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DER FUND DENES FAST GEGEBEN HATTE


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 21.10.2022

DIE ENTDECKER

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Bildquelle: National Geographic Deutschland, Ausgabe 11/2022

NACH JAHREN ERFOLGLOSER GRABUNGEN BLIEB HOWARD CARTER NUR NOCH WENIG ZEIT UND GELD. DANN STIESS EIN MITGLIED SEINES TRUPPS AUF EINE VERSCHUTTETE TREPPE.

LADY FIONA HERBERT blättert in einem ledergebundenen Gästebuch und weist auf Unterschriften illustrer Besucher hin, die vor einem Jahrhundert in ihrem Heim zu Gast waren. Die achte Gräfin von Carnarvon lebt in Highclere Castle, einem prächtigen Landsitz rund neunzig Kilometer westlich von London, der in den vergangenen Jahren als Drehort der Fernsehserie „Downton Abbey“ bekannt wurde. In ihrem kleinen Büro ist jede Oberfläche bedeckt mit Büchern und Originaldokumenten aus den 1920er-Jahren – Briefen, Tagebüchern und vergilbten Fotos. Das Gästebuch enthält zahlreiche Namen, die in dem Buch vorkommen werden, das Lady Carnarvon gerade über einen Vorfahren ihres Mannes schreibt: George Edward Stanhope Molyneux Herbert, den fünften Earl of ...

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... Carnarvon. Er finanzierte die hartnäckige Suche des britischen Archäologen Howard Carter nach dem verschollenen Grab von König Tutanchamun. Auf Highclere Castle veranstaltete Lord Carnarvon opulente Partys, bei denen sich eine bunte Mischung aus Forschern, Diplomaten,

Prominenten und – für einen englischen Aristokraten etwas überraschend – Führern der ägyptischen Unabhängigkeitsbewegung traf.

Bei den Einträgen des 3. Juli 1920 hält Lady Carnarvon inne und stellt die Gäste vor. Einige haben sich mit arabischen Schriftzeichen eingetragen. „Sehen Sie hier ... Saad Zagloul, Adly Yeghen und andere Väter des modernen Ägypten.“ Zagloul, einen ägyptischen Nationalhelden, hatte man wegen Widerstands gegen die britische Besatzung verhaftet und ins Exil geschickt. Hier auf Highclere verkehrte er mit britischen Spitzenpolitikern.

Auffällig ist, dass Zagloul direkt neben Carter unterschrieben hat, und man fragt sich, ob die beiden sich wohl über das Schicksal der antiken Schätze Ägyptens unterhalten haben. Zagloul lehnte die ausländische Kontrolle über ägyptische Altertümer offen als eine verderbliche Form von Kolonialismus ab – ein Thema, über das er bald mit Carter und seinem blaublütigen Finanzgeber aneinandergeraten sollte.

Lord Carnarvon begann 1903 auf Anraten seines Arztes, die Winter am Nil zu verbringen. Er war seit Geburt von schwacher Gesundheit, und sein Zustand hatte sich nach einem schweren

Autounfall, bei dem er einen Lungenschaden davongetragen hatte, noch verschlechtert. Ägyptens Wüstenluft zu atmen, war seinen Worten zufolge für ihn wie „Champagner trinken“. Es dauerte nicht lange, und Lord Carnarvon war von den Altertümern Ägyptischens ebenso angetan wie von der Luft. 1907 beauftragte er Howard Carter mit der Suche nach Artefakten für seine wachsende Sammlung in Highclere Castle und machte ihn zum Leiter der von ihm finanzierten Ausgrabungen.

Carter war mit 17 Jahren als Zeichner von England nach Ägypten gegangen – ohne formale Ausbildung in der Archäologie, aber mit großem künstlerischen Talent. Er entwickelte ein scharfes Auge für Kunstwerke und wurde 1899 sogar zu einem von zwei Chefinspektoren für Altertümer im ägyptischen Antikendienst ernannt. 1905, nach einem (wie Carter es nannte) „schlimmen Streit“ mit einer Gruppe französischer Touristen forderte sein Vorgesetzter ihn auf, sich zu entschuldigen. Carter weigerte sich und kündigte einige Monate später seine Stelle.

Als er zwei Jahre später Lord Carnarvon vorgestellt wurde, verdiente er sich seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Aquarellen an betuchte Touristen. Die beiden Männer stammten aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, teilten jedoch die Leidenschaft für das Alte Ägypten. Ihre Verbindung führte zu der Entdeckung des Grabes eines jung verstorbenen Königs, den man mit atemberaubenden Schätzen beigesetzt hatte, der dann aber für mehr als 3000 Jahre weitgehend in Vergessenheit geraten war. Der Fund wurde zu einem der größten Triumphe der Archäologie und bot der Welt ein glanzvolles Bild des antiken Lebens am Nil. Den Ägyptern der Neuzeit vermittelte er ein neues Gefühl von Nationalstolz.

WICHTIGE HINWEISE auf die Lage von Tutanchamuns Grab ergaben sich in den Jahren nach 1900 im Tal der Könige. Das weitläufige Gebiet aus felsigen Schluchten liegt am Ufer des Nil in der Nähe der altägyptischen Hauptstadt Theben, nordwestlich vom heutigen Luxor. Im Gegensatz zu früheren Pharaonen, die in weithin sichtbaren Pyramiden beigesetzt wurden, was Plünderern vergleichsweise leichtes Spiel bot, bestattete man die Herrscher aus Theben in Gräbern, die tief in die Felshänge des abgelegenen Tals getrieben wurden. Um 1900 war die thebanische Nekropole die wichtigste archäologische Stätte Ägyptens. Bei den vom amerikanischen Geschäftsmann Theodore Davis finanzierten Ausgrabungen kam es zu bedeutenden Entdeckungen; immer wieder wurden auch Objekte zutage befördert, die den Namen des rätselhaften Tutanchamun trugen.

Carter hatte in seinen Jahren als Chefinspektor ein umfassendes Wissen über das Tal der Könige angehäuft. Doch behe er und Lord Carnarvon dort mit Ausgrabungen beginnen konnten, mussten sie eine Grabungsgenehmigung bekommen, auf der Davis den Daumen hatte.

Archäologen und Schatzjäger hatten seit Jahrzehnten im Tal der Könige gegraben. Viele, darunter auch Davis, gingen nun davon aus, dass die Hochphase der Entdeckungen vorüber sei. „Ich fürchte, dass das Gräbertal jetzt erschöpft ist“, notierte Davis 1912. Als er seine Konzession zurückgab, griff Lord Carnarvon auf Drängen von Carter im Juni 1914 zu.

Noch im selben Monat stürzte die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Europa und den Nahen Osten in den Ersten Weltkrieg. Die Suche nach dem Grab des

Tutanchamun verzögerte sich. Erst im Herbst 1917 war es möglich, die Grabungen wieder aufzunehmen. In den folgenden fünf Jahren bewegten Carter und sein Team ägyptischer Arbeiter beeindruckende 150 000 bis 200 000 Tonnen Geröll. Die Arbeit unter der Wüstensonne war hart und schweißtreibend.

Diese fünf beschwerlichen Jahre brachten wenig zutage, und Carters Mäzen zeigte sich zunehmend enttäuscht. Vielleicht war das Tal tatsächlich abgegrast? Im Juni 1922 beorderte Lord Carnarvon Carter nach Highclere und teilte ihm mit, dass er die Suche aufgeben werde. Carter plädierte für eine weitere, letzte Saison. Widerstrebend stimmte Lord Carnarvon zu. Als Carter am 28. Oktober 1922 wieder in Luxor eintraf, tickte die Uhr. Sieben Tage später nährte ein Zufallsfund seine Hoffnungen – und sollte schon bald sein Leben auf den Kopf stellen.

AM 4. NOVEMBER stolperte ein Mitarbeiter aus Carters Team, dessen Name nicht überliefert ist, über einen bearbeiteten Stein – die oberste Stufe einer verschütteten Treppe, wie sich herausstellte. In seinen Kalender schrieb Carter nur fünf Worte: „Erste Stufen des Grabes gefunden.“

Am folgenden Tag legte das Team zwölf Stufen frei und stieg zu einem Eingang hinab, der überputzt und mit pharaonischen Siegeln versehen worden war. Die Siegel waren nicht lesbar, aber eindeutig unversehrt. Überzeugt, ein intaktes Königsgrab entdeckt zu haben, telegrafierte Carter an Lord Carnarvon in England: „Endlich wunderbare Entdeckung im Tal gemacht; prächtiges Grab mit unbeschädigten Siegeln … Gratuliere!“

Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Reporter eilten ins Tal, um der Öffnung des Grabes beizuwohnen. Am 23. November traf Lord Carnarvon ein, und am 24. November hatten Carter und sein Team den gesamten Zugang freigeräumt und Siegel gefunden, die sich besser entziffern ließen. Mehrere enthielten die lang ersehnte Inschrift „Nebcheperure“ – der Thronname Tutanchamuns. Carter und seine Begleiter waren in Hochstimmung, bis eine weitere Entdeckung die Begeisterung überschattete: Der Eingang wies Spuren gewaltsamen Eindringens auf. Jemand war vor ihnen da gewesen.

Der Eingang wurde freigelegt, doch zum Vorschein kam zunächst nur ein leicht abfallender, mit Geröll gefüllter Gang. Nach zwei weiteren Tagen erreichte man in etwa sieben Meter Tiefe das eigentliche Grab. Eine weitere vermauerte Öffnung trug weitere Siegel mit dem Namen Tutanchamuns. Carter schlug ein kleines Loch in das Mauerwerk, nahm eine Kerze und sah ins Innere. In einem legendären Wortwechsel fragte der ungeduldige Lord Carnarvon: „Können Sie etwas sehen?“, worauf Carter antwortete: „Ja, wunderbare Dinge.“

Die Objekte, die er entdeckte, waren in der Tat wundervoll: goldene Ritualbetten, lebensgroße Wächterfiguren, zerlegte Streitwagen, ein reich verzierter Thron – alles lag durcheinander. Carter schrieb später: „Zuerst konnte ich nichts sehen, da die aus der Kammer entweichende heiße Luft die Kerzenflamme flackern ließ, aber dann, sobald sich meine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, tauchten aus dem Halbdunkel langsam Einzelheiten des Raums auf, seltsame Tiere, Statuen und Gold – überall der Glanz von Gold.“

Das Grab des Tutanchamun bestand aus vier Räumen, die heute als Vorkammer, Nebenkammer, Schatzkammer und Grabkammer bekannt sind. Das Grab war ungewöhnlich klein für einen Pharao, doch die Räume waren vollgepackt mit allem, was der König für das Leben in der Ewigkeit brauchen würde – insgesamt handelte es sich um etwa 5400 Objekte (s. S. 74, „Reich an kostbaren Schätzen“).

Es war der Traum – und zugleich Albtraum – eines jeden Archäologen. Das Sichten, Katalogisieren, Konservieren und Bergen dieser Fülle von Artefakten, von denen viele beschädigt und bruchgefährdet waren, sollte ein Jahrzehnt akribischer Arbeit in Anspruch nehmen und ein interdisziplinäres Team von Fachleuten beschäftigen, unter ihnen Konservatoren, Architekten, Linguisten und Historiker sowie Experten für Botanik, Textilien und weitere Spezialisten. Das Projekt läutete eine neue Ära der wissenschaftlichen Sorgfalt in der Ägyptologie ein.

Carters Freund Arthur „Pecky“ Callender, ein Ingenieur, baute ein Flaschenzugsystem, um schwere Objekte anzuheben, installierte elektrisches Licht und saß, wenn nötig, mit einem geladenen Gewehr am Grabeingang, um Eindringlinge fernzuhalten.

Der Chemiker und Forensiker Alfred Lucas inspizierte das Grab wie einen Tatort und gelangte zu dem Schluss, dass es bereits kurz nach der Bei-- setzung Tutanchamuns zwei Einbrüche gegeben hatte. Die Räuber durchwühlten wohl einige Räume, konnten aber nur kleinere, tragbare Gegenstände fortschaffen. (Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass die Diebe mehr als die Hälfte des königlichen Schmucks mitnahmen.)

Harry Burton galt von 1922 an als der weltweit führende Archäologiefotograf. Er richtete in einem nahe gelegenen Grab eine behelfsmäßige Dunkelkammer ein. Seine eindrucksvollen Bilder trugen dazu bei, dass die Entdeckung und die Ausgrabung zu einem weltumspannenden Ereignis wurden. Die Öffentlichkeit gierte nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs nach Zerstreuung; die moderne Macht der Medien machte den jungen König zu einem Star der Populärkultur.

Bald gab es „King Tut“-Zitronen aus Kalifornien, Tutanchamun-Sammelbildchen und -Keksdosen und sogar ein Brettspiel namens Tutoom, bei dem sich kleine, auf Eseln reitende Archäologen auf Schatzsuche begaben. In rund 50 US-amerikanischen Städten eröffneten Kinos im ägyptischen Stil, ausgeschmückt mit Göttern und Sphingen, Papyrussäulen und Pseudo-Grabmalereien.

Nach seiner Rückkehr nach England wurde Lord Carnarvon von König Georg V. und Königin Mary zu einer Privataudienz in den Buckingham-Palast geladen, so gespannt war das Königspaar auf Neuigkeiten über Tutanchamun. Carnarvon schloss mit der Londoner Times einen Exklusivvertrag ab: Gegen Zahlung von 5000 Pfund Sterling durfte nur diese Zeitung über die Grabungen berichten. Dieser Deal verärgerte ägyptische Journalisten und die internationale Presse, deren Reporter sich jeden noch so kleinen Nachrichtenschnipsel erkämpfen mussten.

Nirgendwo jedoch war die „Tutmania“ so ausgeprägt wie im Heimatland des Pharao. In Scharen strömten Ägypter ins Tal der Könige. Schulkinder führten Theaterstücke zu Ehren des Pharao auf. Spitzenpolitiker und Dichter feierten Tutanchamun als Nationalhelden. „Er erinnerte sie an ihre vergangene Größe“, sagt die Historikerin Christina Riggs, „und daran, was ihre junge Nation, die erst wenige Monate zuvor die Unabhängigkeit von Großbritannien erlangt hatte, in Zukunft noch alles erreichen könnte.“

Die Ägypter betrachteten Tutanchamuns Rückkehr in die Welt als Botschaft aus ihrer glorreichen Vergangenheit. Ahmed Shawqi, Dichter der ägyptischen Unabhängigkeit (1868–1932), adressierte Tutanchamun in seinen Versen als den geistigen Führer des ägyptischen Volkes. „Pharao, die Zeit der Selbstregierung ist gekommen, die Dynastie der hochmütigen Machthaber vorbei“, schrieb Shawqi.

Die Bevölkerung forderte nicht nur die Hoheit über Gesetzgebung und Wirtschaft, sondern auch über ihre Altertümer. Archäologie und Imperialismus waren lange untrennbar verbunden gewesen. Nun verlangte die neue ägyptische Führung, dass sämtliche Schätze Tutanchamuns im Land verbleiben müssten. „Die Entscheidung der neuen ägyptischen Regierung, die Sammlung Tutanchamun in Gänze in Ägypten zu belassen, war eine wichtige Feststellung kultureller Unabhängigkeit“, betont die Ägyptologin Monica Hanna. „Dies war das erste Mal, dass wir Ägypter tatsächlich anfingen, Kontrolle über unsere eigene Kultur zu haben.“

EINE ZWEITE GROSSE ENTDECKUNG folgte im Februar 1923. Carter schlug ein Loch in die Wand von Tutanchamuns Grabkammer, hielt eine Taschenlampe hoch und spähte hindurch. „Ein erstaunlicher Anblick, den ihr Licht offenbarte“, schrieb er später, „eine massive Wand aus purem Gold.“ Die vermeintliche Wand war, wie Carter danach entdeckte, tatsächlich Teil eines großen Kastens, vielmehr Grabschreins, der drei weitere Schreine und einen riesigen Sarkophag aus Quarzit enthielt. Im Inneren des Sarkophags wiederum befanden sich drei ineinander geschachtelte, mumienförmige Särge.

Lord Carnarvon begleitete Carter in die Gruft, um bei der Öffnung der Grabkammer dabei zu sein. Keine zwei Monate später starb der fünfte Earl an einem infizierten Mückenstich, der zu einer Blutvergiftung und Lungenentzündung geführt hatte. Sein plötzliches Ableben gab Anlass für Gerüchte über einen Fluch der Mumie, der jedem, der die Ruhestätte des Pharao störte, Tod oder Unglück bringen sollte.

DIE FUNDSTÜCKE AUS DEM GRAB LASSEN WIDERSPRÜCHLICHE SCHLÜSSE ÜBER DAS LEBEN DES PHARAO ZU. EINIGE EXPERTEN VERMUTEN, DASS ER KÖRPERLICH AKTIV WAR, ANDERE SEHEN EINEN INVALIDEN MIT GEHSTOCK.

Unbeirrt setzte Carter die Grabungen fort, nunmehr mit Unterstützung von Lord Carnarvons Witwe, Countess Almina Carnarvon. Als sich jedoch die ägyptischen Behörden immer mehr in die Grabungen einmischten, stellte Carter aus Protest die Arbeit ein – was wiederum die Ägypter bewog, ihm den Zutritt zum Grab zu verwehren. Fast ein Jahr sollte es dauern, bis er wieder Zugang erhielt, und dies auch erst, nachdem er und seine Unterstützerin alle Ansprüche auf die Grabbeigaben aufgegeben hatten.

Als die Arbeiten 1925 wieder aufgenommen wurden, konzentrierte Carter sich ganz auf den Abbau der ineinander geschachtelten Särge: Der innerste Sarg bestand aus massivem Gold und wog fast 110 Kilogramm. Im Inneren lagen Tutanchamuns mumifizierte Überreste mitsamt der atemberaubenden Maske aus Gold, die Kopf und Schultern bedeckte – und die bald zum Symbol der stolzen Vergangenheit Ägyptens werden sollte. Der Mensch unter der Maske indes gibt bis heute seine Geheimnisse nur sehr zögerlich preis.

Im Laufe der vergangenen 100 Jahre brachten zahlreiche Autopsien, Röntgen- und Computertomografie-Aufnahmen sowie DNA-Tests Folgendes ans Licht: Tutanchamuns Vater – höchstwahrscheinlich König Echnaton – und seine Mutter (deren Identität nach wie vor umstritten ist) waren Geschwister, was ihre Kinder anfällig für Gendefekte machte. Geschwisterehen waren in der Herrscherschicht des Alten Ägypten dennoch durchaus üblich.

In Tutanchamuns Fall könnte ein angeborener Klumpfuß die Folge des königlichen Inzests gewesen sein. Sein Geburtsname lautete nicht Tutanchamun, sondern Tutanchaton, „Lebendes Abbild des Aton“. Sein Vater – oft als „Ketzerpharao“ bezeichnet – hatte mit dem traditionellen ägyptischen Götterpantheon mit Amun an der Spitze gebrochen und verehrte eine einzige Gottheit namens Aton: die Sonnenscheibe. Echnaton, der „Diener des Aton“, ließ Kultstätten schließen, bemächtigte sich des Reichtums der Priester und erhob sich selbst in den Rang eines lebenden Gottes. Nach dem Tod seines radikalen Vaters bestieg Tutanchaton im Alter von acht oder neun Jahren den Thron. Später kehrte er zur alten Religion zurück – zweifellos unter dem Einfluss von Beratern und Priestern, die ihre frühere Machtstellung wiedererlangen wollten.

Aus Tutanchaton wurde Tutanchamun, „Lebendes Abbild des Amun“, und er heiratete eine Tochter von Echnaton und Königin Nofretete namens Anchesenamun, vermutlich seine Halbschwester. Bei den beiden mumifizierten Föten im Grab dürfte es sich um totgeborene Töchter Tutanchamuns handeln.

Die gefundenen Objekte lassen widersprüchliche Schlussfolgerungen zu. Angesichts der zahlreichen Wurfstöcke und Streitwagen beharren einige Wissenschaftler darauf, der Pharao habe ein körperlich aktives Leben mit Jagen und Kämpfen geführt. Andere stellen sich ihn als Mensch mit Behinderung vor und verweisen auf seinen Klumpfuß und die vielen Gehstöcke im Grab.

Mögliche Todesursache könnten ein Streitwagenunfall, der Angriff eines Nilpferds, Malaria oder gar Mord sein. Klar ist: Der Tod des jungen Herrschers kam unerwartet. Die Verantwortlichen mussten sehr schnell auf das enge, noch nicht fertiggestellte Grab eines hohen Beamten zugreifen und eine Menge Grabbeigaben beschaffen, von denen einige wohl für andere Persönlichkeiten angefertigt worden waren.

Echnatons Nachfolger versuchten, alle Spuren des Ketzerkönigs und seiner Nachkommen zu tilgen, einschließlich Tutanchamuns Geburtsnamen Tutanchaton. Dadurch glich die Suche nach dem jungen König nicht nur für Carter immer ein wenig der Jagd nach einem Geist. „Das Geheimnis seines Lebens entzieht sich uns noch immer“, notierte Carter. „Die Schatten bewegen sich, aber die Dunkelheit hebt sich nie wirklich.“