanges, mit der Losung »Stay Gay!« bedrucktes Shirt lässt bewusst offen, ob darunter überhaupt ein Rock getragen wird. Und dann beklagen sie sich, wenn Männer aus dem Kongo übergriffig werden. Besorgnis könnten durchaus ihre nachtschwarz geränderten Augen erregen, doch ich denke, es handelt sich nur um einen missglückten Schminkversuch. Gerade will ich meinen Blick wieder von ihr abwenden, da greift sie zu einem vor ihr auf dem Tisch liegenden Obstmesser, sieht mich mit Todesverachtung an, säbelt einen Zipfel von einem Würstchen ab und verschlingt ihn. Ich bekreuzige mich.

»Das also ist Ihre Tochter«, sage ich zu Frau Biedermeyer.

»Vorsicht«, zischt sie leise, »provozieren Sie sie nicht noch mehr!«

Herr Biedermeyer erwartet mich in stabiler Seitenlage auf dem Wohnzimmerteppich. Zitternd hält er mir zur Begrüßung ein randvolles Schnapsglas hin, er hat schon einiges intus.

»Bevor es verkommt«, sage ich und kippe es artig hinunter.

»Helfen Sie uns! Die Kinder … Haben Sie auch Ihre Ausgabe des ›Rituale Romanum‹ dabei? Sie müssen unverzüglich beginnen!«

Gerade will ich ihm kundtun: »Immer mit der Ruhe fährt der Pastor in die Schuhe«, da ertönt aus dem Nebenraum in infernalischer Lautstärke der Singsang: »Siehst aus wie Motte Mothra, erstick an meinem Pillermann und guck meinen Benz von unten an.«

»Das ist mein Sohn. Er spürt offenbar, dass Sie hier sind, dass ein Geistlicher im Haus ist«, raunt der Mann schlotternd. »Er lässt uns schon seit zwei Wochen nicht mehr in sein Zimmer.«

Mir wird es allmählich zu bunt. Außerdem drängt der Kaffee ans Tageslicht. Als ich auf dem Abort nach dem Wasserlassen mit Bedacht abschüttele, tut sich die Türe auf. Linda. Sie zieht ihren Slip herunter (tatsächlich also kein Rock, diese Dirne!), pinkelt vor meinen Augen in hohem Bogen auf die Auslegeware und sagt: »Deine Mutter schummelt beim Canasta in der Hölle!«

Auslegeware im Badezimmer – ein einziger Wahnsinn! Ich habe genug gesehen. Grußlos verlasse ich das trostlose Domicilium dieser gottlosen Familie.

★ »Und, wie steht es um das Seelenheil der Biedermeyers?«, erkundigt sich Rosi süffisant.

»Mäßige dich, Weibsbild. Die dort ihr Unwesen treibenden Dämonen heißen Pubertät und Gossen-Rap. Ein Fall für die Psychiatrie, das Jugendamt und die Geschmackspolizei, mitnichten für mich. Noch was von den Bratkartoffeln da?«

Doch man treibt mich zurück in die Fänge dieser Heiden. Am Dienstag kommt eine Order von ganz oben (nicht direkt vom Papst, aber viel fehlt nicht): Die Sache hätte sich angeblich dramatisiert, das Mädchen spräche gar in fremden Zungen, unter anderem Niederbairisch. Gut, ich erachte die Biedermeyers zwar als schlicht unchristlich-asozial, doch wenn alle einen Exorzismus wollen, dann sollen sie einen bekommen.

»Pass auf dich auf, mein Lurchi«, sagt Rosi zum Abschied.

»Ich verbitte mir derartige Vertraulichkeiten.« Nur weil wir seit zwanzig Jahren Haus und Bett teilen und ich ihr ab und an beiwohne, glaubt sie tatsächlich öfter, wir wären Mann und Frau.

Bald darauf stehe ich mit meinem Exorzismusköfferchen im Abenddunkel vorm Haus der Biedermeyers, blicke einsam zu ihren grell erleuchteten Fenstern hinauf. Energiesünder sind sie also auch noch. Oben in der Wohnung riecht es nach Gruftmoder und Genitalien.

»Haben Sie wieder gekocht?«, frage ich eine sichtlich in Auflösung befindliche Frau Biedermeyer (ihre verdammenswerte Erotik leidet kaum darunter). Sie verneint. »Wo sind die Kinder, Ihr Gatte?« »Uwe liegt volltrunken auf dem Balkon. Die Kinder – oder das, was mal unsere Kinder waren – sind auf den Zimmern.« Schon höre ich grausige Gesänge aus dem Verschlag des Jungen hervordringen: »Kniet nieder, Bitches, denn meine Aura ist ein Bossmove, mein Schwengel ist royal!«

Gut, es sei! Mit vorgehaltenem Kruzifix (man weiß ja nie, wofür es gut ist) reiße ich blitzschnell die Tür auf. Ein Halbstarker steht knöcheltief in leeren Energiegetränkebüchsen und blickt mich verdutzt an. »Tür zu, du Opfer, du störst meine Inspiration!«, stößt es aus dem Schandbuben hervor. »Ich übe fürs Rap-Battle im Jugendgemeindehaus.«

»Frau Biedermeyer«, stelle ich seine Mutter zu Rede, »Ihr Filius ist ein Nachwuchs-Rapper, meine Anteilnahme. Allerdings ...«

»Schauen Sie nach meiner Tochter«, unterbricht sie mich. Ich nicke verständnisvoll. Die Pubertät ist bei Mädels immer doppelt so heikel.

Die Wände von Lindas Zimmer sind über und über mit Blut beschmiert (vermutlich Menstruationsblut, aber in der Ecke liegen auch sechs gehäutete Katzen): Gestürzte Kreuze, das halbe Kamasutra, Sinnsprüche wie »Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen«, »Nur ein militärischer Sondereinsatz« oder »Wir sind alle kleine Sünderlein, gez. Willy Millowitsch«. Ich sehe meinen Atem in dem eisig kalten Raum, auch von einem Fäkalienberg steigt Dampf auf. Linda ist ans Bett gefesselt. Ihr mit schwarzen Beulen übersäter Kopf ist um 180 Grad nach hinten verdreht, aber immerhin mir zugewandt. Ein Tausendfüßer und eine trächtige Schwarze Witwe dringen aus ihren eiternden Lippen hervor, gefolgt von den dämonisch gegrunzten Worten: »Ein wundervoller Abend für einen Exorzismus. Bist du denn auch untenrum rasiert?«

Ich hasse diese Frage, Rosi stellt sie mir andauernd. Ich werde dem hier itzo ein Ende bereiten. Flink öffne ich mein Exorzismusköfferchen – und finde meine prächtige Sammlung von Hundepostkarten aus dem Kaiserreich vor. Rosi. Sie wollte den Koffer noch rasch auswischen und hat wohl einiges durcheinandergebracht.

Ergo Plan B – quasi Selbstmord, aber der Herr soll später nicht behaupten, ich hätte den Schwanz eingekniffen: Ich stürze mich auf den sich geil windenden Leib Lindas. Hoffentlich interpretiert sie dies nicht falsch, schließlich will ich mich ihrem Dämon ja nur als neuer Wirtskörper anbieten – ein adretter Priester in den besten Mannesjahren ist immerhin eine hübsche Trophäe für solch ein diabolisches Scheusal.

»Nimm mich, komm in mich, verderbter Teufel!«, schreie ich, und dann versinkt alles in schrillen Schreien, Schwefelrauch und Schwallen von Erbrochenem.

★ Nun sind wir also zu zweien, und es fühlt sich gar nicht so schlecht an. Ob meiner priesterlichen Autorität treibt es der Dämon nicht zu bunt – und falls doch, gönne ich mir ein schönes Glas Weihwasser und es ist Ruhe im Karton. Er hat mich auch nicht verunstaltet wie Linda, im Gegenteil, meine Haare sehen viel voller aus und mit dieser anderen Sache zu prahlen, verbietet der Anstand. Rosi ist jedenfalls beglückt – diese Frau lebt nur zu gern in Schande und Unflat. Linda ist wieder ein prachtvolles Mädchen und frisch unglücklich verliebt, während ihr Bruder bei seinem Jugendmusikwettbewerb verdient den letzten Platz belegt hat. Wir gönnen es ihm von Herzen, denn auch mein neuer Intimus hat seinetwegen bei den Biedermeyers fürchterliche Ängste ausgestanden.

GREGOR OLM