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Der Fesselungskünstler


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 30/2019 vom 20.07.2019

Großbritannien Boris Johnson wollte immer schon an die Spitze, jetzt steht er kurz davor. Der Mann, der den Brexit mitangerichtet hat, soll einen Ausweg finden. Was er an der Macht will, weiß er wohl selbst nicht. Europa steht ein turbulenter Herbst bevor.Von Jörg Schindler


Eines Tages hatte Boris Johnson die Idee, in London eine üppig wuchernde Gartenbrücke bauen zu lassen. Eines anderen Tages warb er dringlich für einen Flughafen auf einer künstlichen Insel – von Spöttern »Boris Island « genannt. Einmal sah er die Zeit gekommen für ein wahrhaft gewaltiges Bauwerk, das von England nach Europa führen ...

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... würde. Und neuerdings will er eine weitere Brücke von Schottland nach Nordirland spannen.

Tory-Hoffnung Johnson in Portsmouth
In bester Stimmung Richtung Abgrund

Eine deutliche Mehrheit der Briten misstraut dieser Bühnenfigur, die so oft wie ein Falstaff des 21. Jahrhunderts wirkt: großmäulig, eitel, raufsüchtig und zaudernd – aber eben auch so gewitzt und eloquent, dass viele sich seiner Verführungskunst nur schwer entziehen können. Ein Großteil der britischen Parlamentarier, ja sogar viele Tory-Abgeordnete trauen Johnson nicht über den Weg.

Und dennoch hat sich eine bizarre Koalition aus konservativen EU-Feinden und ehemaligen EU-Freunden hinter ihm geschart, die die Panik vor dem Machtverlust eint und der Wunderglaube daran, dass nur Johnson das Unmögliche möglich machen könne: Nigel Farage und den sozialistischen Labourchef Jeremy Corbyn in Schach zu halten und zugleich die Briten ins gelobte Brexit-Land zu führen.

Die Sache hat allerdings einen Haken: Mag Johnson auch über unerschöpfliches Charisma verfügen – einen Plan hat er nicht. Nur einen offenbar unerschütterlichen Glauben an sich selbst. Aber wie weit wird der ihn tragen?

Geschichte wiederholt sich: Nun scheint auch das Mutterland der modernen Demokratie gewillt, einen in New York geborenen Populisten zu wählen, der sein eigen - artiges Haar zum Markenzeichen gemacht hat, als Angehöriger der Elite gegen die Eliten zu Felde zieht – und der sich seit je zu ganz Großem berufen fühlt.

Boris Johnson sei auf die Welt gekommen, »um pausenlos dafür zu kämpfen, der Beste zu sein«. Andrew Gimson sagt das, als er bei einem Glas Weißwein über Großbritanniens künftigen Premier nachsinnt. Dem Journalisten Gimson gehen solche Sätze nicht leicht über die Lippen. Der 61-Jährige ist ein freundlicher, fast scheuer Zeitgenosse, der in seinem Haus in Nordlondon bisweilen lange die Augen schließt, bevor er druckreife Bemerkungen murmelt. Allzu viele kritische sind nicht darunter. Letzthin sei von zu vielen zu viel Negatives über Johnson gesagt worden: »Er ist oft warmherziger als die Menschen, die ihn attackieren.«

Gimson ist ein Freund und Ex-Kollege von Johnson, beide arbeiteten einst gemeinsam für das konservative Wochen - magazin »Spectator«. 2006 hielt Gimson die Zeit für gekommen, eine Biografie über Johnson zu verfassen. Der war damals zwar nur ein einfacher Abgeordneter, aber einer – so schrieb es Gimson –, der vielleicht mal Premierminister werden würde. Das Gefühl teilten damals viele.

Als er seinerzeit zu Johnson ging, um ihm von seinen Buchplänen zu berichten, sei dieser erst begeistert gewesen, dann entsetzt. Am Ende, so Gimson, habe Johnson ihm halb scherzhaft 100000 Pfund oder ersatzweise Gratisnachhilfe für seine Kinder geboten, wenn er von seinen Plänen ablasse. Offenbar ahnte Johnson, der den »exzessiven Wunsch« habe, gemocht zu werden, dass in dem Buch nicht nur Schmeichelhaftes zur Sprache kommen würde.

Gimson zeichnet in seiner Biografie das Bild eines flatterhaften Menschen, der tatsächlich schon als Kind »König der Welt« werden wollte. Verantwortlich dafür sei sein Vater Stanley Johnson gewesen, dem Boris so ähnlich sieht und ist, dass die beiden trotz des Altersunterschieds von 24 Jahren bisweilen miteinander verwechselt werden.

Die Familie hat eine märchenhafte Geschichte, sie wurzelt in der Türkei: Boris Johnsons Urgroßvater hieß Ali Kemal, er war der letzte Innenminister des Osmanischen Reichs und ließ den Republikgründer Kemal Atatürk verhaften. Später wurde er gelyncht. Johnsons Großvater Osman Ali floh nach London und nannte sich fortan »Wilfred Johnson«. In der Familie Johnson, schreibt Gimson, sei nichts Spiel, sondern alles Wettkampf gewesen. Boris’ Halbschwester Julia sagt dazu: »Wenn ich im Lateintest nur Zweite wurde, fragte mein Vater sofort: Wer war Erster? Das war eine Standardfrage in unserem Haushalt und eine eindringliche Mahnung, nie woanders zu landen als ganz oben.«

Kandidat Johnson mit Vater Stanley, Johnson als Kind 1973, als Schüler am Eton-College 1979
»Nie woanders landen als ganz oben«


Um dorthin zu gelangen, setzte und setzt ihr großer Bruder vor allem auf dreierlei: zum einen auf sein unbestreitbares Talent. Zum Zweiten auf Humor: Von seinem Vater Stanley, Buchautor, Politiker, Schwerenöter und Spaßvogel, schaute er sich die Rolle des exzentrischen, bisweilen tumben Engländers ab. Das hilft ihm, seinen Ehrgeiz zu kaschieren. Und zum Dritten verlässt er sich auf seinen Charme, mit dem er mehr Skandale überlebt hat als alle anderen Politiker seiner Generation. Mit diesem Elixier aus Talent, Humor und Verführungskunst hat sich Johnson schon früh nahezu unangreifbar gemacht.

Bezeichnend ist eine Episode aus seiner Zeit auf dem Eliteinternat Eton, das mehr Premierminister als jede andere britische Schule hervorgebracht hat. Als die Schüler dort einst Shakespeares »Richard III.« inszenierten, war es natürlich Johnson, der die Rolle des Königs übernahm. Seinen Text aber lernte er nicht. Stattdessen heftete er, unsichtbar fürs Publikum, Zettel ans Bühnenbild und hastete während der Vorstellung von einem zum anderen. »Boris ist ziemlich beeindruckend, wenn Erfolge mit purer Intelligenz und ohne harte Arbeit erzielbar sind«, schrieb einer seiner Lehrer 1982 an Stanley Johnson. Und: »Er scheint ernsthaft zu glauben, dass es kleinlich von uns sei, ihn nicht als Ausnahme zu betrachten.«

Auch später, auf der Universität in Oxford, ließ sich dieser Anspruch beobachten, anders zu sein als die anderen – im Zweifel: besser. Kurioserweise trafen dort Mitte der Achtzigerjahre bereits viele jener Männer aufeinander, die heute das politische Schicksal Großbritanniens unter sich ausmachen. Auf der einen Seite unter anderen der spätere Premier David Cameron, Schatzkanzler Philip Hammond und der heutige Außenminister und Johnson-Rivale Jeremy Hunt, die Studienfächer wie Politik oder Ökonomie wählten; auf der anderen Seite Menschen wie Boris Johnson, der sich der klassischen Antike zuwandte, und der glühende EU-Gegner Jacob Rees-Mogg, der Geschichte studierte. Erstere warben 30 Jahre später für den Verbleib ihres Landes in der EU – Letztere wählten den Brexit.

Auch aus dieser Gruppe wollte Johnson herausragen und kandidierte 1984 für das Präsidentenamt des berühmten Debattierklubs Oxford Union. Dass er gegen einen Nobody, der nicht mal auf ein Eliteinternat gegangen war, verlor, schockte ihn. Im Jahr darauf trat er erneut an. Und diesmal wählte er eine Taktik, mit der er auch heute wieder versucht, seine Partei und sein Land hinter sich zu einen: Gegenüber konservativen Kommilitonen gab er sich als knallharter Tory, eher zu Labour tendierenden Studenten machte er liberale Versprechungen. Damit gewann er.

Dass er nie genau zu sagen vermochte, welche Politik er als Chef eigentlich verfolgen wolle, ging in der Boris-Euphorie etwas unter. Auch Andrew Gimson lernte Johnson in Oxford kennen. Er sagt: »Boris konnte Leute dazu bringen, dass sie sich totlachten. Und ihre Freude war so groß, dass es sie kaum interessierte, wofür er ihre Unterstützung eigentlich nutzte, solange er sie nur weiter unterhielt.«

Johnsons große Zeit als politischer Unterhaltungskünstler begann im Frühjahr 1989. Da ging der Jungjournalist für den Londoner »Daily Telegraph« nach Brüssel. Die renommiertere »Times« hatte er zuvor verlassen müssen, weil er ein heikles Zitat erfunden hatte. Der »Telegraph« machte sich nichts daraus. Die EU-Hauptstadt kannte Johnson gut: Sein Vater Stanley hatte die Familie einst nach Belgien verpflanzt, weil er einen Job in der EU-Kommission und im Parlament hatte. Als Boris noch klein war, verschwand seine Mutter nach einem Nervenzusammenbruch für acht Monate in der Klinik; später trennten sich die Eltern. An die EU-Hauptstadt hat Boris Johnson keine guten Erinnerungen.


»Boris ist beeindruckend, wenn Erfolge mit purer Intelligenz erzielbar sind.«


Seinen zweiten Anlauf in Brüssel unternahm er zu einer hochinteressanten Zeit: Kein halbes Jahr zuvor hatte die britische Debatte über Europa einen neuen Höhepunkt erreicht. Margaret Thatcher, seit je skeptisch gegenüber einer zu tiefen Integration, war in die Offensive gegangen.

Die Vision des damaligen Kommissionspräsidenten Jacques Delors, aus dem Wirtschaftsverbund eine immer engere und vor allem »soziale« Union zu machen, war der erzkonservativen Thatcher zutiefst suspekt. Sozial klang allzu sehr nach sozialistisch. In einer Rede in Brügge warnte »Mrs No« vor einem »euro päischen Superstaat «. Das Feld war bereitet für einen, der nicht lange brauchen sollte, um Thatchers »Lieblingsjournalist« zu werden.

Es spricht wenig dafür, dass Boris Johnson eine ausgeprägte Haltung zu Europa hatte, als er aus Brüssel zu berichten begann. Das bürokratische Hickhack jedoch, der zähe demokratische Widerstreit, die Verordnungshuberei müssen für einen stets im Superlativ denkenden Freigeist wie ihn eine Zumutung gewesen sein.

Bald begann er, sich über die EU-Kleinkrämer lustig zu machen. Das kam an in London, wo sich die Euroskeptiker der Tories immer lauter Gehör verschafften. Und so lieferte Johnson immer wildere Geschichten ab. Dass er dabei ein zu - nehmend pinocchiohaftes Verhältnis zur Wahrheit offenbarte, kümmerte ihn nicht – solange die Leute ihm seine Ammen - märchen glaubten.

Die EU, tönte Johnson, wolle britische Chips mit Shrimpsgeschmack verbieten. Die EU wolle Kondomgrößen europaweit standardisieren und dabei die (angeblich kleineren) Gemächte von Italienern ignorieren. Die EU wolle Schnecken zu Fischen erklären. Der Binnenmarkt werde womöglich zu einem der größten Kunstraubzüge der Geschichte führen und die Grenze zwischen Staaten so durchlässig machen, dass der Kontinent zum Paradies für Drogenschmuggler, Terroristen, Waffenhändler und »Migranten aller Art« werde.

Jeden Nachmittag habe sich Johnson, der oft cholerisch und nachtragend sei, in seine rituelle »Vier-Uhr-Rage« versetzt, sagt Johnsons damalige Stellvertreterin und spätere Biografin Sonia Purnell. Dafür habe er seine Yuccapalme mit Schimpfwörtern überzogen, um sich in Stimmung für seine Anti-EU-Traktate zu bringen. Einfach weil es Spaß machte.

Purnell ist überzeugt davon, dass ihr Ex- Kollege damit fahrlässig britischen Rechtspopulisten und Anti-EU-Hetzern jede Art von Munition geliefert habe. Zufall oder nicht: Die UK Independence Party, deren unheimlicher Aufstieg maßgeblichen Anteil am erfolgreichen Brexit-Referendum haben würde, trat 1994 erstmals zur Europawahl an – in Boris Johnsons letztem Jahr in Brüssel.

Der ehemalige britische EU-Kommissar Chris Patten hält Johnson für einen »herausragenden Vertreter von Fake-Jour - nalismus«. Einen Lügner könne man den früheren Journalisten aber nicht nennen – »denn er versteht schlicht nicht den Unterschied zwischen Fakten und Fiktion«.

Weil er aber stets mit allem durchkam, was er tat und sagte, tat und sagte er immer Ungeheuerlicheres. Auch nachdem er 1997 ins Fach des Politikers gewechselt war, erfand er regelmäßig Fakten, Zahlen, Bedrohungen. Hingerissen von seiner eigenen, klassisch geschulten Formulierungskunst, beleidigte er Frauen, Schwarze, Schwule, Muslime, Liverpooler, Missbrauchsopfer, Labour-Wähler, Klimaschützer und praktisch jede andere Gruppe innerhalb und außerhalb Großbritanniens – außer reichen weißen Männern.

Und weil er nicht nur ein politischer Verführer war, log er wiederholt über seine amourösen Eskapaden, die so zahlreich waren und sind, dass bis heute nicht klar ist, wie viele außereheliche Kinder er eigentlich hat.

Irgendwann tauchte in der britischen Presse die Abschrift eines Gesprächs auf, das Johnson noch als Journalist mit seinem alten Eton- und Oxford-Buddy Darius Guppy geführt hatte. Der windige Geschäftsmann, der später einige Jahre im Gefängnis verbrachte, bat Johnson, ihm die Adresse eines unliebsamen Journalisten zu besorgen, damit er diesen verprügeln lassen könne.

Es lohnt sich, Auszüge des Gesprächs im Wortlaut wiederzugeben: Johnson: »Wenn dieser Typ schwer verletzt werden sollte, werde ich stinksauer.« Guppy: »Ich garantiere dir, dass er nicht ernsthaft verletzt werden wird … Vielleicht ein paar blaue Augen und eine angebrochene Rippe, etwas in der Art.« Johnson: »Angebrochene Rippe.«

Guppy: »Nichts, was man sich nicht auch beim Rugby holen könnte …« Johnson: »Wenn ich Schwierigkeiten kriege, wenn ich …«

Guppy: »Wirst du nicht, Boris, ich schwöre es dir.«

Johnson: »Ich habe diese verdammte Nummer für dich. Okay, Darry. Ich hab gesagt, ich tue es, und ich werde es tun. Keine Sorge.«

Johnson, der kategorisch bestreitet, Guppy in der Sache geholfen zu haben, bekam keine Schwierigkeiten. Big B bekam fast nie Schwierigkeiten. Wenn man davon absieht, dass er seinen unaufhalt - samen Aufstieg wegen der einen oder anderen Unwahrheit zwischenzeitlich unterbrechen musste. Während andere Politiker gestürzt wären, stolperte er nur.

Es schadete ihm nicht nachhaltig, dass er mehrfach wegen falscher Angaben zu üppigen Nebeneinkünften überführt wurde. Es schadete ihm nicht, dass er sogar seinen früheren Parteichef dreist über eine Affäre belogen hatte. Und es schadete ihm auch nicht, dass er viel später mit einem Brexit-Bus durchs Land rollte, auf dessen Außenhaut grotesk falsche An - gaben über britische Zahlungen an die EU standen: London überweise wöchentlich 350 Millionen Pfund nach Brüssel, die man künftig ins nationale Gesundheitssystem stecken werde. Die womöglich folgenschwerste Lüge im politischen Leben des Boris Johnson.

Die Menschen aber verfielen ihm, weil er so herrlich anders ist als die anderen. Lauter, lebhafter, lustiger. Dass bis heute unklar ist, woran Johnson – außer an sich selbst – glaubt; dass er für die Gleichstellung von Homosexuellen stritt und homophobe Stereotype verbreitete; dass er eine Politik für Arme forderte und eine Politik für Reiche förderte; dass er angeblich stolz auf seine türkischen Wurzeln ist, aber während der Brexit-Kampagne vor Millionen türkischen Zuwanderern warnte, wovon er heute nichts mehr wissen will: egal. Was ist das schon, verglichen mit seinem Aperçu, dass Tory-Wähler »Frauen mit größeren Brüsten« bekämen?

Tory-Mitglieder bei einer Podiumsdiskussion im nordostenglischen Darlington*
Raus aus Europa, egal wie


Boris Johnson steht wie Silvio Berlusconi, wie Donald Trump und wie all die anderen populistischen Verführer, die sich zuletzt weltweit zur Wahl stellten, für die Profanisierung und Infantilisierung von Politik. Wenn es ihm nutzt, kann er heute liberal, morgen sozialdemokratisch und übermorgen konservativ sein. Und er hat es nicht einmal nötig, seine Plan- und Prinzipienlosigkeit zu verschleiern. Er ist wie der Kaiser, der seinem Volk selbst zuruft: Seht her, ich habe keine Kleider an! Das ist so entwaffnend ehrlich und so urkomisch, dass viele gar nicht anders können, als ihn zu wählen.

Deshalb wählten sogar die Londoner, die aufgeklärten, progressiven, multikulturellen Londoner, Boris Johnson 2008 zu ihrem Bürgermeister. Es war ein Paukenschlag und der bislang überzeugendste Beweis für Johnsons politische Fesselungskunst. Bürgermeister zu werden war nie sein Ziel gewesen.

Aber drei Jahre zuvor hatten die Tories den jüngeren und nicht mal halb so charismatischen Eton- und Oxford-Zögling David Cameron zu ihrem Anführer gewählt. Eine Demütigung für Johnson.

Der Posten in Londons Rathaus schien unter diesen Umständen ein geeigneter Alternativweg, um sich weiter für das ganz große Ziel warmzulaufen. Also trat Johnson an. Und schaffte das nahezu Unvorstellbare: Als Konservativer schubste er in der Labour-Hochburg London den legendären Linken Ken Livingstone vom Thron.

Es ist diese Underdog-Story, mit der Johnson heute unter Tory-Mitgliedern für sich wirbt. Aus dem Nichts kommend habe er damals nicht nur einen gefährlichen Sozialisten im Zaum gehalten, sondern anschließend einen Zehnmillionenmoloch acht Jahre lang erfolgreich gemanagt. Er wolle künftig das ganze Land wie London regieren, mit einem »Starteam« und einer Politik für diejenigen, »denen es am schlechtesten geht«. Aber stimmt das auch, was er da behauptet?

Unbestreitbar ist, dass London in Johnsons Amtszeit, zumindest vorübergehend, klimafreundlicher, weniger kriminell und insgesamt lebenswerter wurde. Viele Erfolge allerdings, die er sich zuschreibt, gehen auf Livingstones Initiative zurück. Die Citymaut, die erhöhte Zahl der Polizisten, die »Boris-Bikes«, mit denen Touristen heute massenhaft durch London radeln, und auch die fabelhaften Olympischen Spiele von 2012: All das wurde ursprünglich von dem Labour-Politiker in die Wege geleitet.

Johnson dagegen, der auch von seinen eigenen Leuten als pfauenhafter »Do no - thing«-Politiker beschrieben wurde, öffnete Londons Türen vor allem für Reiche und Superreiche aus aller Welt. Er verschärfte damit die Ungleichheit und die heute nahezu unerträgliche Wohnungsnot in der Stadt. Eine seiner markantesten Hinterlassenschaften ist der Orbit-Turm im Olympiapark, ein 19 Millionen Pfund teures Denkmal, an dem sich ein rotes Stahlgerüst in wirren Schleifen emporrankt – und dessen vordringlicher Zweck darin besteht, über alle anderen Bauwerke im Osten Londons herauszuragen. Ein Mann, ein Turm.

Es ist jedoch nicht so, dass der 30-jährige Schlingerkurs des Boris Johnson im Bewusstsein vieler Briten keine Schrammen hinterlassen hätte. Spätestens seit sich der Engländer, zu dessen Lieblingsfilmen »Apocalypse Now« zählt, im Frühjahr 2016 zum Anführer der Brexit-Kampagne aufschwang, ist er zu einem der polarisierendsten Politiker des Landes geworden. Als sich Meinungsforscher jüngst unter Briten umhörten, gaben 47 Prozent von ihnen an, dass sie Johnson für einen kommenden Wahlsieger halten. Aber nur 13 Prozent sagten, sie würden ein gebrauchtes Auto von ihm kaufen. Knapp die Hälfte der Bürger bezweifelt, dass es ihm gelingen wird, die beschädigte Nation zu einen. Und noch mehr halten ihn für »unmoralisch«.

* Zwischen den Parteivorsitzkandidaten Boris Johnson und Jeremy Hunt am 5. Juli.

Boris Johnson muss das fürs Erste nicht verdrießen. Denn von den 66,4 Millionen Bürgern des Vereinigten Königreichs haben mehr als 66,2 Millionen nichts zu sagen, wenn in diesen Tagen der nächste Premierminister des Landes ausgerufen wird.

Es sind vielmehr ausschließlich die Tory- Mitglieder, die nun ihren neuen Anführer wählen – und der wird danach automatisch an die Regierungsspitze rücken. Gerade mal 160000 Konservative mit Parteibuch gibt es noch. Und wer eine Ahnung davon bekommen will, wer diese Menschen sind, der kann bei Gelegenheit zum Beispiel in der Swigs Hole Farm in der Grafschaft Kent, eine Zugstunde südöstlich von London, vorbeischauen.

Dort sitzen an einem sonnigen Sonntagmorgen rund 40 zumeist rüstige Damen und Herren auf einem Stück Kunstrasen, essen Lachsschnittchen und Würstchen im Teigmantel. Die Szene wirkt wie gestellt, um fürs Fernsehen englischen Perlwein zu bewerben, der tatsächlich ganz in der Nähe hergestellt wird. Hunde und Katzen streifen um einen kleinen Tümpel, daneben die Statue einer badenden Nymphe, im Hintergrund sanft geschwungene Kornfelder und ein windschiefes Farmhaus mit Türmchen und Fachwerkfassade, so idyllisch, als hätte es jemand für eine gewaltige Modelleisenbahnlandschaft entworfen. Eingeladen zu »Summer Fizz & Canapés « hat die Tory-Filiale aus dem nahe gelegenen Tunbridge Wells, um in ungezwungener Atmosphäre ein wenig über Politik zu plaudern. Die sei derzeit »furchterregend «, findet Pauline Aylett, die mit ihrer pinkfarbenen Bluse, den pink geschminkten Lippen und dem üppigen Perlenschmuck aus dem Umgebungsgrün heraussticht. Pauline ist 81 Jahre alt, sie war mal Börsenhändlerin in London und trägt die gleiche Haarfarbe wie Boris Johnson. Den mag sie allerdings nicht besonders. Ein »Idiot« und Serienfremdgeher sei das, und dann auch noch zu blöd, um seine Spuren zu verwischen. »Was ist los mit dem Mann? Hat er noch nie von Geburtenkontrolle gehört?«, schimpft Pauline.

Aber wählen wird sie Johnson »natürlich« trotzdem. Er sei der Einzige, der Corbyn schlagen und den Brexit liefern könne. »Ich will raus!«, ruft Pauline und verschüttet vor Eifer ein paar Tropfen Sekt.

Man hört das hier auf der Farm überall. Dass der brave Jeremy Hunt wirklich klug und fähig sei, aber halt auch zu nett, um den Europäern die Stirn zu bieten. Dass Boris ungehobelt und unstet sei, aber eben auch ein Pfundskerl, der in Brüssel auf den Tisch hauen werde. Und dass er Franzosen »Scheißkerle« genannt haben soll, was bei den bevorstehenden Verhandlungen vielleicht nicht unbedingt helfen wird? Da muss Paulines Freundin Sonia Borrajo, 88 Jahre alt, doch ein wenig schmunzeln: »Also da bin ich ganz bei Boris.«

Raus aus Europa. Egal wie. Das ist im Prinzip das einzige Thema, das Großbritanniens Konservative derzeit noch interessiert. Die verbliebenen Tory-Mitglieder sind nach Untersuchungen der Londoner Queen Mary University nicht nur älter, weißer und reicher als der Rest des Königreichs – sie sind auch glühendere Feinde der Europäischen Union.

Wie weit sie gehen würden, um nur endlich wieder zu einer unabhängigen Inselnation werden zu können, machte kürzlich eine aufsehenerregende YouGov-Umfrage deutlich: Demnach würde eine deutliche Mehrheit der Konservativen den Zerfall der eigenen Partei, eine Abspaltung Schott - lands, die Wiedervereinigung Irlands und nachhaltige Schäden für die britische Wirtschaft in Kauf nehmen, solange sie dafür nur endlich den Brexit bekämen. Für zwei von fünf Tories wäre sogar eine Corbyn- Regierung der Preis, den sie dafür zu zahlen bereit wären.

Wie dramatisch diese Entwicklung nicht nur für das tradierte politische Gleich - gewicht, sondern für das gesamte Land ist, lässt sich nicht überbewerten: Die Partei, die offiziell Conservative and Unionist Party heißt, ist willens, ihr Königreich dem Brexit zu opfern. Die Partei, die wie keine andere seit Jahrzehnten die Wirtschaft umgarnt, ist reif für einen Brexit-Berserker, der noch vor Monaten »fuck business!« rief. Die Partei, die Machterwerb und Macht - erhalt wie kaum eine andere in Europa perfektioniert hat, ist drauf und dran, ihr Schicksal einem Egomanen und Polithallodri in die Hände zu legen. Müßig zu erwähnen, dass die Tories auch mal die selbst ernannte »Partei für Europa« waren.

EU-Austritt-Kampagnenbus 2016, Johnson als Journalist 2003, als Außenminister mit Regierungschefin May 2016
Auf dem Weg ins gelobte Brexit-Land


Lange her.

Es ist, als hätte sich die mehr als 300 Jah - re alte Tory-Partei über den Brexit zu einer politischen Sekte entwickelt, und Boris Johnson spielte virtuos die Rolle des Sektenführers mit einfachen, messianischen Botschaften – sie lauten zusammengefasst: Glaubt an dieses großartige Land, seid lieb zueinander, dann schaffen wir das schon. Glaube, Liebe, Hoffnung – aber keine politische Agenda.

Auch im einzigen TV-Duell mit Jeremy Hunt am Dienstag vergangener Woche wurschtelte sich Johnson so wieder durch. Am Ende ächzte sein erschöpfter Rivale: »Boris hat diese großartige Eigenschaft: Du stellst ihm eine Frage, er zaubert dir ein Lächeln aufs Gesicht, und du vergisst, was die Frage war.« Johnson revanchierte sich, indem er Hunt einen »Detailversessenen« nannte. Für ihn ist das ein Schimpfwort.

In der einstündigen Sendung offenbarte Johnson wieder seine zaudernde Seite, mit der er sich und andere schon so oft in Schwierigkeiten gebracht hat. Diesmal traf es den britischen US-Botschafter Sir Kim Darroch, einen der profiliertesten Diplomaten des Königreichs. Kurz vor der Livedebatte waren Darrochs wenig schmeichelhafte Depeschen über die Regierung von Donald Trump an die Öffentlichkeit durchgesickert.

Diese sei »disfunktional« und »unfähig«, Trump selbst so schwer von Begriff, dass man möglichst simpel mit ihm kommunizieren müsse. Der US-Präsident schäumte und fällte via Twitter ein vernichtendes Urteil über Darroch und seine Vorgesetzten. Eine beispiellose Attacke, die sich Außenminister Jeremy Hunt vor laufender Kamera auch verbat.

Johnson dagegen brachte das Kunststück fertig, sich in einer wirren Antwort irgendwie vor Trump zu stellen, von dessen Wohlwollen er sich in Handelsfragen so viel verspricht. Er brüskierte damit öffentlich Botschafter Darroch, der kurz darauf zurücktrat.

Wie der hasenfüßige Johnson so harte Verhandlungen mit der EU überstehen wolle, ätzten daraufhin seine Parteifreunde und -feinde. Seiner Popularität unter den konservativen Königsmachern aber tat das keinen Abbruch: Zuletzt lag Johnson in Umfragen fast uneinholbar vorn. Und so bleibt das große ungelöste Rätsel dieser Tage, was genau Boris Johnson mit der Macht vorhat, die ihm nun wohl in die Hände gelegt werden wird. Vor allem in Bezug auf den Brexit. In den drei Jahren seit dem EU-Referendum hat er wenig mehr erkennen lassen als seine grimmige Opposition gegen Kompromisse mit der Europäischen Union.

Als Mays zwischenzeitlicher Außen - minister irrlichterte er um die Welt, hüpfte in diverse Fettnäpfe und beklagte das mangelnde Selbstbewusstsein seines Landes.

Als hoch bezahlter Kolumnist für den »Daily Telegraph«, der längst ein Borisgraph geworden ist, forderte er, »den Kampf zu den Feinden« in der EU zu tragen. Aber mehr als bombastisches Wortgeklingel, das er wie stets an sein großes Vorbild Winston Churchill anlehnte, war von Johnson eigentlich nicht zu vernehmen. Es gibt Gründe, warum Nick Clegg, der ehemalige Vizepremier, Johnson einmal »einen Donald Trump mit Wörterbuch« nannte.

Dass er auch jetzt noch nicht viel weiter ist, machte Johnson kürzlich in einem denkwürdigen BBC-Interview überdeutlich. In typischer Johnson-Manier, also ohne Blick für Details oder Realitätsnähe, tönte er dort, er werde aus Mays Deal »die machbaren Teile nehmen und wuppen«, darunter den »Kram über EU-Bürger« und »verschiedene andere Sachen« wie die vereinbarte Austrittsrechnung in Höhe von 39 Milliarden Pfund. All das werde man in der geplanten Übergangsphase angehen. Mit Blick auf eine drohende harte Grenze zwischen Nordirland und Irland überraschte er die Moderatorin damit, dass er »technische Kniffs im Überfluss« kenne, um diese zu verhindern.


»Es gibt Gründe, warum manche ihn einen Donald Trump mit Wörterbuch nennen.«


Wahlkämpfer Johnson bei Tory-Veranstaltung
»Er wird, wie immer, alles tun, von dem er glaubt, dass er damit durchkommt«


Dass es eine Übergangsphase überhaupt erst geben wird, wenn das Austrittsabkommen von allen 28 EU-Staaten ratifiziert ist, und dass die technische Wunderlösung für Irland in drei Jahren noch keiner gefunden hat: spielt für Johnson keine Rolle. Er will bemerkt haben, dass nun »wirklich positive Energie vorhanden ist«. Den Rest gedenkt er, mit »kreativer Vieldeutigkeit« zu erledigen. Plan A hat nicht funktioniert, jetzt kommt Plan B. B wie Boris.

Johnson hat angekündigt, sein Land spätestens am 31. Oktober aus der EU zu führen – »komme, was wolle«. Der vollkommen willkürliche Halloweentermin war Theresa May von der EU diktiert worden, sie konnte sich nicht mehr dagegen wehren. Wenn Johnson bis dahin wirklich ein ganz neues Abkommen mit Brüssel verhandeln will, wie er es angekündigt hat, wird er sich beeilen müssen.

Nach seiner wahrscheinlichen Amtseinführung Ende Juli werden Regierung und Parlament wohl erst einmal Urlaub machen. Danach folgen Parteikonferenzen. Wenn es Mitte September weitergeht in London, bleiben noch ganze sechs Sitzungswochen bis Halloween. Und ob die mit sich selbst ringende EU dann schon wieder verhandlungsfähig sein wird, ist nicht ausgemacht.

Am Ende könnte Johnson daher wirklich die sogenannte nukleare Option wählen und versuchen, sein Land ohne jedes Abkommen von Europa loszueisen. Es wäre ein hochriskantes Unterfangen, nicht nur weil eine No-Deal-Entscheidung im Königreich ungekannte wirtschaftliche, politische und soziale Eruptionen auslösen würde. Auch für Johnson persönlich wäre der Einsatz unendlich hoch. Die Mehrheit der konservativen Regierung im Londoner Unterhaus ist auf eine Handvoll Stimmen geschrumpft. Womöglich würden schon drei Tory-Rebellen ausreichen, um den neuen Premierminister per Misstrauensvotum zu stürzen. Mehr als drei haben damit gedroht, genau das tun zu wollen.

Was wird Johnson, der Spieler, entscheiden? Vieles spricht dafür, dass der Mann, der das Leben immer schon als große Improvisationsübung begriff, das selbst noch nicht weiß. »Boris Johnson wird, wie immer, alles tun, von dem er glaubt, dass er damit durchkommt«, sagt der Tory-Experte Tim Bale von der Queen-Mary-Universität. »Sollte er feststellen, dass ein No Deal desaströs werden könnte, wird er womöglich in der letzten Minute einen Rückzieher machen. Wenn er denkt, dass No Deal seine einzige Option ist, wird er vielleicht auch Neuwahlen riskieren, um eine Parlamentsmehrheit dafür zu bekommen.

Um ehrlich zu sein: Alles ist möglich.« Alles ist möglich.

Prägnanter lässt sich die Person Boris Johnson nicht zusammenfassen. Er wollte ganz nach oben. Jetzt fehlen ihm nur noch ein paar Schritte. Einmal dort angekommen, wird es aber auch für ihn nur noch eine Richtung geben. Und nach Lage der Dinge könnte es schneller wieder bergab gehen, als es ihm lieb sein kann.

Boris wäre jedoch nicht Johnson, würde ihn diese Aussicht schrecken. »Es gibt keine Desaster, nur Gelegenheiten«, hat er mal gesagt. »Und natürlich Gelegenheiten für neue Desaster.«

Mag sein, dass die Briten mit ihm ein Debakel erleben. Aber sie werden dann wenigstens in allerbester Stimmung sein.

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