Lesezeit ca. 7 Min.

DER FABELHAFTE FABIO


Logo von The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe
The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 10.05.2022

Homestory

Artikelbild für den Artikel "DER FABELHAFTE FABIO" aus der Ausgabe 6/2022 von The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 6/2022

Held mit Humor: Fabio betrachtet die Welt durch eine goldene Brille.

„Es gibt nichts Größeres als die erste Million Klicks.“

Fenster stehen sperrangelweit offen, Vorhänge flattern in einer lauen Brise. Auf Balkonen mit verschnörkelten Gittern aus Schmiedeeisen trocknet Wäsche. Smaragdblaue Wellen schwappen träge gegen den Strand, zwei junge Frauen in Bikinis stehen kichernd in der Gischt. Es ist Frühling an der Côte d’Azur, und wer seine Sonnenbrillen im regnerischen Deutschland vergessen hat, muss die Augen zusammenkneifen. Alles strahlt, alles leuchtet, die kräftige Sonne macht gute Laune.

Auf dem Markt werden Veilchen-und Lavendelseifen angeboten, in den engen Gassen ist das Leben zurück – es ist ein großes Plappern und Klappern, und mittags gibt es dampfende Muscheln und gegrillten Oktopus.

Leben wie Fabio in Frankreich, denke ich, das ist aber knapp daneben. Denn der 26-jährige Bike-Artist lebt seit letztem Herbst im Fürstentum Monaco. „Ich habe ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 1,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 6/2022 von LASST UNS FEIERN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LASST UNS FEIERN
Titelbild der Ausgabe 6/2022 von Mut zur Lücke. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Mut zur Lücke
Titelbild der Ausgabe 6/2022 von Wie die Zeit verflieg. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wie die Zeit verflieg
Titelbild der Ausgabe 6/2022 von „Coaches? Such dir lieber einen guten Freund zum Reden!“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
„Coaches? Such dir lieber einen guten Freund zum Reden!“
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Vali Höll
Vorheriger Artikel
Vali Höll
DAS GROSSE RENNRAD-ABC
Nächster Artikel
DAS GROSSE RENNRAD-ABC
Mehr Lesetipps

... glücklicherweise eine coole Wohnung gefunden, von wo ich sogar einen Blick aufs Meer habe.“

Glücklicherweise sagt er tatsächlich zweimal. Und weil es sich richtig anfühlt, bleibt das hier auch so stehen: „Das erste Mal aufzuwachen und vom Schlafzimmer aufs Meer zu schauen, das war schon recht cool.“

Als ich Fabio zum Gespräch treffe, hat er ein zwölfstündiges Shooting mit dem Frankfurter Fotografinnen-Duo Nada Lottermann & Vanessa Fuentes in Monaco hinter sich. Die beiden Frauen arbeiten international, oft mit Schauspielern und Musikern. Sie mögen Fabio. „Ein supersupernetter Typ, total sweet. Man merkt, er denkt mit. Er ist sehr zurückhaltend, gleichzeitig aber auch sehr aufmerksam. Und wenn es um ein Foto geht, ist er zu hundert Prozent da.“

Es is t ein langes Gespräch, das Fabio und ich in einem Hotel in Nizza führen. Und wie immer ist er wach und höflich, gut gelaunt und konzentriert. Er erzählt von seinen Anfängen, seinen Verletzungen und seinem Bemühen, der Beste zu sein. Und am Schluss habe ich verstanden, wie Fabio es schafft, seinen unbändigen Ehrgeiz in lässige Leichtigkeit zu verwandeln.

Beginnen wir aber so, wie es sich gehört: mit dem Anfang. Dein Auftritt, Fabio!

Also ich komme aus Oberpeischlach. Das ist ein ganz, ganz kleines Dorf in Österreich. Da wohnen nur 100 Leute. Es liegt knapp zehn Kilometer von Kals am Großglockner entfernt. 20 Minuten von unserem Dorf hat es einen Würstelstand gegeben, dort sind wir als Buben hin, um uns eine Currywurst oder eine Bosna zu holen. Es ist dorthin nur aufwärts gegangen, und keiner hat Bock darauf gehabt. Dafür sind wir beim Heimfahren abwärts gezischt. Und dann hat einer einen Wheelie gemacht – Vorderrad in die Luft und zwei, drei Meter fahren. Mein erster Rekord waren sieben Meter, dann hab ich mich über dreizehn gefreut.

„Wir haben Sprünge gebaut, wie blöd haben wir jeden Tag gegraben.“

Knapp 15 Jahre später ist der Osttiroler Bub ein Idol. Seine Bike-Videos haben mehr als eine Milliarde Klicks, mit Sick! und Nineyard hat er zwei erfolgreiche Fashion-Kollektionen entwickelt.

Dass ihm die Ideen ausgehen, ist nicht zu befürchten. Auf seinem Handy notiert der 1,88 Meter große Blondschopf jeden Einfall („brutal viele Seiten“).

Was sich noch geändert hat? Statt Würstel isst Fabio lieber Pasta Arrabiata, er mag Löwen und Löwenzahn, sein Lieblingslied ist „Numb/Encore“ von Linkin Park und Jay-Z. Und wer ihn nach seinem Lieblingsfilm fragt, erhält eine schnelle Antwort: „‚The Fast and the Furious‘, und zwar Teil 2, der war zwar ein bisschen old school, aber da ist es noch so richtig ums Autofahren gegangen.“ Zurück nach Osttirol.

Mein Heimatdorf ist ein richtiges Bergdorf. Mit vielen Hängen. Dort haben wir Sprünge gebaut, wie blöd haben wir jeden Tag gegraben. Und dann haben wir angefangen, mit unseren Handys Videos zu drehen. Das hat mir sehr getaugt: etwas aufzunehmen und es allen zu zeigen: Hey, schau, was wir gemacht haben! Die wichtigste

Inspiration war ein Video von Danny MacAskill. Das ist ein schottischer Trialbiker, der hat alles revolutioniert. 2009 hat er ein Video rausgebracht („Inspired Bicycles“), und es hat Danny in einer Art und Weise gezeigt, wie das noch nie zuvor zu sehen war. Das hat mich so gepackt, dass ich mir gedacht habe: Genau so was will ich machen! Und ja, von da an war ich wirklich jeden Tag auf dem Bike.

Fabio dreht „Street Trial 2012“. Via Facebook schickt er das Video an sein Idol Danny MacAskill. Der Schotte geizt nicht mit Unterstützung und teilt Fabios Video. Der Zuspruch ist enorm.

Fabio nennt es heute seinen ersten Triumph. Triumph Nummer zwei ist sein Sieg bei einem Wettbewerb eines Actionkamera-Produzenten. Er macht mit, weil er es als Chance sieht, „den Leuten zu zeigen, was ich auf dem Radl anstellen kann“.

In „Fabiolous Escape“ narrt er die Polizei – inklusive Balanceakt auf einem haarsträubend schmalen Brett, das zwei Dächer verbindet. Der sogenannte Halleluja-Moment, also die zündende Idee dazu, kam ihm in der Kirche, drei Minuten von seinem Elternhaus entfernt. „Da bin ich gerne hin’gangen, weil ich da sehr viel Zeit gehabt habe, über Ideen nachzudenken.“ Dass er mit dem Video, an dem die Hälfte der Einwohner Oberpeischlachs mitwirkt, gewinnen könnte, erwartet er nicht. Tut er aber – aktuell hält es bei mehr als 94 Millionen Aufrufen.

Ich war schon immer sehr, sehr ehrgeizig. Ich wollte immer der Beste sein. Auch besser als ich selbst, besser als am Tag zuvor. Aber ich habe nie daran gedacht, vom Radfahren zu leben. Bis ein erster Sponsor auf mich zukam. Und dann kam auch das Management dazu, Rasoulution, wo der Tarek mir sehr weitergeholfen hat.

Tarek Rasouli ist Europas wichtigster Bike-Manager. Für Fabio wird er zu einem Wegweiser. Dass seine Leidenschaft Basis für ein Unternehmen sein könnte, wird klarer. Mittlerweile hat Fabio sich emanzipiert, ist längst sein eigener Chef.

Mit dem wachsenden Erfolg seiner Videos wächst das Interesse an Merchandising-Produkten. Fabio beginnt Caps zu designen. Freimütig gibt er zu, anfangs „nicht so viel Plan“ gehabt zu haben. Doch er entwickelt auch hier enormen Ehrgeiz.

Sein Leben besteht zu diesem Zeitpunkt aus Radfahren, Videoschneiden und Designen. Das gefällt ihm, weil sich alles zu einem Bild fügt. Er erkennt, dass er nicht nur seine Berufung, sondern auch seinen Beruf gefunden hat. Doch dann verletzt er sich bei einem Dreh – und zwar bei einem Sprung aus einem Helikopter.

Ich bin lange von Verletzungen verschont geblieben. Und dann ist es doch passiert. In Saalbach haben wir „Fabiolous Escape II“ gefilmt. Mein Plan war, dass ich mit dem Bike in der Hand aus einem Heli springe, in der Luft aufs Bike draufgehe und auf dem Schnee lande. Das hat gut funktioniert. Dann wollten wir es aus einem anderen Winkel filmen. Ich bin aufs Schlüsselbein gefallen, Schlüsselbein gebrochen. Das war das erste Mal, dass ich für längere Zeit außer Gefecht war. Ich bin dann zwei, drei Jahre verletzungsfrei geblieben. Klar, Schürfwunden und Prellungen gehören dazu, aber nichts Gröberes. Und dann waren wir in Frankreich unterwegs. In dem Jahr bin ich wieder ein bisschen mehr Motocross gefahren. Um mich an große Sprünge ranzutasten. Und dann habe ich so einen Sprung, bei dem ich das Bike querstelle, 30-, 40-mal hintereinander gemacht. War kein Problem. Bis ich unabsichtlich an der Vorderbremse angekommen bin. Warum, weiß ich bis heute nicht. Ich musste abspringen und bin erst auf meinem Fuß gelandet, hab noch gedacht: „Das ist was Gröberes“, und dann auf dem Kopf – und weg war ich.

Die Folge: ein komplizierter Bruch des Sprunggelenks. Bike-Pause, mental kein Problem für den Optimisten. Er schafft es, sich mit anderen Projekten abzulenken, arbeitet an Ideen, die er vor der Verletzung notiert hat. Langsam wird alles wieder heil.

Eines Tages will er mit Freund und Manager Alex hinter seinem Haus in Innsbruck „ein bisschen biken“. Auf dem Trail gilt es, zwischen zwei Bäumen durchzuspringen. Etwas, was Fabio bereits zigmal gemacht hat. Doch dieses Mal springt er gegen einen Baum. „Ich bin aufgestanden und habe mir gedacht: Das gibt es jetzt nicht.“

„Ich dachte noch, das ist was Gröberes, und dann war ich weg.“

Schlüsselbein kaputt, der ohnehin ramponierte Knöchel wieder gebrochen. Die Ärzte verordnen absolute Ruhe. Die gute Nachricht: Mittlerweile haben Fabios Videos auf YouTube insgesamt mehr als eine Milliarde Klicks.

Wann genau er diese erste Milliarde erreicht hat, weiß er nicht. Erinnern kann er sich an die erste Million. Die hat er im Krankenhaus erlebt. Damals, als er sich beim Sprung aus dem Heli das Schlüsselbein gebrochen hatte. Am Tag nach der OP checkt er seinen Account. Und stellt fest, dass er die magische Marke genommen hat: „Es gibt nichts Größeres als die erste Million Klicks.“

Wer seine Videos sieht, bewundert die lässige Leichtigkeit. Tatsächlich sind sie harte Arbeit. 21 Tricks sind in „Home Office“ zu sehen. Der einfachste ist ein Sprung vom Dach seines Hauses in den Pool – das funktionierte beim ersten Mal. Dafür musste er 430-mal mit dem Vorderrad seines Bikes einen Dartpfeil Richtung Scheibe schießen, bis er in der 17 stecken blieb. 600-mal versuchte Fabio einen Ball mit dem Hinterrad in einem Basketballkorb zu versenken. Erst bei Versuch Nummer 601 landete er im Korb. Ist das nicht zermürbend?

Nein, das ist cool. Natürlich kann man schon mal angepisst sein, wenn man Sachen zwei-, dreihundertmal probiert und es funkt nicht. Aber dann hat man den einen Schuss, wo es fast funktioniert, und dann wächst die Hoffnung: Okay, wenn ich das lang genug probiere, wird es hinhauen. Und die Sache ist die: Je öfter man etwas probieren muss, desto besser ist das Gefühl, wenn man es schafft.

Es geht also um diesen einen Moment, in dem klar ist, dass ein Ziel erreichbar ist. Um die Vorfreude. Um die Gewissheit, wieder einen T(r)ick besser geworden zu sein. Oder wie Fabio sagt: „Besser als ich selbst.“

„Wenn ich es lange genug probiere, wird es hinhauen.“

Auf Fabios Spuren

Drei Videos, die eine erstaunliche Entwicklung des Bike- Künstlers offenbaren – zum Staunen QR-Code scannen

Street Trial 2012

A Day in My Life

Fabiolous Escape II

Dafür, und das weiß er auch, braucht er Ruhe und absolute Konzentration. Und das ist – abgesehen vom Meer vor dem Schlafzimmerfenster – mit ein Grund, warum er nach Monaco übersiedelt ist.

Als er noch in Innsbruck wohnte, standen jeden Tag Fans vor seiner Haustüre. Und wenn er durch die Stadt radelte, fühlte er sich beobachtet: „Das kann ich nicht so gut ausblenden, und das hat mich in einer Entwicklung ein bisschen gestört. Hier bin ich einfach ganz für mich selbst.“

Tatsächlich kann er auf der Promenade Pirouetten drehen. Oder in der aus der Formel 1 berühmten Mirabeau-Kurve für ein Posting auf Instagram posieren – „was able to pop some wheelies again“, steht unter dem Bild.

Hier kann er probieren, probieren, probieren. Und daran arbeiten, einen stets neuen, immer besseren Fabio zu erschaffen. Dass das geht, hat er auf dem Rad gelernt, dass das auch fürs Leben „funkt“, auch.

Eines der ersten Videos, die Fabio nach seinen jüngsten Verletzungen postete, zeigt ihn auf einem weißen Canyon- Bike, in weißem Nineyard-Outfit. Sein rechter Fuß steckt in einer dicken Schiene. Er radelt entspannt dahin, Vorderrad in der Luft, Wheeeeelie!

Es geht nicht mehr um sieben Meter oder um dreizehn. Heute fährt Fabio, solange und so weit er will.

Auf Fabio abfahren: @wibmerfabio