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Der Feind der Meere ist der Mensch


ÖKO-TEST Spezial Umwelt & Energie - epaper ⋅ Ausgabe 11/2011 vom 04.11.2011

Wir vergiften die Ozeane mit Abwässern, Müll, Chemikalien und Rohstoff abbau. Das ließe sich ändern. Kaum zu reparieren ist dagegen, was wir mit dem Einsatz fossiler Brennstoffe anrichten. Denn Kohlendioxid führt direkt zu chemischen Verände run gen im Meerwasser, zudem werden die Ozeane im Zuge des Klima wandels wärmer. Eine Bestandsaufnahme.


Artikelbild für den Artikel "Der Feind der Meere ist der Mensch" aus der Ausgabe 11/2011 von ÖKO-TEST Spezial Umwelt & Energie. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Greenpeace/Roger Grace

And the winner is … Fast so glamourös wie bei der Oscar-Verleihung geht es alljährlich im September beim TV-Festival in Monaco zu, das zudem 2011 ein besonderes Highlight bot: Neben Stars wie Heather Tom und Patrick Duffy kamen auch ...

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And the winner is … Fast so glamourös wie bei der Oscar-Verleihung geht es alljährlich im September beim TV-Festival in Monaco zu, das zudem 2011 ein besonderes Highlight bot: Neben Stars wie Heather Tom und Patrick Duffy kamen auch eine kleine Meeresschnecke und eine Kaltwasserkoralle aus der Arktis zu höchsten Ehren. Sie spielen Hauptrollen im prämierten Dokumentarfilm Tipping Point, der zeigt, wie ihr Leben durch die Veränderungen des Wassers gefährdet wird. Zugegeben: Eisbären, Delphine und Thunfische sind eindrucksvollere Sympathieträger, wenn es darum geht, den üblen Zustand der Ozeane darzustellen. Doch das Schicksal der unscheinbaren Kleinstlebewesen im Eismeer darf nicht unterschätzt werden, mahnt Professor Ulf Riebesell vom Kieler Institut IFM-Geomar, der das Filmteam beraten hat: „Schnecken wie auch Muscheln gehören zur Basis der maritimen Nahrungskette und die Korallenbänke bieten vielen Jungfischen den zum Überleben notwendigen Schutz.“

Die im Film thematisierte Gefahr entsteht durch das Kohlendioxid (CO2 ) aus der Verbrennung fossiler Energieträger. Es verursacht nicht nur wesentlich den Klimawandel und damit die Erwärmung der Ozeane, sondern verändert – bislang wenig beachtet – die chemische Zusammensetzung des Meerwassers. Denn es nimmt 30 Prozent des aus den Schornsteinen und Auspuffrohren strömenden CO2 auf. Bliebe alles CO2 in der Atmosphäre, wäre die Erderwärmung heute schon weitaus deutlicher zu spüren. Die Schädigung durch CO2 ist aber nur ein Teil des Generalangriffs der Menschen auf das Öko-System der Ozeane: Zudem setzen wir der Natur zu, indem wir viel zu viele Fische fangen und die Meere als Kloake und Müllkippe missbrauchen. „Weil sich die Attacken auf die Wasserwelt gegenseitig verstärken, schreitet ihre Zerstörung unerwartet schnell voran“, erklärt Carlo Heip. Der Leiter des Königlichen Niederländischen Institut für Meeresforschung und sein Team haben gerade im EU-Auftrag mehr als 100 Studien zu maritimen Einzelproblemen auf solche Wechselwirkungen hin überprüft.

Dabei ließen sich die Vermüllung und Überfischung der Ozeane binnen weniger Jahre durch strikte internationale Regeln und Kontrollen drastisch vermindern. Die Biotope würden sich erholen, die Menge der Fische, die nachhaltig gefangen werden könnte, wäre sogar schon nach wenigen Jahren deutlich höher als heute. Um dieses Ziel zu erreichen, will die EU ab 2013 ihre bisher skandalöse Fischereipolitik grundlegend ändern. Doch der im Juli 2011 dafür vorgelegte Entwurf ist halbherzig und die Gefahr groß, dass das Konzept im Rahmen der Beratungen von Interessengruppen weiter verwässert wird. Dabei wäre es notwendig, dass die Meeresflora und -fauna wieder gesundet, damit sie sich besser an die Veränderungen anpassen kann, die das CO2 aus der Verbrennung fossiler Energieträger auslöst. Weil dessen Menge selbst nach optimistischen Prognosen erst in Jahrzehnten nennenswert sinkt, wird es weiterhin aus der Luft in das Meerwasser gelangen – mit fatalen Folgen: Es entsteht Kohlensäure, welche die Muschelgehäuse und Korallenbänke angreift. Zudem binden weitere chemische Prozesse im Wasser die freien Kohlenstoffatome, die dann den jungen Muscheln und Korallen beim Bau ihrer Schutzgebilde fehlen.

Foto: WWF/Bivash Pandav

Sympathieträger in der Falle. Schildkröten verenden in Fangnetzen, Eisbären leiden unter der Polarschmelze.


Foto: WWF-Canada/David Jenkins

Korallenbleiche. Weil das Wasser wärmer als 30 Grad und zudem verschmutzt ist, stoßen Korallen die Algen, die in Symbiose auf ihnen wachsen, ab. 30 Prozent der Riffe gelten bereits als beschädigt.


Foto: WWF-Canon/Cat Holloway

Warnzeichen sind unverkennbar

Besonders schnell schreitet die Versauerung in den Polargebieten voran, weil kaltes Wasser mehr CO2 aufnimmt als warmes. Bis zum Ende dieses Jahrzehnts entwickelt sich ein Zehntel des Eismeers zur Todeszone für Muscheln und Korallen. Würden weiter fossile Energieträger verbrannt, wären nach den Computersimulationen bis zum Ende dieses Jahrhunderts alle Meeresgebiete versauert. Schnecken, Muscheln und Korallen sterben aus und die Fische, die bislang von und mit ihnen leben, werden zumindest dezimiert.

Im Gegensatz zur Versauerung wird die Erwärmung der Ozeane im Zuge des Klimawandels schon länger erforscht, denn seine Anzeichen sind deutlich zu sehen. So war in der Arktis die Nordwestpassage vom Atlantik in den Pazifik im Ende des Sommers 2007 erstmals seit Menschengedenken komplett eisfrei – und 2011 ging das Eis sogar noch weiter zurück. Wenn das Eis der Arktis künftig im Sommer weitgehend schmilzt und die Gletscher Grönlands schrumpfen, hat das dramatische Folgen.

Steigt die Temperatur im Meer generell an, wandern einige Fischarten nach Norden und Süden in relativ kühlere Gewässer, um die Erwärmung für sich auszugleichen. Was den sesshaften Fischen droht, beschreibt Professor Ulrich Sommer vom IFM-Geomar mit einem Szenario für die Ostsee im Jahr 2030, das einem Horrorfilm gleicht: Der Winter war wieder mild, schon im Februar schlüpfen die Larven der Ruderfuß krebse in Massen, doch ihnen fehlen als Futter die einzelligen Algen. Denn die wachsen erst ab März, wenn die Sonne höher steht. Die Krebslarven verhungern. Wenn wenige Wochen später die Heringslarven schlüpfen, finden sie keine Ruderfußkrebse zum Fressen vor – auch sie verhungern.

Zusätzlich zu solch speziellen Notlagen wird sich die Ernährungslage in den Ozeanen generell verschlechtern, denn in warmen Gewässern wächst weniger Phytoplankton, jene Algen, welche für das menschliche Auge unsichtbar im Wasser schweben und die Basis der maritimen Nahrungskette bilden. Wenn ihre Masse schrumpft, wird sich der Klimawandel beschleunigen, denn sie nehmen bisher einen Teil des im Meer gelösten CO2 auf, nutzen den Kohlenstoff für ihr Wachstum und geben den Sauerstoff in die Atmosphäre ab. Während Biologen und Klimaforscher mit Sorge die Folgen der Erderwärmung erkunden, packen die Experten der Ölkonzerne hoffnungsfroh ihre Gerätekoffer: Da das Eis der Arktis schmilzt, wird für sie der Weg frei zu den dort vermuteten großen Öl- und Gasvorkommen. Schon in ruhigeren Gewässern kam es bei der Ölsuche zu etlichen schweren Unfälle, zuletzt explodierte im April 2010 eine BP-Plattform im Golf von Mexiko und Millionen Liter Öl flossen aus. Da die Arktis auch ohne Eis ein ungemütlicher Ort bleibt, ist dort das Risiko wesentlich höher. Und die Folgen für die Umwelt wären noch gravierender, weil in der Kälte weniger Öl verdunsten würde.

Riskante Jagd nach Rohstoffen

Im Südpazifik beginnt ebenfalls ein neues Kapitel der Ausbeutung der Meere: Zwei Gesell schaf ten, hinter denen Bergbaukonzerne stehen, haben sich vor Neuseeland und vor Papua-Neuguinea Konzessionsgebiete von der Größe Englands gesichert, um aus rund 2.000 Metern Tiefe Sedimente mit hohen Anteilen an Eisen, Mangan, Kupfer,

Zink und Gold zu fördern – die Trümmer von sogenannten Schwarzen Rauchern. Sie entstehen, wenn Meerwasser durch Risse in die Erdkruste eindringt, dort viel Schwefel und die Metallsalze auswäscht – bis es 400 Grad Celsius heiß und unter hohem Druck wieder austritt: Im Licht von Tauchbooten sieht es aus, als steige dunkler Rauch aus dem Boden – daher der Name. Sobald die heiße Schwefelbrühe auf das in dieser Tiefe nur zwei Grad warme Meerwasser trifft, setzen sich die Mineralien ab und bilden rund um die Quelle eine Art Kamin. Nach etwa 20 Jahren ist die Röhre mit Mineralien verstopft, die Quelle sucht sich einen anderen Ausgang. Alte Kamine stür zen ein, im Lauf der Jahrtausende bildete sich ein wahres Trümmerfeld. Die Tiefseequellen und ihre Umgebung bilden ein Biotop mit vielen, meist nur in dieser Umgebung lebenden Arten. Basis der Nah rungs kette sind Bakterien, die in der heißen, dunklen Umgebung aus Schwefelwasserstoff und Kohlenstoffdioxid organische Verbindungen schaffen. „Ähnlich wa ren die Bedingungen, als das irdische Leben entstand“, sagt Greenpea ce-Biologe Thilo Maack. „Noch bevor diese Wunderwelt erforscht ist, dringen die Konzerne ein.“ Die ersten Förderschiffe sind bereits aktiv, der Regelbetrieb hat sich wegen der Finanzkrise verzögert, soll aber nun bald starten.

Besorgt erwartet Maack schon die nächste Stufe der mariti men Rohstoffgewinnung: den Abbau von Manganknollen in gut 4.000 Metern Tiefe. Die Brocken, die auch Kobalt, Kupfer sowie die Hightech-Metalle Tellur und Molybdän enthalten, bedecken wie große schwarze Kartoffeln über weite Strecken den Boden des Pazifiks. Südöstlich von Hawaii sicherte deshalb die Bundesregierung der deutschen Forschung und Industrie Abbaurechte. Bereits in den 1980er Jahren waren deutsche Ingenieure dort aktiv. Dann sank mit den Rohstoff preisen das Interesse – nun ist es wieder erwacht: „Es geht um die Entwicklung von Know-how und den Zugriff auf die Ressourcen“, erklärt Lutz Rein hardt von der Bundesanstalt für Geo wis senschaften und Rohstoffe in Hannover. Verlockend ist noch ein anderer Schatz auf dem Meeresgrund: Methanhydrat – eine Verbindung von Methan, dem Hauptbestandteil des Erd gases, und gefrorenem Wasser. Ab rund 500 Meter Tiefe und unter entspre chen dem Druck lagert an verschiedenen Stellen der Weltmeere in dieser Form eine Energiemenge, die vermutlich der von Öl, Gas und Kohle zusammen entspricht. Holt man einen Kubikmeter Methanhydrat an die Oberfläche, werden 160 Kubikmeter brennbares Methan frei.

Doch wer im großen Maßstab die Bestände abbaggern wollte, riskiert, dass eine gesamte Lagerstätte explo sionsartig nach oben steigt. Das würde nicht nur einen Tsunami auslö sen, sondern auch dem Treibhaus Erde mächtig einheizen: Methan ist unver brannt 23-mal so klimaschädlich wie Kohlendioxid. Die Menschheit scheut auch nicht davor zurück, die Abwässer sogar von Millionen städten in den Schwellenländern und in der Dritten Welt ungeklärt ins Meer zu leiten. Selbst eine Stadt wie die EU-Metropole Brüssel verfügt erst seit 2005 über ausreichende Kläran lagen. Teils wird auch Giftmüll auf hoher See verklappt, also über eine große Strecke verteilt. Seit 1992 ist das zu mindest in europäischen Gewässern verboten. Unabsehbare Folgen hat die radioaktive Belastung der Meere. Als nach dem Reaktorunglück in Fukushima verstrahltes Wasser ins Meer lief, sorgte das für Schlagzeilen. Doch die atomaren Wiederaufarbeitungsanlagen im französischen Le Havre und im britischen Sellafield pumpen routinemäßig ihre radioaktiven Abwässer in die See. Ohnehin lagern im Nordmeer ausge dien te Kernreaktoren der russischen Flotte und verteilt auf alle Ozeane ver rotten auf deren Grund insgesamt mindestens 85.000 Fässer mit Atom müll, die 13 Länder – darunter Deutschland – dort billig entsorgt haben. Erst 1993 wurde das verboten.

Risiko Rohstoffe. Offshore-Ölbohrungen bringen immer wieder Gefahr für die Fauna und Flora der Meere.


Foto: MEV

Selbst banale Maßnahmen zum Schutz der Meere unterbleiben. So wäre es einfach, dafür zu sorgen, dass die Seeleute ihre Abwäs ser und den Müll nicht ins Meer kippen, sondern an Land entsorgen. Doch solange das nicht einmal in allen EU-Häfen gratis möglich ist, bleibt der Ozean die billigere Alternative. Aber längst nicht aller Unrat auf See stammt von den Schiffen. 80 Prozent der Meeresverschmutzung geht vom Land aus, ermittelte die UN-Umweltbehörde Unep, allein mehr als fünf Millionen Tonnen Plastikmüll gelangen jährlich in die Ozeane.

Plastikstrudel finden sich nicht nur im Pazifik sondern auch im Atlantik, mit bis zu 200.000 kleinen Teilen pro Quadratkilometer.


Foto: Stockxchng

Ozean als Müllkippe

Meerestiere verfangen sich in herumtreibenden Kunststoffschnüren und Netzen oder fressen Plastikteile. Eine Million Seevögel, 100.000 Meeressäuger und unzählige Fische verenden so, schätzt die Unep. Zwei Beispiele: Als 54 Mittelmeer-Schildkröten tot bei einem Raubfischer beschlagnahmt wurden, fanden Biologen der Universität Valencia im Magen von 43 der Tiere Plastikteile, die sie nicht ausscheiden konnten. Und Greenpeace meldet, dass zwei von fünf Albatrossküken sterben, weil die Eltern sie mit Plastikteilen füttern. Nach dem Tod der Tiere, wird der Kunststoff im Zweifel mit den Kadavern erneut gefressen. Die Müllmenge im Meer wächst von Jahr zu Jahr, weil die Kunststoffe nur langsam zerfallen – einige erst in 450 Jahren. Kurios und erschreckend zugleich: Beständige Meeresströmungen schwemmen den Plastikmüll von den Rändern des Pazifiks in ein Gebiet zwischen Hawaii und Kalifornien, wo ein Müllteppich von der Größe Zentraleuropas entstand. Bis in 30 Meter Tiefe wirbeln die Teilchen. „Im nächsten Jahrzehnt wird sich ihre Zahl verzehnfachen.

„Dann treiben an der Ober fläche des Pazifiks mehr Mikroplastikpartikel als Plankton“, sagt der amerika nische Meeresforscher Char les Moore, der die pazifische Müllwüste untersucht hat. Eine Wende kann wohl nur gelingen, wenn die Industrie künftig Kunststoffe einsetzt, die in der Natur schnell in unbedenkliche Materi a lien zerfallen. Letztlich zerbröselt auch heutiges Plastik zu mikrosko pisch kleinen Teilchen. Forscher der Universität Plymouth fanden sie in allen Sandpro ben, die sie an britischen Stränden sammelten. Ebenso liegen sie allenthal ben am Meeresboden, wo Kleinlebewesen sie aufnehmen, bis diese selbst gefressen werden. Über die Nahrungskette gelangt das Materi al bis zum Menschen – mit unbekannten Folgen. Perfide: Plastikteile zie hen im Meer wie ein Schwamm dort treiben de Giftstoffe an – auch hor mon artige Substanzen aus eingeleiteten Abwässern.

Fazit dieser Bestandsaufnahme: Alle aufgezeigten Probleme sind von Menschen verursacht, sie sind also wieder zu ändern, nur halbherzig wie bisher dürfen wir nicht mehr vorgehen.