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Der Feind als letzter Rettungsanker


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 23.03.2019

»Die Mädchen von Oostende« uraufgeführt in der Theatercouch Wien


Artikelbild für den Artikel "Der Feind als letzter Rettungsanker" aus der Ausgabe 2/2019 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Immer wieder versucht der junge Louis (Simon Stockinger, l.), Mariette (Lisa Radl, Mitte) zu umgarnen. Mit ein bisschen Hilfe von Germaine (Celina Dos Santos, r.) schafft er es schließlich, sie zu einem Date auszuführen


Foto: Theatercouch Wien

Wer die Stücke von Musicaldarsteller und Komponist Rory Six kennt, weiß, dass sie stets von Herzen kommen. Nachdem er mit dem preisgekrönten Werk »Wenn Rosenblätter fallen« Sterbehilfe thematisierte, in »Luna« das Recht auf freie Liebe forderte und in »Ein wenig Farbe« über die Herausforderung, anders ...

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... zu sein, sprach, handelt es sich bei »Die Mädchen von Oostende« um eine Geschichte, die erstmals auf wahren Tatsachen beruht. Doch nicht nur das: Oostende, eine Hafenstadt an der belgischen Nordseeküste, das Zentrum des Stückes, ist gleichzeitig die Heimatstadt von Rory Six. Umso mehr war es dem Belgier ein Anliegen, sich einem Thema zu widmen, von dem viele in Europa noch nie etwas gehört hatten: den »Alsjeblieftmädchen «. So wurden sie in Belgien genannt – jene Mädchen und Frauen, die sich während des Ersten Weltkriegs an den Feind verkaufen mussten, um zu überleben. Die Geschichte, auf die Six zufällig stieß, packte ihn so sehr, dass schon bald feststand: Daraus wird ein Musical entstehen. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Oostende, Belgien, anno 1914. Die Fischerstochter Mariette und ihr Vater leben wie die meisten Bürger der Stadt von der Fischerei (›Das Meer‹). Er fährt nachts zur See, sie verkauft seine Fische tagsüber auf dem Markt. Mariette hat große Träume: Sie möchte studieren, eine moderne, selbstbestimmte Frau sein und ihrem Vater nach dem frühen Tod der Mutter wieder das Leben ermöglichen, das er verdient hat. Doch die Situation ändert sich schlagartig, als Deutschland Belgien 1914 den Krieg erklärt. Die U-Boote der Deutschen machen jegliche Fischerei unmöglich – Mariettes Familie leidet so wie viele andere an Hunger. Schon bald ist klar: Um ihre ganz persönliche Schlacht zu gewinnen, gibt es nur eine Lösung: ein bisschen »nett« zu den deutschen Soldaten zu sein.

Rory Six erzählt in »Die Mädchen von Oostende« die Geschichte eines Krieges einmal von einer ganz anderen Seite. Er erzählt von Schlachten, die nicht an der Front ausgetragen werden – sondern bei denen, die zurückbleiben. Er greift ein Thema auf, das selten Gehör findet: Wie ging es eigentlich den Zurückgebliebenen? Allen voran den Frauen? Sie hatten keine Chance, sich als Heldinnen zu etablieren. Es ging ums blanke Überleben. Und ohne die Opfer und das Leid der Männer an der Front in irgendeiner Weise zu schmälern, zeigt Six mit seinem neuen Stück die andere Seite des Kriegs – einfühlsam, mit viel Gespür und ganz viel Liebe. Ein Musical, das ans Herz geht. Das Stück erzählt von Liebe, den Grauen des Kriegs, unerfüllten Träumen, dem Leiden der Frauen, die sich an den Feind verkaufen mussten für ein Stück Brot – während viele von ihnen an den Folgen von im Hinterstübchen durchgeführten Abtreibungen starben. Und dennoch geht es nicht um Gut und Böse oder die Frage der Schuld. Sondern um das Einzige, was die Menschen in Oostende am Leben erhielt: die Hoffnung. So schafft es Six, zwei Geschichten von zwei Mädchen zu erzählen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und damit zu zeigen, wie jeder Mensch anders mit der Situation umging und wie unterschiedlich Lebenswege sein – und enden können.

Die Regie für »Die Mädchen von Oostende« übernahm gemeinsam mit Rory Six kein Unbekannter. Christian Peter Hauser, der auch die Rolle des Vaters Onno verkörpert, ist vielen Wienern aus Produktionen wie »Elisabeth« oder »Der Besuch der alten Dame« bekannt. In der Theatercouch nutzt er trotz des geringen Platzes jeden Winkel aus und schafft es durch außerordentlich gutes Staging, eine Raumtrennung durch einen durchsichtigen Vorhang und eine kleine Seitenbühne, die Hafenstadt Anfang des 20. Jahrhunderts authentisch darzustellen. Er bietet dem Publikum ein emotionales Setting, das vor allem durch die Nähe zum Zuschauer umso mehr Emotionen erzeugt.

In der Rolle des Fischers Onno, Mariettes Vater, mimt Hauser einen alkoholkranken Mann, dem mit dem Einzug der Deutschen sein ganzer Lebensinhalt genommen wird. Mehrmals fährt er – entgegen der Regeln – hinaus aufs Meer, bis ihm ein Soldat schließlich mit dem Tod droht. Die Verbitterung und den Ärger über die Liebesgeschichte seiner Tochter mit einem verhassten Deutschen bringt er äußerst authentisch rüber. Für sein Ensemble wählte Six außerdem junge Künstler, die mit teilweise großem Können überzeugen. In die Rolle der Fischerstochter Mariette schlüpft Lisa Radl. Anfangs noch etwas verhalten – vermutlich der Nervosität geschuldet –, findet sie in der Premiere Stück für Stück mehr in die Rolle hinein und kann mit ihren darstellerischen Fähigkeiten glänzen. Ab und an machen ihr die hohen Töne zu schaffen, ansonsten zeigt sie auch gesanglich eine gute Leistung. Doch der eigentliche Star des Abends ist Celina Dos Santos in der Rolle von Germaine, Mariettes bester Freundin. Die deutsche Nachwuchskünstlerin überzeugt als lebenslustige, junge Fischverkäuferin, der der Krieg und seine Umstände jegliche Lust am Leben nehmen. Ausdrucksstarke Präsentation, außerordentliche Stimme – top! Thomas Wegscheider, der übrigens ab Mai auch in »Luna« zu sehen sein wird, mimt in diesem Stück den Dietrich, einen jungen, deutschen Soldaten, den Gewissensbisse plagen und der sich schließlich in Mariette verliebt. Das Zusammenspiel mit Lisa Radl funktioniert sehr gut, man nimmt beiden Darstellern das Liebespaar in jeder Sekunde ab. Weniger Glück in der Liebe hingegen hat der junge Belgier Louis, verkörpert von Simon Stockinger. Auch der gebürtige Linzer überzeugt in seinem Part.

Die musikalische Live-Begleitung lässt keine Wünsche offen. Kurz gesagt: Klein, aber fein. Neben Rory Six am Klavier gibt es noch zwei Gitarren, einen Kontrabass, eine Violine und ein Cello. Damit werden die eindringlichen Melodien bestens übermittelt. Die Lieder sind überwiegend langsamer Natur, es gibt nur wenige Upbeat-Songs, darunter ›Das Alsjeblieftmädchen‹, die dann aber umso mehr durch ihre Power überzeugen. Klassische Liebesduette wie ›Träume ziehen an uns vorbei‹ bleiben im Ohr. Generell sind die Titel eher kurz gehalten, dafür gibt es mehrere Reprisen.

»Die Mädchen von Oostende« erzählt eine Geschichte, die von vielen bereits vergessen und an Tragik kaum zu überbieten ist. Das Musical tut dies in einer Art und Weise, die direkt ans Herz geht und nachdenklich macht. Dennoch lässt es den Zuschauer nicht deprimiert zurück. Vielmehr zeigt es, dass es immer einen Funken Hoffnung gibt. Und dass man genau diese Hoffnung niemals verlieren sollte. Denn wer weiß, was das Leben noch für einen bereithält.

Eine Herausforderung stellten definitiv die kleinen Räumlichkeiten der Theatercouch dar – aber auch das wurde exzellent gelöst. Einfühlsame Melodien und ein talentiertes Ensemble versprechen einen Theaterabend in kleiner Atmosphäre, aber mit ganz viel Herz.

1.) Mariette (Lisa Radl) mit ihrem Vater Onno (Christian Peter Hauser), als die Zeiten noch besser waren. Was er nachts fischt, verkauft die Tochter tagsüber auf dem Markt


2.) Eine verhängnisvolle Liebe? Nicht nur Mariettes (Lisa Radl) Vater missfällt ihre Beziehung zum deutschen Soldaten Dietrich (Thomas Wegscheider)


3.) Kein Glück in der Liebe: Louis (Simon Stockinger) ist Mariette hoffnungslos verfallen. Dies beruht nicht auf Gegenseitigkeit – dennoch willigt die Fischerstochter ein, ihn zu heiraten, wenn er von der Front zurückkehrt


Fotos(3): Theatercouch Wien