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Der französische Hof: Starkult in Versailles


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 2/2018 vom 27.03.2018

Ludwig XIV. hielt Audienzen im Bett und ließ sich von Höflingen ankleiden. Seine prunkvollen Inszenierungen machten denSonnenkönig zum Vorbild aller europäischen Monarchen.


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Bildquelle: Spiegel Geschichte, Ausgabe 2/2018

Ludwig XIV. und seine Beamten setzten die offiziellen Bildnisse des Monarchen gezielt ein. Hier inszenierte sich Ludwig als Schutzherr der Künste und Wissenschaften(Gemälde von Jean Garnier) .


Das Spektakel begann jeden Morgen um acht. Mit den Worten „Sire, voilà l’heure“ weckte der königliche Kammerdiener, der die Nacht am Fußende des königlichen Bettes verbracht hatte, den Monarchen. Der Leibarzt prüfte den Gesundheitszustand, ...

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... der Bruder des Königs trat ein, danach folgte sein Sohn. Nachdem der Herrscher eine Perücke gewählt und die Kammerrobe übergezogen hatte, eine Art Bademantel, empfing er in einem Sessel neben dem Bett zunächst die höchsten Adeligen des Landes, die Herzöge.

Während er rasiert wurde, kamen seine Sekretäre und Offiziere und andere Hofbedienstete hinzu. Und während helfende Hände den König ankleideten, strömten in genau festgelegter Reihenfolge weitere Höflinge und hohe Adelige in den Raum, um bei der feierlichen Zeremonie zugegen zu sein.

Eine besondere Ehre war es, dem König das zuvor gewärmte Hemd reichen zu dürfen – die Ärmel des Hemdes hielt je ein Höfling. Nach einem Gebet begab sich Ludwig XIV. schließlich in den Spiegelsaal hinter seinem Schlafzimmer, wo bereits der ganze Hofstaat versammelt war, um ihm Guten Morgen zu wünschen.

Dass sie früh aufstehen mussten, um präsentabel gekleidet im Schlafraum zu erscheinen, störte die Höflinge nicht und ebenso wenig, dass sie dem König wie Lakaien zu dienen hatten: Die Gunst, als Erste gleich zu Tagesanbruch solch eine Nähe zum König genießen zu dürfen, wog jeden Schlafmangel auf, und der Dienst für den König war ohnehin das Höchste, was ein Adeliger damals erreichen konnte.

Jene, die keinen Zutritt in das Schlafgemach des Königs hatten, konnten sich immerhin ausgezeichnet fühlen, dass sie am Hofe überhaupt anwesend waren und ab und an einen Blick auf den mit nur 1,60 Metern klein gewachsenen Monarchen werfen durften. Schon allein das war ein Privileg. Kein Hof im Ancien Régime hatte einen Ruf wie der von Frankreichs König Ludwig XIV.: Es war der prächtigste, der größte und der gefragteste Hof seiner Zeit, ein Ort der Macht, wie es keinen zweiten gab. Und Ludwig XIV. tat alles dafür, diese Macht zu erhalten und zu mehren.

Eine zentrale Funktion dabei hatte das höfische Zeremoniell. Beginnend mit dem „Lever“, dem Aufstehen am Morgen, und endend mit dem „Coucher“, dem Zubettgehen, gestatteten die symbolisch aufgeladenen Handlungen ausgewählten Höflingen Einblicke und Nähe und erhoben zugleich den Herrscher weit über die Sphäre der Normalsterblichen. Verstärkt wurde die königliche Erhabenheit noch durch Prunk und Pracht, üppige Feste und gezielt eingesetzte Kunst.

Mit alldem demonstrierte der König, geboren 1638 und schon im Alter von vier Jahren zum Monarchen erhoben, seine Magnifizienz: „Im Übrigen ist es eine der hervorragendsten Wirkungen unserer Macht, einer Sache, die an sich keinen Wert hat, einen unbezahlbaren Preis zuzuordnen“, so formulierte Ludwig den Zweck seiner Inszenierung in seinen Memoiren. Damit wurde sein Hof zum Stilvorbild Europas und er selbst zum Mythos. Nicht zuletzt förderte er damit Rang und Prestige seines Landes und sicherte ihm den Platz als eine der führenden europäischen Großmächte.


„Unsere Macht ordnet einer Sache, die an sich keinen Wert hat, einen unbezahlbaren Preis zu.“


Ludwig ließ sich häufig als Feldherr porträtieren, mit Bezug auf historische Vorbilder wie Alexander den Großen(Gemälde von Pierre Mignard, ganz o., René Antoine Houasse, o., und vermutlich Jean Nocret, l.) .

So glücklich die Beziehung zu seiner Frau Maria Theresia von Spanien in dieser Darstellung wirkt – in Wahrheit fühlte sich Ludwig zu ihr nicht sonderlich hingezogen(Gemälde von Adam Frans van der Meulen) .


Bereits mit vier Jahren wurde Ludwig zum König ernannt. Sein Krönungsmantel war mit Hermelin besetzt und mit goldenen Lilien bestickt(Gemälde von Hyacinthe Rigaud, r., Justus van Egmont, o., und von einem unbekannten Maler, ganz o.).


„Es gibt in der Welt ausnahmslos keine edlere Dynastie, keine absolutere Autorität.“

Anfangs hätte auf diesen Erfolg wohl kaum jemand gewettet. Kaum war der Dreißigjährige Krieg in Europa 1648 endlich beendet, erhob sich in Frankreich der Adel gegen die Krone, Aufstände erschütterten das Land. In der „Fronde“ kämpfte der Adel um althergebrachte Rechte, um Teilhabe an der Herrschaft – gegen die Krone, die zunehmend versuchte, die Zentralgewalt zu stärken.

Der kleine Ludwig XIV. war in dieser Zeit bereits offiziell Herrscher, doch seine Mutter, die spanische Habsburgerin Anna von Österreich, führte die Regentschaft, die Staatsgeschäfte leitete in ihrem Auftrag Kardinal Jules Mazarin. Zweimal, 1648 und 1649, musste der kindliche König mit seiner Mutter vor den Aufständischen aus Paris fliehen.

Zwar scheiterten die Frondeure, und Ludwig zog im August 1649 als Zehnjähriger wie ein Sieger in Paris ein. Doch die Treuebekundungen der Pariser, die Freudenfeuerwerke, der Ball ihm zu Ehren im Rathaus konnten die Erfahrungen der Fronde nicht vergessen machen. Der König wusste, dass er von Intriganten und potenziellen Rebellen umgeben war, er ahnte, dass er nicht gegen den Adel würde regieren können.

Auch der Adel hatte jedoch aus der Fronde gelernt: Bewaffnete Rebellionen gegen den König waren nutzlos, die eigenen Interessen konnte man weit besser mit als gegen den Herrscher durchsetzen.

Aus diesen Erfahrungen entwickelte sich das, was Historiker als „goldenen Käfig“ des Adels bezeichnet haben: Der Hof wurde zum unbestrittenen Herrschaftszentrum, zum Umschlagplatz für Posten und Ressourcen. Wer vorankommen wollte, musste die Nähe zum König suchen. Allerdings weiß man heute, dass der Monarch den Adel damit nicht vollständig entmachtete: Denn das royale Interesse an einer stärker zentralisierten Herrschaft verwob sich mit jenem des Adels an familiären Vorteilen.

So entfaltete sich bei Hofe das Theater der Macht, das bis ins Detail choreografierte Miteinander zwischen Adel verschiedener Rangstufen und König. Immer ging es darum, dem König möglichst nahezukommen, vielleicht die Gelegenheit für ein persönliches Wort mit ihm zu haben, um ihn um einen Posten zu bitten oder ihm einen Vorschlag zu unterbreiten.

Oberstes Ziel jedes Adeligen bei Hofe war es, eine Charge zu erhalten, eine der Positionen im königlichen Haushalt, wie etwa Kammerherr oder Kammerpage, Garderobenmeister oder Chef der königlichen Stallungen. Seine Gunstbeweise setzte der König wohldosiert ein. Im steten Wechsel gestattete er verschiedenen Personen, mit ihm zu speisen, aber schon beim königlichen Mahl zusehen zu dürfen war ein Statussymbol.

AM RANDE

„Die Hofdame vom Dienst hatte das Recht, der Königin beim Ankleiden das Hemd zu reichen. Die Palastdame zog ihr Unterrock und Kleid an. Kam aber eine Prinzessin der königlichen Familie dazu, so stand dieser das Recht zu, der Königin das Hemd überzuwerfen. Einmal war die Königin gerade von ihren Damen ausgekleidet worden. Ihre Kammerfrau hatte das Hemd soeben der Hofdame präsentiert, als die Herzogin von Orléans eintrat. Die Hofdame gab das Hemd der Kammerfrau zurück, die es der Herzogin übergeben wollte, als die ranghöhere Gräfin von Provence dazukam. Nun wanderte das Hemd zur Kammerfrau zurück, und erst aus den Händen der Gräfin von Provence empfing es endlich die Königin. Sie hatte die ganze Zeit nackt dabeistehen und zusehen müssen, wie die Damen sich mit ihrem Hemd bekomplimentierten.“(nach einem Bericht der Madame Campan, Kammerfrau von Königin Marie Antoinette, zitiert nach Norbert Elias)

Als besondere Ehre galt es, dem König abends mit Kerzenlicht den Weg ins Bett zu leiten. Während Ludwig sein Abendgebet sprach, hielt ein adeliger Hofbediensteter, der Almosenier, ihm einen Kerzenleuchter. Den übergab er nach Ende des Nachtgebets dem ersten Kammerdiener, auch dieser selbstredend ein Höfling. Während sich der König zur Bettruhe auszog, wählte er den Glücklichen aus, der dabei den Leuchter halten durfte.

Um das Vertrauen des Königs gab es bei Hofe einen ständigen Wettbewerb. Intimität war eine Gunst an sich, der höchste Grad der Nähe, den man erreichen konnte. Ludwig hatte auch keine Hemmungen, vor seiner Mätresse auf den „Kackstuhl“ zu gehen, wie die deutsche Schwägerin des Königs, Liselotte von der Pfalz, 1678 notierte.

Um in diesem höfischen Gunstwettstreit standesgemäß auftreten zu können, mussten sich die Adeligen finanziell schwer verausgaben, für teure Garderobe, prunkvolle Kutschen und zahlreiche Dienstboten. Doch wer bei Hofe reüssieren wollte – und das wollten sie alle –, musste das Spiel mitspielen. An Ludwigs Hof gab es ein Überangebot an Aufstiegswilligen. Um 1680 lebten etwa 3000 Adelige dauerhaft in Versailles. Der Hofstaat umfasste einschließlich allen Hilfspersonals 20000 Menschen.

Auch der König war nicht losgelöst von den höfischen Konventionen; er war „nicht viel weniger an die Spielregeln des Hofsystems gebunden als seine Höflinge“, konstatiert der Historiker Leonhard Horowski. Zwar sinnierte der Monarch in seinen Memoiren darüber, es könne nichts „Schändlicheres für das Land und Schimpflicheres für seinen König geben, als einen Mann in eine hohe Stellung einzusetzen, der für seine eigenen Pläne und Privatgeschäfte sorgt“. Aber zu den ungeschriebenen Regeln des Ancien Régime gehörte es nun einmal, dass jeder, der König wie jeder Adelige, zuerst die Interessen seiner Familie, seiner Dynastie beförderte.

Machtsicherung stand über allem, in der Innenwie in der Außenpolitik. Diszipliniert und zielstrebig ging der König seine Regierungstätigkeit an. Nach dem Tod seines Premierministers, Kardinal Mazarin, entschied der gerade einmal 22-jährige Monarch, fortan auf einen obersten Minister zu verzichten und stattdessen selbst zu regieren.

Bei unzähligen Ratssitzungen war er persönlich anwesend, etwa im Oberen Rat, der sich jede Woche an drei bis vier Tagen etwa zwei Stunden lang beriet. Daneben besuchte er den Depeschenrat, der sich um die Verwaltung des Landes kümmerte, den Finanzrat und den Gewissensrat, der über Besetzungen hoher Kirchenämter entschied.

Alles Wissen sollte bei ihm zusammenlaufen, so das Ideal des Monarchen: „Kein Minister, Staatssekretär oder Höfling sollte Information und Beratung völlig monopolisieren können“, schreibt der Historiker Mark Hengerer. Auch mit den einzelnen Ministern traf sich der König fast jeden Abend zu Arbeitssitzungen, den „Travail du Roi“.

Auf solche Sitzungen bereitete sich Ludwig XIV. akribisch vor. Er habe durchaus ein angenehmes Wesen gehabt, berichten die Chronisten. Und die Fähigkeit zuzuhören. Doch er verlangte von seinen Beamten vollen Einsatz. Wie er sie zur Arbeit antrieb, zeigt ein Brief seines Generalkontrolleurs der Finanzen vom September 1707. Darin versicherte der leitende Staatsdiener dem König: „Ich arbeite wie ein Besessener, und Gott erleuchtet mich, damit ich etwas Ordentliches zustande bringe.“

Empfing der Monarch Botschafter oder die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften, so war er der Einzige, der sitzen durfte(Gemälde von Antoine Coypel, l., und Henri Testelin, r.) .


AM RANDE

Zur höfische Etikette in Versailles gehörte für Männer verpflichtend die Allongeperücke, die Ludwig 1673 zur Staatsperücke hatte erklären lassen: wallende Locken, die bis weit über die Schulter fielen. Ludwig XIV. hatte etliche solche Haarteile, jeden Morgen wählte er die für den Tag passende aus. Unklar ist, ob er damit einer Mode folgte, die sich gerade ohnehin im Adel entwickelte, oder ob er die Mode mit erfand: Der Monarch litt jedenfalls an Haarausfall. Anfangs waren die Locken dieser Perücken dunkel, doch mit der Zeit ging der Trend zur helleren, schließlich zur weißen Haarpracht. Nach 1700 banden die Männer die falschen Haare zum Pferdeschwanz, der in einen schwarzen Taftbeutel gesteckt wurde. Der Puder, mit welchem die Perücken dann bestäubt wurden, bestand aus Mehl. Die falsche Haarpracht galt als Ausdruck der verfei nerten adeligen Lebensart.

Trotz aller Machtfülle: Karikaturen, die sich über ihn lustig machten, konnte Ludwig nicht verhindern. Sie zeigten etwa, dass unter dem königlichen Ornat auch nur ein ganz gewöhnlicher Mann steckte (u.).

Während die Hofchargen ausschließlich mit Mitgliedern des alten Adels besetzt wurden, gehörten die Minister meist dem Amtsadel an, waren also aus dem Bürgertum aufgestiegen. Auch bei ihnen nutzte Ludwig Beförderungen und Gunsterweise, um ihre Loyalität zu sichern, achtete aber streng darauf, dass zwischen den Adelsfamilien ständig eine gewisse Rivalität herrschte, sodass keine Familie zu bedeutend wurde. Eindrucksvoll beschrieb Liselotte von der Pfalz die Atmosphäre der Spitzelei am Hofe. Die Höflinge, so die Deutsche in einem Brief von 1686, „förchten sich alle vor die Spionen, welche ohnzehlbar sein“.

Die absolute Monarchie, die Ludwig vorschwebte, gilt heute als rückständige, anachronistische Regierungsform. Damals jedoch war die Zentralisierung der Herrschaft eine Modernisierung, ein Schritt in Richtung eines Staates nach heutigem Verständnis, so irritierend das auch zunächst klingen mag: Nicht länger sollten unterschiedliche Rechtsansprüche und Gesetze miteinander konkurrieren. Nicht mehr sollten Adelige allein aus Tradition lokale Herrschaftsrechte haben und in ihren Ländern tun und lassen, was sie wollten. Alles Recht ging nun vom König aus, und Verwaltungsfachleute sollten die Politik der Regierung ins ganze Land tragen.

Das führte zu einer Spezialisierung und Professionalisierung der Herrschaft. Vor allem Ludwigs Finanzminister Jean-Baptiste Colbert bemühte sich, die Staatsfinanzen mit einer rationalen Wirtschaftspolitik, dem „Merkantilismus“, zu konsolidieren.

Normiert wurde auch die Religion – gegen die protestantischen Hugenotten ging Ludwig gnadenlos vor. In der Spaltung des Glaubens sah er die Gefahr der Zersplitterung des Staates. So widerrief er 1685 mit dem Edikt von Fontainebleau das 87 Jahre zuvor von seinem Großvater, Heinrich IV., erlassene Edikt von Nantes, das den Protestanten freie Religionsausübung gestattet hatte. Es kam zu Verfolgungen, vor Terror und gewaltsamer Bekehrung flohen 200 000 protestantische Hugenotten, 20 000 von ihnen nach Preußen, wo sie der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm willkommen hieß.

Nicht zuletzt veränderte Ludwig auch die Kriegsführung: Er baute die Armee zu einem stehenden Heer aus, das unter seinem Oberbefehl in die Schlacht zog – nicht mehr unter Führung adeliger Kriegsunternehmer. 1678 standen etwa 400000 Männer allein für die Landstreitkräfte unter Waffen, in Friedenszeiten immerhin halb so viele. So wurde Frankreich zur modernsten und auch schlagkräftigsten Militärmacht Europas. Ludwig verfolgte eine aggressive Außenpolitik, die zuvorderst dazu diente, seinen Ruhm zu mehren. Schließlich gebe es „in der Welt ausnahmslos keine edlere Dynastie, keine ältere Monarchie, keine größere Macht, keine absolutere Autorität“ als die der Bourbonen, also der königlichen Familie, bemerkte er in seinen Memoiren. Und Kriegsführung, so schreibt der Historiker Hengerer, „war ein Symbol königlicher Autorität und Souveränität“. Gern verglich Ludwig sich selbst mit dem Welteroberer Alexander dem Großen.

Ähnlich wie der antike Großherrscher betrieb auch Ludwig eine gezielte Imagepolitik, die den Untertanen und der ganzen Welt seinen Ruhm verdeutlichen sollte. „Zeremoniell, Kunst und Architektur können als Instrumente der Selbstbehauptung angesehen werden, als Fortsetzung von Krieg und Diplomatie mit anderen Mitteln“, beschreibt es der britische Historiker Peter Burke.

Schon bei seiner Krönung 1654 umgab ihn das Zeremoniell für alle Untertanen sichtbar mit quasi sakralen Würden: Er wurde, wie es bereits seit dem Mittelalter in Frankreich üblich war, mit Balsam gesalbt, den angeblich eine Taube zur Taufe des Frankenkönigs Chlodwig vom Himmel gebracht habe.

Am Tag seiner Krönung führte man Menschen mit einer schweren Hautkrankheit zum Monarchen, die er durch seine Berührung heilen sollte; dieses Ritual vollzog er später immer wieder, bis zu 800 Kranke waren bei solchen Ereignissen zugegen. Es galt zu demonstrieren, wie erhaben der Monarch über alle Normalsterblichen war, denn auch das beförderte sein Prestige im Land und in Europa: Ludwig ließ unzählige Porträts von sich verbreiten, Medaillen, Standbilder, preisende Schriften, seine Beamten arbeiteten gezielt an einem „Image“ des Herrschers. Zum Symbol seiner Regentschaft wählte er die Sonne. Den Mythos des „Sonnenkönigs“, des Fixsterns seines Königreichs, dessen Glanz und Herrlichkeit alle überstrahlt, pflegte er sorgsam. Die Sonnensymbolik hatte Ludwig früh für sich entdeckt. Als 14-Jähriger hatte er im „Ballet royal de la nuit“ die Rolle der aufsteigenden Sonne getanzt.

Zur eindrucksvollen Kulisse für die höfischen Rituale und für üppigste Feste machte Ludwig seine Schlösser, die er nach und nach immer prächtiger ausstattete: angefangen beim Louvre, über Fontaine - bleau bis hin zu Versailles, das mit seinem riesigen Garten zum Inbegriff von Luxus und Dekadenz wurde (siehe Seite 28).

Die Repräsentation in Krieg und Frieden war allerdings teuer. Am Ende seiner Herrschaft im Jahr 1715 standen Steuereinnahmen von 69 Millionen Livres Staatsausgaben von 132 Millionen Livres gegenüber, die Untertanen murrten wegen der stetig steigenden Steuerlast. Bankrott immerhin war das Land dank der merkantilistischen Wirtschaftspolitik seines Finanzministers Colbert nicht. Der Minister hatte die einheimische Wirtschaft und den Export angekurbelt. In ganz Europa waren französische Qualitätswaren von Gobelinteppichen bis zu Goldschmiedearbeiten begehrt. Frankreich hatte hinter Großbritannien das zweitgrößte Handelsvolumen Europas.

Das Land war unter Ludwigs Regierung zu einem Modell geworden, dem die Höfe Europas nacheiferten: Bis nach Sankt Petersburg parlierte man französisch, kleidete sich nach Pariser Chic und wetteiferte in Sachen Prunk und Pracht. Der von Ludwig XIV. geschaffene Staat galt auch jenseits der französischen Grenzen als Hort der Stabilität und als ein nachahmenswertes Beispiel.

So konnte Ludwig XIV. sein Lebensende gekonnt inszenieren. Gesundheitlich war der Monarch immer zäh gewesen: Er hatte die Pocken besiegt, die mehrstündige Entfernung einer Analfistel ohne Narkose überstanden, ebenso wie eine Kieferoperation, bei der die Ärzte nur Zähne ziehen wollten, jedoch die halbe Gaumendecke herausrissen. Er hatte den Thronfolger überlebt, der 1711 an einer Infektion gestorben war, sowie dessen ältesten Sohn; einziger legitimer Nachfolger war ein Urenkel, 1710 geboren.

Doch im Sommer 1715, Ludwig war 76 Jahre alt, konnten die Ärzte einen Wundbrand an seinem Bein nicht mehr stoppen. Seinen tagelangen Abschied plante der König minutiös. Im Prunkschlafzimmer von Schloss Versailles empfing er zum letzten Mal Höflinge. Selbst seine Kritikerin Liselotte von der Pfalz war gerührt: „Er hat mir mit solch tendren Worten Adieu gesagt“, schrieb sie wenige Tage vor dem Tod des Königs in einem Brief, dass sie sich „selber verwundere“, dass sie nicht „ohnmächtig worden“ sei.

Das Volk hatte einen weniger verklärten Blick auf den Monarchen, der am 1. September 1715 starb. Nach 72 Jahren waren viele ihres Königs und seiner Inszenierungen müde. Zwei schwere Hungersnöte hatten die Menschen während der Regierung Ludwigs erlebt, in den letzten 30 Jahren seiner Herrschaft stand Frankreich nur zwei Jahre lang nicht irgendwo im Krieg, am Ende hatte der Konflikt um die Erbfolge in Spanien immense Opfer und Kosten verursacht.

Zunehmend war der selbstherrliche Stil Ludwigs auf Kritik gestoßen. Flugblätter und Karikaturen kursierten, auch Adelige hatten immer wieder gegen den Monarchen geätzt. Louis de Rouvroy, Herzog von Saint-Simon, ein Offizier am Hofe und einer der profiliertesten Kritiker, lästerte in seinen Memoiren über die Höflinge: „Sie lobten ihn und priesen ihn um die Wette und verdarben ihn dadurch.“ Dem König seien aber „selbst die plumpsten Schmeicheleien“ noch „hochwillkommen“ gewesen. Flugschriften mit Titeln wie „Eigenlob stinckt gern“ attackierten die unterwürfige Kriecherei der Hofgesellschaft.

Als der Sarg des Königs in einem schier endlosen Trauerzug in die Basilika von Saint-Denis nördlich von Paris überführt wurde, begleitete ihn eine schimpfende, lärmende, trunkene Menge. Ein solches Spektakel beim Tod eines französischen Königs hatte es noch nicht gegeben. Dabei war der Straßenlärm nur ein leiser Vorbote der großen Französischen Revolution, die 74 Jahre später losbrach.


„Sie lobten und priesen den König um die Wette und verdarben ihn dadurch.“


360°-Foto: Der Spiegelsaal im Schloss Versailles


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