Lesezeit ca. 14 Min.
arrow_back

DER FRONTSÄNGER


Logo von Rolling Stone
Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 28.07.2022
Artikelbild für den Artikel "DER FRONTSÄNGER" aus der Ausgabe 8/2022 von Rolling Stone. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 8/2022

DREI KÄMPFER: Swjatoslaw Wakartschuk (M.), der größte Rockstar der Ukraine, ist jetzt Leutnant der Armee

EIN SCHOTTERWEG, EINGERAHMT VON DICHTEN grünen Büschen, führt unseren Konvoi zu dunklen Hangars. Autos, die hier parken, sind aus der Luft nicht zu erkennen. Durch ein zertrümmertes Dach fällt Licht auf dunkelgrün überlackierte SUVs, ihre Scheinwerfer sind abgeklebt. Swjatoslaw Wakartschuk trägt Outdoorschuhe, ein pastellfarbenes T‐Shirt und Dreitagebart. Und zum ersten Mal an diesem Tag seine Schutzweste. Die Soldaten und Soldatinnen an der Front im Osten tragen ihre Tourniquets, Schlaufen zum Stillen von Blutungen, griffbereit auf Schulterhöhe. Wakartschuks Auftritt hier ist der letzte auf seiner Tour heute. Und der gefährlichste: Ukrainische Positionen im Gebiet Donezk werden täglich beschossen.

Der russische Präsident Wladimir Putin hat versucht, Kyjiw in einem Blitzkrieg zu erobern. Sein erster Angriff scheiterte, er hatte offenbar nicht mit dem Widerstand der Ukrainer*innen gerechnet. Jetzt ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Rolling Stone. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 8/2022 von Zweierlei Gitarre. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Zweierlei Gitarre
Titelbild der Ausgabe 8/2022 von post@rollingstone.de. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
post@rollingstone.de
Titelbild der Ausgabe 8/2022 von Was würde Dallas tun?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Was würde Dallas tun?
Titelbild der Ausgabe 8/2022 von Spiralen der Erinnerung. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Spiralen der Erinnerung
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
„Es geht viel mehr darum, das System an sich zu ändern“
Vorheriger Artikel
„Es geht viel mehr darum, das System an sich zu ändern“
MONDSÜCHTIG
Nächster Artikel
MONDSÜCHTIG
Mehr Lesetipps

... setzen seine Generäle auf großflächigen Beschuss, auf die komplette Zerstörung von Städten wie Mariupol, Tschernihiw, Sjewjerodonezk. Sie setzen darauf, dass die russische Armee den längeren Atem hat. Der Krieg richtet sich auch gegen die ukrainische Kultur und Identität: Teure Präzisionsraketen schlagen in ukrainischen Museen, Kulturhäusern, alten Universitäten ein. Aber es geht nicht nur um Gebäude. In besetzten Gebieten erzwingt Russland die Nutzung des Rubels, Kinder und Familien werden über sogenannte Filtration-Camps nach Russland geschafft.

Musik ist Teil der ukrainischen Unabhängigkeit. „Noch sind der Ukraine Ruhm und Freiheit nicht gestorben“, lautet die erste Zeile der Nationalhymne, geschrieben 1862. Swjatoslaw Wakartschuk, der bekannteste Rockstar der Ukraine, singt seit über zwanzig Jahren auf Ukrainisch. Seit 1998 hat seine Band Okean Elzy zehn Alben veröffentlicht. Zum 20. Bandjubiläum haben sie vor 75.000 Menschen im Olympiastadion in Kyjiw gespielt – es war das bisher größte Konzert der Ukraine. Jugendliche üben seit den Neunzigern Okean-Elzy-Songs auf der Gitarre. In Kyjiws Stadtparks singen Straßenmusiker seine Lieder. Sein Leben ist eng verwoben mit der Unabhängigkeit der Ukraine: Wakartschuk hat bei der Revolution 2014 auf dem Maidan gespielt, er hat eine Partei gegründet und wurde als Präsidentschaftskandidat gehandelt. Seit Monaten tourt er an der Front, mit Schutzweste, Helm und Gitarre. Er kämpft für die Unabhängigkeit auf seine Art.

Mit ukrainischen Soldaten singt er „Vse bude dobre“ – „Alles wird gut.“

Ich habe Wakartschuk im Mai 2015 zum ersten Mal gesehen: Er kam bei einem Konzert der Band 5’nizza in Kyjiw überraschend auf die Bühne.

Im Osten der Ukraine war seit dreizehn Monaten Krieg. Wakartschuk sang ihren Hit „Ja Soldat“ mit. „Ich bin Soldat, ein Junge des Krieges/ Ich bin Soldat/ Mama, heile meine Wunden/ Ich bin Soldat/ Soldat eines gottverlassenen Landes/ Ein Held/ Sag mir, aus welchem Roman.“ Eine Frau neben mir im Publikum hatte Tränen in den Augen.

Vier Jahre später, im Winter 2019, treffe ich Swjatoslaw Wakartschuk für ein Interview in der Werchowna Rada, dem ukrainischen Parlament.

Er hatte in der Zwischenzeit in Stanford studiert und war bei der Wahl mit seiner neu gegründeten Partei Holos („Stimme“) ins Parlament eingezogen. Er ist glatt rasiert, trägt einen dunklen Anzug und ein weißes Hemd ohne Krawatte, spricht staatsmännisch. Er plant eine Konferenz im Normandie-Format in Paris, er will „das Krim-Problem auf den Tisch bringen“, erklärt seine „roten Linien“. Im Sommer 2020, ein Jahr nach der Gründung seiner Partei, verlässt er das Parlament wieder.

Im Mai 2022 ist er Soldat. Elf Tage nach dem Beginn der großen russischen Invasion ist er der Territorialverteidigung im Gebiet Lwiw beigetreten. Jeweils mit ein paar Wochen Verzögerung lädt er Videos von seinen Einsätzen auf seine Social-Media-Profile: Wakartschuk singt auf der Treppe einer U‐Bahn-Station in Charkiw, in der sich Menschen vor Bomben verstecken. Wakartschuk mit Helm und Schutzweste in einem Schützengraben. Wakartschuk mit Gitarre und in weißem Schutzanzug im Kontrollraum des befreiten Atomkraftwerks von Tschernobyl.

Wir treffen uns in einem Café in Kyjiw. Die Kellner legen ungefragt seine Musik auf. Wakartschuk trägt ein lockeres, dunkles Hemd. Er war vorher im Wald mountainbiken. Auch seinen 47. Geburtstag am Wochenende zuvor hat er in einem Schützengraben bei Charkiw verbracht.

Danach war er für vier Tage an der Front. „Sind die Einsätze jetzt deine Kunst?“, frage ich ihn im Café. „Es ist definitiv keine Kunst“, antwortet er. „Ich zeige ihnen (den Soldat*innen), dass das ganze Land hinter ihnen steht. Ich bin dann nicht nur Slawa Wakartschuk, sondern repräsentiere die ganze Nation in ihrer Unterstützung für sie. Auch die, die keine Fans von Okean Elzy sind, freuen sich.“

Vor dem Krieg, hat er in einem Interview gesagt, sei John Lennons „Imagine“ sein „Manifest“ gewesen. Wie passt das zu Auftritten an der Front? „Montag bist du Pazifist, Dienstag kommen Russen und töten deine Kinder und deine Familie“, sagt er. „Keith Richards’ Familie hat im Krieg gekämpft, sodass Keith Richards Songs gegen den Krieg schreiben konnte“, sagt Wakartschuk. „Ich wünsche mir, dass meine Kinder mal Lieder gegen Krieg singen. Aber heute ist die Zeit, diesen Krieg für unser Land zu gewinnen.“ Wakartschuks Sohn wird im Sommer ein Jahr alt.

KYJIW IM FRÜHSOMMER 2022. BRÜCKEN, WICHTIGE Gebäude und Aussichtspunkte sind mit Sandsäcken und Checkpoints gesichert. Papiere werden freundlich, aber sorgfältig kontrolliert, Passbilder mit dem Gesicht abgeglichen. Vor der Sophienkathedrale stehen ausgebrannte russische Panzer zur Besichtigung. Junge Soldaten gehen mit ihren Freundinnen im Stadtpark spazieren, unter dem Bogen der Völkerfreundschaft, auf den ein schwarzer Riss gemalt wurde. Von dem Arbeiter-und-Bauern-Denkmal darunter ist nur noch der Sockel übrig. In der Stadt hängen Plakate, die an die „Himmlische Hundertschaft“ erinnern, Demonstrant*innen, die bei der Revolution 2014 auf dem Maidan erschossen wurden. Trotz der russischen Raketen, die mit ein paar Wochen Abstand in Wohnhäusern einschlagen, wirken die Kyjiwer*innen gefasst: Sie sprechen im Café Kashtan („Kastanie“) darüber, wie es ihren Verwandten in den besetzten Gebieten geht oder ihren Freund*innen an der Front.

Sie sammeln auf Instagram Spenden für Bayraktar-Drohnen, planen ihre Hilfsprojekte. Erstaunlich oft liegen Erich-Maria-Remarque-Bücher auf den Cafétischen. Die Sloi-Bar, in der schon wieder Partys stattfinden, spendet ihre Einnahmen für Soldaten. Moscow Mule heißt jetzt Kyiv Mule.

Um Wakartschuk an der Front zu treffen, fahren wir nach Dnipro, eine Stadt 500 Kilometer südöstlich von Kyjiw. Soldat*innen sitzen mit uns im Waggon, zusammen mit Familien, die zurückkehren. Die Luftalarmsirenen heulen in Dnipro lauter als in der Hauptstadt. Nicht nur kurz, sondern für die ganze Zeit des Luftalarms. Ab 23 Uhr ist Sperrstunde.

Abends wird die Straßenbeleuchtung ausgestellt. „Switlomaskuwannja“ („Lichtmaskierung“) heißt die Verdunklung auf Ukrainisch. Abgesehen von Sirenen sind die Nächte still. Man kann die Sterne sehen und hört das tiefe, regelmäßige Rattern schwerer Züge in der Dunkelheit. Dnipro ist eine logistische Drehscheibe für die Fronten im Süden und Osten.

Die Checkpoints auf der Straße von Dnipro nach Osten sind größer und schwerer befestigt als die in Kyjiw. Sandsäcke und Betonklötze stapeln sich am Straßenrand, die ukrainische Flagge über den Checkpoints wirkt nicht mehr nur symbolisch. „Habt ihr Waffen dabei?“, fragt uns ein Soldat, wirft einen Blick ins Auto, winkt uns durch. Wir fahren Slalom um Erdhaufen, die links und rechts der Straße zur Verteidigung aufgehäuft wurden, und einen Umweg um Pawlohrad herum – in der Kleinstadt ist vor wenigen Stunden eine Rakete auf einem Acker eingeschlagen.

Sanfte Hügel, Verästelungen des Flusses Samara, Graslandschaften und Pappeln ziehen vor dem Fenster vorbei. Ortsschilder sind mit Plastikplanen abgedeckt, um Feinden die Orientierung zu erschweren.

Einige der dunklen Äcker sind noch nicht bestellt, obwohl es längst Zeit wäre. Gelegentlich überholen wir Militärfahrzeuge, ihre Tarnnetze flattern im Fahrtwind. Wakartschuk wartet an einer Tankstelle an einem der letzten größeren Orte vor der Front. Es gibt kein Benzin mehr, dafür ist das Kühlregal komplett mit Energydrinks gefüllt. Oberst Zimbor, Kommandeur der Brigade, ist persönlich gekommen, um Wakartschuk zu begrüßen. Er ist einen halben Kopf kleiner, hat kurz geschnittenes, helles Haar, einen Bart, eine ausgeblichene Flecktarn-Uniform und Kampfstiefel. An der Frontplatte seiner Schutzweste hat er einen gelbblauen Patch, eine Pistole und ein schwarzes Messer angebracht. Für das Foto mit Wakartschuk steht er breitbeinig, zeigt mit der rechten Hand ein Thumbs‐up. Aljona, ebenfalls in Kampfstiefeln, mit blondem Zopf und Dusty-Pink-Nagellack, checkt unsere Papiere.

Die gepanzerten Wagen rasen über die Schlaglöcher der Landstraßen, umkurven Erdhaufen im Slalom. Nach etwa einer halben Stunde stoppen wir am Straßenrand, direkt vor einem Checkpoint. „Russischer Soldat, fickt dich“ steht auf einem großen, handgeschriebenen Schild, das in Richtung der Landstraße an den Betonklötzen angebracht wurde. Swjatoslaw Wakartschuk steigt für das Selfie aus. Die Kämpfer der Territorialverteidigung wirken älter als er. Ihre Gesichter sind dunkel von den Monaten, die sie unter freiem Himmel hinter den Sandsäcken stehen.

Eine Mischung aus Freude und Überraschung ist auf ihren Gesichtern zu erkennen, auf Swjatoslaw Wakartschuks Gesicht Anspannung. Das Selfie und die Umarmung dauern vielleicht 90 Sekunden.

Die Straße führt uns zum Palast der Kultur in Nowohrodiwka. Der Ort wirkt leer. Von den Palastsäulen blättert die graue Farbe ab, dafür wurden weiße Tafeln mit den nationalen Mustern der Ukraine daran angebracht. Außer dem Bürgermeister in einem weißen Poloshirt sind fast nur Soldaten zu sehen. Der abschüssige Saal ist für ungefähr 500 Zuschauer ausgelegt, auf den Holzstühlen sitzen vielleicht 45 Soldaten sowie 25 Frauen und Männer in Zivil in kleinen Gruppen unter dem alten Kronleuchter, schauen nach vorn auf die leere Bühne zwischen den roten Vorhängen, tuscheln. Die Decken sind mit Stuck verziert, der Staub von Jahrzehnten hat die Wände über den Heizkörpern grau gefärbt.

Drei Männer in Handwerkerkleidung auf der rechten Seite haben eine ukrainische Fahne mitgebracht. Eine blonde Frau in der zweiten Reihe trägt ein Kleid mit Leo-Print, eine sorgfältig gelegte Frisur und roten Lippenstift. Bevor Wakartschuk seine Gitarre auspackt, hält er einen Vortrag, dankt der ukrainischen Armee und erinnert an den Holodomor, die aus Moskau organisierte Hungersnot in der Ukraine in den 30er-Jahren. Er endet mit: „Slawa Ukrajini!“ – „Herojam Slawa!“, antwortet der Saal („Ruhm der Ukraine!“ – „Ruhm den Helden!“). Ein junger Soldat mit dunklen Haaren, dichtem Bart und einem Aufnäher mit zwei gekreuzten Säbeln auf der Schutzweste hat sich einen Platz in der ersten Reihe direkt vor der Bühne gesichert, seine Kalaschnikow auf den Boden gestellt, die Mütze über den Lauf gehängt. Während die anderen Fotos machen und filmen, schaut er zu Wakartschuk hinauf, den Kopf leicht schief, leicht in den Nacken gelegt. Bei Wakartschuks erstem Song, „Choven“ („Segelboot“), wischt er sich mit der linken Hand unauffällig die Augen. „Links und rechts, fremde Fußspuren/ Erschöpft von Kriegen, von niemandem gebrochen/ Blühe, mein Land/ Verwüstet von Hunger, nicht erobert/ Möge das Lied deiner Nachtigall über dem Dnipro erklingen.“

Wakartschuks Musik klingt oft, als wäre sie für Momente wie diesen geschrieben worden. Sein Hit „Obijmy“ von 2013 beginnt mit der Zeile: „Wenn der Tag kommt, wird der Krieg enden.“ Erst ein Jahr später begann Russland den Krieg gegen die Ukraine. Sein zweiter Song handelt von Mariupol am Asowschen Meer. 20.000 Zivilisten sind nach Schätzungen des ukrainischen Bürgermeisters dort umgekommen, bevor und während die Stadt in russische Hände fiel. Der bärtige Soldat in der ersten Reihe schließt bei dem Song die Augen, legt seinen linken Arm um den Lauf seines Gewehrs. Als das Lied zu Ende ist, stehen zum Gedenken der Opfer alle auf. Später singt Wakartschuk davon, die eigenen Herausforderungen zu bezwingen. „Everest“ heißt der Song, er ist schneller, nach vorn blickender als die vorherigen Lieder. Der junge Soldat steht auf, macht ein Selfie von sich mit Wakartschuk im Hintergrund, in der rechten Hand seine Kalaschnikow, noch mit Mütze auf dem Lauf.

Nach dem Konzert treffen wir den Soldaten aus der ersten Reihe mit einem Kameraden draußen bei den Säulen in der Vormittagssonne. Wladislaw ist 29, Wakartschuk, sagt er, ist sein Idol. Er hat eine Playlist mit Wakartschuk-Songs auf dem Handy, „Choven“ das Lied mit dem Segelboot, ist auch drauf. Er kommt aus der Region von Odessa. Alle seine Freunde, erzählt er, sind zur Armee gegangen. Nach seinem Wehrdienst hat 2016 auch er einen Vertrag unterschrieben. Drei Panzer und zwei gepanzerte Transportfahrzeuge habe seine Einheit schon mit Stugna-Panzerabwehrlenkwaffen zerstört. Auf seinem Handy hat er Videos von sich, wie er Gitarre spielt.

Und Fotos von Einsätzen. „Hier steht der Panzer … hier brennt er schon.“

W AKARTSCHUKS NÄCHSTER STOPP IST EIN MILITÄR stützpunkt nicht weit von Nowohrodiwka. Walerij, der Kommandeur dort, ist ein großer Mann mit dunklem Bart, Pistolenholster über dem T‐Shirt und Apple Watch. Er lässt die Soldat*innen zur Begrüßung antreten. Wakartschuk steht vor ihnen, bedankt sich, macht einen Witz über den Hund, der neben ihm auf dem Schotter des Exerzierplatzes liegt. Die Soldat*innen des Stützpunkts sehen müder aus als ihre Kamerad*innen an den Checkpoints in den Städten.

Viele haben dreckige Fingernägel – als hätten sie gerade noch Stellungen gegraben. Acht der elf Soldaten in der ersten Reihe filmen mit, als Wakartschuk „Koli mi stanem soboju“ („Wenn wir wir selbst werden“) singt, ein Lied über den Tag, an dem das Leid ein Ende hat. Er hat sie gebeten, nichts davon in den sozialen Medien zu posten, um keine Details über die ukrainischen Positionen zu verraten. Sie filmen für sich selbst.

Zhanna aus Krywyj Rih trägt bei Wakartschuks Auftritt lila Nagellack zur Uniform. Sie hatte sich gewünscht, dass Wakartschuk „Obijmy“ spielt. Als 2014 der Krieg im Osten losging, erzählt sie, war sie erst freiwillige Helferin, dann ist sie in die Armee „geraten“. Zhanna nimmt uns mit in ein schmales, längliches Zimmer neben der Halle, in der das Konzert stattfand. Die Fenster sind mit Teppichbahnen mit Blumenmuster abgehängt. Wolldecken liegen sorgfältig gefaltet auf drei Betten, auf einem spielt eine Bande kleiner Katzen. „Die haben mein Bett besetzt!“, scherzt Zhannas Zimmernachbarin Olena. „Das (Konzert) haben wir gebraucht wie die Luft zum Atmen. Wir wollen auch singen, tanzen“, sagt sie. Vor ein paar Monaten sei ihr vorheriger Kommandant gestorben.

Olena kommt aus Snihuriwka, einer Kleinstadt bei Mykolajiw. Snihuriwka wurde im März bombardiert und dann besetzt. Sechs Jahre hat Olena in Mariupol gewohnt, mit ihrem Mann dort eine Wohnung gekauft. Dann wurde Mariupol belagert und besetzt. „Jetzt haben wir nichts mehr.“ Sie ist Köchin. Ihr Mann dient in derselben Basis und „arbeitet gerade draußen mit den Jungs“. In einem Stellungskrieg bedeutet das: beobachten, von wo die russische Artillerie schießt, die eigenen Kanonen dorthin ausrichten, eine Reihe Granaten abfeuern und schnell wieder die Position wechseln, bevor Granaten zurückkommen.

Von hier aus ist es noch eine halbe Stunde bis zum Niemandsland der Front. Aljona trägt jetzt im Auto auch eine Schutzweste mit Magazinen vor dem Bauch. An der Straße werden Gräben ausgehoben. Ein Minibus mit Einschusslöchern kommt uns entgegen. Ein ausgebrannter Panzer steht am Straßenrand, zerstörte Häuser. Hinter den Sandsäcken eines Checkpoints haben ukrainische Soldaten eine Vogelscheuche aufgebaut. Sie trägt eine abgewetzte Flecktarn-Jacke, einen Stahlhelm mit Einschusslöchern und hält mit dem rechten Ärmel eine rostige Sense.

Sie schaut nach Osten. Wir parken in dem Hangar bei der Front, sodass die Autos von oben nicht sichtbar sind, und gehen ein paar Schritte über den Schotterweg, zwischen den Büschen hindurch einige Stufen hinauf, betreten einen vielleicht 45 Quadratmeter großen, dunklen Raum. Die Wände sind beige und fleckig, an einigen Stellen blättert der Putz ab. Stromkabel hängen von der Decke, führen von einer nackten Glühbirne zur nächsten. Der Boden ist mit altem Linoleum in Parkett- Look ausgelegt, die Fenster sind mit Holzplatten zugenagelt und mit dunklen Decken abgehängt. Tageslicht fällt nur durch die offene Tür in den Raum. Ungefähr zwei Dutzend Soldaten sitzen in fünf Reihen. Auf der ersten Bank direkt vor der Bühne sitzt nur einer von ihnen, dafür sitzen sie in den letzten zwei Reihen dicht gedrängt auf Munitionskisten, stehen am Ende des Raums bei der Tür.

Wakartschuk zieht seine Weste aus und legt sie auf einen kleinen Tisch hinter sich. Er stellt sich einen Stuhl auf die freie Fläche vor der ersten leeren Bank, schafft sich eine Bühne. Hinter ihm steht ein alter, beigefarbener Küchenschrank mit Waschbecken, darunter eine Kiste Kartoffeln. In einem Regal rechts neben seiner Bühne liegen zehn Stangen Zigaretten, einige Packungen Tee, Nudeln, eine Flasche Öl, Salz und etwas Kochgeschirr. Daneben haben die Soldaten Bilder aufgehängt, die ihnen Kinder geschickt haben: Einen Löwen und einen Tiger haben die Kinder gezeichnet, einen Soldaten, zwei gelb-blaue Herzen gemalt und zwei gelb-blaue Herzen ausgeschnitten. An der Wand hängen aber auch Bilder von Weihnachtsmännern, Schneemännern, Tannenbäumen und Christbaumkugeln. Die Soldaten von Kommandeur Zimbors Brigade verteidigen den Stützpunkt schon seit acht Jahren.

Viele der Soldaten haben müde Gesichter. Augenringe. Einige haben nicht einmal für das Konzert die Schutzweste ausgezogen, haben ihre Kalaschnikow mit dem Kolben auf den Boden gestellt, den Lauf in einer Hand, oder an die Bank neben sich gelehnt, müde, aber bereit, sofort wieder zu kämpfen. Wakartschuk erzählt ihnen von den Orten, an denen er gespielt hat. Orte, die ihre Kamerad*innen verteidigen. Von der Verwüstung in Charkiw. Er erinnert an Unabhängigkeitskriege der Geschichte: USA gegen England, Niederlande gegen Spanien, die Unabhängigkeit Polens … Er erzählt, dass Putin die Ukraine vernichten will, denn „sie hassen Freiheit wie Vampire das Licht“. Er erzählt von der Befreiung der ganzen Ukraine, des Donbass und der Krim. Er erzählt, dass er selbst seit drei Monaten kaum schläft und isst, seine Familie vermisst und die ersten Schritte seines Sohnes verpasst hat. „Frag nicht: Wann wird es vorbei sein. Frag dich: Was habe ich heute für den Sieg getan?“

Während seiner Rede ist eine dumpfe Explosion zu hören, wie ein entfernter Donner. „Alles wird gut werden“, verspricht Wakartschuk und schaut in die Gesichter der Soldaten. Wieder ein Donnern. „Wir stehen auf der richtigen Seite, Gott ist mit uns, der Sieg wird unser sein. Slawa Ukrajini!“ – „Herojam Slawa!“, antworten die Soldaten wie mit einer Stimme. Während Wakartschuk seine Gitarre aus dem Koffer holt, ist eine dritte Explosion zu hören. Einige Soldaten heben leicht die Köpfe, lauschen. Niemand steht auf. Wakartschuk muss die Explosionen ebenfalls gehört haben. Er lässt sich nichts anmerken. Er setzt sich mit seiner Gitarre auf den Stuhl, spielt einen Akkord, legt die Hand wieder auf die Saiten. „Everest“ ist hier sein erster Song. „Ich widme den Song dem Sieg der Ukraine.“ Die ersten Strophen singt er in der Lautstärke eines Wohnzimmerkonzerts, er tappt mit dem Fuß den Takt dazu und wird langsam lauter. Man merkt ihm die Anstrengung an. „Der Tag heute ist nicht so, wie wir ihn erträumt haben/ Die Welt, zwei Schritte vom Frühling entfernt, zwei Schritte vom Winter/ Aber die Ruinen ihrer Mauern erschrecken uns nicht mehr/ Wir müssen den höchsten der Gipfel überwinden.“

Als Wakartschuk ein Volkslied im Dialekt der Karpatenregion anstimmt, das von einer Liebe handelt und von einem blühenden Ahornbaum, den der Wind zu entwurzeln droht – „Liebling, was wird dann mit uns sein?“ –, sind im Hintergrund wieder Explosionen zu hören. Das verändert die Atmosphäre. Da steht nicht mehr der Künstler, der für seine Zuhörer*innen singt – der Raum ist eine Einheit, wie eine Gruppe, die gemeinsam am Lagerfeuer singt. Wakartschuk hat ein paar Zeilen vergessen, eine Frau springt ein. Nach dem Applaus macht der Kommandeur Zimbor Witze über den Karpatendialekt des alten Liedes.

Wakartschuk erzählt, das nächste Lied habe er auf Bitten von Swjatoslaw Palamar geschrieben, einem Kommandanten des Regiments Asow, der wenige Tage zuvor ein letztes kurzes Video von sich im belagerten Stahlwerk von Mariupol aufgenommen hatte. Nach wochenlangem Beschuss hat die russische Armee die Kontrolle über das Werk übernommen, Palamars Schicksal ist ungewiss. „Misto Marii“ heißt der Song,

„Stadt Marias“. „Der Himmel donnert über dem Asowschen Meer/ Der Feind feuert Kanonen/ Abends riecht der Beton nach Krieg/ Denk, was morgen sein wird/ Keine Zeit, keine Vernunft/ Herz und Hand haben sich an das Kämpfen gewöhnt.“

Die Explosionen draußen klingen jetzt anders, ein bisschen verwaschen. „Seltsam, das in so einem Moment zu singen“, sagt Wakartschuk. „Ich beruhige mich so: Es sind unsere, die gerade schießen. Mittlerweile verstehe ich, was passiert, wenn ich die Geräusche höre. Und ich beobachte die Soldaten: Wenn sie ruhig sind, ist alles gut.“ – „Ja, das war ausgehendes Feuer!“, ruft jemand aus dem Publikum. „Eingehendes hätten wir nicht mehr gehört. Und wenn doch, hätten wir keine Angst mehr gehabt.“ Gelächter. „Alles wird gut werden/ Für jeden von uns“, singt Wakartschuk in seinem letzten Song. „Alles wird gut werden/ Unsere Zeit wird kommen.“ Während die Soldaten Selfhes mit Wakartschuk machen, steht Kommandeur Zimbor am Rand und schaut zu. „Zimbor“ heiße im Dialekt der Karpaten „Freund“, erklärt er. Vor dem Krieg war Russisch die gängigste Sprache in Mariupol. Russland hat das als Argument genutzt, die Ukraine zu überfallen. Zimbor spricht mit mir, wie einige hier, in angelerntem Ukrainisch. Er ist 47, „genauso alt wie Slawa“, sagt er.

Er wurde in Baku in Aserbaidschan geboren. „Sowjetische Armeefamilie?“, fragt Maria, die Fotografhn. Zimbor nickt. Er habe die längste Zeit seines Lebens in der Ukraine gelebt, im Gebiet Donezk, in Bila Zerkwa, in Mariupol. „Ich habe mich dafür entschieden, mein Leben mit der Ukraine zu verbinden.“ Er weiß, wie die Chancen der Ukraine stehen.

Er kennt die russische Taktik: Mit massiven Bombardements ukrainische Stellungen schwächen, mit hohen Verlusten versuchen, sie zu erstürmen, dann wieder massiv bombardieren. Ich frage ihn nach Wakartschuks letztem Song. „Wir wissen, dass alles gut wird“, sagt Zimbor. „Einen anderen Ausgang wird es nicht geben. Niemand zweifelt daran. Nicht hier, nicht in Kyjiw. Wir haben gesehen, was in Tschernihiw passiert ist, in Butscha, in Hostomel, in Mariupol, in Marjinka, in Awdijiwka, in Sjewjerodonezk. Wenn wir sie jetzt nicht aufhalten, wird es nur schlimmer.“

Auf dem Rückweg fährt Aljona bei uns im Auto mit, zurück zur Basis, wo sie ihren SUV geparkt hat. Ich frage nach den Explosionen von eben. „Prichody“ sagt sie – „ankommender Beschuss“.